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Larry
Flynt - Die nackte Wahrheit
„25
years. All I'm guilty of is bad taste.”
„Wenn
sie einen Schmutzfinken
wie
mich schützen, dann schützen
sie
euch alle.”
(Larry
Flynt)
Der
Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten von Amerika ist bekannt für
seine weite Auslegung der verfassungsrechtlich garantierten Rechte auf Meinungs-,
Versammlungs- und Vereinsfreiheit. Dass diese wohl gefestigte Rechtsprechung
u.a. einem King of Porno zu verdanken ist, weiß allerdings hierzulande
kaum jemand. Sein Name war und ist: Larry Flynt. 1988 entschied das Gericht
nämlich, dass die in Flynts Magazin „Hustler” erschienene Karikatur eines
seiner ärgsten Gegner, Jerry Falwell, einem selbst ernannten Moralapostel,
in dem Falwell beim Sex mit seiner Mutter auf einem Plumpsklo zu sehen ist,
keine Beleidigung darstellt und durch das Recht auf freie Meinungsäußerung
gedeckt ist. Die Entscheidung erging einstimmig.
Da
fragten und fragen manche nach den Grenzen der Meinungsfreiheit, die sie dann
doch enger gezogen haben wollen. Wie dem auch sei. Milos Forman, der sich in
seinen Filmen schon oft auf Außenseiter, man kann auch sagen: „außenseiterische”
Situationen, gestürzt hat – man denke an „Amadeus” oder
„Einer
flog über’s Kuckucksnest”
–, nahm sich der Biografie des „Hefners der Unterschichten” an. Auch wenn Forman
wenig Wert auf hundertprozentige Authentizität legte, so gehört der
unter dem unsäglichen (deutschen - die
redaktion der fz)
Titel „Larry Flynt – die nackte Wahrheit” 1996 inszenierte (in der deutschsprachigen
Version herausgebrachte - die
redaktion der fz)
Streifen mit zum besten, was das Kino zu bieten hat.
Dabei
legt Forman zugleich – sozusagen: schamlos – offen, was der American Way of
Life eben bedeutet: Mit dem Verkauf von WAS man vom Tellerwäscher zum Milliardär
aufsteigt, ist völlig egal; Hauptsache: Der Traum erfüllt sich. Geld
und Freiheit – wie nahe liegt ihr doch zusammen!
Klein
hat dieser Larry Flynt wahrlich angefangen. Ein paar schäbige Hustler-Clubs,
die teuren Alkohol und viel nacktes Fleisch zu bieten hatten – und das in der
amerikanischen Provinz –, bringen dem geschäftstüchtigen und -süchtigen
Flynt (Woody Harrelson in einer Paraderolle) und seinem Bruder Jimmy (Brett
Harrelson) nicht unbedingt den gewünschten Geldsegen. Doch die entsprechende
Gesinnung – vor allem unterhalb der Gürtellinie – bringt den Hustler-Chef
bald auf neue Ideen. Zunächst als eine Art Newsletter für seine Clubs
gedacht, der mehr Leute, sprich: vor allem Männer, als Kunden werben sollten,
erscheint bald – in Cincinatti mitten im frommen Ohio – das erste Hustler-Magazin.
Schon
die zweite Nummer schlägt ein wie eine Bombe. Denn sie zeigt Fotos der
am griechischen Strand nackt badenden Jackie Onassis. Zwar befinden wir uns
Anfang der 70er Jahre mitten in einer Welle der sexuellen Befreiung (oder vielleicht
glaubten wir das alle auch nur); doch sehr schnell bringt Flynt sowohl feministische
Bewegungen wie auch stockkonservative Moralwächter gegen sich auf. Denn
Flynt zeigt nicht – wie etwa der „Playboy” – retuschierte, intellektuell „aufgeleuchtete”
Nacktheit. Er zeigt: Porno – Porno, wie man ihn wenige Jahre später an
allen Ecken und Enden, sprich Kiosken über oder teilweise auch noch unter
dem Ladentisch käuflich erwerben kann.
Eine pompös hässlich-kitschig ausgestattete 24-Zimmer-Villa wird zum Domizil des angehenden Porno-Kings und seiner späteren Frau, Althea Leasure (Courtney Love), die er als noch minderjährige Tänzerin in einem seiner Clubs kennen und lieben lernt. Für beide gibt es im Leben eigentlich nur zweierlei: Geld und Sex. Und Forman macht kein Hehl daraus, dass Geld und Sex für beide im Grunde das gleiche bedeuten.
Schnell
steigt der Umsatz auf eine Million Dollar und höher und weiter. Während
seine feministischen Gegnerinnen Flynt wohl nur politisch die Hölle heiß
machen, jagen ihn der religiös-fundamentalistische Finanzhai Charles Keating
(James Cromwell) und der moralisch nicht minder besessene Staatsanwalt Leis
(James Carville) bis zum ersten Prozess vor den ehrenwerten Richter Morrissey
– gespielt vom richtigen Larry Flynt selbst (!) –, der ihn doch 1977 glattweg
zu 25 Jahren Zuchthaus verdonnert – eine abstruse Strafe, die Flynt dann doch
nicht absitzen muss.
Schon
hier beweist Flynt – der sich ansonsten sprachlich wie neben ihm noch plastischer
seine ihm angetraute Althea eher vulgär auszudrücken pflegt – sein
rhetorisches Talent. Unter dem Motto „Was ist obszöner: Sex oder Krieg”
hält er öffentliche Verteidigungsreden gegen die sexuelle Versklavung,
die seine Gegner dem amerikanischen Volk aufdrängen wollten.
