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Die
Höllenfahrt der Poseidon
Erdrückende
Enge ...
Die 70er Jahre waren auch ein
Jahrzehnt der Katastrophenfilme. Ob Flugzeugabstürze, brennende Hochhäuser
oder kenternde Ozeanschiffe - jeder dieser klaustrophobischen Schrecken wurde
vermarktet. Einer der wirklich ansehnlichen und guten Filme dieser Art war sicherlich
"Die Höllenfahrt der Poseidon" nach einem Roman von Paul Gallico.
Das hat seinen Grund zum Einen in einem zwar minimalistischen, aber doch überzeugenden
Skript, zum Anderen in der Charakterdarstellung fast durchweg überzeugender
Schauspieler. Vor allem die Altstars Shelley Winters, Ernest Borgnine, Red Buttons
und Jack Albertson sowie Gene Hackman tragen dazu bei, dass "The Poseidon
Adventure" zu einem insgesamt spannenden Erlebnis wurde - und wird.
Die "Poseidon" ist unterwegs
von New York nach Athen. Schon bald kommt es zu Konflikten mit dem auf Sicherheit
bedachten Kapitän Harrison (Leslie Nielsen in einer Nebenrolle) und dem
Vertreter der Reederei Linarcos (Fred Sadoff), der mehr an die Fracht als an
die Passagiere denkt und Harrison unter Androhung, ihn des Kommandos zu entheben,
zwingt, "volle Kraft voraus" anzuordnen.
Unterdessen lernen wir einige
Passagiere kennen: den von seiner Kirche strafversetzten, sehr eigensinnigen
Reverend Scott (Gene Hackman), den Polizisten Rogo (Ernest Borgnine), der mit
seiner wesentlich jüngeren Frau Linda (Stella Stevens) unterwegs ist. Auch
zwischen ihnen herrscht Streit, denn Linda will nicht unter die Menschen an
Deck, weil sie befürchtet, irgendein ehemaliger Freier könnte sie
erkennen. Rogo hatte seine Frau aus der Prostitution herausgeholt und liebt
sie über alles. Wir treffen auf das Ehepaar Rosen (Shelley Winters, Jack
Albertson), die ihren Enkel besuchen wollen, zwei sympathische ältere Menschen,
die ein glückliches Leben führen. Dann sind da noch die junge Susan
Shelby (Pamela Sue Martin) und ihr kleiner, aufsässiger Bruder Robin (Eric
Shea), der gealterter Junggeselle James Martin (Red Buttons) und die junge Sängerin
Nonnie Parry (Carol Lynley), die mit ihrem Bruder für Musik auf der "Poseidon"
sorgt. Dafür dürfen die beiden umsonst mitfahren.
In der Nähe von Kreta bekommt
Kapitän Harrison die Meldung herein über ein unterirdisches Erdbeben.
Es ist Sylvester, und die Passagiere feiern und lachen, trinken und singen.
Kurz darauf müssen Harrison und seine Besatzung feststellen, dass eine
riesige Flutwelle auf die "Poseidon" zu rast. Ein Ausweichen ist nicht
mehr möglich. Das Schiff kommt zuerst in Seitenlage, bevor es sich um 180
Grad dreht. Menschen fallen in die Tiefe, stürzen zu Tode. Der größte
Teil der Besatzung, einschließlich des Kapitäns, ertrinkt. In einem
Zwischendeck überleben zunächst vielleicht zwei Dutzend Menschen,
unter ihnen die oben genannten. Scott sieht nur eine Möglichkeit, dem Tod
zu entkommen: Man muss versuchen, den Maschinenraum "ganz unten" im
Schiff, jetzt ganz oben, zu erreichen. Und der kleine Robin weiß vom Kapitän,
dass dort der Stahl der Schiffswand "nur" 2,5 cm dick ist. Eine Chance?
