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Hulk
Comic-Verfilmungen
haben es nicht leicht. Und doch hatten Bryan Singer mit „X-Men
2“
(2003) und Sam Raimi mit „Spiderman“
(2002) schon Inszenierungen vorgelegt, die man dem „Genre“ Popcornkino kaum
noch subsumieren konnte. Auch Ang Lee („Sinn und Sinnlichkeit“, 1995; „Tiger
& Dragon“,
2001) hält sich zum Glück an die Devise: Charaktere und Geschichte
sollen im Mittelpunkt stehen. Die visuellen Effekte sind beeindruckend, aber
sie stehen nie für sich selbst. Schon der Beginn des Films macht dies deutlich,
als man auf eine Fahrt durch farbenfroh gestaltete Zellstrukturen, Blutbahnen
usw. geschickt wird. Ang Lee setzt zwar dem Comic ähnliche Bilder in Szene,
etwa wenn er Split-Screen-Techniken einsetzt oder Figuren von einem zum anderen
Teilbild springen lässt. Aber er versucht erst gar nicht, im Film Comic
zu kopieren. Der Einsatz visueller Techniken ist auf die jeweilige Atmosphäre
abgestimmt, so, wenn er Betty in einem Café auf einem Militärgelände
zeigt, als ihr Vater sie allein lässt und sie Angst bekommt.
•
I N H A L T •
Bruce
Krensler (Eric Bana) ist, ohne sich dessen zunächst vollauf bewusst zu
sein, in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Er ist Wissenschaftler
und arbeitet mit seiner Kollegin und ehemaligen Geliebten Betty Ross (Jennifer
Connelly) am Berkeley Nuclear Biotechnical Institute. Beide experimentieren
mit Gammastrahlen. In Rückblenden erfährt man von Bruce Vater, David
Banner, der Mitte der 60er Jahre Experimente zur Veränderung des genetischen
Codes durchführte. Damals war es Bettys Vater (inzwischen General) Ross
(Sam Elliott), der David die Experimente untersagte und ihn feuerte. Bei einem
Selbstversuch allerdings veränderte sich in Davids Erbmasse selbst etwas.
Und seinem Sohn Bruce vererbte er diese Veränderung. Ein tragisches Ereignis,
das der Entlassung Davids folgte, wird zum Trauma von Bruce, dem man als kleinem
Jungen erzählt hatte, seine Eltern seien tot, und der dann bei einer Mrs.
Krensler (Celia Weston) aufgewachsen war.
Für
die Gammastrahlenforschung von Bruce und Betty interessiert sich auch ein Vertreter
der Waffenindustrie namens Talbot (Josh Lucas), der mit allen Mitteln die Forschungsergebnisse
in schnelles Geld verwandeln will. Bei einem Unfall im Labor wird Bruce von
einer hohen Dosis der Strahlung getroffen, als er einen Kollegen schützen
will. Wider alle Erwartungen überlebt er nicht nur, sondern ist kerngesund.
Die Strahlung hat andere Folgen. Im Zusammenspiel mit den genetischen Veränderungen
wird aus Bruce Hulk, ein übergroßes, grünes Etwas mit ungeahnten
Kräften, ein Lebewesen, das praktisch unzerstörbar ist. Immer wenn
Bruce in Wut gerät, verwandelt er sich in Hulk.
Inzwischen
ist David wieder aufgetaucht, der jahrelang vom Militär kalt gestellt worden
war, und will offenbar dort seine Arbeit fortsetzen, wo er aufhören musste.
Aus Rachegefühlen an denen, die ihm seine Forschung verboten hatten, will
er hinter das Geheimnis kommen und mittels enormer körperlicher Kraft Macht
erlangen. Er erzählt Bruce, dass er sein Vater ist.
Bruce
steht plötzlich zwischen allen Fronten. Seine Ex-Freundin Betty hatte ihn
verlassen, weil er seine Gefühle nicht zeigen konnte, seine Vergangenheit
macht ihm zu schaffen, weil er nicht weiß bzw. verdrängt hat, was
in seiner Kindheit passiert ist, General Ross will ihn vernichten, weil er in
Bruce eine ständige Gefahr für die Sicherheit sieht, Talbot will Bruce,
weil er hofft, durch ihn ein Mittel zu finden, um Soldaten, die in Kampfhandlungen
verletzt werden, wieder zu heilen – ein Riesengeschäft – und Bruce Vater
ist größenwahnsinnig geworden. Es beginnt ein Kampf um Leben und
Tod, aber auch um die Wahrheit ...
