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Im Schatten des Zweifels
Erst nur ein Hauch, ein zarter, kaum fühlbarer Hauch von Zweifel
berührt die Unschuld, das Reine, das fast Unberührbare, das phantastisch Gute.
Dann entwickelt sich der nur leicht unangenehm riechende Luftzug zu einem
erbärmlich stinkenden Sturm, der in das Leben der jungen Charlie (Teresa
Wright) einbricht. Was Charlie Kopfzerbrechen und lange Stunden des Nachdenkens
kostete – das Einerlei des gut situierten, freundlichen, sittsamen Alltags, des
Anstands par excellence –, die gähnende Langeweile des täglichen Einerleis, die
Routine des Durchschnitts, verkehrt sich in ein Trauma, aber nicht eines, das
von außen mit aller Macht in die Idylle einbricht und das Paradies zerstört,
das nicht nur in Charlies Kopf existiert, sondern an das ihre ganze Familie
glaubt. Das Grauen bricht mitten aus ihnen selbst heraus, in der eigenen
Familie, auch wenn es mit dem Zug kommt und mit dem Zug wieder geht. Zum
Schluss wird nur Charlie seiner gewiss sein. Die Fassade soll bleiben, der
Glaube ebenso und die Idylle allemal.
Charlies Familie ist keine schlechte, Gott bewahre. Sie sind alle
auf ihre Weise sympathisch, die Newtons. Vater Joseph, ein Bankangestellter
(Henry Travers), der die Ruhe in Person ist und sich mit seinem Nachbarn Herbie
(Hume Cronyn) die Freizeit mit der (natürlich nicht ernst gemeinten) Frage
vertreibt, wie der eine den anderen am besten ermorden würde, Mama (Patricia
Collinge), die mit Küche und Kirche, Hausfrauenbund und ähnlichen
Annehmlichkeiten herzlich verbunden ist, die vorlaute, neunmalkluge, aber
nichtsdestotrotz intelligente und durchaus witzige kleine Schwester Ann (Edna
May Wonacott) und der noch etwas jüngere männliche Spross der Familie Roger
(Charles Bates), dem es auf die Nerven geht, als Nesthäkchen behandelt zu
werden. Fast könnte man meinen, man befinde sich in „Pleasantville“, jenem
amerikanischen Fernsehparadies der 50-er Jahre, in dem der american dream zu
sich selbst gefunden zu haben schien: das Paradies und Amerika waren eins
geworden.
Aber Hitchcock wäre nicht Hitchcock, wenn Santa Rosa in
Kalifornien und Pleasantville ein und dasselbe wären. Und so bekommt die
Familie Newton Besuch von Emmas jüngstem Bruder, Charlie Oakley (Joseph
Cotten), einem gut aussehenden und nicht minder gut gekleideten, zuvorkommenden
Mann. Charlie liebt Charlie, soll heißen: Nichte Charlie, der bezaubernde
Teenager im langen, eng taillierten Kleid und den high heeled shoes, liebt
Charlie, den lieben Onkel, den sie gerade angesichts des nervenden Trotts noch
herbeigesehnt hatte. Und nun kündigt er sich per Telegramm an, steht am
Bahnhof. Der amerikanische Traum scheint perfekt. Aber Onkel Charlie hat etwas
zu verbergen. Onkel Charlie ist ein Mörder, ein Lustige-Witwen-Mörder, einer,
der reiche Damen, deren Männer im Jenseits weilen, kurzerhand den Hals umdreht,
ekelhafte Damen, wie Onkel Charlie meint, die das Geld ihrer verstorbenen
Männer verschleudern. Charlie hat sich in seiner Sicht der Welt das Recht
zugestanden, zu morden und das Geld einem moralisch höherwertigen Zweck
zuzuführen: sich.
Niemand in der Familie Newton ahnt so etwas. Niemand. Und Onkel
Charlie versucht, sich in dem Städtchen Santa Rosa eine Art Fassaden-Existenz
aufzubauen, bringt 30.000 Dollar zur Bank, in der Schwager Joseph arbeitet,
erklärt sich bereit, vor versammelten Hausfrauen einen Vortrag zu halten. Alles
das würde gut gehen, funktionieren, wenn es nicht die Polizei gäbe. Detective
Graham (Macdonald Carey) und sein Kollege Saunders (Wallace Ford) sind die
Störenfriede, die sich unter dem Vorwand, ein Interview mit der amerikanischen
Durchschnittsfamilie Newton führen zu wollen, ins Haus einschleichen. Onkel
Charlie und ein anderer Mann stehen im Verdacht, der Witwenmörder zu sein; nur
weiß man es nicht genau.
