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Fellinis Intervista
Das
Chaos hinter der Kamera
Federico
Fellinis Film über Film in den Cinecittà-Studios: „Intervista”
Es beginnt mit Nachtaufnahmen
und endet in der Dunkelheit eines Filmstudios; Auf- und Abblende einer Exzentrizitäten-Schau,
in deren Mittelpunkt ein Hexenmeister steht: „Fiat Lux!" Und das Licht
der Jupiterlampen bricht durch die Finsternis, zwei riesige Kräne recken
sich auf dem Studiogelände in den Nachthimmel wie kämpfende Dinosaurier,
und der Demiurg Fellini träumt einen Traum, der ihn hoch in die Lüfte
trägt. Was sich da aus grauen Dämpfen wie aus den Nebeln der Prähistorie
herausschält - ist es ein Gefängnis; ein Krankenhaus, ein Atomkraftwerk?
Nein - es ist Cinecittà, Metropole der Kinematographie und Jahrmarkt
unverwüstlicher Eitelkeiten
...
Daß Kino auf dem Rummelplatz
geboren und mit der bunten Lüge, dem lauten Tingeltangel und dem grellen
Jux verschwistert sei - aus diesem alten Hut zaubert Fellini in „Intervista"
mit beispiellos guter Laune einen Wirbel schrägkapriziöser Einfälle
zwischen Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung, immer hart am Rande
des Klamauks und einen halben Meter über dem Erdboden schwebend, ganz dicht
vorbei am Loch tiefschwarzer Melancholie. Diese Welt der Doppelbödigkeiten
ist, genau besehen, bodenlos; ihre Synthesen, zusammengesetzt aus tausend Künstlichkeiten,
zerfallen schon, während sie entstehen, und Wirklichkeit präsentiert
sich als Hure, die jedem Kunstgriff gefügig ist: Also feiern wir den schönen
Schein! „Am farbigen Abglanz haben wir das Leben."
Federico Fellini par lui même,
inmitten seines Hofstaats, umringt von den Heroen und Parasiten seiner Branche:
Nach der skeptischen Selbstbespiegelung in „Achteinhalb", nach den zwiespältigen Obsessionen in „Stadt der
Frauen" und in „Schiff der Träume" nimmt er nun seine Verherrlichung
als leibhaftiger Gottvater des italienischen Kinos selbst in die Hand. Er macht
das brillant und mit Gespür für die Tempi der derben und der leisen
Komik. Seine Eitelkeit bricht sich an Ironien und Selbstironien; sie wird gedämpft
durch den Blick auf den „eitlen" Glanz der ephemeren Materialien, aus denen
sich Leinwandträume, aber keine Monumente bauen lassen.
Man sieht einen Regisseur, der
seine eigene Kunst des Inszenierens in Szene, aber auch dem scharfen Licht der
Karikatur aussetzt, sie auseinandernimmt, nebenbei über sie philosophiert
und dabei vor der Travestie seiner selbst und seines Handwerks nicht zurückschreckt.
Eine Selbst-Hommage, gewiß - vor allem aber eine Laudatio auf das produktive
Chaos hinter der Kamera und seine Akteure. Der Stab ist hier die Besetzung.
Vom Ausstatter (Danilo Donati) über den Kameramann (Tonino delli Colli)
bis zum Regieassistenten (Maurizio Mein) und dem Komparsenheer: The crew is
starring. Und wenn das englische „shooting" das tumultuarische Geschehen
im Filmstudio als Schießerei beschreibt, dann ist „Intervista" nicht
nur Film im Film, sondern eine explosiv komische, mit Eleganz und blitzendem
Kalkül gefertigte Studie über die Logistik des Kinos. Doch letztlich
rotiert das Kino um seine eigene Achse - Welt und Wirklichkeit, auf die es sich
einmal bezogen hat, haben sich gespenstisch verflüchtigt.
Film im Film: genaugenommen sind
es zwei Filme in einem, zwei „Geschichten", die sich verflechten und überschneiden,
ohne freilich ein komplexes Ganzes zu bilden - die Brüche in der Komplexität,
die Heterogenität der Teile sind ja das Thema und das Spielmaterial von
„Intervista".
