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Der
Koloss von Rhodos
Sergio Leones
Debut - ein Sandalenspektakel rund um das Weltwunder.
Der Herrscher Xerxes hält das Volk von Rhodos
fest unter seiner Knute. Um seine Macht auszubauen, lässt er in der Hafeneinfahrt
den gigantischen Koloss bauen, mit dem er Zu- und Ausfahrt kontrollieren kann.
So gestärkt, paktiert er mit den Phöniziern (originelle Schurkenwahl),
sehr zum Unwillen des griechischen Festlands. Den Unwillen eines Besuchers von
dort, Darius (Rory Calhoun), hat er schon erregt. Der ist hin- und hergerissen
zwischen seiner Sympathie für die Rebellenbewegung und der königstreuen
(Lea Massari). Als er versucht, mit den Rebellen von der Insel zu entkommen,
zerstört der Koloss ihr Schiff. Die Rebellen ziehen sich an einen Ort in
der Nähe der Hauptstadt zurück und Darius versucht, ans Geheimnis
der Funktionsweise des Kolosses zu gelangen. Bei seiner Rückkehr findet
er nur noch ein verwüstetes Lager vor - Xerxes hat seine Mitkämpfer
gefangennehmen lassen und plant, sie in der Arena töten zu lassen. Zeit
fürs Finale: Darius sucht seine Mitstreiter zu befreien, die griechische
Flotte rückt an und obendrein gibt es noch ein Erdbeben.
Zu den Italowestern Leones war es noch ein weiter
Schritt, dennoch ist für Fans des Regisseurs dieser eher mittelmäßige
Eintrag ins Sandalenfilmgenre von Interesse, schließlich lassen sich ein
paar seiner Vorlieben schon im Debüt erkennen. Das beginnt mit der Eröffnungsszene,
die auch hier schon eine in sich geschlossene Episode darstellt (die Rebellen
attackieren Xerxes’ Schergen in einer Höhle). Leider ist die deutsche Fassung
um gut eine Viertelstunde gekürzt (und zwar um ausschließlich Actionszenen,
insbesondere während des im Original gut halbstündigen Showdowns)
und auch diese Eingangssequenz wurde auf ein Minimum geschnitten (dafür
bietet der nachfolgende Vorspann unter anderem die Aufwertung des Films von
Totalscope zu Supertotalscope). Der dann folgende Plot ist im Wesentlichen ein
Vorwand für eine Art Schnelldurchlauf aus Sandalenfilmpflichtmomenten:
das unterdrückte Volk (gleich zu Beginn versucht ein Verzweifelter, Xerxes
bei der Einweihung des Kolosses zu töten, schon vorher gab es die beliebte
"Böses-Omen"-Szene), den Fremden, der erst nach und nach die
Grausamkeit des Regimes erkennt (Cowboy-Veteran Rory Calhoun entscheidet sich
in der Hauptrolle für eine Art Victore-Mature-Indifferenz unter Tony Curtis’
verlorener Perücke, die abwechselnd die ausdruckslosen Darstellungen Eastwoods
in späteren Leone-Western und - in den wenig gelungenen Komikeinlagen -
die angeblich unsagbar lustigen Momente, in denen der kleine dicke Regisseur
seinen Schauspielern die Szenen vorspielte, ins Gedächtnis ruft), eine
Art Liebesgeschichte, eine große Szene im Kolosseum (natürlich mit
Sichelwagen) und einen Showdown, in dem ganz Rhodos der Zerstörung anheimfällt.
Man merkt dabei, wie Leones Interesse blitzartig
in bestimmten Momenten erwacht - zuvörderst in den Szenen, die Folterinstrumente
enthalten: Säure tropft auf gefesselte Körper, ein Mann wird in eine
Glocke gesteckt und solange dagegen gehämmert, bis er bewusstlos wird.
Mit gierigem Interesse verzeichnet die Kamera die Details und plötzlich
ist das Resultat gar nicht so weit von Für
eine Handvoll Dollar, der ja
auch in einer sprunghaften Erzählung immer wieder Gewaltmomente ausdehnt.
Diese mit sichtlichem Genuss ausgespielten Szenen markieren den ersten Schritt
in Leones Behandlung von Brutalität; im weiteren Verlauf seiner Karriere
würde er Gewalt ins Absurde (in der Dollar-Trilogie), dann in Kunst (Spiel
mir das Lied vom Tod) und schließlich
(in Es
war einmal in Amerika) in die
Apotheose treiben.
