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Ist
das Leben nicht schön?
Inhalt:
Weihnachtszeit,
Depressionszeit: Als George Bailey nach dem versehentlichen Verlust von $8000
mit dem finanziellen Ruin konfrontiert wird und sich außer Stande fühlt,
seiner Familie weiterhin ein gutes Leben oder seine Liebe bieten zu können,
sieht er den einzigen Ausweg darin, sich das Leben zu nehmen. Mehr noch, er
wünscht sich, dass er nie existiert hätte. Gerade als er von einer
Brücke springen will, taucht der Schutzengel Clarence auf und führt
George vor Augen, wie der Lauf der Dinge ausgesehen hätte, wenn es ihn
tatsächlich nie gegeben hätte.
Kritik:
"You
Are Now In Bedford Falls" steht geschrieben auf einem kleinen Schild, das
wir unmittelbar zu Beginn des Filmes sehen. Bedford Falls, das ist die Stadt,
in der der Schnee zur Weihnachtszeit am höchsten zu liegen scheint, in
der der amerikanische "Nachkriegskater" in aller Deutlichkeit Einzug
gehalten hat, und in der dennoch die häufigen Gebete der hart arbeitenden
Menschen direkt an Gottes Ohr dringen: Ausgerechnet am Heiligen Abend machen
sich die Worte zahlloser Bürger der Stadt auf zu ihrer Reise durch das
Universum. Vorbei an Planeten und Galaxien gelangen sie schließlich in
das Himmelreich selbst, wo sie von den obersten Engeln sorgenvoll aufgenommen
werden. Denn alle diese Gebete beinhalten die immer gleiche Bitte, um den immer
gleichen Mann. Sie berichten von der Tragik des George Bailey, der sich ausgerechnet
in der Weihnachtsnacht das Leben nehmen will, und wie in einem Chor flehen die
vielen Stimmen um den Beistand des Allmächtigen für den an allem verzweifelnden
Mann.
Die
Einleitungssequenz von Frank Capras It's
A Wonderful Life
ist ein filmisches Unikat und eines, wie es wohl nur Capra vollbringen konnte.
In kurzen, schneeverwehten Einstellungen vollzieht er einen kleinen Überblick
über die beiden wichtigsten Orte, an denen der Film seine Handlung, beziehungsweise
deren Richtungsentscheidungen erfährt: Die amerikanische Kleinstadt Bedford
Falls und das Himmelreich höchstselbst. Schon mit diesen ersten Bildern
erklärt sich vieles vom Weltverständnis Capras - die Häuser sind
romantisch, von weißer Pracht bedeckt und strahlen durch ihre Fenster
eine anziehende Gemütlichkeit aus, der Himmel hingegen ist ein etwas undefiniertes
Gebilde, dessen Sternenbilder hell aufleuchten, wenn die Engel Gottes miteinander
sprechen. Die Bilder und Effekte, die der Regisseur nutzt, um das Göttliche
darzustellen, sind von beinahe erschreckender Simplizität und Kindlichkeit.
Aber allein deswegen "funktionieren" sie überhaupt. Denn Capra
hat sich nie um Komplexität in den Dingen bemüht, die für ihn
selbst grundsätzlich ganz einfach waren. Wie vielleicht kein zweiter Film
des 1897 in Italien geborenen und 1991 in Kalifornien verstorbenen Frank Capra
macht uns It's
A Wonderful Life
die eigentliche Unantastbarkeit der Persönlichkeit des Künstlers klar.
Capras Filme sind quasi allesamt gekennzeichnet von Wesenszügen, für
die die meisten Filmemacher heutiger Tage bedingungslos attackiert werden würden:
Sentimentalität, übergroßes Gefühl und ein tiefes Harmoniebedürfnis.
Eigenschaften, die er in seinem 1946er Klassiker konsequent auf ihren Zenit
trieb, und aus denen er einen Film schuf, der, wäre er in unseren Tagen
entstanden und von einem anderen Filmemacher kreiert, vielleicht als "kitschnahes
Märchen" relativ schnell zur Randbemerkung in Filmtitelverzeichnissen
degradiert worden wäre, und nach seinen schwachen Einspielergebnissen drohte
seiner Zeit auch It's
A Wonderful Life
ein ähnliches Schicksal. Dass wir ihn heute als Klassiker des Kinos feiern
können, war einer Wiederentdeckung des Films durch die Aufhebung seiner
Urheberrechte zu verdanken, was es TV-Sendern ermöglicht, den Film kostenfrei
auszustrahlen.