Das Grauen bricht ein, ein Traum wird zum Alptraum. Nichte Charlie
erfährt von Graham, wen die Polizei sucht. Und der Ring, den Onkel Charlie ihr
geschenkt hat, wird für die Nichte zur Gewissheit über das Grauen, das mit
ihrem Onkel verbunden ist.
Kaum ein anderer als Alfred Hitchcock brachte es fertig, in einer
solchen Klarheit, mit derart einfachen (nicht simplen) Mitteln einen Traum zu
zerstören. Vielleicht sollte man besser sagen: Traum und Alptraum als
Geschwister vorzuführen. Nicht Onkel Charlie steht im Zentrum dieses Thrillers
aus dem Jahr 1943. Im Mittelpunkt steht die Unschuld, der reine Traum, die
unbefleckte Phantasie eines Teenagers und die Zerstörung all dessen. Sie wird
durch ihren Onkel erwachsen und wird ihr Leben lang nie vergessen, dass es
dieses Geschwisterpaar gibt. Der Ring – ein einem seiner Opfer entwendetes
Schmuckstück – ist das Symbol für Verrat und Bestechung. Onkel Charlie schenkt
ihn seiner Nichte, scheinbares Zeichen seiner Zuneigung, und doch nur Schein,
Blendwerk einer Existenz, die ganz anderes verbirgt, verschweigt. Die junge
Charlie wird aus ihrem Traum katapultiert, langsam mürbe gemacht – und leistet
Widerstand gegen den Einbruch des Grauens und die Bedrohung durch den geliebten
Onkel, der sich als Schrecken entpuppt. „Do you know the world is a foul sty?“
sagt der Onkel zur Nichte, „Do you know if you rip the fronts off houses you'd
find swine? The world's a hell. What does it matter what happens in it?“ Wenn die Welt eine Hölle ist, was und wen kümmert es dann, was in
ihr passiert? Onkel Charlie hat den Alptraum zu seinem Lebensinhalt gemacht. Er
gehört zu jener Sorte Menschen, die mit einem enormen Maß an moralischem
Anspruch die Unmoral zum legitimen Mittel ihres Daseinskampfes auserkoren haben
– wenn auch hier auf einer banalen Ebene als einzelner Verbrecher: Tugend durch
Terror.
Der Ring allerdings wechselt seine Bedeutung. Er wird für Oakley
zur Bedrohung, zur Lebensgefahr. Und Hitchcock zaubert das herbei, was die
Gefahr bannt, aber den Alptraum nicht beseitigen kann: die Stärke des
Gewissens, die innere Kraft, die andere Seite der Unschuld in der Nichte
Charlie.
Hitchcock ist weit davon entfernt, seine Protagonisten zu
verurteilen, vielleicht bewundert er sie sogar, die Newtons, vor allem die
junge Charlie, irgendwo. Aber Hitchcocks Art der Erlösung ist keine Rückkehr
zur Unschuld, zum Paradies. Es ist eine Erlösung, die entweder läutert oder zur
Zerstörung führen kann. Onkel Charlie ist ein Mörder, und trotzdem zeigt ihn
Hitchcock immer wieder zwischendurch als sympathischen Mann. Diese Welt ist
nicht simpel schwarz-weiß, sondern schattiert und grau und bunt und eintönig
und vor allem anderen: zweifelhaft.
• ZUR DVD •
Technische Daten:
Sprachen: Deutsch und Englisch, Mono
Untertitel: Englisch (für Hörgeschädigte), Deutsch,
Niederländisch, Schwedisch, Norwegisch, Dänisch, Finnisch
Dolby, Surround
Sound
Die DVD, Teil der Hitchcock-Collection, ist derzeit in einigen
Geschäften (u.a. Kaufhof) für € 9,99 zu haben (bei amazon: € 14,99). Zusätzlich
zum Film findet man Produktionszeichnungen, Filmplakate und Schauspielerfotos
sowie den Original-Trailer. Interessant ist jedoch v.a. das knapp 35 Minuten
lange Making Of aus dem Jahr 2000, in dem – wie auch auf vielen anderen DVDs
der Reihe – Hitchcocks Tochter Patricia Hitchcock O'Donnell (*1928) über die
Dreharbeiten berichtet. Neben ihr kommen die damalige Hauptdarstellerin Teresa
Wright (*1918), Art Director Robert Boyle (*1909), Hume Cronyn (*1911), den
Darsteller des Nachbarn der Familie (Herbie), und Regisseur und Schauspieler
Peter Bogdanovich (*1939) zu Wort.
