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Kika
Liebe und Mitgefühl?
Almodóvar äußerte sich zu »Kika«
u.a. wie folgt: »Der Film ist wie eine Collage strukturiert, wie ein radikales
Puzzle. Die verschiedenen Bestandteile sind durch die Türen, die Fenster,
die Stockwerke der Wohnblocks miteinander verbunden. In dieser Welt gibt es
nur den Augenblick.« Hier geht es um die Augenblicke v.a. von Kika und
Ramón, einem völlig ungleichen Paar.
Inhalt
Kika (Verónica Forqué) ist Maskenbildnerin,
Ramón (Alex Casanova) Fotograf. Beide glauben sich zu lieben, sind aber
grundverschieden. Während Kika lebenslustig, positiv dem Leben gegenüber
eingestellt zu sein scheint, ist Ramón in sich verschlossen und leidet
unter dem Tod seiner Mutter (Charo López), die Selbstmord verübt
hat. Sie lebte mit dem amerikanischen Schriftsteller und Stiefvater Ramóns
Nicholas (Peter Coyote) zusammen, der heimlich ein Verhältnis mit Kika
hat, aber auch mit Kikas bester Freundin Amparo (Anabel Alonso). Ramón
wiederum sieht sich ständigen Belästigungen seiner Ex-Freundin Andrea
(Victoria Abril) ausgesetzt, die es nicht verwinden kann, dass er sich von ihr
vor Jahren getrennt hat. Und dann ist da noch Juana (Rossy de Palma), das Dienstmädchen
im Hause Kikas und Ramóns, die in Kika verliebt ist und daraus auch kein
Hehl macht. Sie ist die Schwester des Ex-Pornodarstellers Pablo (Santiago Lajusticia),
der wegen Vergewaltigung verurteilt wurde und jetzt aus dem Gefängnis geflohen
ist, um bei Juana Unterschlupf zu suchen.
Keiner weiß über die Aktivitäten des
anderen so richtig Bescheid, am wenigsten Ramón über die anderen.
Dann taucht auch noch eine unbekannte Schöne auf (Bibi Andersen), die Nicholas
von früher zu kennen scheint.
Als Pablo bei Juana auftaucht, sieht er die schlafende
Kika und fällt über sie her, vergewaltigt sie. Doch nicht nur das.
Die intimen Aktivitäten von Nicholas und die Vergewaltigung von Kika tauchen
plötzlich auf Videobändern auf. Und Andrea, die für das Fernsehen
eine Reality-Show produziert, in der
es vor allem um Sexualverbrechen und Mord geht, lässt die Vergewaltigung
Kikas über den Sender laufen ...
Inszenierung
In zum Teil grellen Farben erzählt Almodóvar
eine Geschichte von Liebe und Mitgefühl, oder besser: von der Abwesenheit
dieser Gefühle. So gut wie alle Personen in diesem Streifen sind Egozentriker, dazu noch welche, die nicht einmal sich
selbst mögen oder dies jedenfalls nur meinen. Kika, die nach außen
lebenslustig und voller Energie erscheint, ist ein Mensch, den man vielleicht
als unbedarft und völlig naiv beschreiben könnte. Ramón wälzt
sich in Selbstmitleid über den Tod seiner Mutter, die ihn nicht einmal
geliebt hat, und benutzt Kika letztlich als Bild von
der Liebe, die ihm als Sohn nicht zuteil wurde. Während er mit Kika schläft,
reproduziert er diese Bilder: mit einer Sofortbildkamera. Nicholas wechselt
Frauen wie Hemden; wenn er sie nicht mehr will, schreckt er auch vor Gewalt
nicht zurück. Andrea lebt in ihren Rachegedanken und ihre Tätigkeit
in der Reality-Show nutzt sie dazu weidlich aus: Alles, was irgendwie nach Mord
in Verbindung mit Sex und Beziehungen steht, schleift sie vor die Kamera.
Nur Juana steht offen zu dem, was sie denkt und fühlt
– wenigstens das –, wenn sie auch an ihrer Zuneigung zu Kika scheitert. Sie
will ihrem geistig minderbemittelten Bruder Pablo helfen, auch wenn sie nicht
weiß, was sie dazu tun soll.
Almodóvar erzählt diese Geschichte auf –
man kann schon sagen – gewohnte Art und Weise in einer gelungenen Mischung aus
Drama und Komödie. Er überspitzt die egozentrischen Charaktere und
bis zum Verbrechen neigenden Verhaltensweisen seiner Personen fast bis zur Absurdität,
aber nur fast.