Doch
dies allein hätte es sicherlich nicht bedingt, dass Frank Capras Meisterwerk
heute zu den populärsten und beliebtesten Filmen zählt. Vielmehr muss
man sich fragen, was genau es ist, das uns bei jedem Anschauen von It's
A Wonderful Life
immer wieder diese unsägliche und anhaltende Freude auf die Gesichter zaubert.
Begibt
man sich einmal allein auf der erzählenden Seite des Films auf die Suche
nach einer möglichen Beantwortung dieses in seinem Zustandekommen rätselhaften
Phänomens, dann fällt schon bei einer ersten Betrachtung auf, dass
die meisten Inhaltsangaben zu Capras Klassiker falsche, zumindest jedoch irreführende
Beschreibungen sind. Meist behandeln sie ausschließlich das letzte Drittel
des Werkes: Einem Mann, der unmittelbar vor dem Suizid steht, wird von einem
auf die Erde entsandten Engel gezeigt, wie die Welt ohne ihn ausgesehen hätte.
Diese Reduktion der durchaus weit vielschichtigeren Handlung ist darauf zurückzuführen,
dass jener letzte Abschnitt des Films wichtige Kernelemente seiner Botschaft
in sich trägt, und gleichzeitig fraglos zu den berühmtesten Filmsegmenten
überhaupt zählt. Allzu oft wird hierbei außer Acht gelassen,
wie wunderbar und bedeutend der deutlich größere Teil des Films vor
George Baileys beinahem Suizid ist. Unmittelbar nach der eingangs behandelten,
faszinierend schlichten Eröffnungsszene beginnt dieser schon, und dient
im Handlungszusammenhang der Informationssammlung für den zur Rettung Baileys
geschickten Engel Clarence. Die dann folgenden Szenen sind chronologisch geordnet
und folgen George Baileys Lebenslauf, von der frühen Kindheit, als er unter
tragischen Umständen auf einem Ohr ertaubte, über seine Abenteuer-
und Reiselust als junger Mann, bis hin zu seiner Übernahme des Familienbetriebes,
dem er immer treu bleiben sollte.
Gerade
in diesen ersten zwei Dritteln des Films erklärt sich ein Aspekt, in dem
eine immense Tragik und Außergewöhnlichkeit mitschwingt: Die Firma,
die Bailey nach dem Tod seines Vaters zu leiten beginnt (ein Unternehmen, das
der kleinen Leute von Bedford Falls Geld anlegt, es in den Bau von Häusern
für sie allgemein investiert, und ihnen dann die Zinsen auszahlt), war
für den jungen Mann eigentlich immer ein Gräuel. Er wollte, wie er
es immer wieder betont, den "Staub von seinen Füßen bekommen",
ein reicher Mann werden, die öde Kleinstadt hinter sich lassen, die Welt
sehen, und sei für die kleinbürgerliche Büroarbeit seines Vaters
sowieso nicht geeignet. Mehr noch, sie würde ihn sogar wahnsinnig machen.
In eine ausweglose Situation wird er dann aber getrieben, als sein Vater an
einem Schlaganfall verstirbt, und der habgierige, mit Georges Vater immer konkurrierende
Mr. Potter, reichster Mann von Bedford Falls, damit droht, das Familienunternehmen
aus dem Weg zu räumen, beziehungsweise vollständig in seine Hände
fallen zu lassen. George kann nicht anders, und übernimmt die Geschäftsführung
der Firma. Zum einen, um das Andenken an das Lebenswerk seines Vaters zu erhalten,
zum anderen, um nicht ganz Bedford Falls an den kalten Potter übergeben
zu müssen, der für die Bürger der Stadt kaum eine gutes Wort
übrig hat. Er arbeitet engagiert in der Firma, steckt viel Herzblut in
sie, und gewinnt die Sympathien zahlreicher Einwohner, während es ihn zur
selben Zeit mit Zorn und Missmut erfüllt, wenn er sieht, wie seine Jugendfreunde
im In- und Ausland herum kommen und viel Geld verdienen. George Bailey ist alles
andere als der geborene "barmherzige Samariter". Er ist ein tragischer
Held wider Willen, der von den ausgelassenen Chancen seines Lebens heimgesucht
wird, und ihnen voller Kummer nachtrauert, als eine nach der anderen wie eine
Seifenblase zerplatzt.
