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Die
Idioten
„Worin liegt
der Sinn einer Gesellschaft, die immer reicher wird, aber niemanden glücklicher
macht?“ – Stoffer
Nur wenigen Filmen ist es vergönnt, alle Abstufungen von Reaktionen
hervorzurufen. „Die Idioten“ ist einer von ihnen. Von angeekeltem Abscheu, vom
Vorwurf der Banalität und Unausgegorenheit bis hin zum größten
Lob war den „Idioten“ alles beschieden. Lars von Trier („Europa“, „Breaking the Waves“, „Dancer in the Dark“, "Dogville") hat mit den „Idioten“ einen gehaltvollen Film über
die Frage nach einem freien, glücklichen Leben in einer scheinbar toleranten
Gesellschaft abgeliefert.
Karen, eine Frau mittleren Alters, wird in einem Restaurant
Zeugin einer kleinen Störung: Zwei von einer jungen Frau betreute geistig
behinderte junge Männer verhalten sich so laut und auffallend, dass sie
des Lokals verwiesen werden. Einer der beiden Männer ergreift jedoch Karens
Hand und zieht sie mit hinaus, wo sie sich fast widerstandslos zu den dreien
in ein Taxi setzt und mitfährt. Doch auf einmal entpuppt sich die Behinderung
der Männer als gespielt. Die drei jungen Leute sind, wie sich zeigt, Teil
einer grösseren Gruppe von Frauen und Männern, die sich scheinbar
aus Spaß zum Ziel gesetzt hat, in der Öffentlichkeit provokativ die
„Idioten“ zu spielen. Karen begleitet von nun an mit distanziertem Interesse
ihre „Behindertenausflüge“ bei Fabrikbesichtigungen, Schwimmbadbesuchen
oder beim Skispringen mitten im Sommer. Sie wird ohne Umschweife in die Gruppe
integriert, die sich in einem leerstehenden Haus eingerichtet hat. Auch da wird
häufig „auf Gaga gemacht“, wie die Mitglieder es selbst nennen. Stoffer,
der spiritus rector der Gruppe, erläutert ihr das Gruppenkonzept: „Sie
suchen ihren inneren Idioten, ..... Ein Idiot zu sein ist ein Luxus und ein
Fortschritt. Ein Idiot ist ein Mensch der Zukunft,...“
Karen: „Ich würde so gerne verstehen, was ich hier
tue!“ Stoffer: „Kann doch sein, dass da ein kleiner Idiot drin ist, der raus
möchte. Vielleicht will er Gesellschaft?“ Stoffer
scheint recht zu haben. Nach ein paar Tagen beginnt die bis dahin zurückhaltende
Karen unkontrollierte Laute und Bewegungen zu machen, der „Geist“ ist über
sie gekommen. Mit einer liebevollen Zeremonie, im Wasser eines Bassins liegend,
wird sie endgültig in die Gruppe aufgenommen. Wie eine kleine Gegengesellschaft,
in der alle Freiheiten,- bis hin zum Gruppensex, erlaubt und praktiziert werden,
lebt die Gruppe in ihrer Enklave, vom Spiesserhasser Stoffer angespornt, nach
aussen glaubwürdig und aggressiv den Idioten zu spielen („Nicht wir verspotten
sie, die verspotten uns!“). Als die Gruppe schliesslich, ohne einzugreifen,
zulässt, dass ein Mädchen von ihrem Vater aus der Gruppe gerissen
wird, fordert Stoffer alle Beteiligten dazu auf, zu beweisen, dass sie hinter
„der Idee“ stehen. Alle sollen den Mut haben in ihren familiären und beruflichen
Bezügen „den Idioten“ zu spielen. Die Gruppe zerfällt, die Mitglieder
gehen in ihr bürgerliches Leben zurück, alle geben auf, - ausser Karen...
„Die Idioten“ wurde im von Lars von Trier mitbegründeten
Dogma 95-Stil gedreht (allerdings unter Verstoss gegen Regel 7: Durch die Einfügung
von Interviewsequenzen werden zeitliche Verfremdungen vorgenommen), der sich
nach dem Vorbild etwa der Nouvelle Vague zum Zweck der Erneuerung des Kinos
- weg von der technisch perfekten Oberfläche, hin zum Inhalt- bewusst Regeln
der Kargheit unterwirft, die im Dogma-Manifest, dem „Vow of Chastity“ („Gelöbnis
der Keuschheit“) nicht ohne Selbstironie wie die 10 Gebote festgesetzt sind:
1.
Du sollst "on location" drehen. Es
dürfen weder Requisiten, noch Sets genutzt werden. (Wenn eine bestimmte
Requisite notwendig ist, so muß ein Drehort gefunden werden, an dem diese
schon vorhanden ist). 2. Du sollst den Ton nicht separat von den Bildern produzieren.
(Musik darf nur verwendet werden, wenn sie am Drehort zeitgleich live eingespielt
wird) 3. Du sollst ausschließlich mit Handkamera arbeiten. Jede Bewegung
oder Ruhestellung, die durch Hand erreichbar ist, sei erlaubt. 4. Du sollst
nur in Farbe filmen. Eine gesonderte Ausleuchtung ist nicht erlaubt. (wenn zuwenig
Licht zum Filmen vorhanden ist, muß die Szene geschnitten werden oder
eine einzelne Lampe an der Kamera befestigt werden) 5. Du sollst den Film nicht
optisch bearbeiten und keine Filter nutzen. 6. Du sollst keine überdramatische
Action in den Film einbauen. (Mord, Waffen und ähnliches dürfen nicht
vorkommen) 7. Du sollst weder zeitliche noch geographische Verfremdungen vornehmen.