Viele bezweifeln es, wollen lieber dem Zahlmeister glauben, der im unteren Deck
bleiben will. Doch dann machen sich Scott und neun weitere Passagiere auf. Sie
stellen den umgekippten Weihnachtsbaum an die Schiffswand und klettern ins Ungewisse.
Alle anderen bleiben ...
Neame zeigt nun die Spannungen,
Konflikte und Ängste der zehn Menschen, die nicht im unteren Teil des Schiffes
bleiben wollen. Er zeigt einen entschlossenen Frank Scott, der alles andere,
nur nicht von seinem Ziel abweichen will, den Maschinenraum zu erreichen, der
möglicherweise noch länger über Wasser bleiben wird. Sie zeigen
Mike Rogo, dem der Befehlston und die Entschlossenheit Scotts überhaupt
nicht passen, der ihm immer wieder Kontra gibt, aber dennoch einsehen muss,
dass Scott das einzig Richtige tut. Er zeigt eine äußerst ängstliche
Sängerin, Nonnie, die ihren Bruder nach der Flutwelle verloren hat, und
der nun von dem zuvorkommenden James Martin immer wieder Mut gemacht wird. Er
zeigt das Paar Rosen, die unbedingt ihren Enkel einmal sehen wollen, eine verzweifelte
Mrs. Rosen, die glaubt, weil sie zu dick sei, könne sie es nicht schaffen,
dann aber doch beweist, dass auch sie ihren Beitrag in der kleinen Gruppe zum
Fortkommen leisten kann. Er zeigt eine Linda Rogo, die sich auf die Seite von
Scott stellt und ihren Mann antreibt, auf Scott zu hören usw.
"The Poseidon Adventure"
ist eine Art Urform jenes - man kann schon sagen - typischen amerikanischen
Katastrophenfilms, in dem zwar durchaus ganz unterschiedliche Charaktere mit
differierenden Absichten und Meinungen agieren, die aber eben dennoch letztlich
an einem Strang ziehen. In gewisser Weise rekonstruiert der Film die Idee jener
amerikanischen Gemeinschaft, die aus lauter Individualisten besteht (man vergleiche
die Predigt Scotts im Film vor dem Schiffsunglück), die aber - wenn Not
am Mann und an der Frau ist - so fest zusammenstehen, dass alle Individualismen
zurückzustehen haben. In der klaustrophobischen Situation zählt nur,
wie viele Überlebende durch gemeinsame Anstrengung gerettet werden können.
Da bleiben heroische Opfer nicht aus.
Doch es wäre verfehlt, diese
spezielle Kombination aus extremem Individualismus und Solidarität in der
Not, der im amerikanischen Film eine lange Tradition (bis hinein in den Western)
hat, als reine Demagogie oder Ideologie abzustempeln. Der Film zeigt nämlich,
dass diese Konstruktion durchaus praktische Relevanz, ja eine sehr soldarische
Seite hat oder zumindest haben kann. Das "Vorwärts", für
das Reverend Scott trotz aller Opfer auf dem Weg zum Maschinenraum steht, ist
eine Mischung aus unerschütterlichem (auch religiösem) Glauben, ganz
praktischem Heldenmut und vordergründiger Härte. Scott beschwört
nach jedem Opfer auf dem Weg nach oben, man dürfe jetzt nicht aufgeben.
Ihm gegenüber steht Rogo, glänzend gespielt von Ernest Borgnine, der
vor allem seine geliebte Frau retten will und als Polizist nur schwer verkraften
kann, dass ihm einer sagen will, was er zu tun habe. Zu den beiden gesellen
sich Menschen, die teilweise "blind" Scott vertrauen, weil sie selbst
nicht genug Kraft hätten, die Führung der Gruppe zu übernehmen,
und anderen, die genau wissen, dass Scott recht hat und daher nicht in die andere
Richtung marschieren will.
So kommt es zu einer diffusen,
aber durchaus der Mentalität vieler Amerikaner entsprechenden Mischung
aus dem Leitsatz Scotts "Nur die, die stark sind, werden überleben",
aus einem religiösen Sendungsbewusstsein und aus einem Solidaritätsgefühl.