Beschlossen
wird Baileys Schicksal quasi endgültig, als er seine Jugendfreundin Mary
heiratet, und mit ihr eine Familie gründet - eine, die mit ihm ihr Leben
in Bedford Falls verbringt, wo Baileys Kampf für die Rechte der "Gewöhnlichen"
unermüdlich und doch immer zerfressener weitergeht, und noch darin gleichermaßen
bestärkt wie zerrüttet wird, als sein Unternehmen durch Perioden großer
finanzieller Schwierigkeiten gehen muss. Capras Akzentuierung des zweischneidigen
Empfindens von George Bailey ist meisterhaft. Immer wieder streut er kleine,
unscheinbare Szenen, in denen der beinahe als Volksheld der einfachen Leute
verehrte Bailey zu cholerischen Ausbrüchen neigt, Wut in sich hineinfrisst,
von Mr. Potter in Versuchung geführt wird, und beinahe zusagt. Bailey ist
dabei ein Charakter, mit dem wir unmittelbar mitfühlen können: Wir
verstehen zu jedem Zeitpunkt seinen Kampf mit sich selbst, mit der Verantwortung,
die er nun einmal hat, und den großen Wünschen und Visionen seines
Lebens, die sich nie erfüllen werden, obwohl sie ihm theoretisch offen
stünden.
In
einer Szene voller Brillanz und schauspielerischer Klasse gipfelt die Zerrissenheit
des Hauptcharakters: George hört neben seiner "platonischen"
Freundin Mary an einem Telefon mit, als diese mit ihrem außer Landes ein
Vermögen machenden Freund Sam spricht. Wie von einem unsichtbaren Band
gezogen immer näher an Mary herankommend, schreit George sie erst an, küsst
und umarmt sie aber nur ein paar Sekunden später. Nach ähnlichen Mustern
wird vieles im Film, was auf den ersten Blick sehr gewöhnlich und unbedeutend
erscheint, zum Symbol, beziehungsweise einer Projektion von Baileys innerem
Konflikt: Der von Gier besessene Mr. Potter wird zur nach außen gekehrten,
"verführbaren" und unsicheren Seite Baileys; die Rosenblätter
seiner Tochter Zuzu in seiner Westentasche zum Symbol seiner Gebundenheit an
die Stadt, seiner Liebe zur Einfachheit ihrer Menschen und der Verantwortung
gegenüber dem, was er geschaffen hat. Trotz ihrer zweifelsohne vielen zutiefst
gütigen Seiten, wird Baileys Kampf letztlich zu seinem Fluch: Als nach
einem dummen Missgeschick die Firma vor dem Konkurs steht, Spekulationen über
wissentliche Fehlangaben in seinen Bilanzbüchern aufkommen und die Polizei
praktisch schon bei den Baileys vor der Tür steht, wird George alles zu
viel. Endlos müde und ermattet von der ständigen Schlacht mit sich
selbst und den wirtschaftlichen Widrigkeiten, denen er nun scheinbar ohne Ausweg
gegenübersteht, beschließt er, "Gottes höchstes Geschenk",
wie es der Engel später einmal nennt, wegzuwerfen. Zum Sprung bereit steht
er auf einer kleinen Brücke in Bedford Falls; dem Gefängnis, das nun
sein Grab werden soll.
Ab
diesem Zeitpunkt beginnt der Teil des Filmes, in dem man ihn als eine "Ode"
bezeichnen darf: An das Leben, die Freude, die Menschlichkeit - an alles, was
da ist. Frank Capras Visionen und Ideale intervenieren in vollen Zügen,
als der Engel Clarence, witzig und etwas betulich, auf die Erde kommt, um George
vor dem Freitod zu bewahren. Spätestens mit Georges Äußerung
dahingehend, dass er wünsche, nie geboren worden zu sein, Clarence daraufhin
die himmlischen Kräfte anruft, dies möglich zu machen, und Sekunden
später ein Windstoß die Szenerie zerfegt, worauf Clarence etwas verächtlich
gen Firmament fragt, ob so ein Spektakel denn wirklich von Nöten sei, wird
uns ganz bewusst, dass hier niemand durch die eigene Hand sterben wird, dass
die nun folgenden Minuten zur Zelebrierung des Daseins, des "Lebendürfens"
werden. Unter diese Prämisse erscheinen uns die kommenden Szenen weniger
grauenvoll als sie sind, weil wir in uns bereits den aus zahllosen anderen Filmerlebnissen
formierten "Glauben" tragen, dass nun kein "schlimmes Ende"
mehr eintreten kann, darf und soll: Konsequent führt Clarence George durch
ein Bedford Falls, das den Namen "George Bailey" nie gehört hat.
