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Iwans Kindheit
Am Ufer des Dnjepr greifen russische
Soldaten einen bis auf die Haut durchnäßten, vor Kälte zitternden
Jungen auf, den zwölfjährigen Iwan (Kolja Burljajew). Oberleutnant
Golzew (J. Sharikow) nimmt ihn ins Verhör, aber Iwan verweigert hartnäckig
jede Auskunft; stattdessen verlangt er, mit »51«, dem Chef der Aufklärung,
verbunden zu werden. Nur widerstrebend stellt Golzew die Verbindung her - tatsächlich
erweist sich, daß Iwan bereits erwartet wird und wichtige Nachrichten
über die Bewegungen und die Truppenstärke des Feindes zu überbringen
hat. Den Dnjepr durchschwimmend, hat er sich zu den russischen Linien durchgeschlagen:
eine Leistung, die Golzew und seine Leute in Staunen versetzt. - In kurzen Rückblenden
und Traumszenen wird mosaikartig die Vorgeschichte erzählt: Iwans Vater
ist schon zu Beginn des Krieges als Grenzsoldat gefallen; seine Mutter und seine
Schwester wurden wahrscheinlich umgebracht. Er selbst fiel in die Hände
der Deutschen; dem Todeslager, in dem er interniert wurde, konnte er unter traumatischen
Umständen entkommen. - Golzew bewundert den ungewöhnlichen Jungen
unverhohlen und schließt ihn in sein Herz, aber für menschliche Regungen,
so scheint es, hat Iwan nicht das geringste Verständnis. Er besteht auf
Pflichttreue und Einsatzbereitschaft: »Die Aufklärung ist die Seele
der Front.« Von Golzew betreut, legt er sich schlafen, um am nächsten
Morgen mit frischen Kräften seine gefahrvollen Operationen im feindlich
besetzten Gebiet wieder aufnehmen zu können. Inzwischen ist sein Freund
Cholin (W. Subkow), Hauptmann der Aufklärung, eingetroffen. Er besteht
darauf, den Jungen als Kundschafter aus der Schußlinie zu ziehen und auf
die Militärschule zu schicken. Iwan, der es im Hinterland nicht aushält,
wehrt sich gegen diesen Plan; er läuft davon, wird jedoch von den Soldaten
wieder eingefangen. Der Junge ist verzweifelt und beteuert in hilflosem Trotz,
er sei sein eigener Herr. - Andeutungsweise, durch traumartige Bilder in der
Schwebe gehalten, entwickelt sich eine Liebesgeschichte zwischen Cholin und
der jungen Mascha (W. Maljawina), die als Sanitätsoffizier an die Front
kommandiert wurde und sichtlich bemüht ist, ihre Rolle als Frau durch eine
strenge Pflichtauffassung zu kompensieren. Golzew und seine Leute kümmern
sich um Iwan; es entsteht sogar ein Streit in der Kompanie um die Frage, wer
den aufsässigen Jungen adoptieren solle. Der aber ist nur schwer unter
Kontrolle zu halten; er ist düster, verhält sich schweigsam und besteht
weiterhin darauf, gegen die Deutschen zu kämpfen: »Ihr kennt nicht
die Todeslager für Kinder!« Iwan begleitet eine Patrouille durch das nächtliche Sumpfgebiet
am Dnjepr; er ist unruhig, denn an den Bäumen am anderen Flußufer
hängen zwei von den Deutschen ermordete Partisanen. Er drängt darauf,
sie zu bergen und zu begraben. Während sie im Boot durch das seichte Wasser
gleiten, werden die Soldaten von den deutschen Stellungen unter Beschuß
genommen. Iwan bittet Cholin, ihn noch einmal hinter die feindlichen Linien
zu schicken, und schweren Herzens gibt der Hauptmann nach; der Junge verschwindet
lautlos in den Nebelschwaden am Fluß. - Golzew und Cholin sind in ihren
Unterstand zurückgekehrt und unterhalten sich bei Grammophonmusik, während
sich Mascha anschickt, Abschied zu nehmen - sie geht in ein Lazarett. Jäher
Szenenwechsel und Zeitsprung: dokumentarische Bilder zeigen den Sieg der Roten
Armee in Berlin, die deutsche Kapitulation, die Leichen der Goebbels-Kinder.
