zur startseite
zum archiv
Hundstage
(1975)
"Dog Day Afternoon"
ist u.a. der Beweis dafür, dass das Groteske, das Makabre, das Schicksalhafte
und das Zufällige keine Erfindung des Theaters oder des Kinos sind. Sidney
Lumets Film aus dem Jahr 1975, der auf einer wahren Begebenheit 1972 in Brooklyn
beruht, zeigt uns, dass alle Elemente der Kunst keine Erfindung aus sich heraus
sind, sondern nur und ausschließlich der Realität entstammen - auf
eine tragische und eine komische Weise.
"Hundstage" - nicht
zu verwechseln mit dem gleichnamigen Film des österreichischen Regisseurs
Ulrich Seidl - beginnt wie ein Thriller. Drei Männer treffen sich vor einer
kleinen Bank. Sie wollen sie ausrauben. Sie gehen hinein, einer von ihnen, Sal
(John Cazale), begibt sich zu Filialleiter Mulvaney (Sully Boyar), der andere,
Stevie (Gary Springer), postiert sich unauffällig am Eingang und der dritte,
Sonny (Al Pacino), hält sich in der Nähe der Kassen auf.
Doch schon bald wird deutlich,
dass wir es hier nicht mit Profis zu tun haben. Als Sonny aus einem länglichen
Karton in aller Eile eine Waffe auspacken will, stellt er sich dabei so ungeschickt
an, dass einem ein erstes Schmunzeln entfährt. Sechs oder sieben Kassiererinnen,
einen Portier namens Howard (John Marriott) und den Filialleiter haben die drei
ab nun in ihrer Gewalt. Allerdings befindet sich zum Entsetzen von Sonny nur
noch ein minimaler Geldbetrag in der Bank, denn das meiste Geld ist bereits
am Morgen abgeholt worden. Gerade mal 1.100 Dollar befinden sich im Safe und
nur noch wenig mehr Geld in den Kassen. Und Stevie, der das ganze nervlich nicht
durchsteht, zieht sich aus dem Coup zurück und geht nach Hause. Sal und
Sonny sind allein.
Das ist jedoch nicht das Schlimmste.
Am Telefon meldet sich nach nicht einmal einer Viertelstunde Sergeant Moretti
(Charles Durning) - und wenig danach ist das gesamte Gebäude von der Polizei
umstellt. Hubschrauber umkreisen den Block, die ersten Fernsehkameras tauchen
auf. Schaulustige sammeln sich hinter den Polizeiabsperrungen. In einem Hubschrauber
sitzt ein Kameramann eines TV-Senders.
Sonny muss überlegen. Sal,
äußerlich ruhig und gelassen, aber dreimal so nervös wie Sonny,
sitzt zumeist ruhig in einer Ecke, bewacht die Geiseln und vertraut auf das,
was Sonny sich einfallen lässt. Die Geiseln haben Angst. Howard hat Asthma
und bekommt einen Anfall. Und Sonny lässt ihn - als Beweis für seine
Kooperationsbereitschaft mit Moretti - frei. Die Menge hinter den Polizeiabsperrungen
tobt, dann ist man wieder ruhig, dann scheint es so, als stünden viele
Leute auf Seiten der Bankräuber. Sonny, der sich auf Bitten Morettis vor
die Bank begibt, schreit ihnen zu "Attica!" Dort hatten Polizisten
bei einem Überfall nicht nur Schuldige, sondern auch Unschuldige erschossen.
In der Bank bekommt eine der Angestellten
einen Anruf ihres Mannes, der doch tatsächlich Sonny fragen lässt,
wie lange es denn noch gehe.
Sonny denkt nur noch an eines:
Raus. Aber wie? Er fordert einen Hubschrauber, einen Jet am Flugplatz, um die
USA verlassen zu können, verspricht, für jede Leistung der Polizei
und des FBI, das inzwischen auch da ist, eine Geisel frei zu lassen. In der
Bank wird es immer heißer, Mulvaney und eine Angestellte leiden besonders
darunter. Aber sie alle merken auch, dass Sonny die Sache ohne Blutvergießen
über die Bühne bringen will. Manchmal herrscht schon eine fast entspannte
Atmosphäre, die Frauen lachen, machen Witze, Sonny zeigt einer von ihnen,
wie man beim Militär mit einem Gewehr hantiert.
Uns Sonny verlangt, dass die Polizei
ihm seine Frau bringt, mit der er sprechen will. Was das FBI und Moretti planen,
entgeht ihm. Jedenfalls scheint die Polizei alle Forderungen Sonnys erfüllen
zu wollen ...
Dem äußeren Anschein
nach ein "normaler" Thriller. Aber dem ist nicht so. "Hundstage"
erzählt eine verwickelte Geschichte. Verwickelt nicht im Sinne von schwierig
zu verstehen, sondern von dramatisch verwickelt und tragisch. Da überfällt
ein Mann eine Bank, nicht um für sich einen Reibach zu machen, sondern
für seine "Frau" - einen Mann, nämlich Leon Shermer (Chris
Sarandon), der sich als Frau fühlt und mit dem Sonny eine nicht gerade
unkomplizierte Beziehung hat. Er will das Geld, damit sich Leon zur Frau um-operieren
lassen kann. Er benutzt den schwachen, unsicheren und unberechenbaren Sal, um
dieses Vorhaben zu verwirklichen - und zieht Sal damit in eine Geschichte hinein,
die der nicht mehr überschauen kann.
Entscheidend für den Fortgang
der Geschichte aber ist, dass sich verschiedene Personen näher kommen,
näher kennen lernen: Sonny und Moretti, Moretti und Leon, der von seiner
Beziehung zu Sonny erzählt, auch Sheldon und Sonny. Man lernt sich im wahrsten
Sinn des Wortes kennen. Und wenn da nicht der Bankraub und die Geiselnahme wäre
...