Film im Film: Fellini, den Regisseur
Fellini spielend, verfilmt Kafkas „Amerika", kommt aber zunächst nicht
dazu, weil ihm der junge Journalist Sergio (Sergio Rubini) über den Weg
läuft, der ihn an seine Jugend, an seine frühen Jahre als Paradiesvogel
zwischen Zirkus, Theater und Varieté erinnert. Doch statt biederer Rückblenden
inszeniert Fellini, als Regisseur seiner eigenen Autobiographie, das Vergangene
auf der Bühne der Gegenwart, solchermaßen Gestern und Heute zu turbulenter
Gleichzeitigkeit vermischend.
In einer ausrangierten Straßenbahn
läßt er den jugendlichen Reporter nach Cinecittà fahren -
Endstation Sehnsucht ist eine Diva der vierziger Jahre (Paola Liguori), von
der er ein Interview haben möchte und nach mancherlei Querelen auch bekommt.
Zwecks Zeitkolorit stopft Fellini ausgerechnet seinen mit der KPI sympathisierenden
Produzenten (Pietro Notarianni) in schwarze Faschistenkluft, und die Fahrt mit
der Straßenbahn wird zu einer ausschweifenden Reise durch die Landschaft
der Filmgeschichte mit Zitaten aus der patriotischen Folklore und Erinnerungen
an die frühen italienischen Monumental- und Indianerfilme.
In Cinecittà schließlich
überschlagen sich die Dinge: Produzenten toben und Regisseure schreien;
eine Hochzeitsszene oszilliert zwischen Burleske und peinigendem Kitsch; die
Produktion eines exotischen Films bricht katastrophisch zusammen, weil sich
die Elefanten als lachhafte Attrappen entpuppen; eine anonyme Bombendrohung
fegt das Studio leer und treibt die Stimmung festlich zelebrierter Bodenlosigkeit
auf einen Höhepunkt. Zwischendurch bemüht sich ein japanisches Fernsehteam
hartnäckig um ein Interview mit Fellini und fügt dem artifiziellen
Durcheinander einen wunderlichen kulturellen Akzent hinzu.
Natürlich hat Fellini eine
Apotheose vorgesehen: eine Wiederauferstehungsfeier und eine Zeremonie sentimentaler
Erinnerungen - auch sie gehören ja zur unsterblichen Substanz und zur Logistik
des Kinos. Plötzlich ist Marcello Mastroianni da, als Zauberer Mandrake
brilliert er in einem Werbefilm, und samt Zauberstab und -mantel verfrachtet
Fellini den schon etwas brüchigen, aber noch immer ungebrochenen Roué
in einer Limousine zur Villa der Anita Ekberg, irgendwo draußen vor den
Mauern der Ewigen Stadt, abseits von Cinecittà. Und siehe: Die blonde
Schwedin ist noch immer, obzwar älter geworden, ein Traum von einer Diva
in der schwellenden Fülle ihrer Weiblichkeit. Es kommt, wie es kommen muß:
Auf einer von Mastroianni aus dem Ärmel gezauberten Leinwand flimmert als
nostalgische Vision ein anrüchiger Hit des amourösen Kinos der späten
fünfziger Jahre: der Kuß in der Fontana di Trevi aus „La
Dolce Vita".
Die mit Fernsehantennen bewaffneten
Indianer, die gegen Ende über Cinecittà hereinbrechen, sind nur
ein Spuk, eine augenzwinkernde Fußnote. Es triumphiert die Filmkunst -
und lächelnd kopuliert das Kino mit sich selbst. Honni soit qui mal y pense.
Sprach nicht Sergio, der junge Reporter, schwärmerisch davon, wie schön
die Träume beim Onanieren seien?
Klaus Kreimeier
Dieser Text ist
zuerst erschienen am 12.11.1987 in der Frankfurter Rundschau
Fellinis
Intervista
L' INTERVISTA
Italien - 1986 - 107 min. - Verleih: Tobis - Erstaufführung:
12.11.1987 - Produktionsfirma: Aljosha - Produktion: Ibrahim Moussa
Regie: Federico Fellini
Buch: Federico Fellini
Kamera: Tonino Delli Colli
Musik: Nicola
Piovani
Schnitt: Nino Baragli
Darsteller:
Anita Ekberg (Anita Ekberg)
Marcello Mastroianni (Marcello Mastroianni)
Sergio Rubini (Journalist)
Maurizio Mein (Regieassistenz)
Federico Fellini (Regisseur)
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