8. Genre-Filme werden nicht akzeptiert. 9. Du sollst im Format Academy 35mm
drehen. 10. Du sollst nicht nennen deinen Namen! Der Regisseur soll weder im
Vor- noch im Abspann namentlich erwähnt werden.
Die Handkamera evoziert dokumentarische Echtheit, die
von den Schauspielern zum Teil improvisierten Figuren und nicht zuletzt von
Triers gekonnte Regie lassen die Handlung authentisch wirken, allein deshalb
kann man sich der Wirkung des Films schwer entziehen. Es ist, als sei man dabei.
Aber in den „Idioten“ gelingt von Trier vor allem das
Kunststück, komplexe und allgemeingültige gesellschaftliche Mechanismen
anhand einer fast idiotisch banalen Geschichte zu veranschaulichen. Die „Idioten“
dieses Films mögen beim oberflächlichen Hinschauen nichts anderes
als wirkliche Idioten sein, wären da nicht ein paar Aspekte, die nachdenklich
machten: Ohne es sich selbst immer bewusst zu sein, bricht die Gruppe radikal
mit gesellschaftlichen Normen und Begrenzungen, und wenn sie ihre Gesichtszüge
verzerrt, zerbricht sie sogar die Maske, die aus antrainierter Mimik besteht.
Was sie dahinter vorfindet, scheint wirklich wahrhaftiger zu sein. Paradoxerweise
führt gerade die Verstellung, das Idiotenspiel, zur Unverstelltheit. Unverstellt
ist hier z.B. ein Liebespaar, das unzähligen Liebespaar-(Film-) Vorbildern
zum Trotz über unbeholfen-iditiotische Berührungen zu einer überzeugend
innigen und ehrlichen Begegnung findet. Gerade wenn man nicht tut, was man meint,
tun zu müssen, hat man die Chance lebendig zu sein. Vielleicht ist das
ein unausgesprochenes Motto dieser „Idioten“. Aber in „Die Idioten“ bleibt es
nicht bei solch einer versonnen-versponnenen Quintessenz, denn auf diese Erkenntnis
folgt sehr bald die unbarmherzige Einsicht, dass es nur ein Entweder-Oder gibt.
Entweder ich lebe, oder ich passe mich an, aber die (spätkapitalistische)
Gesellschaft zwingt mich zur Anpassung und zum Verrat meines inneren Idioten
und damit zum Verrat an meinem Lebendigsein.
Wie ein Aufschrei inmitten einer Zeit, in der Subkultur
und Revolte schon lange liberal und marktgerecht vereinnahmt sind, in der Che
Guevara nur noch ein T-Shirt-Motiv ist, kommt dieser Film, als sei er direkt
aus dem Geist der Hippiebewegung oder der 68er geboren. Wenn (der häufig,
wie Guevara!, Zigarren rauchende) Stoffer im Hass auf die verlogenen „Søllerød-Faschisten“(einen
Beamten der Stadt) sich auf der Strasse brüllend und tobend die Kleider
vom Leib reisst und von seinen Freunden weggetragen, oder eher „in Gewahrsam
genommen“ wird, dann erinnert er an einen Andreas Baader bei dessen Verhaftung.
Das Ganze wirkt wie eine mutierte Revue der 68er und ihrer Folgen, bis hin zum
Marsch durch die und dem Aufgeben in den Institutionen.
Eine ganze Palette Haltungen zum „System“ wird durchgespielt:
Die friedliche, aber resignierende, die aggressive, aber sich aufreibende, die
sexuell befreite, aber unpolitische, die intellektuelle, aber nur beobachtende
und schließlich die religiös anmutende Haltung von Karen, der tragischsten
und am Ende sich opfernden Figur. Fragen werden uns üppig viele gestellt,
zu einfache Antworten gnädig vorenthalten. Lars von Trier hat einmal gesagt,
ein Film müsse sein wie ein Stein im Schuh, den man nicht los wird. Spätestens
nach dem Genuss dieses Films habe ich ihn verstanden. Ein Meisterwerk von einem
Stein im Schuh!
10 von 10 Punkten
Andreas
Thomas
Diese
Kritik ist zuerst erschienen bei:
filmrezension.de
Zu diesem Film und zum Thema Dogma 95 finden Sie u.a. mehr im Archiv bei:
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Idioten (Kritik von D. Kuhlbrodt)
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Italienisch für Anfänger (Kritik von A. Thomas)
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Too much Flesh (Kritik von A. Thomas)
Die Idioten
(Idioterne)
Dänemark 1998 - Regie: Lars von Trier - Drehbuch:
Lars von Trier - Produzenten: Peter
Aalbaek Jensen, Vibeke Vindelov - Musik: Camille Saint-Saens - Kamera: Lars
von Trier - Länge: 111 min.
Darsteller: Bodil
Jorgensen (Karen), Jens Albinus (Stoffer), Anne Louise Hassing (Susanne), Troels
Lyby (Henrik), Nikolaj Lie Kaas (Jeppe), Henrik Prip (Ped), Luis Mesonero (Miguel),
Louise Mieritz (Josephine), Knud Romer Jorgensen (Axel), Trine Michelsen (Nana)
u.v.a.
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