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Kagemusha
Apotheose
ohne Widerhaken
Akira Kurosawas Filmepos „Kagemusha"
Auch der Kulturschock ist zu einer
beliebigen Droge geworden, die wenig Chancen hat, unser Sensorium stärker zu alarmieren als ein
Flugzeugabsturz im Fernsehen. Wir können aus der Monotonie unserer Boulevards
für zwei Stunden ins Kinodunkel abtauchen und uns unversehens im japanischen
Mittelalter wiederfinden-, von der Leinwand stürmt ein waffenklirrendes,
blutrünstiges Geschehen auf unsere Sinne ein: wir mögen aufgeschlossen,
vielleicht gar neugierig auf Unerhörtes, bisher nicht Gesehenes sein -
und doch laufen wir Gefahr, nach dem Genuß ausgelaugt und mit einem bleiernen
Druck auf den Schläfen wieder auf der Straße zu stehen. Man fragt
sich: wo liegt der Defekt? Man sucht ihn, argwöhnisch, zunächst bei
sich selbst. Man befragt das Kinoereignis nach seiner „Botschaft". Man
prüft die Situation, läßt seinen Blick über Automobile
und Menschen schweifen, fällt ins Sinnieren ... Akira Kurosawas „Kagemusha"
ist No-Theater im Nibelungen-Styling, Farbe: Eastmancolor.
Doch damit kein Zweifel sei: was
da über Sie hereinstürzt, ist Filmkunst und kann gar nichts anderes
sein, denn: wenn jemand der vor Jahrzehnten mit „Rashomon“ und den „Sieben Samurai" Filmgeschichte gemacht hat, nun siebzigjährig und
nach langer Pause, ein Alterswerk präsentiert, ist das Ergebnis zwangsläufig:
Kunst-Kunst, die geradezu nach internationaler Verbreitung schreit und die Superlative
magnetisch an sich zieht. Ich werde auch noch, mühelos, nachweisen, daß
dieser Film Augenweide ist und der Freund ästhetischer Innovationen voll
auf seine Kosten kommt. Wir haben es hier mit Ware für die Filmkunstkinos
und für die Autoren von Filmgeschichten zu tun. Ich meine das ganz ernst.
Das Problem ist nicht der Mangel an Qualität. Der Defekt ist komplexer
Natur und muß wohl in der aberwitzigen, wenn auch stromlinienförmig
kaschierten Synthetik eines solchen Kulturereignisses aufgesucht werden. Die
Vernunft unseres Medienuniversums gebiert Monstren - doch zunehmend solche,
die weniger erschrecken als ein flaues Gefühl im Magen, Betäubung,
„ennui" und den bewußten Druck auf den Schläfen zurücklassen.
Der Stoff, den Kurosawa wählte,
ist der Macbeth-Thematik seines „Schloß im Spinnwebwald" verwandt: die Kriege des 16. Jahrhunderts in Japan als
Gemetzel zwischen Fürsten; der historische Prozeß als martialische
Schicksalsmaschine, die sinnlos und doch nach ehernen Gesetzen wütet. Ihre
Furien -Machtgier, Eroberungsfieber - wohnen in den Menschen selbst und entstellen
sie zu Robotern, die, einem priesterlichen Ehrenkodex folgend, wie Schlafwandler
das Geschäft der Vernichtung betreiben.
Dramatischer Angelpunkt ist ein
sorgsam inszenierter Bluff: der bisher unbesiegte Feldherr Shingen Takeda, bei
der Belagerung einer feindlichen Burg niedergestreckt, verfügt, daß
sein Tod drei Jahre geheimzuhalten sei; um die Welt, die voller Feinde ist,
zu täuschen, läßt er sich hinfort von Kagemusha (= Schatten,
Doppelgänger) doubeln. Der ist ein ganz gewöhnlicher Dieb, ein bauernschlauer
Schlingel aus dem Volk, der sich mit List und Intuition in die Repräsentantenrolle
einfühIt und alsbald den Clan des verblichenen Takeda, vor allem dessen
ehrgeizigen Sohn, in Schwierigkeiten bringt.
