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Inland
Empire
Das Böse
war geboren
Verwirrung, Verstörung, Verzweiflung: Aber
keine Sekunde möchte man missen in David Lynchs "Inland Empire".
Ängste werden direkt auf die Leinwand gebracht - und am Ende steht das
Rauschen der Bilder. Mit Videos.
Hier kommt das Allerletzte aus Hollywood, Kalifornien,
"where stars make dreams and dreams make stars" - so verheißt
es, großspurig und völlig unglaubwürdig, William H. Macy, in
einer Kurzeinlage als Werbesprecher einer abgehalfterten Talkshow. David Lynchs
neuer Film räumt auf mit den letzten Resten des amerikanischen Kinotraums.
Am Ende wird Blut gespuckt auf die Sterne am Hollywood Boulevard, wo nun die
Nutten und die Obdachlosen herumlungern. Inland Empire, erklärt Lynch,
das ist das Gebiet östlich vor Los Angeles, das San Bernardino Valley,
Pomona. Er liebt das verschachtelte L.A. von heute. Seine Empfehlung: "Man
hat verschiedene Welten an einem Ort. Das ist großartig. Man muss nur
den Bus nehmen und wechselt von einer Welt in die andere."
Man zögert erst mal, jemanden in diesen Film
zu schicken. Er ist monströs, pathetisch, überladen, komisch, brutal.
Er kennt kein Mitleid mit den Zuschauern, kein Entgegenkommen. Aber wenn man
mal die Momente der Verwirrung, der Verstörung, der Verzweiflung hinter
sich hat, möchte man von seinen fast 180 Minuten auf keine einzige verzichten.
Der Anfang ist, nach einer furiosen Ouvertüre, recht ordentlich, eine kleine
nachmittägliche Märchenstunde. Eine neue Nachbarin macht bei der Hollywoodschauspielerin
Nikki Grace (Laura Dern) ihren Antrittsbesuch, bewundert das Haus, erzählt
eine kleine Geschichte: Ein Junge ging hinaus, um zu spielen. Als er durch die
Türe trat, verursachte er eine Spiegelung. Das Böse war geboren und
folgte dem Jungen durch die Welt.
Lynch liebt die Reflexionen, die Doppelungen, die
Doppelgänger - all die Mechanismen, wie die Welt sich gespiegelt sieht
auf der Leinwand. Er ist durchaus geprägt vom klassischen Hollywood, seinen
großen Filmen, aber wie er diese persönlich verarbeitet, sind sie
kaum mehr kenntlich. Das ist meine "Philadelphia
Story", hat er von seinem Erstling
"Eraserhead" gesagt - halt ohne Jimmy Stewart. "Sunset Boulevard" ist einer der wichtigsten Filme für ihn
- was man wissen sollte für "Inland Empire".
Die Märchentante ist eine richtige Hexe, Grace
Zabriskie spielt sie, die Laura Palmers Mutter war in "Twin
Peaks" und nun der Figur von
Laura Dern, Nikki Grace, in einem Akt von Verschwesterung den Namen leiht. Ihr
Blick ist stechend, messerscharf ihr osteuropäischer Akzent, mit dem sie
harmlose Floskeln gefährlich klingen lässt. Sie habe gehört,
Nikki habe eine neue Filmrolle, eine Ehegeschichte, die endet in brutal fucking murder.
Jeremy Irons spielt ihren Regisseur, sein prätentiöses Gehabe lässt
den Titel ganz selbstverständlich erscheinen: "On High in Blue Tomorrows".
Ein Anfang scheint womöglich im polnischen Lodz lokalisierbar, bei einem
mysteriösen Macker und Manipulator, der als Phantom bezeichnet wird, der
Frauen aushält und dunkle Geschäfte macht. Es hat wohl einen Film
vor dem Film gegeben, in Polen, "47" ist der Titel, aber ein Fluch
liegt über ihm, die beiden Hauptdarsteller wurden ermordet.
