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Jackass
– The Movie
Spaß-Guerilla
macht Gymnastik
Johnny
Knoxville hat mit "Jackass" eine Show für MTV geschaffen, in
der sich junge Männer freiwillig Verletzungen zufügen - weil der Körper
die Extremform von Party ist. Jetzt gibt es die Selbstkasteiungen gegen ein
Wohlstandsleben auch als Kinofilm
Eine
kurze Szenenabfolge in willkürlicher Reihung: 1. Ein Mann wird mit einem
ans Bein gebundenen, blutigen Stück Fleisch an einer Seilwinde über
einem Aligatorbecken heruntergelassen. Die Tiere riechen den Köder und
versuchen nach der Beute zu schnappen. Irgendwann erwischen sie das Fleisch
- und das Bein des Opfers. Der fällt schließlich ins Wasser und muss
fliehen. 2. Eine Gruppe gut gelaunter junger Männer sitzt in einer Sushibar
und zieht sich Wasabi-Portionen durch die Nase rein. Höhepunkt ist, wenn
einer schließlich in die Kamera kotzt. 3. Dieselbe gut gelaunte Gruppe
junger Männer zündet eine Feuerwerksrakete im Arsch eines Freiwilligen.
Dasselbe passiert gleich darauf nochmal mit den Genitalien. 4. Johnny Knoxville,
"Mr. Jackass" höchstpersönlich, macht seine Brust frei und
lässt sich aus nächster Nähe mehrmals mit einer Anti-Riot-Waffe
beschießen, bis ihm die Tränen kommen. Einige Tage später sitzt
er wieder vor der Kamera und zeigt seine Blutergüsse, die inzwischen zu
respektabler Größe angewachsen sind und eine beachtliche Farbskala
abdecken. Er freut sich.
Verletzungen
ohne Trauma: Was jedem Amerikaner heute wie ein utopischer Zustand vorkommen
muss, praktiziert in "Jackass: The Movie" ein Haufen Berufsjugendlicher
als Akt ultimativer Selbstermächtigung. Es ist ein Schmerz, den ihnen niemand
nehmen oder auch keine Regierung diktieren kann; der nur ihnen gehört -
darum ist er in letzter Konsequenz auch so befreiend. Und darum muss man ihn
vor der Kamera so pornografisch ausstellen.
Das
Phantasma körperlicher Unversehrtheit ist ihr eigentliches Trauma, und
so wird die Verletzung des eigenen Körpers zum spektakulären Protest
gegen die Taubheit der Gesellschaft. Dieses Verhalten ist mit den gesellschaftlichen
Vorstellungen kaum noch vereinbar. Schon deshalb bleibt der Öffentlichkeit
keine andere Wahl, als das Spektakel entweder als pubertär (und damit als
noch sozial formbar) oder in diffamierender Weise schlicht als krank abzukanzeln.
Das eigentlich Befreiende der "Jackass"-Methode ist, dass sie sich
ethischen Wertekategorien entzieht, weil sich die verspielte Aggression längst
gegen den eigenen Körper gerichtet hat. Der Bruch mit einem moralischen
Konsens liegt allenfalls noch in der Sichtbarmachung dieser eher privaten Praktiken
von Autoaggression. Der Körper ist die Party!
Vielleicht
musste "Jackass" wirklich erst als 87-minütige Vollversion in
die Kinos kommen, um den wahren Sinn seiner Existenz zu offenbaren. Als MTV
1999 das Konzept einer Reality-Stunt-Show in Auftrag gab, hätte wohl niemand
absehen können, wie sehr man mit dieser Idee den Nerv der MTV-Generation
getroffen hatte. Sadismus und Masochismus sind natürlich nicht erst seit
gestern eine Begleiterscheinung der medialen Unterhaltungskultur, angefangen
von der "Gong Show" in den 70er-Jahren über die kulturspezifisch
verschärfte Form japanischer Brutalo-Gameshows (Takeshi Kitanos Adventure
Show "Takeshis Castle" war da lediglich eine softe Variante) bis hin
zum "Reality TV"-Boom im Fernsehen Mitte der 90er.