Und wir lernen Sonny kennen -
eine Vietnamkriegsteilnehmer, verheiratet mit einer hysterischen Frau, von der
er drei Kinder hat und von der er getrennt lebt, aufgewachsen bei einer herrschsüchtigen
Mutter, mit einem Mann zusammenlebend, der lieber eine Frau sein möchte.
Wir wissen nicht, warum Sonny so oder so handelt. Aber er handelt, hat nur noch
im Kopf, heil aus der Sache herauszukommen, und er muss sich von Leon sagen
lassen, dass das alles ein ziemlicher Scheiß war, was er da versucht hat.
Vor allem aber bemerken wir auch, wie sich das Verhalten aller Beteiligten unter
dem Eindruck der Medien verändert. Eine Angestellte, die mit Sonny einmal
vor der Bank steht, flieht nicht, obwohl die Polizei sie dazu auffordert, sondern
geht mit Sonny in die Bank zurück. Sie bleibe bei ihren Mädchen, sagt
sie. In Wirklichkeit will sie zurück an den Fernsehschirm. Es bereitet
ihr und auch anderen der Frauen Vergnügen, im Mittelpunkt der TV-Berichterstattung
zu stehen. Auch Sonny benutzt die Medien, schreit "Attica!" und genießt
die Begeisterung des Publikums vor der Bank. Er glaubt, das könne ihm nützlich
sein, um aus der Sache heil heraus zu kommen. Und Moretti und Sheldon (James
Broderick) vom FBI? Sie müssen aufpassen, nicht in die gleiche Falle zu
tappen wie ihre Kollegen in Attica. Wenn sie irgend jemand aus der Reihe der
Schaulustigen oder gar der Geiseln auch nur verletzen, wird ihnen das keine
guten Nachrichten bringen.
Lumet stellt Al Pacino ganz in
den Mittelpunkt der Handlung. Und Pacino glänzt in dieser Rolle, die sicherlich
zu seinen Besten gehört. Man fiebert mit diesem Sonny mit. Was geht in
seinem Kopf vor, was wird er tun, was kann er tun, wie schätzt er die Lage
ein. Sonny, das könnte einer aus unserer Nachbarschaft sein. Sonny ist
kein Gangster. Er begeht eine Verzweiflungstat aus lauteren Motiven, will Leon
helfen, durch eine Geschlechtsumwandlung seine Identität zu finden. Sonny
will niemanden töten. Er will nur heil aus der Sache raus.
Sal hingegen - gespielt von John
Cazale, der in "Der Pate" an Pacinos Seite den schwachen Bruder Michael Corleones
gespielt hatte - ist gar nicht friedlich. Wenn Sonny es ihm sagen würde,
brächte er alle Geiseln um. He's like a monster but in a box. Sprich: Eine
Zeitbombe, die jederzeit hoch gehen könnte. Er hält sich abseits,
distanziert von allen, horcht nur auf das, was Sonny sagt.
Lumet gelingt es über zwei
Stunden lang, Spannung aufrecht zu erhalten. Immer wieder kommt es zu brenzligen
Situationen, etwa als die Polizei versucht, durch den Hintereingang der Bank
in das Gebäude zu gelangen. Der Showdown selbst setzt der Verzweiflungstat
ein tragisches Ende und hinterlässt einen Mann, der nicht mehr weiß,
wie ihm eigentlich geschieht. Die Hitze tut ein übriges, um die angespannte
Situation immer einmal wieder zu verschärfen. Und gleichzeitig demonstriert
"Dog Day Afternoon" die Hilflosigkeit, die sich in einer solchen Situation
breit macht - auf allen Seiten und verstärkt durch den Einfluss der Medien,
deren Einfluss sich kaum einer entziehen kann oder will. Selbst der Mann, der
die Pizza bringt, und ein anderer, der den Bus bereit stellt, mit dem Sonny,
Sal und die Geiseln zum Flugplatz fahren, sehen sich primär als TV-Stars,
nicht als Beteiligte an einem gescheiterten Bankraub.
Ergänzt wir diese Art der
Inszenierung durch die bereits genannten grotesken und komischen Szenen, etwa
auch jene, in der Sonnys Frau Angela (Susan Peretz) bei einem Telefonat mit
ihm eine Art verbalen Beziehungskrieg beginnen will.
Ein Jahr später wird Lumet
seine bittere Medienkritik in "Network" inszenieren. Einiges davon deutete sich in "Dog Day
After" schon an. Und Lumet verstand es in beiden Filmen, die Auswirkungen
der medialen Überformung von Ereignissen durch die Medien auf die beteiligten
Personen zu demonstrieren.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist
zuerst erschienen in:
Hundstage
(Dog
Day Afternoon)
Regie: Sidney Lumet
Drehbuch: Frank Pierson
Kamera: Victor J. Kemper
Schnitt: Michael Chinich, Don Philipps
Ausstattung:
Charles Bailey
Darsteller:
Al Pacino (Sonny), John Cazale (Sal), Charles Durning (Sgt. Moretti), Chris
Sarandon (Leon Shermer), Susan Peretz (Angela Wortzik), Sully Boyar (Mulvaney),
James Broderick (Sheldon), Penelope Allen (Sylvia), Carol Kane (Jenny), Sandra
Kazan (Deborah), Marcia Jean Kurtz (Miriam), Amy Levitt (Maria), John Marriott
(Howard), Estelle Omens (Edna), Gary Springer (Stevie)
zur startseite
zum archiv