Die Kamera kann nicht von Laura Dern lassen, aber
irgendwie verwandelt sie sich unter Lynchs und unseren Blicken, aus Nikki wird
Susan, die Frau, die sie spielt, sie beginnt eine Affäre und gerät
in merkwürdigen Somnambulismus, und plötzlich steht sie sich selbst
gegenüber, in und jenseits ihrer Rolle. In diesem Moment ist schon klar,
dass die Kategorien Innen und Außen nicht mehr existieren, und die Gesetze
des Erzählens und der Dramaturgie, die sie begründen. Lynch ist versessen
drauf, Ängste direkt auf die Leinwand zu bringen, und die primäre
Angst vor allem - was mag, beim Gang durch schlecht beleuchtete endlose Gänge
hinter der nächsten Biegung lauern. Bei jedem Schnitt muss man gewärtig
sein, in einer anderen Welt, einer anderen Zeit sich wiederzufinden. Man kennt
das sonst aus europäischen Filmen, von Dreyers "Vampyr" oder Resnais’ "Marienbad". In einem der schaurig-schönen Sechzigerjahre-Interieurs
tanzen Girls fröhlich Locomotion, ein anderes wird von Hasen bewohnt, die
sich die Zeit mit Bügeln und Konversation vertreiben - sie entstammen einer
Serie auf Lynchs Website. Um Reklame zu machen für Laura Superstar, zog
Lynch mit einer Kuh durch die USA - er sorgt dort selbst für den Verleih
des Films.
Auch die Kamera hat er selbst geführt, eine
alte digitale PD 150. Sie sorgt für die schwindelerregenden Unschärfen,
wie man sie aus den Filmen der dreißiger Jahre kennt, sie nimmt den Bildern
die Konturen, verstärkt die Materialität. Kurz nach ihrer Erfindung
wurde die Fotografie immer auch im festen Glauben erprobt, man könne mit
den neuen Apparaten das Unsichtbare direkt sichtbar machen - die Phantome, die
Luftspiegelungen, die Vergangenheit, die Toten. So sieht das auch Lynch, weshalb
er sich auch nie als Erzähler versteht, sondern als Sammler, als Dokumentarist.
Nikkis Leben bringt Grace Zabriskie auf den Punkt,
durch eine weitere Geschichte, die vom Mädchen, das hinausging um zu spielen.
Es ging nicht durch den Marktplatz - sondern durch die Allee hinter dem Marktplatz
... Ein Geraune hat sich im Internet um den Film entwickelt, seit seiner Präsentation
im Wettbewerb in Venedig, ein Rattenschwanz von Deutungen und Lesarten, die
am Sinn der Blogger-Gemeinden zweifeln lassen. Sie rauben dem Film seine Unschuld.
Jede neue Variante stellt die vorherigen auf den Kopf. Der Geschwätzigkeit
des Exegese-Betriebs setzt der Film das Rauschen der Bilder entgegen. Eine ruhige
Selbstreflexion. Es geht um Prostitution, um den Verkauf von Bildern und Images.
Das Ende ist tröstlich. Wenn wir erst mal unsere Todesszene durchgezogen
haben, könnte es doch sein, dass die Kamera zurücksetzt, die Techniker
und Akteure applaudieren. Die Nummer ist im Kasten.
Fritz Göttler
Dieser Text ist
zuerst erschienen in der Süddeutschen Zeitung vom 25.4.2007
Zu diesem
Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
USA/Polen/Frankreich 2006. R, B, Sch, T: David Lynch.
P: Mary Sweeney, David Lynch. K: Odd-Geir Sæther.
A: Christine Wilson, Wojciech Wolniak. Ko: Karen Baird,
Heidi Bivens. Pg: StudioCanal/Camerimage 2/Asymmetrical/Inland Empire. V: Concorde.
L: 172 Min. Da: Laura Dern (Nikki Grace/Sue), Jeremy Irons (Kingsley), Justin
Theroux (Devon Berk/Billy Side), Harry Dean Stanton (Freddie), Julia Ormond
(Doris Side), Peter J. Lucas (Piotrek Krol), Terryn Westbrook (Chelsi), Diane
Ladd (Marilyn), Ian Abercrombie (Henry).
Start: 26.4.2007 (D, CH), 4.5.2007 (A)
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