startseite

archiv

Koyaanisqatsi

 

Ein Film zum Sich-Fallenlassen. Die ungeheure meditative Wirkung dieser Collage aus unterschiedlichsten Natur- und Stadtansichten kann man nur vor der großen Leinwand wirklich wahrnehmen. Eigentlich vertraute Bilder von amerikanischen Nationalparks und Großstädten wirken plötzlich unbekannt, entfremdet. Rasende Flüge über Berge, Flüsse und Seen werden von z. T. durch Zeitraffer und schwierigere technische Prozesse nachbearbeitete Aufnahmen abgelöst und nach einem klaren künstlerischen Konzept montiert. Deshalb ist die sichtbare Freude an den filmischen Manipulationsmöglichkeiten mehr als eine cinematographische Spielerei. "Koyaanisqatsi" heißt in der Sprache der Hopi-Indianer so viel wie "Leben in Aufruhr", "zerfallendes Leben". Die Natur wird von der technologiegläubigen Zivilisation der modernen Menschheit verdrängt; einer Menschheit, deren von zerstörerischer Hektik und Rücksichtslosigkeit geprägtes Leben dem Untergang geweiht ist (symbolisiert von einer quälend langen Sequenz, die den Absturz einer Weltraumrakete zeigt). Zu dieser Aussage mag man nun stehen, wie man will, Koyaanisqatsi bleibt ein äußerst nahegehendes Dokument indianischer Weltsicht heute, dargestellt nur durch die Ausdruckskraft von Bildern und Tönen.

Philip Glass versteht es, in seinem an der Minimal Music entwickelten Soundtrack, analog zum Film eine zwischen Emotionalität und grenzenloser Einsamkeit abwechselnde Stimmung zu erzeugen. Die außerordentlich suggestiven Klänge sind untrennbar mit der Komposition der Bilder verbunden.

 

In dem 1988 erschienenen Film Powaqqatsi ("ausgesaugtes, angepaßtes Leben") beschreibt Reggio in seiner unverwechselbaren Bildsprache, die auch im Alltäglichen Momente von universeller Aussagekraft findet, das Leben in einer multi-ethnischen Mischkultur. Er setzt dabei weniger auf die überwältigende Monumentalität der Bilder als auf deren verklärende Ästhetisierung. Noch stärker werden hier gestellte mit dokumentarischen Aufnahmen gemischt. Trotz des mindestens ebenso interessanten Soundtracks von Phil Glass erreicht der Film nicht die Ausgewogenheit des Vorgängers. Beiden merkt man aber die jahrelange mühsame Materialsammlung an, die ihnen vorausgingen. Anima Mundi von 1991 bildete den Abschluß der Trilogie (den ich leider noch nicht gesehen habe), die 1992 von Reggios Kameramann und Cutter Ron Fricke mit Baraka noch um einen weiteren Film erweitert wurde.

 

Johann Georg Mannsperger

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Jerry's Archiv

 

Koyaanisqatsi R: Godfrey Reggio USA 1983

Eine Francis Ford Coppola-Produktion (Teil 2 zusammen mit George Lucas)

Schnitt: R. Fricke, Alton Walpole

 

startseite

archiv