Eine Stadt, zwischenzeitlich in "Pottersville" umbenannt, die ganz
und gar dem Bösen und der Gier verfallen ist. Nichts ist mehr so, wie George
es in Erinnerung hatte - die Armen, für die er sich Zeit seines Lebens
trotz allen Widerwillens immer einsetzte, leben unterhalb jeder Zumutbarkeit,
die wenigen Reichen sind noch mächtiger geworden und dort, wo er einst
die meisten der Häuser seiner Kunden hatte errichten lassen, steht nun
ein verlassener Friedhof. Bailey gelangt an dem Punkt an, an dem er nur noch
zurück möchte - sein Haus sehen, seine Frau und Kinder, die er im
Zorn und sie anschreiend verlassen hatte. Er will Weihnachten feiern; gleich,
ob mit oder ohne Haftbefehl gegen ihn, egal, ob reich oder bankrott. Er möchte
wieder leben.
Um
It's
A Wonderful Life
zu charakterisieren schrieb Capra einmal: "Ein Film, den Argwöhnischen,
Entmutigten und Desillusionierten; den Weinsäufern, den Drogensüchtigen,
den Prostituierten und denen hinter Gefängnismauern und Eisernen Vorhängen,
zu zeigen, dass kein Mensch ein Versager ist. Den körperlich oder geistig
zurückgeblieben Geborenen, den ältesten Schwestern, verdammt zum ewigen
Jungfernstand, und den ältesten Söhnen, verdammt zu ungeschulter Schwerstarbeit,
vorzuführen, dass eines jeden Menschen Leben so viele andere Leben beeinflusst
und bewegt. Und dass ein abscheuliches Loch entsteht, wenn er einmal nicht mehr
da ist." Wenn der Film in einer visualisierten Form dieses Umrisses kumuliert,
ergibt er eine Summe von endlosen Dingen, die Frank Capra auch als Person innewohnten:
Getragen von einem tiefen, alltäglichen und pragmatisch-selbstverständlichen
Katholizismus, einem unumstößlichen Einstehen für das Gute in
jedem Menschen und einer großen, aber herzerwärmenden Naivität
in der Gegenüberstellung seiner alles überschattenden und vereinnahmenden
Ideale und der Fürchterlichkeit des wahren Lebens, feiert It's
A Wonderful Life
die Schönheit des Lebens und die blanke Freude über das "Geborensein".
Er erreicht eine emotionale Wucht, die mich bei jedem Ansehen, immer wieder,
seit dem ersten Mal vor vielen Jahren, zu Tränen rührt, und gleichzeitig
ein Gefühl von Überzeugtheit evoziert. Eine freudige und zutiefst
glückliche Überzeugtheit davon, dass alles einen Sinn hat. Dass nichts,
was man tut, umsonst ist, dass man mit einigem in der Welt noch immer "rechnen
darf", und, dass stets ein "Weiter" existiert. Vielleicht hatte
Frank Capra ja wirklich mit vielem nicht Recht, vielleicht war er ein hoffnungsloser
Sentimentalist, Romantiker und großer Naiver. Aber wie reich wäre
doch die Welt, wenn auch nur ein bisschen mehr von "capraesker" Torheit
in ihr lebte?
Janis
El-Bira
Diese
Kritik ist zuerst erschienen in:
Ist
das Leben nicht schön?
(It's
a Wonderful Life, 1946)
Regie:
Frank Capra
Premiere:
20. Dezember 1946 (USA)
Drehbuch:
Frances Goodrich, Albert Hackett & Frank Capra
Dt.
Start: 16. Dezember 1961
Land:
USA
Länge:
130 min
Darsteller:
James
Stewart (George Bailey), Donna Reed (Mary Hatch-Bailey), Lionel Barrymore (Mr.
Potter), Thomas Mitchell (Onkel Billy), Henry Travers (Clarence Oddbody), Beulah
Bondi (Ma Bailey), Frank Faylen (Ernie Bishop), Ward Bond (Officer Bert), Gloria
Grahame (Violet Bick), H.B. Warner (Mr. Gower), Frank Albertson (Sam Wainwright),
Todd Karns (Harry Bailey), Samuel S. Hinds (Pa Peter Bailey), Mary Treen (Cousin
Tilly), Virginia Patton (Ruth Dakin)
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