Sowjetische Soldaten sichten Gestapo-Akten: »Erschossen - hingerichtet
- erschossen ...« Unter den Fotos der Ermordeten ist auch das von Iwan.
*
Ein Versuch, den Film oder einzelne
seiner Teile als Abfolge von Bildern zu beschreiben, würde, was in der
Nacherzählung als »Handlung« erscheint, zerfallen lassen und
in eine Sequenz von Emotionen auflösen. Schon die Eingangsmontage ist dafür
ein schlagendes Beispiel. Die ersten Bilder zeigen eine ländliche Idylle
in tiefem Frieden, Iwan als Kind, behütet von seiner Mutter; ein Schmetterling
gaukelt im Wald, der Ruf eines Kuckucks ist zu hören. Abrupter Schnitt:
die Mutter liegt, mit dem Gesicht nach unten, auf dem Boden; die Stimme des
Jungen schreit: »Mama!« Extremer Szenenwechsel: eine trübe, lagunenartige Wasserfläche,
Dämmerlicht, schwarze Bäume; der durchnäßte und erschöpfte
Junge, der von den Soldaten aufgegriffen wird. - Diese Montage formuliert zunächst
nichts anderes als eine Antithese von Emotionen. Weitere Informationen ermöglichen
dem Zuschauer im Nachhinein eine Verklammerung der Sequenzen im Sinne epischer
Kontinuität: das Kind in den ersten Bildern ist identisch mit dem Jungen,
den wir in der Kriegssituation erleben. Aber das Wesen dieser Verklammerung
bleibt mehrdeutig. Was wie das Verhältnis zwischen erzählter Gegenwart
und Vergangenheit aussieht, könnte auch auf Gleichzeitigkeit deuten, auf
eine Traumvorstellung, eine Wunsch- oder Angstprojektion. Solche Ambivalenzen
unterwandern immer wieder die architektonische Logik der Fabel, ohne sie freilich
zum Einsturz zu bringen; sie verweben sich zu einer zweiten, emotionellen Struktur
des Films, die seinen erzählbaren Kern aufsprengt, ohne ihn zu zerstören.
Aber ist der »Kern«
dieses Films das Erzählbare - oder sind es nicht vielmehr, ähnlich
wie bei den Filmen Luis Buñuels, Bilder, die im Gedächtnis haften
bleiben, weil sie das Erzählbare durchschlagen, die Zeit- und Realitätsebenen
buchstäblich zerschneiden wie jene Kameraperspektive, die extrem steil
von oben einen Brunnenschacht erfaßt, gefolgt von einem nicht minder extremen
Gegenschuß aus der Tiefe des Brunnens nach oben, der die sonnenglitzernde
Wasserfläche durchbricht, während Wasser über den Brunnenrand
schwappt, auf die Gesichter Iwans und seiner Mutter zuschießend - seiner
Mutter, die in der nächsten Einstellung leblos neben dem Brunnen liegen
wird? Die traumatische Substanz dessen, was Iwan erlebt hat, ist das Nervenzentrum
dieses Films - und der Film selbst das Abbild einer Erschütterung, das
sich der Struktur einer Geschichte insoweit bedient, als sie erforderlich ist,
um zu zeigen, wie namenloses Leid in einem Menschen versteinern kann und von
nun an sein Denken, sein Handeln, seine ganze Existenz bestimmt. Ein Leid, das
Iwan auch beim Anblick von Dürers Apokalyptischen Reitern nur an die Verbrechen
der Deutschen denken läßt: »Sieh mal, wie sie auf dem Volk
herumtrampeln.« Eine Trauer, in der sich über die groß fotografierten
Stilleben - flackerndes Feuer, Holzscheite, eine Wasserschüssel; das Brot,
neben dem die Pistole liegt - schon in diesem frühen Film die Schwermut
des Allegorischen senkt. Ein Schmerz, der in der Natur seinen Spiegel sucht
und sie in melancholisches Grau taucht wie jenen Birkenwald, in dem Cholin und
Mascha von ihrer Liebe träumen. Cholin umfängt Mascha, breitbeinig über einem Graben
stehend, während sie, über dem Bodenlosen schwebend, in seinen Armen
hängt: »Ein Kuß am Grabe« [zit.n. Hans Stempel, in: Filmkritik, Nr. ll/1963, S.537] - so hat Tarkowskij selbst
diese kunstvolle Metapher einer mißlingenden, unmöglichen Liebe interpretiert.
