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Jahr
2022 - Die überleben wollen
Gegen die Wand
...
Thorn:
"I know, Sol, you've told me
a
hundred times before. People
were
better, the world was better..."
Sol:
"Ah, people were always lousy.
But
there was a world, once."
Die Substanz gewordene Möglichkeit
einer fiktiven, grausamen Verlängerung der Gegenwart - der von damals oder
der von heute -: das ist Richard Fleischers "Soylent Green". Fleischer
hatte sich immer wieder mit dem Genre des Sciencefiction befasst, in
"20.000 Meilen unter dem Meer" (1954) und zwölf Jahre später
in "Die phantastische
Reise". Als in den 70er Jahren allmählich
immer mehr Menschen ein Gespür dafür entwickelten, dass der Raubbau
an den natürlichen Ressourcen schrecklich ende müsse, wenn man ihm
nicht Einhalt gebot, entwickelten sich natürlich auch die ersten Schreckensszenarien.
Kaum eines dieser Szenarien ist düsterer als "Soylent Green"
- und hat vor allem an Aktualität kaum etwas verloren.
New York, 2022. Die Stadt der
Städte ist eine Wüstenei in jeder Hinsicht geworden. 40 Millionen
Menschen drängen sich neben unzähligen Autowracks in den Straßen,
Müll, in verpesteter Luft; sie schlafen, weil sie keine Wohnungen haben,
in den Treppenhäusern derjenigen, die noch eine Wohnung oder auch nur ein
heruntergekommenes Loch besitzen, das sich Wohnung nennt. In einer dieser eher
schlechteren Wohnungen haust Detective Thorn (Charlton Heston), zusammen mit
dem steinalten Sol Roth (Edward G. Robinson in seiner letzten Rolle; er starb
kurz nach den Dreharbeiten). Sol ist nicht etwa ein Mitmieter, nein, er gehört
zu jenen "Inventar" titulierten Menschen, die bei Wechsel des Mieters
oder Eigentümers wie die Möbel weitervermietet werden. Sol ist so
eine Art "Polizeibuch", einer, der Thorn bei dessen Ermittlungstätigkeit
unterstützt. Sol kennt noch die Welt von früher, Wiesen, rauschende
Bäche, Berge, das Meer, Natur, eben. Thorn ist in eine Welt geboren, die
das alles und viel mehr nicht mehr gesehen hat.
Als Sich Thorn, der eigentlich
bei der Aufstandsbekämpfung eingesetzt wird, eines Abends wieder einmal
durch zahlreichen schlafenden Armen im Treppenhaus hindurch geschlängelt
hat, wird er in das Haus einer jener wenigen Reichen geholt, die im Luxus leben.
Der Mann heißt Simonson (Joseph Cotton) und ist erschlagen worden. Seinen
Leibwächter Tab Fielding (Chuck Connors) und sein "Inventar"
Shirl (Leigh Taylor-Young) hatte er kurz zuvor zum Einkauf frischer Lebensmittel
geschickt, die nur noch für Reiche erschwinglich sind. Ein paar Erdbeeren
kosten etwa um die 150 Dollar. Alle anderen, die etwas besser lebenden Menschen
wie Thorn, aber vor allem die Millionen Armen bekommen aus Plankton hergestellte
Nahrung, die ein Konzern mit dem Namen Soylent vertreibt. Es handelt sich um
rote, gelbe und seit neuestem grüne plättchenförmige Nahrungsmittel,
die rationiert ausgeteilt werden.