Die Vergewaltigungsszene, in der Pablo mit dem Messer
an Kikas Gesicht auf ihr liegt, ist mehr als grotesk. Pablo will seinen »Rekord«
brechen: vier Orgasmen hintereinander. Kika will »das Ganze« schnell hinter sich bringen.
Sie wehrt sich zwar gegen den ungebetenen Gast, aber letztlich nicht, weil sie
vergewaltigt wird, sondern weil ihr das im Moment gerade »unangenehm«
ist. Als dann zwei Polizisten versuchen, Pablo von Kika herunter zu reißen,
misslingt dies zunächst, so dass der eine Polizist äußert, vor
dem Orgasmus sei das wohl unmöglich, man solle sich darauf vereinbaren,
dass er nach dem dritten Orgasmus aufsteht. Kika war diese Vergewaltigung zwar
unangenehm; doch sie vergisst diesen Vorgang so schnell, als ob es sich lediglich
um einen nicht weiter erwähnenswerten Streit gehandelt hätte.
Wenn Almodóvar vom Augenblick spricht, in dem
alle seine Personen leben, so könnte man auch sagen: Sie sind völlig
außerstande, in irgendeiner Weise zu reflektieren, was sie tun und was
geschieht. Sie leben sozusagen an der brüchigen Oberfläche ihrer eigenen
seelischen Verfassung, von der sie keine Ahnung haben. Selbst Ramón,
der sich selbst wahrscheinlich für ehrlich und liebesfähig hält,
entpuppt sich als Voyeur seiner eigenen Unzulänglichkeit und der der anderen.
Die Katastrophe in einem solchen Beziehungsgeflecht bahnt
sich unaufhaltsam an. Der Mord ist nur der logische Schlusspunkt einer Welt,
in der nur der Augenblick zählt und die Verletzungen der Vergangenheit
nur als Legitimation künftiger Handlungen von Menschen herhalten, die zur
Reflexion unfähig sind. Der Mord ist »nur« der Versuch, die
Folgen des eigenen Handelns ungeschehen zu machen, ist Ersatz für die Unfähigkeit
zur Reflexion.
Bei der Auswahl seiner Schauspieler hatte Almodóvar
wieder einmal ein »gutes Händchen«. Viele von ihnen wie Verónica
Forqué, Victoria Abril und Rossy de Palma spielen auch in anderen seiner
Filme.
Fazit
Fragt man sich am Schluss des Films, was von Liebe und
Mitgefühl übrig geblieben ist, lautet die Antwort deutlich und klar:
Nichts, den es war auch anfangs nichts da. Almodóvar durchleuchtet seine
Handelnden, reißt ihr Verhalten am Beziehungsgeflecht regelrecht auf,
lässt die Kamera skrupellos offenlegen. Aber er tut dies nicht mit Verachtung,
Verurteilung oder Besserwisserei. Er verbleibt, bei allem, was seine Personen
auch tun, in einer bemerkenswerten Sympathie zu ihnen. Auch die groteskenhaften
Übertreibungen und der Humor haben keinen anderen Zweck.
»Kika«, heißt es, sei nicht Almodóvars
bester Film. Das habe ich anders empfunden. Gerade in »Kika« wird
– wenn man genau hinschaut – die »Welt des Augenblicks« in einer
geradezu erschreckenden Weise offengelegt.
Ulrich Behrens
Dieser
Text ist zuerst erschienen bei: ciao.de
Zu
diesem Film gibt’s im archiv
der filmzentrale mehrere Kritiken
Kika
Kika
Spanien
1993
Regie
und Buch: Pedro Almodóvar
Kamera:
Alfredo Mayo
Ton:
Jean-Paul Mugel
Bauten:
Javier Fernández und Alain Bainée
Kostüme:
Jean-Paul Gaultier und José María Cossío, in Zusammenarbeit
mit Gianni Versace
Schnitt:
José Salcedo
Darsteller:
Verónica Forqué (Kika), Alex Casanova (Ramón), Rossy de
Palma (Juana), Peter Coyote (Nicholas Pierce), Victoria Abril (Andrea Caracortada),
Santiago Lajusticia (Pablo Bazzo), Anabel Alonso (Amparo), Bibi Andersen (Susana,
die schöne Unbekannte), Charo López (Mutter von Ramón), Francisca
Caballero (Doña Paquita), Agustín Almodóvar (Arbeiter),
Manuel Bandera (Mann)
Produktion:
El Deseo und Ciby 2000
Produzent:
Agustín Almodóvar
Produktionsleitung:
Esther García
112
Minuten
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