Abgesehen davon (und von ein Pferdeszenen, die vermutlich
der Regisseur ins Drehbuch geschrieben hat - und die durchaus schon ein bisschen
so wie seine frühen Western gefilmt sind), fehlt es dem Koloss
von Rhodos allerdings an Eigenständigkeit
- offensichtlich brauchte der Regisseur ein Genre, das ihn inspirierte, um mehr
als ein paar gelungene Szenen über den Film zu verteilen. Zwar sieht man
schon hier Leones Bevorzugung vom Schnitt gegenüber Kamerabewegungen (die
nur als Verlängerung von Gesten und Bewegungen der Schauspieler eingesetzt
werden, wie in allen Filmen Leones, außer seinen zwei letzten), doch ist
von Leones Talent, damit Zeit zu strecken und zu intensivieren, noch nichts
zu bemerken. Schon eher zeigen sie eine gewisse Vorliebe für musikalische
Abläufe (und auf dem Soundtrack gibt es hin und wieder Blechbläser,
die schon Morricone ankündigen) und die für den Regisseur bindende
Einsicht, dass ein paar herausragende Szenen an sich wichtiger sind als ein
kohärenter Handlungsablauf (für seine einfache Handlung enthält
dieser Film eine ganze Menge Handlungshaken). Trotzdem fehlt es zumeist an Überzeugungskraft
- das liegt nicht nur an Schauspielern: allein Lea Massaris pragmatisch-melancholische
Darstellung vermag zu überzeugen (und scheint wie eine Blaupause für
Claudia Cardinales Rolle in Spiel
mir das Lied vom Tod), auch wenn
hier der eher uninteressante Dialog des Öfteren bremst). Ebenso sind die
fürs Genre typischen symmetrischen Breitwandkompositionen noch weit entfernt
von Leones späteren verkippten Perspektiven. Doch hin und wieder ist etwas
ganz Bezauberndes zu sehen, das schon auf den verspielten Manieristen der legendären
Western hinweist: ein Händler am Markt, vor dem Frauen vorbeigehen, die
wie durch Zauberhand Rauchwolken in der Farbe ihres Kleides aus einem seiner
Töpfe locken zu scheinen; während der finalen Zerstörungsorgie
das Bild eines Hundes, der sich durch den Schutt tastet und das unerfindlicherweise
in verblasstes Rosa getaucht ist (leider nur im italienischen Original, ein
Moment, so plötzlich wie das über James Coburns Kopf auftauchende
Schild "Bank von Mesa Verde" in Todesmelodie). All das macht den Film dann doch zum Pflichttermin
für Leone-Aficionados (obwohl der einzige Regisseur, der im Sandalenfilm
Bemerkenswertes leistete, weiterhin Vittorio Cottafavi heißt) und sei
es nur für diesen einen Moment, der seine ganze spätere Meisterschaft
ahnen läßt: als der Galopp einer Reitertruppe mit drei Schnitten
so aufgelöst wird, dass die Bewegung eine Art fragmentierte Sinuskurve
auf die Leinwand malt. Der Beginn einer Karriere.
Christoph Huber
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: www.allesfilm.com
Der Koloss
von Rhodos
IL COLOSSO DI RODI
LE COLOSSE DE RHODES
Italien / Spanien / Frankreich - 1960 - 125 min. – Scope
- Erstaufführung: 26.1.1962/14.8.1988 DFF 2 - Produktion:
Michele Scaglione
Regie:Sergio Leone
Buch: Ennio de Concini, Sergio Leone, Cesare Seccia, Luciano Martini,
Duccio Tessari, Age Gavioli, Carlo Gualtieri, Luciano Chittarini
Kamera: Antonio L. Ballesteros
Musik: Angelo Francesco Lavagnino
Schnitt: Eraldo da Roma
Darsteller:
Rory Calhoun (Dario)
Léa Massari (Diala)
Georges Marchal (Peliokles)
Mimmo Palmara (Ares)
Conrado San Martín (Thar)
Angel Aranda (Koros)
Mabel Karr (Mirle)
Georges Rigaud (Lissipo)
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