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Die
Klavierspielerin
"Protect me from what I want" hat die Installations-Künstlerin
Jenny Holzer einst in riesigen Neonlauflettern an öffentliche Gebäude
schreiben lassen. Ein Satz, der auch das Lebensmotto der Musikprofessorin und
Klavierlehrerin Erika Kohut sein könnte. Routiniert, als habe sie die gleichen
Handbewegungen schon dutzendfach ausgeführt, wickelt Erika eine Rasierklinge
aus, nimmt einen Handspiegel, setzt sich auf den Rand ihrer Badewanne und schneidet
sich in den Unterleib. Das Blut rinnt die weiße Rundung der Wanne herab.
"Essen ist fertig!", ruft ihre Mutter von draußen. "Ich
komme gleich!", antwortet Erika, hastig die Spuren verwischend.
In einer starren Einstellung schauen wir minutenlang dabei zu, teilen die Empfindungslosigkeit in einem Kamerablick, der – wenn der unpassende Vergleich erlaubt ist – an den unbarmherzigen, objektiven Blick einer antiken Gottheit erinnert. Immer wieder zieht sich die Kamera in diese Distanz zurück, eine Distanz freilich, die nicht aufhören kann, genauer hinzuschauen.
"Sieh weg!", ruft Erika in einer anderen
Szene, als sie ihrem Liebhaber nach der Fellatio vor die Füße kotzt.
Und einen Moment lang sind wir, die Zuschauer, versucht, uns angesprochen zu
fühlen.
Filme, die herausfordern, will Michael Haneke machen.
Das ist ihm – man mag von Sujet und Ausführung halten, was man will – diesmal
mehr als gelungen. Wieder hat er einen Film gedreht, der sein ureigenstes Thema,
die "Vergletscherung der Gefühle", behandelt. Doch anders als
in "Bennys
Video" und "Funny Games" entlädt sich das Unterdrückte kaum
in äußerer Gewalt, sondern richtet sich gegen das Selbst der Figuren.
Dabei ist das Drastische der Bilder, die uns Haneke zumutet, oft nahe daran ins Lächerliche umzukippen. Nur der zurückhaltenden Inszenierung, die jeden Effekt vermeidet, vor allem aber den großartigen Schauspielern, ist es zu verdanken, dass die Balance nicht kippt. Isabelle Huppert als Erika vermag es, hinter der ausdruckslosen, ruhigen, fast maskenhaften Fassade einen inneren Aufruhr anzudeuten, der ganz ohne Gesten, ohne sichtbare Gefühle auskommt.
Seine Figur zu verteidigen, so Haneke im Interview,
sei die vorrangige Aufgabe des Schauspielers. Wenn das stimmt, so läßt
sich schließen, muss es die Aufgabe des Regisseurs sein, allen Figuren
zu ihrem Recht zu verhelfen. Im Gegensatz zu Elfriede Jelineks Roman fehlt der
Filmversion der "Klavierspielerin" jede Art von Sarkasmus. Auch das
die Figuren Denunzierende, das Jelineks Prosa manchmal auszeichnet, sucht man
bei Haneke vergeblich.
Die Geschichte, die sich streng an der Romanvorlage
orientiert, ist recht schnell erzählt: Erika Kohut, immerhin bereits Mitte
Vierzig, lebt in einer symbiotischen Haßliebe zusammen mit ihrer Mutter.
Und so wie sie offenbar unfähig ist, Grenzen zwischen sich und ihrer Mutter
zu ziehen, so ist sie unfähig, die Grenzen zur Außenwelt auch nur
ein Stück weit einzureißen. Sie hat sich in einem System aus Selbstkontrolle
und Selbstverstümmelung verfangen.
"Sexualität", das erlebt Erika heimlich
in der Videokabine eines Pornoladens. Konzentriert und unbewegt riecht sie am
benutzten Papiertaschentuch eines anderen Besuchers, während vor ihr die
Figuren auf dem Bildschirm kopulieren. Eine Geste, die Erregung nicht zuläßt,
sondern reglementiert.
Mit eiserner Hand und analytischer Strenge führt
sie ihre Klavierschüler, seziert unduldsam deren Schwächen im Klavierspiel,
an der Grenze zum Sadismus. Sie ist eine Zwangsneurotikern par excellence, eine
Frau, die Kontrolle und Selbstdisziplin zwischen sich und dem Leben aufgerichtet
hat wie eine Wand. Als ein junger Mann, selbstbewußt, gutaussehend und
vielleicht ein wenig vom Leben verwöhnt, in ihr Leben tritt, bahnt sich
ein radikaler Bruch an.
Walter Klemmer, ein hochbegabter Klavierschüler,
lernt Erika bei einem Privatkonzert kennen und verliebt sich in sie. Und während
sie noch versucht, weiter ihre Rolle zu spielen ("Ich habe keine Gefühle.
Und wenn, dann ist meine Intelligenz stärker"), ist sie ihm schon
längst verfallen, erträumt sich seine Schläge und seine Grausamkeit.
