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Joint
Security Area
Inhalt:
An
der Grenze zwischen Nord- und Südkorea kam es zu einer Schießerei,
bei der drei Soldaten getötet wurden, und sich ein Südkoreaner offenbar
aus ungeklärten Gründen jenseits der Grenze befand. Major Sophie E.
Lang, eine Schweizerin koreanischer Abstammung, kommt im Auftrag der neutralen
Staaten nach Korea um den Vorfall zu untersuchen. Ihre Bemühungen stoßen
dabei nicht gerade auf Unterstützung, dafür aber auf zahllose Ungereimtheiten
in der Interpretation des Vorfalls durch beide Seiten.
Kritik:
Vielleicht
liegt es ja insbesondere an unserer Vergangenheit, dass gerade wir Deutschen
von Joint
Security Area
so beeindruckt, aber auch so bedrückt sind. Viele von uns haben den Wahnsinn
der Teilung einer zusammengehörenden Nation am eigenen Körper gespürt
und können daher ganz stark die emphatische Wirkung dieses Films nachvollziehen.
Aber es sind ja längst nicht nur wir, die den zweiten Film des koreanischen
Regisseurs Park Chan-wook feiern, was folglich schlicht darauf schließen
lässt, dass Joint
Security Area
ein ganz eigenständiger, überall "konsumierbarer" Film ist.
Einer, der den perfiden Konflikt begreifbar macht, der veranschaulicht, was
sich hinter langen historischen Exkursen, Begriffen wie nordkoreanischer Kommunismus,
Teilung und Demarkationslinie in Wirklichkeit verbirgt. Ein guter Film und vor
allem ein eminent wichtiger.
Chan-wook
legt seinen Film an als typischen Politthriller, der zu Beginn gar ein wenig
wirkt wie eine koreanische Version von A
Few Good Men:
Ein Verbrechen im Militärmilieu ist passiert. Drei Menschen sind getötet
worden, auf nordkoreanischer Seite und scheinbar durch einen Südkoreaner.
Niemand weiß genau, was wirklich vorgefallen ist, und es scheint auch
niemand daran sonderlich interessiert zu sein. Vielmehr versuchen die Propagandamaschinerien
den Vorfall für ihre jeweilige Seite in ein beschönigendes Licht zu
rücken: Von brutalem Mord ist die Rede, ebenso wie von feiger Entführung
und dem Handeln in Notwehr. Eine junge Soldatin aus der Schweiz wird von den
neutralen Staaten herbeordert, den Fall zu untersuchen. Zwar begegnen ihr beide
Seiten feindlich und es fallen Sätze wie "Es gibt nur Kommunisten
und die Feinde von Kommunisten", aber dennoch gelingt es ihr, einen Blick
hinter die Fassaden von Meinungsmacherei und blindem Hass zu werfen. Sie entdeckt
eine menschliche Tragödie. Ein Drama um die Teilung einer Nation, um die
Entfremdung von Brüdern und die Albernheit von Grenzen, die der Regisseur
durch die Darstellung von Episoden aus beiden Teilen Koreas mühelos überspringt.
Ein einziger Schnitt reicht, um alle Politik zu überwinden, alle bewaffneten,
grimmig dreinschauenden Wachen und alle Stereotypen vom Kommunisten und Kapitalisten
hinter sich zu lassen. Mehr braucht über die Lächerlichkeit dieses
Konflikts eigentlich kaum gesagt zu werden.
Und
dennoch ist Chan-wook augenscheinlich sehr darauf bedacht, es ganz deutlich
zu machen. Zu zeigen, dass die Formalitäten der Teilung zuweilen in Dimensionen
abdriften, in denen keiner sie mehr ernst nehmen kann: Zwei Soldaten - ein Nordkoreaner,
ein Südkoreaner - stehen sich an der Grenz unmittelbar gegenüber und
der eine beschwert sich darüber, dass der Schatten des anderen auf seine
Seite fällt. Sie beginnen sich gegenseitig zu bespucken und keiner von
beiden kann weg von seinem Posten, könnte sich den Wutanfall leisten, den
diese Provokation eigentlich nach sich ziehen sollte. Diese Episode ist urkomisch,
wie ungemein vieles an Joint
Security Area.
Und dennoch hat der Zuschauer immer wieder das unangenehme Gefühl, als
müsse ihm sein Lachen doch eigentlich im Halse stecken bleiben. Er weiß,
dass das, was er da sieht, nicht frei erfunden ist. Er weiß, dass es an
den Grenzen zwischen beiden Ländern tatsächlich zuweilen zu derart
grotesken Szenen kommt und er weiß auch, dass dies so nur witzig erscheint,
weil es so unecht, eben so parodistisch wirkt. Das ist es aber nicht und dadurch
tragen alle Episoden aus dem Soldatenleben beider Seiten in Joint
Security Area
einen ganz bitteren Beigeschmack. Dieser Eindruck gewinnt immer mehr an Oberhand,
desto weiter die Handlung fortschreitet und er geht auch einher mit einem Wandel
in der Gestaltung des Films.