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I N S Z E N I E R U N G •
Im
Zentrum von „Hulk“ steht nicht der grüne Riese. Im Zentrum stehen die Konflikte
zwischen Bruce und seinem Vater und Betty und ihrem Vater, belastende Momente
aus der Kindheit. Ross ist kein gefühlloser Militärhaudegen, aber
er will gegen den Willen seiner Tochter, die Bruce immer noch liebt, streng
nach militärischer Sicherheitsdoktrin Hulk vernichten. Ross will Kontrolle.
Ihm ist letztlich gleichgültig, dass Hulk das späte Produkt einer
Forschung ist, die keine Grenzen und keine Ethik kennt. Auch wenn Ross dafür
gesorgt hat, dass David Banner nicht weiter experimentieren konnte, ist es doch
der militärisch-industrielle Komplex, der solche Forschung erst möglich
machte.
In
dieser Hinsicht ist Ang Lees Interpretation der Geschichte auch eine deutliche
Kritik an einer egoistischen und die eigenen Kinder ihrem Schicksal überlassenen
Elterngeneration. Das macht der Film nicht nur an vielen Stellen deutlich; dieser
Konflikt steht im Mittelpunkt der Geschichte. Die Wut über die Geheimnisse
und Traumata der Vergangenheit bekommt in der Figur des Hulk sozusagen eine
äußere, mächtige Gestalt. Hulk wird im Film zum Zeichen der
Rebellion, der Einforderung von Wahrheit, aber auch Liebe. Wenn der übergroße
Hulk Talbot die Knochen bricht oder die genetisch veränderten Hunde Davids,
die der auf Betty angesetzt hat, bekämpft, ist dies immer Zeichen von Widerstand
gegen Lüge, Gefühllosigkeit und Skrupellosigkeit. Hulk wird zunehmend
einsamer, weil niemand außer Betty hinter ihm steht. Und Betty ist angesichts
der militärischen Macht ihres Vaters ohnmächtig. Auch die Jagd auf
den grünen Riesen ist Ausdruck dieses Verlusts an Zusammenhang. Ross sieht
in Hulk nur die Gefahr, nicht, wie sie entstanden ist. (Ein sogar wahrhaftig
aktueller Kommentar zu so einigem, was in den USA die letzten Jahre passierte.)
Hulk selbst beschränkt sich darauf, sich zu verteidigen – gegen die Militärschläge
und gegen die, die ihn profitabel verwerten wollen. Hulk ist zum Schluss der
Mitgefühl weckende Einsame auf der Flucht.
Diese
Flucht über Canyons und die Golden Gate Bridge wirkt – trotz allen Einsatzes
technischer Effekte – nie als Selbstzweck, sondern ist Ausdruck der geschilderten
Tragik. Erstaunlich ist auch, dass die auf einem Comic basierende Geschichte
über eine Länge von mehr als zwei Stunden im wesentlichen von vier
Personen getragen wird, Bruce, Betty, Ross und David, die alle hervorragend
besetzt sind.
Vieles
an „Hulk“ erinnert an Filme wie „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ oder „Frankenstein“,
vor allem aber an den Klassiker „King
Kong“,
etwa wenn Hulk Betty sanft hochnimmt und in ihr Auto setzt, oder wenn er mit
den Hunden kämpft.
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F A Z I T •
Neben
„Spiderman“
und „X-Men
2“
ist Ang Lee ein visuell und dramatisch anspruchsvoller Film gelungen, der sich
sehen lassen kann. Auch wenn Hulk mitunter etwas „holprig“ in seinen Bewegungen
erscheint, überzeugt die CGI-animierte Figur insgesamt doch.
Ulrich
Behrens
(06.07.2003)
Dieser Text ist zuerst, unter dem Usernamen POSDOLE, erschienen bei:
ciao.de
Zu diesem Film gibt's im archiv der filmzentrale mehrere Kritiken.
Hulk
(Hulk)
USA
2003,137 Minuten
Regie:
Ang Lee
Drehbuch:
James Schamus, John Turman, Michael France, nach den Marvel-Comic-Figuren von
Stan Lee und Jack Kirby
Musik:
Danny Elfman
Kamera:
Frederick Elmes
Schnitt:
Tim Squyres
Ausstattung: Rick Heinrichs, John Dexter, Greg Papalia, Cheryl Carasik
Darsteller:
Eric Bana (Bruce Banner / Krensler), Jennifer Connelly (Betty Ross), Sam Elliott
(General Ross), Josh Lucas (Talbot), Nick Nolte (David Banner), Kevin O. Rankin
(Harper), Cara Buono (Edith Banner), Paul Kersey (Bruce als Kind), Mike Erwin
(Bruce als Teenager), Celia Weston (Mrs. Krensler)
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