Die Gegenbilder von Sommer, Licht
und Glück, die Bilder der kleinen Schwester am Fluß, die Erinnerung
an einen Strand mit Äpfeln, die von schwarzen Pferden gefressen werden,
das Bild der Mutter zwischen Wald und Haus - diese Bilder, ob Traumvisionen
oder sehnsüchtig zurückgewünschte Vergangenheit, sind das unwiderruflich
Nicht-Existente: das, was der Krieg zerstört hat und was es für Iwan
nie wieder geben wird. Zugleich aber sind diese Bilder tief in Iwan eingesenkt;
nur sie erklären seinen strengen, nahezu übermenschlichen Ernst, seine
federnde, angespannte Wachsamkeit; nur sie lassen vermuten, daß in diesem
verstörten, seine Verstörung mit Härte niederkämpfenden
Jungen ein sensibler Mensch heranwächst, der - gäbe es nicht den Krieg
- zu einem glückhaften und produktiven Leben berufen wäre.
Tarkowskij ging es in seinem ersten
großen Film, wie er selbst sagte, um »die Geschichte eines Charakters,
der vom Krieg geboren und von ihm verschlungen wird«
[zit. n. Stempel, a. a. O., S. 529]. Als Antikriegsfilm und »Bild einer vom Krieg zerstörten
Kindheit« [Enno Patalas, in: Kölner Stadt-Anzeiger vom 6. September
1962], als
apokalyptische »Beschwörung der Todesfelder« [Robert
Benayoun, in: Positif, Nr. 48, Oktober 1962, S.38] und »furchtbarste Entmythologisierung des Krieges, die
sich denken läßt« [Karl Korn, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13. November
1963 (Nr.264)] wurde der Debütfilm des Russen 1962 von der westlichen Presse
rezipiert. Hans-Dieter Roos wies allerdings mit Recht darauf hin, Tarkowskij
habe nicht die Absicht verfolgt, den Krieg realistisch aufzuzeichnen. »Der
Film ist konstruiert, mehr noch, er stilisiert den Krieg auf eine ungewöhnliche
Weise - um einer bestimmten Idee willen.«
[Hans-Dieter Roos, in: Süddeutsche Zeitung vom 7. November 1963]. Die formale Anlage des Films erweise
sich bei näherem Hinsehen »als eine Folge von gefährlich effektvollen
Montagen«, sie sei vom Regisseur beabsichtigt. Hans Stempel wandte gegen
den Film ein, die Charaktere der Soldaten und Offiziere seien »nicht frei
von einer Bilderbuchfreundlichkeit, die dem Kriegszustand kaum entsprechen dürfte«
[Stempel, a. a.0., S. 531].
Selbst Iwans Rolle erwecke »Sympathie, die nicht immer frei ist von Anerkennung
für sein Verhalten«. Dies erkläre, daß Iwan in der Sowjetunion
teilweise als »Wunderkind« mißverstanden werde.