Im Zentrum der düster-pompösen
Haupt- und Staatsaktion ist also das Material zu einem Schelmenstück angelegt
- der Stoff, aus dem die burlesken Träume des Jeppe vom Berge und seiner
Anverwandten sind. Doch diese picarohaften Elemente und die vereinzelten Ansätze
zur Grotesk-Komik, die sie ermöglichen (könnten), bleiben in dieser
überanstrengten Tragödie, die unabläsisg auf dem Kothurn schreitet,
Fremdkörper. Was Witz von unten, Stachel der Kritik an der mörderischen
Erhabenheit derer da oben sein könnte, wird von der Götterdämmerung
dieses fernöstlichen Mittelalters absorbiert, wird eingeschmolzen in das
erzene Verhängnis, das am Ende Takedas Dynastie, seinen Generalstab und
das gesamte Heer bis auf den letzten Mann in einer Schlacht von endzeitlichen
Ausmaßen in den Abgrund reißt. Obwohl er vorzeitig, durch einen
läppischen Zufall entlarvt, mit Schimpf vom Hof gejagt wird und das blutige
Finale als Voyeur aus dem Schilf verfolgen muß, kann auch Kagemusha vom
Pathos nicht mehr lassen: er eilt aufs Schlachtfeld, eine Kugel trifft ihn,
sterbend noch greift er zur Fahne des ausgelöschten Clans und versinkt
mit ihr in Wassersfluten ...
So wird das Doppelgänger-Thema
nicht zum Widerhaken; Kurasawa verwebt es vielmehr mit der schon in den frühen
Filmen beschworenen Zen-Philosophie und Samurai-Symbolik und hüllt es in
die Motive einer unheiIsschwangeren Identitätskrise: „Ein Schatten ist
ein Schatten und muß es immer bleiben", raunt der Dialog, und: „Nur
wo ein Mensch ist, ist ein Schatten, und wenn man weiß, daß der
Mensch nicht mehr da ist - was wird dann aus seinem Schatten?"
„Kagemusha" ist ein Kultur-Amalgam
aus dem gestischen Vokabular des No-Theaters, das dem rituellen Geschichtsbild
und den statischen Hierarchien der altjapanischen Gesellschaft noch am angemessensten
ist. Versatzstücken der europäischen Hochkultur wie der zwischen Wagner
und Richard Strauss angesiedelten Schicksalsmusik, den Historiendramen der United
Artists aus den fünfziger Jahren - und schließlich einer filmästhetischen
Raffinesse, die, für sich genommen, bewundernswert ist, wenngleich sie
keineswegs dazu taugt, die heterogenen Elemente in ein dialektisches Verhältnis
zueinander zu bringen, sondern sich statt dessen zu cineastischen Bravourstücken
verselbständigt.
Da ist der schauspielerisc:he,
aber auch an die Regie und den Maskenbildner artistische Anforderungen stellende
Hat-Trick des Hauptdarstellers Tatsuya Nakadai, der nicht nur das Double und
sein Original, sondern auch Takedas jüngeren Bruder zu spielen hat. Da
sind vor allem eine Kamera- und Lichttechnik, deren schwelgerische Opulenz nur
noch von der Präzision (der Bildausschnitte} und dem Sinn für Architektonik
(des Bildaufbaus und der Figurenfomationen) übertroffen wird. Landschaften,
durch Licht und Farbgebung ins Unermeßliche dramatisiert, sind fast immer
eschatologische Gefilde, meist Himmel und Hölle gleichzeitig, niemals nur
Welt oder einfach Schauplatz.
Wie in der Apokalypse wirkt die
Natur an einer übersinnlichen, nicht selten nervenstrapazierend aufdringlichen
Symbolik mit: Wenn die Leiche Takedas heimlich im Suwa-See versenkt wird, hüllen
immer dichtere Nebelschwaden das Boot und die Riesenurne in milchiges Weiß,
und vor der letzten Schlacht wölbt sich, breitwandfüllend, ein Regenbogen
über den Wassern, als künde er das Ende aller Zeit.