Was
Johnny Knoxville & Co (der Vollständigkeit halber: Bam Margera, Chris
Pontius, Steve-O, Dave England, Ryan Dunn, Jason "Wee Man" Acuña,
Preston Lacy and Ehren McGhehey) in "Jackass" veranstalteten, übertraf
jedoch alles, was in den Jahrzehnten zuvor immer wieder als "Untergang
der Fernsehkultur" prophezeit worden war. Die Zurschaustellung von Selbstverstümmelungen,
Extrem-Stunts, Fäkalhumor und entwürdigende Situationskomik als bloße
Nummernrevue ist kalkuliertes Antifernsehen par excellence. Der Aufschrei von
Jugendschützern konnte dabei von MTV immer erfolgreich abgewiegelt werden,
denn "Jackass" ist kein Brainchild cleverer Jugendkulturindustriemanager
oder ein bizarres Nebenprodukt von "Reality TV", sondern es hatte
sich selbst aus einer eher harmlosen Jugendkultur heraus entwickelt: der Skateboard-Szene.
Aber
auch wenn "Jackass" lange nur als subkulturelles, szenisch kodiertes
Phänomen verstanden wurde, zeigt der Erfolg der Serie und des Films in
Amerika (in den USA verdrängte "Jackass: The Movie" die zweite
"Star Wars"-Episode von der Spitze der Box-Office-Charts), auf welch
breites Verständnis der Humor - oder "Humor"? - von Knoxville
& Co inzwischen trifft. Die Keimzelle dieses Phänomens liegt in den
Skatevideos von CKY (Camp Kill Yourself), einer kalifornischen Skatepunk-Band,
in der der Bruder von "Jackass"-Mitinitiator Bam Margera irgendein
Instrument hielt. Margera, ein professioneller Skater, hatte in der Szene durch
seine halsbrecherischen Stunts bereits einen Namen, und das Franchise von schnellem
Hardcore und brutalsten Skate-Unfällen stellte sich als so brilliante Marketingstrategie
heraus (diese Art von Skate-Compilations erfreuen sich in den USA ähnlich
großer Beliebtheit wie "Crash Car"- und "Monster Truck"-Videos),
dass erst zwei Skatevideos und später die Idee einer MTV-Show folgten.
Für "Jackass" musste das Schema der CKY-Videos nur geringfügig
überarbeitet werden. Selbiges gilt jetzt für den Kinofilm.
Das
Konzept ist so einfach wie ökonomisch, und vielleicht hat "Jackass"
sogar die Bilder, nach denen die "Dogma"-Filme immer gesucht haben,
in höchster Vollendung. Im Kino entfaltet sich die Lust an der Redundanz
und Sinnlosigkeit auch erst zu großer Konzeptkunst. Als Kinoversion ist
"Jackass" formal so radikal wie man es auf der großen Leinwand
bisher selten gesehen hat: neun Personen (nicht zu verwechseln mit Charakteren),
null Handlung, keine künstliche Dramaturgie (natürliches Licht), filmisch
gegen jede Regel und umgeben von einer Aura der Unverfälschtheit.
Man
könnte "Jackass: The Movie" leicht für eine Zumutung halten,
aber zugleich lässt sich auch etwas Symptomatisches in der Existenz des
Films erkennen. Jenseits einer Wertigkeit von Zeit und (Film-)Material manifestiert
sich in der Kinoversion die Antithese zum neoliberalen Paradigma der Effizienz.
Hemmungslose Ressourcenverschwendung verweist in einem, will man "Jackass"
dieses unterstellen, konzeptualen Rahmen auf klassisches Art-Prankstertum, etwa
die Geldverbrennung durch die Popgruppe KLF Anfang der 90er. Hier schließt
sich der Kreis zu den CKY-Videos, auf denen das Repertoire früh von absichtlich
herbeigeführten Skatecrashs zu Prank Calls und ähnlichen Streichen
erweitert wurde.
