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Into the Wild
In seinem vierten Spielfilm
als Regisseur verfilmte Sean Penn eine Bestseller-Reportage von Jon Krakauer.
Emile Hirsch spielt Chris McCandless, über dessen Tod in Alaska noch heute
spekuliert wird
Chris McCandless starb Mitte August
1992 in der Einsamkeit der Wildnis Alaskas. Ein paar Wanderer und Jäger
entdeckten die Leiche des 24-Jährigen über zwei Wochen später.
Als Todesursache stellte man Verhungern fest. Im April war McCandless zu seinem
einsamen Trip aufgebrochen, offenbar mit dem Ziel, sich ganz »vom Land«
zu ernähren er hatte als Vorrat nur fünf Kilo Reis mitgenommen.
Ein Tagebuch, das man bei ihm fand, enthüllte in knappen Notizen Details
seiner letzten Monate: Euphorie über die vermeintliche Ungebundenheit,
Frustrationen bei der Nahrungsbeschaffung, kleine philosophische Verstiegenheiten.
Das Tagebuch offenbarte auch, dass er bereits im Juli den Weg zurück hatte
antreten wollen, aber das eisige Bächlein, durch das er im April noch gewatet
war, hatte sich in einen 30 Meter breiten reißenden Fluss verwandelt,
den er nicht mehr zu überqueren wagte.
Der amerikanische »Wildnis-Journalist«
Jon Krakauer schrieb noch im selben Jahr eine Reportage über Chris. Sein
Bericht stieß auf unerwartet breite Resonanz. Keinesfalls nur positive:
die einen bewunderten McCandless für seinen Mut, die anderen beschimpften
ihn als leichtsinnig und dumm. Und es meldeten sich Menschen, die ihm begegnet
waren. Denn McCandless war 1990, unmittelbar nach seinem College-Abschluss,
»abgehauen«. Ohne sich von seiner Familie zu verabschieden, war
er zu einer Tramperfahrt aufgebrochen. Krakauer recherchierte weiter und rekonstruierte
zusammen mit den Menschen, die Chris in dieser Zeit gekannt hatte, dessen Route
bis in die Wildnis und den Tod. 1996 unter dem Titel »Into the Wild«
erschienen, wurde das Buch zum Besteller und erhitzte weiter die Gemüter
mit der Frage, ob dieser Chris nun zu bewundern oder zu verachten sei.
Sean Penn bemühte sich bereits
damals um die Rechte an der Verfilmung und nahm Kontakt zu Chris Familie auf,
die ihm schließlich so weit vertraute, dass sie ihn gewähren ließ
obwohl die Geschichte auch einiges Unangenehmes über sie preisgibt. Penn
dankt es ihnen auf eigene Art: Er räumt in seinem Film ihrer tiefen Trauer
viel Platz ein. William Hurt und Marcia Gay Harden spielen die Eltern, und ihre
sorgenvollen und schmerzverzerrten Gesichter prägen den emotionalen Ton
des Films. Es ist eine Trauer, die der Zuschauer bald schon teilt. Überhaupt
geht von In
die Wildnis eine
emotionale Wucht aus, der man sich nur schwer entziehen kann. Dabei hält
sich der Film sehr genau an die Vorlage. Wie Krakauers Reportage erzählt
Penn vom traurigen Ende her in wechselnden Zeitsprüngen von den vier Monaten
in der Einsamkeit der Wildnis und den zwei Jahren des Tramperlebens.
Aber wo Krakauers Buch eine penible
Befragung der Motive und Ursachen darstellt von den Konflikten mit den Eltern
über die Schwierigkeiten mit der Liebe bis zur Sucht nach dem Thrill des
Risikos , geht es bei Penn vor allem um die Darstellung eines gar nicht leicht
zu fassenden Gefühls: jener diffusen Sehnsucht nach Freiheit und Gerechtigkeit,
nach Aufbruch und Erleben, die die Quelle für große Taten, aber auch
die Ursache für große Enttäuschungen sein kann. Der im rasanten
Aufstieg zum Star begriffene Emile Hirsch spielt Chris, und es gelingt ihm mit
bedrückender Präzision, die Zwiespältigkeit seiner Figur auszudrücken:
eine letztlich ungute Kombination aus Unsicherheit und hohen moralischen Ansprüchen,
nach außen hin sanft und offen, nach innen oft von erschreckender Unerbittlichkeit.
Vom schwierigen Überleben es gibt gar nicht so viel Wild in der Wildnis
schneidet der Film immer wieder zurück in die glückliche Zeit der
Tramper-Bekanntschaften: Da gibt es die abgeklärten Althippies, die ihn
als Glücksbringer adoptieren, es gibt den von Vince Vaughn verkörperten
Rabauken und Freidenker, und vor allem den Rentner Ron (Hal Holbrook), mit dem
Chris eine ungewöhnliche und bewegende Freundschaft eingeht.
Ein Film kann seinen Helden nicht
kritisch erörtern, wie Krakauer es in seinem Buch tut, aber er vermag etwas
anderes: ein Stück seines Erlebens nachvollziehbar machen. Die Freude der
Selbstermächtigung, als es ihm gelingt, mit dem Kanu den Colorado hinunterzukommen.
Den Rausch des Losgelöstseins in der Wildnis. Der Stolz des erfolgreichen
Jägers. Und schließlich die Angst um die nachlassenden Kräfte.
Barbara Schweizerhof
Dieser Text ist
zuerst erschienen in: epd Film 1/2008
Ein Sean-Penn-Porträt von Georg Seeßlen lesen Sie hier
Into the Wild
USA 2007. R: Sean Penn. B: Jon Krakauer, Sean Penn. L: 140 Min. Da: Emile Hirsch, Marcia Gay Harden, William
Hurt,
Start: 31.1. (D), 1.2. (A), 7.2 (CH)
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