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Ipcress
– Streng Geheim
Im
England der 1960er Jahre stellen die Top-Wissenschaftler des Landes eine heiß
umkämpfte Ressource dar. Nicht nur, dass sie abgeworben werden, sie werden
auch entführt und einer perfiden Gehirnwäsche unterzogen, die dem
wissenschaftlichen Standort zunehmend zusetzt. Der lakonische und höchst
zwielichtige Agent Harry Palmer (Michael Caine) wird auf den Fall angesetzt
und sieht sich binnen kürzester Zeit in einem kaum mehr durchschaubaren
Knoten aus Intrigen und Fallen verstrickt, der ihm zur existenziellen Erfahrung
wird.
Ipcress
- Streng Geheim
steht sichtlich in der Tradition des klassischen Film Noir. Palmer ist gewiss
kein moralischer Held mit Vorbildfunktion, wie dies vielleicht noch auf die
kriminologischen Figuren klassischer Whodunnits Geltung zutraf. Im Gegenteil:
Seine kleinkriminelle und obrigkeitsrenitente Ader hat ihn, um Sanktionen zu
vermeiden, direkt in die Arme des Geheimdienstes gespielt. Eingeführt wird
diese Figur denkbar unvorteilhaft: Während des Vorspanns sehen wir ihn
mit verstruppelten Haaren und im Nachthemd beim Aufstehen, der Morgenwäsche
und der Zubereitung einer Tasse Kaffee. Michael Caine, dem mit diesem Film der
endgültige Durchbruch gelang, zeichnet diesen Menschen einsilbig, lakonisch
und zynisch. Auch stehen seine beruflichen Fähigkeiten keineswegs im Vordergrund
der Spielhandlung, eher noch stolpert Palmer, nach einem beinahe desaströsem
Fehlschlag, in die richtige Richtung: Direkt in die Arme seiner Gegenspieler,
die dem Agenten mit Psychofolter zuleibe rücken.
Auch
auf bildästhetischer Ebene wiederholt sich die Anlehnung an den Film Noir:
Kaum ein Zentimeter des breiten Scopebildes bleibt für seine ungemeine
innere Dynamik ungenutzt. Das Geschehen vermittelt sich oft in raumverzerrenden
Untersichten, kaum eine Szene, die nicht aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel
mit entsprechendem ästhetischen Effekt gefilmt wäre. Die oft starken
Bewegungsdynamiken auf der Tiefenachse und die Weite des Bildes sorgen für
unnatürlich verzerrte Bildeindrücke und Bezugssysteme, die stellenweise
an Welles’ Tiefenschärfe-Experimente in Citizen
Kane
(USA 1941) erinnern. Dem diegetischen Raum dieses Films, das unterstreicht diese
bemerkenswerte Kameraarbeit, ist nicht zu trauen: Eine souveräne Perspektive
über das Geschehen ist nicht möglich, am wenigsten noch für den
Protagonisten selbst – Held wäre ein denkbar falsches Wort, an einer Stelle
spricht er von sich selbst nur im Konjunktiv als solcher -, der hoffnungslos
in diesem verwirrenden Spiel aus Winkeln, Raumkadrierungen und Bezugspunkten
gefangen ist. Der sich daraus ergebende ästhetische Reiz wird durch die
schöne Farbästhetik des zugrunde liegenden Technicolormaterials noch
unterstrichen: Ipcress
ist in erster Linie ein Film der Optik und will als solcher genossen werden.
Und
dies mit gutem Grund, denn die Handlung wirkt gewiss hier und da etwas überkonstruiert
und kann auch das eine oder andere eher fadenscheinige Moment nicht verbergen.
Die brillante Kameraarbeit und Michael Caines Spiel aber, wie überhaupt
die teils faszinierende Fortschreibung der Dekonstruktion des Helden, die der
Film Noir als Projekt vorgeschlagen hatte, und die Formulierung einer Welt,
in der der Raum, analog zum sozialen Gefüge, seine Verlässlichkeit
verloren hat, lassen diese kleinen Unschärfen am Rande leicht verzeihen.
Ein elegant-melancholischer Genrefilm, den es zu entdecken gilt..
Thomas
Groh
Diese
Kritik ist zuerst erschienen in:
Ipcress
- Streng Geheim
(The Ipcress File, Großbritannien 1965)
Regie:
Sidney J. Furie; Drehbuch: Bill Canaway nach dem Roman von Len Deighton; Kamera:
Otto Heller; Schnitt: Peter R. Hunt; Musik: John Barry; Darsteller: Michael
Caine, Nigel Green, Guy Doleman, Sue Lloyd u.a.
Anbieter:
Koch Media Länge: 105 Minuten
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