Henri
Bergson beschrieb 1901 in "Das Lachen" Komik als einen mechanischen
Prozess. Er entstehe aus einer Mechanisierung des Lebens; gleichzeitig funktioniere
ein Witz nach gewissen Schemata, die er nur geringfügig variiere. Aufbauend
auf Bergson (und ihn letztlich widerlegend) schrieb der holländische Soziologe
Anton C. Zijderveld Anfang der 80er, dass Humor utopische Qualitäten besäße,
er wäre im Gegenteil "something living in something (institutionally)
mechanical". Im Verhältnis von Bergson und Zijderveld lässt sich
zumindest ein wenig auch das Spezifische des "Jackass"-Humors bestimmen.
Innerhalb einer schematischen Komiksituation ist die Unvorhersehbarkeit, mit
der Knoxville & Co in den öffentlichen Raum eindringen, ihr erratisches
Verhalten, eine Art utopisches Moment: "something living". Die permanent
eingeworfene Warnung "Do not attempt this at home" dient in diesem
Zusammenhang als Zertifikat einer "Dogma"-ähnlichen Unmittelbarkeit.
Noch
faszinierender ist "Jackass: The Movie" allerdings als sozialdemografisches
Phänomen. "Jackass" ist ein hermetischer Raum, dessen soziale
Ordnung keinerlei repräsentativen Anspruch mehr hat. Schwarze, Hispanos
und andere amerikanische Ethnien kommen in den Streichen genauso wenig vor wie
Frauen. Dieser südkalifornische Mikrokosmos weißer, männlicher,
heterosexueller Vorstadtjungs funktioniert außerhalb jeglicher Erklärungsmuster
- weder psychologischer noch historischer oder "künstlerischer".
Das macht das Konzept so unangreifbar. Die Erniedrigungen und Unterwerfungen
richten sich hier nicht mehr gegen Minderheiten, sondern - wie in einem Akt
der Selbstkasteiung für das eigene, mediokre Mittelklasseleben - nur noch
gegen sich selbst.
Die
Freiheiten, die sich daraus für Knoxville und seine Posse ergeben, sind
unglaublich. Die peinigende - und auf einem pervertierten Niveau nicht einmal
unoriginelle - Langweile erstreckt sich in eine Öffentlichkeit, die auf
solcherlei normwidrige Ausbrüche keine Antworten und Maßregelungen
mehr kennt. Schmerz ist hier nur noch Hervorbringung von "zu viel Zeit"
(die man ja irgendwie totschlagen muss) und die Entfremdung von alltäglichen,
mal mehr, mal weniger überflüssigen Konsumprodukten. So wird in "Jackass:
The Movie" ein Spielzeugauto anal eingeführt, es gibt Disziplinen
wie "Ventilator-Hochsprung", "Sweaty Fat Fucks" und "Offroad-Tätowieren"
- Tätowieren im Geländewagen (Letzteres mit Henry Rollins). Knoxville
und Co. bringen den Schmerz der Überschussgesellschaft zum Vorschein.
Es
gibt einige gute Gründe, "Jackass" oder die "Tom Green Show"
als relevante Form von zeitgenössischer Comedy zu begreifen. Der soziale
Defekt der "Jackasses" führt sie, ähnlich wie Green, immer
wieder zurück ins Elternhaus. Das Thema der Erniedrigung des Vaters durchzieht
den gesamten Film: In einer Szene stürmen sie nachts das Klo und reißen
dem dort sitzenden Vater unter Brüllen das Hemd vom Körper. Ein Verhalten,
dem keine padägogische Maßnahme mehr entgegenzusetzen ist. "Jackass"
ist antiautoritäres Kino in seiner regressivsten Form, und das ist heute,
bei allem Kulturpessimismus, den der Film in jeglicher Hinsicht bestätigt,
auch wieder nötig.
Andreas
Busche
Diese
Kritik ist zuerst erschienen in der: TAZ
Jackass
- The Movie
USA
2002 - Regie: Jeff Tremaine - Darsteller: Johnny Knoxville, Bam Margera, Chris
Pontius, Steve-O, Dave England, Ryan Dunn, Jason "Wee Man" Acuña,
Preston Lacy, Ehren McGhehey - FSK: ab 18, nicht feiertagsfrei - Länge:
85 min. - Start: 27.2.2003
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