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Herzen
Ist Herzen (Cœurs) die radikalformalistische Wendung der Daily
Soap? In jedem Fall führt Alain Resnais sein außergewöhnliches
Spätwerk mit einem weiteren faszinierenden Film fort.
Die erste Einstellung nach dem Vorspann evoziert
unvermeidlich Hitchcocks Psycho (1960). Die Kamera nähert sich mittels einer
flüssigen Fahrt von schräg oben dem Fenster eines Hauses. Ein Schnitt
befördert uns in das Innere der Wohnung. Wie in Psycho befinden sich im Raum ein Mann und eine Frau. Hier
enden die Parallelen zu Hitchcock. Allerdings nur die offensichtlichen.
Der Mann heißt Thierry (André Dussollier),
arbeitet als Immobilienmakler, lebt mit seiner Schwester zusammen und pflegt
eine heimliche Leidenschaft für eine streng gläubige Kollegin. Die
Frau heißt Nicole (Laura Morante) und sucht eine Wohnung für sich
und ihren Verlobten, der, seit er aus der Armee entlassen wurde, seine Zeit
vor allem in Bars verbringt. Langsam aber sicher überkreuzen sich die Geschichten,
die sich um die einzelnen Figuren anordnen und die ganze Zeit fällt Schnee.
Manchmal auch innerhalb der Häuser.
Alain Resnais ist einer der konsequentesten Antirealisten
des gegenwärtigen Weltkinos. Herzen mag auf den ersten Blick nicht ganz so artifiziell
wirken wie seine letzten beiden Filme Pas
sur la bouche (2002) und Das Leben ist ein Chanson
(On connaît la chanson, 1997) mit ihren Musicalsequenzen und offen ausgestellter
Theatralität. Doch im Kern ist auch sein neues Werk ein Manifest gegen
den Realitätseffekt. In der Tat ist Resnais’ Antirealismus derart konsequent,
dass er auf klassische Techniken der Distanzierung, die eine Naturalisierung
der Figuren und Handlungen verhindern sollen, verzichten kann oder sogar muss.
Schließlich verweist jede Distanzierung stets auf das, wovon sie distanzieren
will. „Unnatürliches“, emotionsloses Sprechen beispielsweise hat stets
die Funktion, auf die nicht ausgedrückten Gefühle aufmerksam zu machen.
In Herzen jedoch ist die Figurenpsychologie überhaupt
keine Kategorie mehr, von der es sich abzuheben gilt, da die entscheidenden
Motive des Films nicht auf der manifesten Handlungsebene zu suchen sind. Sondern
zum Beispiel in der Innenarchitektur. Nach der ersten Einstellung verlässt
der Film die Außenwelt und kehrt fortan nicht mehr in die Straßen
von Paris zurück, sondern verwandelt sich in ein Kammerspiel, inszeniert
in einer kleinen Anzahl wiederkehrender Innenräume. Diese sind noch dazu
fast immer gleich aufgebaut. Meist werden die Zimmer von einer halbtransparenten
Zwischenwand oder einer durchsichtigen Gardine unterteilt. Sehr oft befinden
sich genau zwei Personen in einem Raum und selbstverständlich positioniert
Resnais die Trennwand mit Vorliebe exakt zwischen ihnen.
Resnais hat seine Nische in der gegenwärtigen
Kinolandschaft gefunden. Bereits Ende der siebziger Jahre begann der Franzose,
bekannt geworden im Umfeld der Nouvelle Vague, seine Filme grundlegend neu zu
justieren und kultiviert seitdem einen eigenartigen, weil fast unsichtbaren,
Radikalformalismus. Abzulesen ist dies unter anderem an der Wahl der Vorlagen:
Der Regisseur verfilmt nicht mehr Drehbücher modernistischer Autoren wie
Marguerite Duras (Hiroshima
mon amour, 1959) oder Alain Robbe-Grillet
(Letztes
Jahr in Marienbad, L’Année dernière à Marienbad, 1961), sondern wendet sich Stoffen aus den Traditionen
des Boulevardtheaters oder der Unterhaltungsliteratur zu. Herzen ist nach Smoking/No
Smoking (1993) bereits seine zweite
Adaption eines Theaterwerks des Briten Alan Ayckbourns.
Private Fears in Public Places, so der Originaltitel der ayckbournschen Vorlage,
erweist sich als ideales Vehikel für Resnais’ formalistische Kinovision.
Nach und nach werden die unterschiedlichsten Formen von Zweierbeziehungen abgearbeitet
und so nebeneinander arrangiert, dass am Ende alle Handlungsfäden zu einem
konsequenten Ende finden. Herzen kann guten Gewissens als Boulevardkomödie konsumiert
werden. Ein Moment der Irritation bleibt jedoch immer bestehen. Nicht, weil
Resnais die Struktur der Vorlage aufbricht, sondern weil er sie ganz im Gegenteil
auf das Wesentliche reduziert. Das auf binären Oppositionen basierende
Beziehungsgeflecht spiegelt sich in der ebenfalls binär strukturierten
Innenarchitektur und umgekehrt.
Hitchcock prägte den Begriff des „MacGuffins“.
So bezeichnete der Regisseur die Objekte, die die Handlung seiner Filme in Gang
bringen, für sich jedoch ohne jede Bedeutung sind. Typische MacGuffins
sind beispielsweise Geheimformeln (Der
zerrissene Vorhang, Torn Curtain,
1966) oder nicht genauer definierte Mikrofilme (Der
unsichtbare Dritte, North by Northwest,
1959). Hitchcock stellte die Belanglosigkeit der konkreten Bedeutung des MacGuffins
gerne zusätzlich aus, indem er ihm eine besonders abstruse Form gab, wie
beispielsweise die eines Kinderliedes in Eine
Dame verschwindet (The Lady Vanishes,
1938). Alain Resnais allerdings geht in seinem Spätwerk noch einen entscheidenden
Schritt weiter: Seine neueren Filme, und Herzen vielleicht in besonderem Maße, scheinen die
gesamte Handlung mitsamt aller Figuren in einen einzigen MacGuffin zu verwandeln.
Die banalen, immer leicht überzeichneten Charaktere
– allen voran Thierry – und ihre Probleme wären auch in einer Daily Soap
gut aufgehoben. In Resnais´ Werk interessiert dieses Erzählmaterial
allerdings lediglich aufgrund seiner in mancher Hinsicht fast geometrischen
Struktur, die es ermöglicht, dieselbe mit anderen filmischen Parametern,
auf der Ebene der Ausstattung genauso wie auf der der Montage, in Beziehung
zu setzen. Was nicht heißen soll, dass der Regisseur seine Figuren abschätzig
behandelt. Im Gegenteil, diese scheinen sich in der resnaisschen Versuchsanordnung
pudelwohl zu fühlen. Genau wie – nebenbei bemerkt – der Zuschauer.
Lukas Foerster
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: www.critic.de
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Herzen
Frankreich 2006 - Originaltitel: Cœurs - Regie: Alain Resnais - Darsteller: Sabine Azéma, Isabelle Carré, Laura Morante, Pierre Arditi, André Dussollier, Lambert Wilson, Claude Rich, Françoise Gillard, Anne Kessler, Roger Mollien - Länge: 120 min. - Start: 29.3.2007
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