Liebe freilich, das erscheint nur vorstellbar als geplantes Theaterstück,
in dem sie die Rollen verteilt. Nach der ersten, mißlungenen sexuellen
Begegnung läßt sie ihm einen Brief zukommen, der Anweisungen gibt,
was mit ihr zu geschehen habe und was nicht. Angewidert wendet sich Walter ab.
Nur um schließlich doch die Rolle einzunehmen, die für ihn vorgesehen
ist. Die reale Umsetzung der Phantasien allerdings läuft auf eine Katastrophe
hinaus. Am Ende steht für Erika ein noch radikalerer Akt der Selbstverletzung,
vielleicht der einzige Weg, doch noch als Siegerin den Schauplatz zu verlassen.
Angefangen bei der ödipalen Mutterbindung, über
die gewählte Rolle als klassische Erziehungssadistin, bis hin zu den Selbstverstümmelungen
und masochistischen Schlagephantasien, ist dabei – zunächst – ein Stück
psychologischer Realismus entstanden. "Die Klavierspielerin" ist,
ganz ohne Häme gesagt, eine passable und glaubwürdige klinische Fallstudie.
(Mit einer rätselhaften Ausnahme: Es passt kaum zu Erikas Figur, der eigenen
Klavierschülerin in einem Eifersuchtsanfall Glasscherben in die Manteltasche
zu füllen. Bezeichnenderweise ist es aber genau diese eine Szene, in der
wir uns Erika wirklich nahe fühlen können, weil ihre Reaktion, wenn
nicht verständlich, so doch menschlich verstehbar ist.)
Stellt sich die berechtigte Frage, ob Haneke wirklich
an einer psychoanalytischen Studie gelegen ist, die den Zuschauer nahezu zwangsläufig
in einem distanzierten Gegenüber verortet. Natürlich wollen die Bilder
über das Konkrete hinaus. Natürlich will Haneke ein intimes Symptom
in eine größere Symptomatik überführt sehen. Die Lockmittel
sind breit gestreut: Über Österreich als Kulturnation ließe
sich nach diesem Film trefflich räsonieren, über den Zusammenhang
zwischen großbürgerlichem Kunstfetischismus und privater Perversion
etwa.
Auch der Krampf und Kampf der Geschlechter spielt
selbstredend und unter umgekehrten Vorzeichen mit hinein, wenn ein romantischer
Walter Klemmer, sensibel und sehr emotional gespielt von Benoit Magimel, eine
Beziehung mit Erika aufbauen will, während die sich den Mann nur als verfügbaren
Statist in ihrer Phantasiewelt vorstellen kann. Das ist sicherlich ein pointierter
Kommentar zu den Klischees darüber, wie Männer und Frauen so im Allgemeinen
sind. Und ist es nicht die zynische Vollendung des Feminismus, wenn endlich
auch Männer von Frauen als verdinglichte Sexobjekte behandelt werden können?
Geschenkt. Die Diskrepanz zwischen Einzelfall und
abstraktem Kommentar ist genau der Ort, von dem aus der Film seine Spannung,
aber auch die Gefahr seines Scheiterns bezieht. Als psychologische Fallstudie
kommt er kaum über die Erkenntnis eines zweitklassigen Psychothrillers
hinaus: Mutter hat Schuld! Und als moralische Kritik an den größeren
Zusammenhängen bleibt er erstaunlich vage. Es ist der massive Stich ins
Herz, der in nachdrücklicher Erinnerung bleibt. Und die bewundernswerte
Konsequenz, mit der Haneke sich entschlossen hat, uns allein zu lassen mit den
Figuren, den Bildern und Gefühlen. Es gibt keinen theoretischen Leitfaden,
der uns durch das Dickicht des Gezeigten wieder ans Licht führen würde.
Je uneindeutiger, freischwebender die Szenen, um so stärker ihre Wirkung.
Etwa bei der ersten sexuellen Begegnung zwischen Erika und Walter in einer Damentoilette.
Da ist der Zuschauer so unentschieden wie die Figuren: Die Szene changiert abrupt
zwischen roher Erotik und zaghafter Annäherung, zwischen Ängstlichkeit,
Kontrollbedürfnis und Abbruch, dabei laufend der Gefahr ausgesetzt, endgültig
in Unglaubwürdigkeit und Lächerlichkeit abzugleiten. Momente, die
nicht von ungefähr an die zentralen Szenen in David Lynchs "Blue Velvet" erinnern – eine Querverbindung, die Haneke,
bis in die Dialogsätze hinein, offen beschwört.
Dieser Text ist nur erschienen in der filmzentrale
Zu diesem Film gibt es im archiv der filmzentrale mehrere Kritiken
Die
Klavierspielerin
von
Michael Haneke, Österreich/F 2001, 130 Min.
mit
Isabelle Huppert, Benoît Magimel, Annie Girardot
nach
dem gleichnamigen Roman von Elfriede Jelinek,
Literaturverfilmung
Start:
11.10.2001
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