Diese Mischung ist im Film kaum kritisch, weil Scott selbst durch sein Tun beweist,
dass er alles andere als ein Egoist ist. Die vermittelte Idee (man mag auch
sagen Ideologie) allerdings ist kritisch, weil in der Realität die Dinge
doch oft anders aussehen.
Neame allerdings lässt in
die Geschichte - bei allem Ernst der Situation - auch durchaus eine Portion
Humor einfließen - etwa wenn Belle Rosen eine Treppe hinaufgezogen werden
soll und der kleine Robin sich zu dem Satz versteigt, den er später gegenüber
ihr bedauert: "Keine Angst, Mrs. Rosen, ich habe mit meinem Vater mal einen
sechs Zentner schweren Schwertfisch an Land gehievt." Und es ist gerade
Shelley Winters in der Rolle der Mrs. Rosen, die ebenfalls für ein paar
komische Einlagen sorgt.
"The Poseidon Adventure"
ist spannend bis zum Schluss. Und das hat seinen Grund auch und vor allem darin,
dass Neame auf spektakuläre special effects völlig verzichtet. Lediglich
das steigende Wasser ist Auslöser für eine immer gefährlicher
werdende Situation. Der Film lebt von den Charakteren, ihren Ängsten, ihrer
Hoffnung, ihrem Zusammenhalt und ihren Konflikten. Genau das aber fehlte dem
Remake des Films "Poseidon" (2006) von Wolfgang Petersen. Im Vergleich dieser beiden
Filme wird auch deutlich, wie schön und spannend und nachhaltig wirkend
so mancher Film ohne diversen technischen Aufwand, aber mit guten Dialogen und
sehr guten Schauspielern, sein kann. Gerade in diesem Punkt hat sich die Filmlandschaft
Hollywood eher vom Besseren zum Schlechteren gewendet.
DVD
Format: Dolby, HiFi Sound, PAL
Sprache:
Deutsch (Mono), Spanisch (Mono), Englisch (Mono)
Untertitel:
Deutsch, Englisch, Spanisch
Region:
Region 2
Bildseitenformat: 16:9
Studio: 20th Century Fox Home Entertainment
DVD-Erscheinungstermin:
22. November 2001
Neben
einer im Juni 2006 erschienen Special Edition mit umfangreichem Bonusmaterial
(die mir nicht vorlag) erschien 2001 der Film fast ohne Bonusmaterial (lediglich
ein etwa neun Minuten langes Making Of, das aber eher langweilt) auf DVD (bei
jpc derzeit für € 9,99). Gerade bei diesem Film ist die Bildqualität
besonders wichtig, weil sich das Geschehen zumeist in schwach beleuchteten Räumen
abspielt. Die DVD enttäuscht in dieser Hinsicht nicht.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist zuerst erschienen
in:
Die
Höllenfahrt der Poseidon
auch:
Poseidon Inferno
(The
Poseidon Adventure)
USA
1972, 117 Minuten
Regie:
Ronald Neame
Drehbuch:
Wendell Mayes, Stirling Silliphant, nach dem Roman von Paul Gallico
Musik:
John Williams
Kamera:
Harold E. Stine
Schnitt:
Harold F. Kress
Ausstattung:
William J. Creber
Darsteller:
Gene Hackman (Reverend Frank Scott), Ernest Borgnine (Det. Lt. Mike Rogo), Red
Buttons (James Martin), Carol Lynley (Nonnie Parry), Roddy McDowall (Acres),
Stella Stevens (Linda Rogo), Shelley Winters (Belle Rosen), Jack Albertson (Manny
Rosen), Pamela Sue Martin (Susan Shelby), Arthur O'Connell (Kaplan John), Eric
Shea (Robin Shelby), Fred Sadoff (Mr. Linarcos), Leslie Nielsen (Kapitän
Harrison)
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