Vielleicht aber war auch für
Tarkowskij dieser schmächtige Junge eben dies: ein Wunderkind - wenn auch
nicht gerade im Sinne der patriotischen Werbung von Sowexport. Zweifellos ist
IWANS KINDHEIT auch ein Film gegen den Krieg. Überblickt man jedoch das
schmale, aber so komplexe Gesamtwerk des Regisseurs als einen Kontext, in dessen
Rahmen Ideen reifen, sich wandeln oder eine neue Gestalt annehmen, so verliert
die antimilitaristische Tendenz des Films im Nachhinein an Gewicht. Wenn Tarkowskij,
wie Roos schon 1962 feststellte, den Krieg »um einer bestimmten Idee willen«
in ungewöhnlicher Weise stilisiert hat, so ist heute im Licht der späteren
Filme nach dem Impetus dieser Stilisierung zu fragen. Einige Elemente weisen
darauf hin, daß im Debütfilm eine im Verhältnis zum antimilitaristischen
Engagement allgemeinere Idee in nuce angelegt ist, die in der weiteren Entwicklung
schärfere Konturen erhalten wird.
Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang
das tarkowskijsche »Schlachtfeld«, die Kriegsszenerie im engeren
Sinne. Die Patrouille an den Ufern des Dnjepr bahnt sich ihren Weg durch ein
Sumpfgebiet mit seichten Gewässern und schwarzen, verkohlten Bäumen,
deren Umrisse unheimliche Figuren in das trübe Dämmerlicht zeichnen;
die Bilder sind in ein dickflüssiges, gleichsam mit Händen greifbares
Grau getaucht, ein Grau zwischen Nacht und Tag, durch das gespenstisch die weißen
Streifen der Leuchtraketen schießen. Aus dem brackigen Wasser ragt das
Wrack eines deutschen Flugzeugs. Eine Lagunenlandschaft zwischen Realität
und Irrealität, in der sich die Menschen wie Schatten bewegen, mit dem
Grau zu verschmelzen scheinen; die Spiegelungen im Wasser, die gedämpften
Geräusche, die tropfenden Klavierklänge, wenn sich Iwan von der Gruppe
entfernt, verstärken die Stimmung einer abgründigen Traurigkeit im
Augenblick höchster, existentieller Gefahr. Eine Krisensituation. In einer
früheren Szene, die einen deutschen Angriff zeigt, arbeitet Tarkowskij
mit ähnlichen Effekten; vom Himmel regnet es Staublawinen; mitten im Birkenwald
ragt ein Kreuz und formt vor der aufblitzenden Sonne ein Zeichen tragischen
Widerstands.
Sumpfige Flußlandschaften,
Moor und Morast, nebelverhangene oder regenverschleierte Gefahrenzonen werden
in Tarkowskijs Filmen immer wieder auftauchen. In ANDREJ RUBLJOW symbolisieren
sie das mittelalterliche, von Tataren heimgesuchte Rußland, in DER SPIEGEL
die übermenschlichen Anstrengungen des Großen Vaterländischen
Krieges, in OPFER schließlich den Zustand einer endzeitlichen, von der
nuklearen Auslöschung bedrohten Welt. Es sind Territorien der Krise, »Zonen«,
durch die Menschen wie der Stalker, anachoretische Figuren wie Andrej Rubljow
oder Alexander in OPFER ihre einsame Spur ziehen. In IWANS KINDHEIT sollte nach
Tarkowskijs ursprünglichen Vorstellungen der sowjetische Kommandostand
»in einer bizarr aussehenden keramischen Fabrik untergebracht werden.
Während der ganzen Zeit des Artilleriebeschusses sollte ein menschenleeres
Bild schmalspuriger Gleise gezeigt werden, auf denen sich Loren, beladen mit
Halbfabrikaten, unter dem Einfluß der Explosionswellen verschieben.«
[zit. n. Stempel, a. a. O., S. 531] Ein Konzept, das bereits die bizarren Dekompositionen der Zone
in STALKER ahnen läßt - Topografie und Inventar einer Krisenlandschaft.