„Shadow of a Doubt“ war Hitchcocks Lieblingsfilm, wie seine
Tochter erzählt, weil er die Situation besonders mochte: Etwas Bedrohliches
dringt in eine friedliche, fast unschuldige amerikanische Kleinstadt ein, die,
wie Hume Cronyn berichtet, eine der Städte repräsentierte, in der Amerika
amerikanischer als andernorts war. Der Familiengeschichte des Films entsprach
offenbar die familiäre Situation am Set; man verstand sich hervorragend, zumal
Joseph Cotton und seine Frau mit Hitch und dessen Frau eng befreundet waren.
Bogdanovich verdeutlicht noch einmal zentrale Szenen aus dem Film, insbesondere
Onkel Charlies Rede bei Tisch, die hier einmal zitiert sei:
In den Städten treffe man „Witwen mittleren Alters. Die Gatten
haben ihr Leben lang Reichtümer angehäuft. Die Männer sterben und hinterlassen
das Geld ihren Frauen. Und was machen diese nutzlosen Frauen? Man sieht sie jeden
Tag zu Tausenden in den besten Hotels. Sie essen und trinken das Geld,
verlieren es beim Bridge-Spielen. Sie riechen nach Geld. Grässliche, alternde,
fette, gierige Frauen.“ Emma: „Aber sie leben! Sie sind Menschen!“ Onkel
Charlie: „Sind sie das?“ Eine fürchterliche und furchterregende zentrale Szene.
Bogdanovich erzählt in diesem Zusammenhang über ein Gespräch mit
Hitchcock, und zwar zum Thema: gebrochenes Verhältnis zwischen Onkel Charlie
und seiner Nichte. Hitchcock habe gesagt: Sie beobachtet ihn genauer als alle
anderen; sie sorgt sich um ihn. Das ist die Ironie der Geschichte. Und dann
habe Hitchcock Oscar Wilde mit dem Satz zitiert: „Jeder Mensch tötet, was er
liebt.“
Im Making Of geht es aber auch um die Erinnerungen von Teresa
Wright, die als blutjunge Schauspielerin ihre große Chance bekommt. Und wie die
Figur, die sie gespielt habe, wäre sie bei den Dreharbeiten sozusagen erwachsen
geworden. Hume Cronyn erzählt von der humorvollen Atmosphäre am Set, von Santa
Rosa, damals eine typische Kleinstadt, in der man ein geeignetes altes Haus
gefunden habe, das zu einer nicht besonders wohlhabenden Familie gerade gepasst
habe.
Insgesamt ein spannendes Making Of – wie zumeist in der
Hitchcock-Collection.
Wertung: 10 von 10 Punkten.
Ulrich Behrens, 2003
Dieser Text ist zuerst erschienen unter dem Namen POSDOLE bei www.ciao.com
Im Schatten des Zweifels
(Shadow of a
Doubt)
USA 1943, 108 Minuten
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Gordon
McDonell, Thornton Wilder
Musik: Dimitri Tomkin, , Franz Lehár („Lippen schweigen, 's
flüstern Geigen“)
Director of
Photography: Joseph A. Valentine
Schnitt: Milton
Carruth
Produktionsdesign:
John B. Goodman, Russell A. Gausman
Hauptdarsteller:
Teresa Wright (Charlie Newton), Joseph Cotten (Charlie Oakley), Macdonald Carey
(Detective Jack Graham), Henry Travers (Joseph Newton), Patricia Collinge (Emma
Newton), Edna May Wonacott (Ann Newton), Charles Bates (Roger Newton), Hume
Cronyn (Herbie Hawkins), Wallace Ford (Fred Saunders)
Internet Movie Database: http://german.imdb.com/Title?0036342
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