Thorn spürt sofort, dass
es sich nicht um einen Raubmord, sondern um eine regelrechte Hinrichtung gehandelt
hat. Unschwer ermittelt er, dass der ehemalige Politiker Simonson zusammen mit
dem derzeitigen Gouverneur Santini (Whit Bissell) in einer Anwaltskanzlei tätig
war und beide auch im Aufsichtsrat von Soylent saßen. Thorn findet zwei
Bücher über Soylent in Simonsons Wohnung, und auch sonst lässt
er noch einiges mitgehen - vor allem frische Lebensmittel und Schnaps. Last
but not least betrachtet er auch Shirl als sein Inventar und beginnt mit ihr
eine wenn auch kurze Beziehung. Verdächtig erscheint ihm vor allem der
Leibwächter Tab. Und als Pater Paul (Lincoln Kilpatrick), bei dem Simonson
kurz vor seinem Tod gebeichtet hatte, im Beichtstuhl ermordet wird, nachdem
Thorn ihn zuvor vergeblich nach dem Inhalt der Beichte befragt hatte, steht
für den Polizisten fest: Hier ist jemand ermordet worden, der zu viel über
etwas wusste, was niemand erfahren darf.
Und: Thorn selbst wird observiert
und entkommt nur knapp einem Mordanschlag. Obwohl ihm sein Chef Hatcher (Brock
Peters) mitteilt, auf Anordnung von ganz oben müsse er die Akte Simonson
schließen, ermittelt Thorn weiter - und stößt auf ein grausiges
Geheimnis ...
"Soylent Green" - mit
dem dümmlichen deutschen Titel "Jahr 2002 - Die überleben wollen"
- beginnt düster, verläuft düster und endet düster, und
das in einer Zeit des Umbruchs und der Euphorie jener 70er Jahre, in denen viele
an vielen Orten von einer neuen Welt träumten. So ist denn der Plot selbst
- die Aufdeckung der Hintergründe des Mordes - auch "nur" ein
wesentlicher Teil der Geschichte. Vor allem nämlich besticht "Soylent
Green" durch die Inszenierung einer Welt des Grauens. Millionen Menschen
leben in bitterer Armut - widerstandsunfähig und abhängig von einem
Mammutkonzern, der sie füttert, einer Staatsmacht, die sie in Schach hält,
und Medien, die im wesentlichen Propaganda für den Konzern und die Staatsmacht
veranstalten. New York ist zum Sinnbild der Apokalypse degeneriert - eine dahin
siechende Metropole des Verfalls. Etliche Menschen werden nicht nur als "Inventar"
gehandelt; die meisten der Millionen vegetieren im wahrsten Sinn des Wortes
dahin.
In einer Szene räumen die
"Sicherheitskräfte" mit Schaufelbaggern protestierende Menschen
weg, als wenn es sich um Müll handeln würde. Der Staat hat für
des Lebens überdrüssig gewordene, aber wohl auch für "ausgedientes
Inventar" eigens eine Art Euthanasie-Institution geschaffen. Dort kann
man sich einschläfern lassen. Und einer zumindest tut dies freiwillig,
nachdem er von den Hintergründen des Mordes an Simonson erfahren hat: Sol.
Er, der die Welt von früher noch kennt, will nicht mehr leben. Die Welt
von "Soylent Green" kennt keine blühenden Landschaften, keine
Wiesen, keine Blumen, keine singenden Vögel - sie kennt nichts außer
dem Abfall, dem Zusammenbruch, der Zerstörung, der Verschmutzung, der sozialen
Degeneration. In nebligem Grün, verpesteter Luft, bewegen sich die Menschen,
wenn sie ihre Häuser oder Baracken oder die Treppenhäuser verlassen,
in denen sie übernachtet haben - eng an eng geschmiegt und ohne Aussicht,
dass sich etwas an ihrer Situation ändern könnte.
Fleischer zeichnet in einer Zeit
reformerischer Euphorie und teils revolutionsgläubiger Jugendlicher und
junger Erwachsener ein Szenario des Zerfalls der sozialen Strukturen. Es impliziert
die Möglichkeit, dass sich die bestehenden Gesellschaften sozusagen "selbst
an die Wand fahren". Der Film erzählt eine Geschichte abseits jeglichen
Glaubens, jeglicher Hoffnung des Sieges der Vernunft und der Humanität.
