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Kurz
davor ist es passiert
Ganz düsteres paradokumentarisches Kunst-Werk
mit hohem Verstörungs-Willen, subjektive Berichte der Opfer von Frauenhandel
in Österreich, von der zerschundenen Diplomatenputze bis zur Zwangsprostituierten,
vorgetragen jedoch von strukturell-sozial entgegengesetzten Funktionsträgern,
der Grenzbeamte (der Überfahrt), die Nachbarin (des Sklavenhalter-Ehemanns),
der Bordell-Kellner (der Importprostituierten), die Konsulin (als Chefin der
Billigputze), der Taxifahrer (der Zuhälter-Flüchtigen).
Ehrenwerte Ambition, allerdings driftet mein Interesse
dann doch zunehmend von der abstrakt verlesenen Situation der gehandelten Frauen
zu den ganz konkreten Situationen der gesellschaftsintegrierten Vortragenden
ab, denen überaus viel Darstellungsraum für ihr Umfeld und ihre Interaktion
mit demselben gelassen wird. Herbeispekulierbar die moralische Intention, ihnen
nur deshalb soviel Entfaltungsgelegenheit zu geben, um die Reibungsfläche
zum verlesenen Elend der Ausgestoßenen produktiv-nervenaufreibend zu vergrößern
(die gesellschaftlich hochgestellte Konsulin, die sich eine Entspannungsmassage
gönnt, während sie das Sich-Kaputt-Schinden der Zofe erzählt).
Faktisch bewirkt es jedoch, dass die Sphäre der Vortragenden weitaus mehr
Realität gewinnt als die schließlich von ihr dominierten Frauenhandels-Schicksale,
für die sich der Film eigentlich zu interessieren beansprucht (oder zumindest
offiziell zu beanspruchen scheint).
Sieht man von diesem Vorwurf ab, kommt man nicht
umhin, Figuren wie etwa dem Bordell-Kellner für sich ein hohes Unterhaltungspotential
zuzugestehen, wie er da kifft, sich den Kopf stößt oder Gläser
fallen lässt. Und vor allem beeindrucken ganz auf formaler Ebene die Horrorfilmqualitäten,
die bedrohliche Voyeurs-Kamera, die das Wohnhaus von außen umschwirrt,
die düsteren Klänge, vor allem die zunehmend schauriger werdenden
Momente, wenn inmitten einer behutsam eingeführten Pseudo-Realität
der gesellschaftlich Integrierten, die als Umfeld auch weiterhin für sich
teilnahmslos im Hintergrund so fortwerkeln wird, als geschehe nichts (etwa der
Chor, der einfach weitersingen wird), eine der Figuren (eine der Chorsängerinnen)
plötzlich den Kopf zur und den Blick in die Kamera wendet und (im Eindruck
ungefähr der magischen akustischen Suspendierung der Umwelt im ersten Aufeinandertreffen
mit dem Mystery Man in Lynchs Lost
Highway gleichzusetzen) in Zerschneidung
der Wirklichkeitswahrnehmung die Frauenhandelsgeschichte forterzählt; die
dann freilich in dieser Rezeptions-Wendung ganz zum (allerdings überaus
effizienten) Horrorfilm-MacGuffin zu verfallen droht. Nichtsdestotrotz verbleibt
der Film für sich so immer noch ein äußerst aufregendes Werk,
und vielleicht gibt er sich ja auch insgeheim damit zufrieden.
Christian Heller
Dieser
Text ist zuerst erschienen in:
Zu diesem
Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Kurz
davor ist es passiert
Österreich 2006 - Regie: Anja Salomonowitz - Darsteller: Rainer Halbauer, Otto Pikal, Anna Sparer, Leopold Sobotka, Gertrud Tauchhammer - Länge: 72 min. - Start: 24.5.2007
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