Eine
ganze Weile nämlich (vornehmlich zu Beginn des Films), wirkt Joint
Security Area
irgendwo sehr "modern asiatisch". Seine Szenen, vor allem der Vorspann
(ähnlich dem in Fukasakus Battle
Royale),
haben jene technisch-inszenatorische Verspieltheit, wie man sie zur Zeit im
Kino Japans und Koreas häufig vorfindet: Große grafische Spielereien,
die mehr an Werbe-Trailer bei MTV als denn an den Vorspann eines Filmes erinnern,
und letztlich dennoch nur dazu dienen, den Titel des Films möglichst groß,
eindrucksvoll und einprägsam auf die Leinwand zu projizieren. Auch schreckt
der Regisseur beispielsweise nicht davor zurück, die Einblendungen von
Orts- und Zeitangaben mit einem Piep-Ton zu untermalen, was auf ein westliches
Publikum irritierend wirkt, und den Film zu Anfang beinahe wie eine Videosequenz
aus einem Computerspiel anmuten lässt. Die Bilder, die Chan-wook und sein
Kameramann Kim Sung-Bok entstehen lassen, sind von enorm klarer Form und wirken
gelegentlich vielleicht etwas zu sauber, zu "stylish", scharf und
scheinbar streng militärisch durchkomponiert. Der Eindruck verflüchtigt
sich aber mehr und mehr, je länger man Joint
Security Area
anschaut. Denn das Formale wird insgesamt spätestens ab dem Zeitpunkt relativ
irrelevant, ab dem man nach und nach begreift, worauf die Handlung hinausläuft,
wie tragisch und gleichzeitig lakonisch doch das hier Stattfindende ist. Mehr
und mehr wird der Film nachdenklich, seine anfängliche "Humorlastigkeit"
keimt nur noch in einigen, erleichternden Szenen auf. Und auch das, was zu Anfang
wie ein Episodenfilm begann, legt sich nun auf die Fokussierung einiger Charaktere
fest und beschreibt hierbei eine bewegende, weil hoffnungslose und fragile Freundschaft
zwischen einigen Soldaten jenseits der Grenzen, weit abseits aller Politik,
der sich die Menschen hier unterzuordnen haben.
Es
werden refugiale, beinahe unecht wirkende Szenen vom gemeinsamen Kartenspiel
der Soldaten beider Seiten auf nordkoreanischem Gebiet in den scharfen Kontrast
zum Blutbad gesetzt, das am Ende des Zusammenseins dieser Soldaten steht, und
in kurzen Sequenzen immer wieder vorweggenommen wird, oder rückblickend
betrachtet wird. Jener angesprochene Gewaltakt ist es, worum es in dem Film
ja eigentlich geht, halten wir uns vor Augen, warum Major Sophie E. Lang überhaupt
nach Korea geholt wurde. Und dennoch erscheint er uns am Ende des Films trotz
seiner unbarmherzigen und drastisch dargestellten Szenen irgendwie nicht mehr
wichtig. Als bedeutend empfinden wir auch keineswegs die Aufklärung des
Falles, sondern nur die grenzenüberschreitende Freundschaft, die von diesem
letztlich politisch motivierten Verbrechen vernichtet wurde. Hier erreicht der
Film parabelhafte Züge, macht er uns doch unmissverständlich deutlich,
dass es zahllose, rein menschliche Schicksale sind, die hinter den Begriffen
"Korea-Krieg" oder "Korea-Krise" stehen. Schicksale, deren
Tragik in unseren Geschichtsbüchern vernachlässigt wird, die sich
aber hinter jeder noch so trockenen Statistik über Todesfälle und
Gefechtszahlen an den Grenzen verbergen. Mit der letzten Einstellung des Films
wird dann auch ganz deutlich, was Joint
Security Area
erreichen will: In einem wunderbaren Bild schaut ein koreanischer Soldat lächelnd
in Richtung eines von westlicher Seite her fotografierenden Touristen. Dieser
Film steht in jeder Beziehung für die Wiedervereinigung Koreas. Sechs Millionen
Koreaner haben ihn gesehen; er ist ihr erfolgreichster Film aller Zeiten. Wie
viele Zeichen brauchen die Führer der beiden Nationen noch?
Janis
El-Bira
Dieser
Text ist zuerst erschienen in:
Joint
Security Area
(Gongdong
Gyeongbi Guyeok JSA, 2000)
Regie:
Chan-wook Park
Drehbuch:
Seong-san Jeong & Hyeon-seok Kim
Premiere:
09. September 2000 (Südkorea)
Dt.
Start: 12. Februar
2001
FSK:
ab 16
Land:
Südkorea
Länge:
110 min
Darsteller:
Yeong-ae
Lee (Major Sophie E. Lang), Byung-hun Lee (Sgt. Lee
Soo-hyeok), Kang-ho Song (Sgt. Oh Kyeong-pil), Tae-woo Kim (Nam Sung-shik),
Ha-kyun Shin (Jeong Woo-jin), Christoph Hofrichter (General Botta)
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