Eine fast nur noch durch Gewalt legitimierte Staatsmacht, mit verantwortlich
für die massive Zerstörung der natürlichen Ressourcen, gründet
ihr Handeln auf eine einzige große Lüge. Der Selbstmord von Sol erscheint
vor dem Hintergrund dieser Lüge als eine durchaus verständliche individuelle
Lösung für diejenigen, die die alte Welt noch kannten.
Denkt man die Geschichte weiter,
so bleibt nur so etwas wie der kollektive Selbstmord bzw. der staatlich organisierte
Massenmord übrig. Es gibt keine Perspektive der Umkehr, des Auswegs, der
Lösung von Problemen. Korruption, Lüge, Intrige und Gewalt scheinen
die einzigen Komponenten dieses Verfalls.
Dabei ist "Soylent Green"
nicht einmal ein Film, dem man bloß eine gewisse historische Berechtigung
zuerkennen kann, aber mehr auch nicht. Dass sich die heute existierenden Gesellschaften
in Zukunft auf einen Weg der Selbstzerstörung begeben könnten, liegt
durchaus im Bereich des Möglichen; Anhaltspunkte existieren dafür
mehr als genug - auch wenn viele dies nicht wahrhaben wollen, verdrängen
oder gar als abstruse Vorstellung zurückweisen mögen.
Es sind vor allem Charlton Heston
und Edward G. Robinson, die dem apokalyptischen Szenario eine fatale Lebendigkeit
geben. Heston spielt einen Polizisten, der einerseits der Korruption genauso
verfallen ist wie seine Kollegen, andererseits aber nach der Wahrheit sucht,
die große Lüge ahnt, sie aufdecken will. Robinson in seiner letzten
Rolle als alter Mann, der die Welt von früher noch in seiner Erinnerung
trägt, glänzt ein letzes Mal als verzweifelter Mann, der im Selbstmord
die letzte Möglichkeit einer aufrechten Existenz für sich sieht.
DVD
Format:
PAL, Import
Region:
Region 2
Studio:
Warner Home Video
Sprachen:
Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch
Bild:
Widescreen
Untertitel:
Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Niederländisch,
Türkisch
Specials: Regiekommentar, Dokumentation "A Look At The World Of
Soylent Green" u.a.
Die
von Warner editierte DVD liefert ein gutes bis sehr gutes Bild; gleiches gilt
für die Tonspuren. Als Bonusmaterial findet man einen durchaus interessanten
Audio-Kommentar des Regisseurs und der Schauspielerin Leigh Taylor-Young. In
einem Featurette mit dem Titel "A Look at the World of Soylent Green"
bekommt man einen Eindruck von der Herstellung der Massenszenen und einiger
weniger anderer Szenen - allerdings in einer nicht besonders guten Bildqualität
(10 Minuten). Schließlich findet sich auf der DVD unter dem Titel "Edward
Robinsons Party" ein vier Minuten langes Featurette von einer Feier für
den kurz nach den Drehaufnahmen verstorbenen Schauspieler anlässlich eines
Jubiläums.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist
zuerst erschienen in:
Jahr
2022 - Die überleben wollen
(Soylent
Green)
USA
1973, 97 Minuten
Regie:
Richard Fleischer
Drehbuch:
Stanley R. Greenberg, nach dem Roman "Make Room! Make Room!"
von Harry Harrison
Musik:
Fred Myrow
Kamera:
Richard H. Kline
Schnitt:
Samuel E. Beetley
Ausstattung:
Edward C. Carfagno, Robert R. Benton
Darsteller:
Charlton Heston (Detective Robert Thorn), Leigh Taylor-Young (Shirl), Chuck
Connors (Tab Fielding), Edward G. Robinson (Sol Roth), Joseph Cotton (William
R. Simonson), Brock Peters (Lt. Hatcher), Paula Kelly (Martha Phillips), Lincoln
Kilpatrick (Pater Paul), Leonard Stone (Charles), Whit Bissell (Gouverneur Santini)
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