Als
Flynt dann auch noch mit der Schwester des damaligen amerikanischen Präsidenten
Carter, Ruth Carter Stapleton, einer Evangelistin, die Gegner der Freimaurerei
als „ranghöchste amerikanische Hexe” verunglimpften, einen Bund auf Zeit
eingeht und sich – vorübergehend – als wiedergeborener Christ empfindet,
kocht die Nation. Na ja, jedenfalls der Teil der Nation, der sich in ewigem
Ringen um die Aufrechterhaltung von Sitte und Ordnung abmüht.
Niederlagen
sind für Flynt keine Zeichen der inneren Einkehr. Im Gegenteil. Es scheint,
dass jede Niederlage ihn weiter nach vorne treibt. Selbst das bis heute nicht
aufgeklärte Attentat auf ihn vor einem Gerichtsgebäude 1978, das ihn
an den Rollstuhl fesselt, lässt ihn nicht müder, sondern nur noch
aggressiver im Kampf für sein Hustler-Magazin werden.
So
selbstverständlich, wie dieser Larry Flynt Pornographie nicht nur zu seinem
Lebensinhalt werden ließ, sondern sich für deren Legalität einsetzte,
so selbstverständlich zeigt uns ihn Forman. Der Film hat tatsächlich
sehr viel von einer Dokumentation und ist doch zugleich die Visualisierung eines
Traums – vom Tellerwäscher .... –, der in diesem Fall sogar einmal wahr
wurde, und die Dramatisierung eines Lebens, in dem Woody Harrelson, als ob er
nie etwas anderes getan hätte, einen Larry Flynt darstellt, der nur ein
Ziel vor Augen hat.
Man
mag Forman vorwerfen, diesen Mann zu idealisieren. Ich sehe das nicht so. Forman
überlässt wie immer in seinen Filmen dem Zuschauer völlig die
Freiheit der Bewertung und Begutachtung des Gezeigten. Natürlich gibt er
„vor”. Kein Wunder. Forman, der aus der Tschechoslowakei stammt, in der seine
Filme zensiert wurden, z.B. „Firemen’s Ball”, weiß, von was er redet,
wenn er den Kampf um Meinungsfreiheit in seinen Filmen thematisiert. Dass er
dies an einem Extrembeispiel geradezu provokativ demonstriert, ist sein Stil
und fordert vom Betrachter sozusagen einen Blick ins eigene Innere, verbunden
mit der Frage: „Wie hältst Du es denn mit der Meinungsfreiheit?” Über
Geschmack lässt sich streiten. Aber über Meinungsfreiheit?
Neben
Woody Harrelson glänzt Rocksängerin Courtney Love als freisinnige,
geschäftstüchtige, kluge, wenn auch nach den üblichen Maßstäben
nicht sehr intelligente Althea, die ihr Leben wie Flynt der Promiskuität
verschrieben hat. Edward Norton als Flynts langjähriger Anwalt Isaacman
bleibt zwar – wie die meisten anderen Mimen auch – etwas stark im Hintergrund.
Doch Norton bietet nicht nur wie gewohnt solides schauspielerisches Handwerk;
er hat auch seine zwei, drei herausragenden Szenen, vor allem vor Gericht.
•
D V D •
Sprachen:
Deutsch (Dolby Digital 5.1) Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel:
Deutsch, Englisch, Türkisch, Dänisch, Finnisch, Isländisch, Norwegisch,
Schwedisch
Bildformat:
2.35:1
Dolby,
Surround Sound, Widescreen, PAL
DVD
Erscheinungstermin: 28. Juli 1998 / Produktion: 1996
Leider
muss man sagen, dass die bei Columbia TriStar Home Video erschienene DVD überhaupt
kein Bonus-Material enthält. Das ist bei einem solchen Regisseur und bei
einem solchen Film zu einer Person des Zeitgeschehens, als die man Flynt sicherlich
bezeichnen darf, umso unverständlicher und ärgerlich.
Zu
Bild und Ton gibt es nicht viel zu sagen. Wenigstens hier kann man den Produzenten
der DVD keine Vorwürfe machen.
Für
Forman-Liebhaber bietet sich der Kauf bei amazon (€ 10,99) oder jpc (€ 9,99)
an, während die schweizerischen Fans lieber nicht bei 1aDVD-Shop kaufen
sollten. Denn dort kostet die Scheibe sage und schreibe umgerechnet unverschämte
€ 27,06.
Wertung
Film: 10 von 10 Punkten.
Wertung
DVD: 7 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Diese
Kritik ist zuerst erschienen bei: www.yopi.de
Larry
Flynt – Die nackte Wahrheit
(The
People vs. Larry Flynt)
USA
1996, 129 Minuten
Regie:
Milos Forman
Drehbuch:
Scott Alexander, Larry Karaszewski
Musik:
Thomas Newman
Kamera:
Philippe Rousselot
Montage:
Christopher Tellefsen
Produktionsdesign:
Patrizia von Brandenstein
Darsteller:
Woody Harrelson (Larry Flynt), Courtney Love (Althea Leasure), Edward Norton
(Alan Isaacman), Brett Harrelson (Jimmy Flynt), Donna Hanover (Ruth Carter Stapleton),
James Cromwell (Charles Keating), Crispin Glover (Arlo), Vincent Schiavelli
(Chester), Miles Chapin (Miles), James Carville (Simon Leis)
Internet
Movie Database:
©
Ulrich Behrens 2005
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