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La
Strada
Wege
...
Schon
in diesem Film, in dem Fellinis (1920-1993) Frau Giulietta Masina (1921-1994)
die weibliche Hauptrolle spielt (ebenso in „Die Schwindler“, 1955; „Julia und
die Geister“, 1966; „Ginger and Fred“, 1986), kündigt sich Fellinis Liebe
für die Darstellung des Lebens und der inneren Zustände von Menschen
als Absurdität an, später deutlicher in Filmen wie „Satyricon“ (1969)
oder auch „Stadt der Frauen“ (1980). In „La Strada“ spürt man noch Reste
des Neorealismus, die aber bereits verfremdet erscheinen, sowohl was Figuren,
als auch was den Ort der Handlung anbetrifft. Es ist die Welt der Gaukler, des
fahrenden Volkes, der Clowns und Artisten, aber auch anderer, hoffnungsloser
Menschen, die in „La Strada“ Schauplatz einer Geschichte ist, von der Fellini
selbst sagte, sie sei entstanden „aus der Vorstellung von einem Mann und einer
Frau, die äußerlich zusammenleben, aber in ihrem Innern durch astronomische
Weiten voneinander getrennt sind“. „La Strada“ sei sein persönlichstes
Werk, „gerade ein Stück meiner selbst“.
•
I N H A L T •
Das
Meer ist Anfang und Ende der Straße. Dort kauft der ruppige, emotional
gepanzerte Gaukler Zampanó (Anthony Quinn) von einer armen Frau für
10.000 Lire deren Tochter Gelsomina (Giulietta Masina), die für ihn arbeiten
soll. Sie soll für ihn trommeln, wenn er vor Publikum die um seine Brust
gelegten Ketten zerbrechen lässt, als Clown auftreten und ihm auch ansonsten
zur Hand gehen. Gelsomina spielt aber nicht nur den Clown. Mit ihrem „Rettichkopf“
und ihren großen Augen wandert sie als Clown durch die Welt – liebenswürdig
und verletzlich, freundlich und nach Zuneigung dürstend glaubt sie, in
Zampanó einen Freund, vielleicht einen Mann gefunden zu haben. Aber Zampanó
interessiert Gelsomina nicht als Frau. Der Gaukler ist wüst, trinkt über
die Maßen und an jedem Ort, an dem die beiden mit seinem von einem Motorrad
gelenkten Wagen auftauchen, jagt er Frauen hinterher.
Gelsomina
ist tief enttäuscht, und als sie in einer Stadt nach einer Prozession den
Seiltänzer Il Matto (Richard Baseheart) sieht, glaubt sie, ein bisschen
Glück gefunden zu haben. Zampanó tritt eine Zeitlang im selben Zirkus
von Il Signor Giraffa (Aldo Silvani) auf wie Il Matto, ein sarkastischer Zeitgenosse,
der Zampanó vor dem Publikum und auch sonst verspottet. Am liebsten würde
Gelsomina bei Il Matto bleiben. Doch der geht weg und schenkt ihr zum Abschied
eine Kette.
Gelsomina
lernt, Trompete zu spielen, versucht, Zampanós Herz zu gewinnen, wird
von ihm aber immer wieder zurückgewiesen. Als beide eines Tages wieder
auf Il Matto treffen, kommt es zum Streit zwischen beiden und Zampanó
erschlägt Il Matto. Gelsomina ist verzweifelt, nichts ist für sie
mehr so wie vor der Tat. In diesem Zustand lässt Zampanó Gelsomina
zurück.
Jahre
Später erfährt er von einer Frau, die das Lied singt, das Gelsomina
immer auf der Trompete gespielt hatte, dass sie tot ist ...
•
I N S Z E N I E R U N G •
Die
Linke in Italien warf Fellini angesichts von „La Strada“ vor, den „gemeinsamen
Kampf“ wie den Neorealismus des italienischen Films verraten zu haben. Aber
Fellini drückte mit „La Strada“ eigentlich nur aus, dass er sich in der
Konfrontation zwischen der Linken und dem katholischen Lager von keiner Seite
vereinnahmen lassen wollte. „La Strada“ zeigt Menschen ohne Perspektive und
einen Regisseur, der sich eine selbständige Sicht der Welt erhalten hat.
Fellini zeigt Prozessionen, ein Kloster, Nonnen, aber diese inszenierte Sicherheit
einer schon fast obsolet gewordenen Heilsideologie berührt die Figuren
in diesem Spiel kaum. Man übernachtet bei den Nonnen, fragt freundlich
danach, aber die emotionalen Konflikte von Gelsomina und Zampanó stehen
fast völlig unvermittelt neben diesem Geschehen. Als Gelsomina Il Matto
hoch oben zwischen zwei Häusern auf dem Seil sieht, ist alles andere egal.
Das Marienbild der Prozession steht abseits von ihr, fast leblos. Für sie
und Zampanó ist das Leben – wenn auch auf unterschiedliche Weise – ein
Prozess voller Trennungen und Abschiede. Es beginnt am Meer und endet am Meer.