Die Belagerung der Festung Noda:
eine lange Einstellung, kühn in der Diagonalen zerschnitten; die vom Gegenhang
herabstürmenden Angreifer türmen sich, so scheint es, zur Pyramide;
die Spannung zwischen Bildtiefe und Bildfläche suggeriert Bodenlosigkeit,
Höllenfahrt. Dramatisierung der Landschaft - Theatralisierung des Raums:
wenn Kurosawa aus dem Hintergrund die Marschsäulen seiner Statistenheere
mäanderförmig aufziehen läßt, zelebriert er Rituale einer
ebenso abstrakten wie feierlichen Geometrie. In der Entscheidungsschlacht stürzen
sich die Reiter des Takeda-Clans, dann die Infanterie, schließlich der
Generalstab nach Kamikaze-Art ins Feuer; die Kamera ist unverwandt auf den Feldherrnhügel
gerichtet (die Montage erspart uns das Gemetzel) - dann der Schnitt, auf den
die ganze Sequenz hinarbeitet: das Schlachtfeld - eine Schädelstätte
in Rauch und Blut, in Zeitlupe verrecken Krieger und Pferde, und über allem
Fanfarenklänge: finis mundi ...
Es ist diese aggressive Apotheose
des Grauens, diese brutalnaive Ästhetisierung des Massensterbens, dieses
geschichtsfatalistische und -nihilistische Pathos, das nachdrücklich Einspruch
erheischt. „Es ist richtig'', läßt die 20th Century Fox Kurosawa
für das Presseheft sagen, „daß es bestimmte Augenblicke gibt, wo
ein Krieg schön erscheint. Doch genau das finde ich gefährlich und
habe es auch während der Pressekonferenz in Cannes zum Ausdruck gebracht.
Aber ich bin mir dessen nicht bewußt, wenn ich einen Film drehe, ich filme
zum Beispiel schreckliche Szenen, und ich filme sie so, wie sie sind. Aber von
diesem Schrecken abgesehen, wird - verrückt genug und, soweit es mich betrifft,
völlig unfreiwillig - authentische Schönheit erzeugt, und das ist
fürchterlich.“
Solche Albernheiten könnte
man dem Pressechef eines Filmkonzerns durchgehen lassen - leider aber treffen
sie den Nagel auf den Kopf. Sollten sie wirklich die Altersweisheit Kurosawas
sein, liegen sie verdächtig nahe bei dem zynischen Gerede, mit dem Francis
Coppola „Apocalypse Now" gerechtfertigt hat. So erstaunlich wäre dies nicht:
zusammen mit George Lucas („Krieg der Sterne“) hat Coppola als Executive Producer der internationalen Fassung
bei „Kagemusha" Pate gestanden.
Klaus Kreimeier
Dieser Text ist
zuerst erschienen in der Frankfurter Rundschau, Montag, 27. Oktober 1980,
Zu diesem
Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Kagemusha – Der Schatten des Kriegers
(Kagemusha)
Japan 1980, 179 Minuten (DVD: 152 Minuten)
Regie: Akira Kurosawa
Drehbuch: Masato Ide, Akira Kurosawa
Musik: Shinichirô Ikebe
Kamera: Takao Saitô, Masaharu Ueda
Montage: Akira Kurosawa
Produktionsdesign: Yoshirô Muraki
Darsteller: Tatsuya Nakadai (Shingen Takeda, Fürst / Kagemusha,
Dieb), Tsutomo Yamazaki (Nobukado Takeda, Bruder Shingens), Kenichi Hagiwara
(Katsuyori Takeda, Bruder Shingens), Jinpachi Nezu (Sohachiro Tsuchiya, Diener
und Leibwächter Shingens), Hideji Otaki (Masakage Yamagata, General Shingens),
Daisuke Ryu (Nobunaga Oda, rivalisierender Fürst), Masayuki Yui (Ieyasu
Tokugawa, rivalisierender Fürst), Kaori Momi (Otsuyanakata, Konkubine Shingens),
Mitsuko Baisho (Oyunokata, Konkubine Shingens), Kota Yui (Takemaru, Enkel Shingens)
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