Wenn es zutrifft, daß Tarkowskijs
Fantasie schon in den Anfängen von jenen Topoi dantesker Stimmungen eingefangen
war, auf die er sich in DER SPIEGEL ausdrücklich mit einem Zitat aus der
Divina Commedia beruft, dann ist in IWANS KINDHEIT
der Krieg nur die aktuelle Erscheinungsform einer grundlegenden, allgemeineren
Menschheitskrise. Über Krisensituationen hat der Regisseur immer wieder
nachgedacht. In seinem Buch Die Versiegelte Zeit fragt er sich, warum man im modernen Rußland den Zustand
einer geistigen Krise so sehr fürchte. Lebensgeschichtlich ist für
ihn, den Adepten Dostojewskijs, die Krise »immer ein Zeichen von Gesundheit.
Denn meiner Meinung nach bedeutet sie einen Versuch, zu sich selbst zu finden,
einen neuen Glauben zu erlangen.«
[Tarkowskij, a. a.0., S.220] In den frühen Filmen ist dieses therapeutische Krisenverständnis
noch diesseitig und lebensnah. Gewiß endet IWANS KINDHEIT tragisch, mit
dem physischen Tod des Helden - lebendig aber bleiben die Potenzen, die in Iwan
angelegt sind und anderen Menschen helfen können, zu sich selbst zu finden.
So betrachtet, ist Iwan zwar alles
andere als ein positiver Held nach dem Zuschnitt des sowjetischen Kriegsfilmpatriotismus
- aber er ist auch keinesfalls das vom Haß zerstörte und zum Roboter
denaturierte Kind, als das ihn westliche Kritiker gezeichnet haben. [Als
»ein vom Haß zerstörtes Kind«, das »dem Krieg verfallen«
und dessen »Knabenseele vergiftet« sei, wurde Iwan z. B. von Karl
Korn, a. a.0., dargestellt.]
Tatsächlich eröffnet Iwan die Reihe jener »Wunderkinder«,
die in fast allen Filmen Tarkowskijs das Prinzip des »Guten«, die
Kraft des Widerstands, die Idee eines »neuen Menschen«, ja Errettung
und Erlösung verkörpern. In dieser Vision des Kindes gibt es eine
diesseitig-materialistische Komponente, die in den frühen Filmen noch sehr
lebendig ist: sie verbindet Iwans strengen Ernst und furchtlose Entschlossenheit
mit den Eigenschaften des Glockengießers Borischka in ANDREJ RUBLJOW (gespielt
von dem nun vier Jahre älteren Kolja Burljajew), während eine metaphysisch-heilsgeschichtliche
Linie zu den Kinderfiguren und -motiven in STALKER, NOSTALGHIA und OPFER führt.
Alle stummen, kranken, behinderten oder ermordeten Kinder sind in Tarkowskijs
Vorstellung auch Ebenbilder des Jesuskindes und
deuten auf seine Mission; dies erklärt übrigens, warum sich unter
den wenigen dokumentarischen Bildern aus dem eroberten Berlin das Foto mit den
fünf vergifteten, von den Eltern sinnlos geopferten Goebbels-Kindern findet.