Rom, alle anderen Orte, die sie entlang fahren, kommen nur am Rande vor. Entscheidend
für beide sind das Weiterfahren und das Abschiednehmen, das Schmerzliche,
das darin zum Vorschein kommt, für beide auf unterschiedliche Weise.
Gelsomina
ist ein zerbrechlicher und fröhlicher Mensch, der Mensch als Clown, nicht
als alberner Schalk, sondern ein Clown im Sinne von Lebenskraft und Urvertrauen,
von der Einheit von Tragik und Komik. Sie sucht nach einem ebensolchen Menschen.
Zampanó ist ein lebendiger Panzer, der, wenn es sein muss, aus allen
Rohren schießt, ein Rohling, der seine Gefühle in ein Gefängnis
gesperrt hat. An ihm scheitert Gelsomina an dem Punkt, als Il Matto, dieser
ganz andere, spottende, aber herzliche Mensch von Zampanó getötet
wird. Mit seinem Tod stirbt in Gelsomina die Freude, die Hoffnung und letztlich
das Leben. Zampanó löscht es aus, und als er Jahre später von
Gelsominas Tod erfährt, weint er zum ersten Mal, unbewusst dessen, was
er sich und anderen angetan hat. Am Meer liegt er im Sand, nachdem er seine
Wut, die er nicht gegen sich selbst richten kann, in einer Kneipe an anderen
ausgelassen hat.
Wenn
Gelsomina die Seele, die Wärme, das Lebendige versinnbildlicht, so Zampanó
das Körperliche, das Unförmige, Robuste, Äußerliche, an
das Gelsomina nicht herankommt. „La Strada“ zeigt die Welt der Gaukler, aber
auch eine Welt der Spelunken, der verfallenen Häuser, der armen Vorstädte,
nur eben nicht im Korsett der marxistischen Ideologie oder der katholischen
Doktrin. Fellinis Inszenierung deutet eher auf die Absurdität dieses Lebens,
nicht auf ein mit viel Trara inszeniertes Programm der Veränderung, auf
die Perspektivlosigkeit, der man kaum mit am „runden Tisch“ entstandenen Heilslehren
beikommen kann. Die Straße, die Wege, die Abzweigungen, die der Film zeigt,
repräsentieren insofern auch die tendenzielle Ziellosigkeit und Zufälligkeit
des Geschehens, des Lebens der Figuren.
•
F A Z I T •
Im
nachhinein gesehen, ist „La Strada“ filmhistorisch und in bezug auf die (politischen)
Auseinandersetzungen im Italien der 50er und 60er Jahre auch ein Abschied vom
Prokrustesbett der Ideologien und des bisherigen Neorealismus, ohne diesen vollständig
über Bord zu werfen. Die zunächst geäußerte Sympathie katholischer
Kreise für „La Strada“ verwandelte sich schnell wieder in Distanz, als
Fellini 1960 „Das süße Leben“ inszenierte, einem Film, in dem er
die Dekadenz von römischer Schickeria, Regenbogenpresse u.a. zeigt, eine
Welt der Bedeutungslosigkeit, der Jagd nach Ekstasen, einer lieblosen Welt,
in der sich Marcello Mastroianni als Klatschkolumnist mit anderen als Müßiggänger
bewegt.
Die
Dramatik in „La Strada“ wird übrigens durch die Musik Nino Rotas vehement
unterstützt. Die Abschiedsszenen, die Trennungen erhalten hierdurch eine
Ausdruckskraft, die durch noch so geschliffene Dialoge kaum zu erzielen wäre.
Wertung:
10 von 10 Punkten.
Prädikat:
Wertvoll
Ulrich
Behrens
Dieser
Text ist zuerst erschienen – unter dem Namen POSDOLE - bei: www.ciao.de
La
Strada – das Lied der Straße
(La
Strada)
Italien
1954, 98 Minuten
Regie:
Federico Fellini
Drehbuch:
Federico Fellini, Tullio Pinelli
Musik:
Nino Rota
Director
of Photography: Otello Martelli, Carlo Carlini
Schnitt:
Leo Cattozzo
Produktionsdesign:
Mario Ravasco, E. Cervelli, Brunello Rondi
Hauptdarsteller:
Anthony Quinn (Zampanó), Giulietta Masina (Gelsomina), Richard Baseheart
(Il Matto), Aldo Silvani (Il Signor Giraffa), Marcella Rovere (La Vedova), Livia
Venturini (La Suorina), sowie Gustavo Giorgi, Kamadeva Yami, Mario Passante,
Anna Primula
Internet
Movie Database:
http://german.imdb.com/title/tt0047528
Weitere
Filmkritik(en):
„Chicago
Sun-Times“ (Roger Ebert) ( von 4 Punkten):
http://www.suntimes.com/ebert/ebert_reviews/1994/04/912852.html
©
Ulrich Behrens 2003 für
www.ciao.com
www.yopi.de
www.dooyoo.de
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