Jean-Paul Sartre hat in einer
berühmt gewordenen Erwiderung auf die Kritik der L'Unità - der Zeitung der italienischen Kommunisten, die Tarkowskij kleinbürgerlichen
Formalismus vorgeworfen und damit eine Kehrtwendung in den stalinistischen Dogmatismus
vorgenommen hatten - die Tragik der Geschichte beschworen, die in diesem Film
schmerzhaft bewußt werde: selbst wenn die Menschheit weiterhin ihren großen
Zielen zustreben und die Nachwelt das Vermächtnis der Toten erfüllen
werde, bleibe ein Schicksal wie das des Kindes Iwan eine Frage ohne Antwort,
ein tragischer Riß in der Welt und im Leben der Menschen. Doch auch Sartre
sah die hellen Seiten Iwans, die, vom Krieg fast abgetötet, dennoch weiterschwingen
und die Menschen um ihn herum tief berühren: »Tatsächlich repräsentieren
die lyrischen Elemente des Films, der aufgewühlte Himmel, die stillen Gewässer,
die endlosen Wälder auch das Leben Iwans, die Liebe und die Lebenswurzeln,
die ihm verweigert sind; das, was er einmal war; das, was er noch immer ist,
ohne sich jemals daran erinnern zu können; das, was die anderen in ihm
und um ihn herum sehen und was er nicht mehr sehen kann. Ich kenne nichts Bewegenderes
als diese lange, unendlich langsame, zum Zerreißen gespannte Sequenz am
Fluß: trotz ihrer Angst und ihrer Unsicherheit (war es richtig, ein Kind
solchen Gefahren auszusetzen?) sind die Offiziere, die ihn begleiten, von verzweifelter,
erschreckender Zärtlichkeit erfüllt.« [Jean-Paul Sartre: Discussion sur la critique ä propos de
L'enfance d'Ivan, in: Andrei Tarkovsky. Etudes cinematographiques Nr.135-38. Paris: Minard 1983, S.10f.]
Von einer Zärtlichkeit trotz
aller Verzweiflung und aller Schrecken: vielleicht besteht darin der Sinn des
Opfers, dessen Geschichte dieser Film erzählt.
Klaus Kreimeier
Dieser Text ist
zuerst erschienen in: Andrej Tarkowskij; Band 39 der (leider eingestellten) Reihe Film, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek
von Peter W. Jansen und Wolfram Schütte im Carl Hanser Verlag, München/Wien
1987, Zweitveröffentlichung in der filmzentrale mit freundlicher Genehmigung
des Carl Hanser Verlags.
Iwans Kindheit
IWANOWO DETSTWO
UdSSR 1962. Regie: Andrej Tarkowskij- Buch: Wladimir Bogomolow,
Michail Papawa, nach Motiven der Erzählung Iwan von Wladimir Bogomolow. - Buch-Mitarbeit: E. Smirnow. - Kamera:
Wadim Jusow. - Schnitt: Ljudmila Fejginowa. - Ton: I. Selenzowa. - Musik: Wjatscheslaw
Owtschinnikow; Dirigent: E. Chatschaturjan. - Bauten: Jewgenij Tschernjajew.
- Maske: L. Baskakowa. - Regie-Assistenz: G. Natanson. - Spezialeffekte: W.
Sewastjanow, S. Muchin. - Militärische Beratung: G. Gontscharow. - Redaktion:
E. Smirnow. - Darsteller: Kolja Burljajew (Iwan), Walentin Subkow (Cholin),
J. Sharikow (Galzew), S. Krylow (Katasonow), Nikolaj Grinko (Grjasnow), W. Maljawina
(Mascha), Irma Tarkowskaja (Iwans Mutter), D. Miljutenko (Alter Mann), Andrej
Michalkow-Kontschalowskij (Soldat), Iwan Sawkin, W. Marenkow, Wera Mituritsch.
- Produktion: Mosfilm. - ProduktionsIeitung: G. Kusnezow. - Drehzeit: 15.6.1961-18.1.1962.
- Format: 35 mm, sw. – Original-Läne: 97 min. – Deutsche Länge: 95
min. - Uraufführung: April 1962, Moskau. - Erste Aufführung außerhalb
der UdSSR: Oktober 1962, Filmfestspiele Venedig. – Deutsche Erstaufführung:
24.10. 1963. - Verleih: Die Lupe (35 mm, 16 mm); Bundesarbeitsgemeinschaft für
Jugendfilmarbeit und Medienerziehung (16 mm).
Tarkowskij übernahm das Projekt nach einer Verordnung des
Generaldirektors des Studios Mosfilm vom Regisseur E. Abalow, der die Dreharbeiten
einstellen mußte. In Zusammenarbeit mit Wladimir Bogomolow entwickelte
Tarkowskij ein neues Drehbuch.
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