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Lemmy
Caution gegen Alpha 60
Die Designerwendeltreppen, die
gläsernen Empfangshallen, die Großstadt mit all ihren Neonleuchten.
Eine fremdartige Zukunftswelt ist es, die uns Jean-Luc Godard hier zeigt. Die
Welt heißt "Alphaville", liegt irgendwo in der Milchstraße
und ist den totalitären Überwachungsstaaten aus den Utopien unserer
Literatur nicht unähnlich. Die Menschheit wird hier von einem Computer
namens Alpha 60 reguliert, der an das Individuum eine vollständige Subordinierung
seines Selbst unter die Logik verlangt. Wer sich von seinen Emotionen leiten
lässt, wird umgebracht. Die wenigen Künstler und Poeten sind in die
Elendsviertel verbannt; es wird der Selbstmord von ihnen verlangt. Das Wort
"Liebe" kennen sie Menschen nicht. Es ist, wie so viele andere Worte,
verboten worden. Die Bibel der Bewohner von Alphaville ist ein Wörterlexikon,
das alle noch nicht prohibitiv registrierten Wörter listet und somit das
Alltagsvokabular abseits von Poesie und Gefühlen darstellt.
Wie fremdartig erscheint uns doch
diese Welt, in der die Maschinen regieren und die Kunst scheinbar ausradiert
ist. Die Poesie ist verboten. Das Kino zu einem Folterwerkzeug umfunktioniert:
Die Kinosessel sind Elektrische Stühle, die sich nach vollendeter Hinrichtung
in eine Schräglage bringen, um die toten Leiber in einen Müllcontainer
fallen zu lassen. Nach Ingeborg Bachmann ist auch die Liebe eine Kunst. Und
auch diese ist streng verboten und sogar geheim gehalten von dem Staat. Die
Männer sind Sklaven des Hauptcomputers, die Frauen "Vermittlerinnen",
ein Alphaville'sches Synonym für Prostituierte. Doch dieser Alptraum der
Gefühlskälte, diese Schreckensvision des technischen Fortschritts
ist gar nicht so fremd und fern, wie wir es glauben. Jean-Luc Godards "Alphaville"
sieht zwar entfernt, uneigen und befremdlich aus, ist aber in Wahrheit das Paris
der sechziger Jahre. Godards "Brave New World" in "1984" ist Frankreich, 1965.
Gedreht wurde an zeitgenössischen
Schauplätzen. Die sterilen Hotels sind gar keine Zukunftsvisionen, sondern
reelle Gebäude. Das massenhafte Flüchten der Frau in die Prostitution
ist keine orakelte Überspitzung, sondern ein nachweisbarer Trend. Das Leben
ohne Liebe und ohne Kunst ist keins das in ferner Zukunft liegt, sondern gerade
jetzt bereits passiert. Die Zukunft, vor der wir Angst haben, ist längst
Gegenwart geworden, nur brauchen wir mittlerweile einen Kinobotschafter, der
uns unsere eigene miserable Lage als Science-Fiction-Reißer aufarbeitet,
damit wir diese erkennen. Die Doppelung der Projektionszeit der Geschichte von
"Alphaville" auf die Zukunft, hat eine sowohl erschreckende wie auch
unterhaltende Wirkung. Trotz jener sozialkritischen Komponente ist "Alphaville"
kein reines, kryptisches Kopfkino, sondern ein wilder, poppiger Genremix, so
wie es nur Godard kann.
"Alphaville" nimmt sich
so unernst wie ein Groschenroman. Innerhalb seines Pulp-Gerüsts jedoch
kann man verschiedenste Genres erkennen. Zum einen der ganz offensichtliche
Science-Fiction-Bezug, obwohl hier mit gewöhnlichen Schusswaffen und unspektakulären
PKWs gefahren wird – und eben der Einsatz von Raumschiffen oder Laserpistolen
ausbleibt. Der Planet "Alphaville" wird nicht per Raumfähre
erreicht, sondern mittels einem herkömmlichen Automobil der Marke Ford.
Auch wenn das Modell "Galaxie" heißt, kein Science-Fiction-Vehikel.
Zum anderen ein ganz klarer Bezug zum "noir"-Genre, der sich in der
kantigen Bildästhetik und in dem trockenen Voiceover des Hauptdarstellers
Eddie Constantine äußert. Eddie Constantine spielt hier allerdings
auch eine bereits länger bekannte Rolle: Lemmy Caution. Mehr ein Zitat,
als ein ausgeprägter Charakter. Eine Agentenfigur, die Constantine schon
seit 1953, damals in "Im Banne des blonden Satans", verkörpert
und damit den Grundstein für seine Schauspielerkarriere legte. Doch Cautions
"Alphaville"-Auftritt ist kein regulärer Agenteneinsatz, sondern
ein Remix dieser Figur, eine Neuerfindung, eine lobpreisende, postmoderne Immortalisierung.
Lediglich die Schablone des brutalen, aber doch charmanten Spions, aus anderen
Filmen und Groschenromanen entliehen und zum Verursacher für Panik, Action
und Todschlag zu machen.
Lemmy Cautions Figur ist eine
Gläubige. Während die Bewohner von Alphaville nur noch den dröhnenden
Lebenstheorien der Maschine Alpha 60 und dem Wörterlexikon glauben, schenkt
Caution sein Herz der Poesie, dem Gefühl und der Ungewissheit. Wenn er
sich bedroht fühlt, schießt er wild und unkontrolliert um sich und
wenn er in der hübschen Natascha von Braun eine Überlebende der Außenwelt
wähnt, dann verliebt er sich. So viel Emotion, so viel Mensch macht den
Maschinen und ihren Ingenieuren viel Angst und wird ihnen letzten Endes zum
Verhängnis. Caution ist eine unkalkulierbare Variable in einem mathematisch
operierenden System. Caution ist somit der einzige, der den Satz "Ich liebe
dich" über die Lippen bringt, die anderen Menschenhülsen in der
Milchstraßenstadt reagieren nur mit automatisierten Floskeln. Immer wieder
"Mir geht es ausgezeichnet. Danke, bitte". Die Verdrehtheit all jener
Vorgänge wird in verschiedenen, invertierten Filmaufnahmen und in der Umkehrung
der Körpersprache symbolisiert.
Wo also Sozialkritik, Utopie,
Pulp-Entertainment, Kinokunst und Liebeskitsch zusammenfallen, ist "Alphaville",
eines der Meisterwerke des wohl größten Kinogenies? Denn wo anders
findet man all die Wonnen des Mediums unter einem derart ansprechenden, anspruchsvollen
Dach? Nirgendwo. Hier hat man alles, was Kino bedeutet. Den hard-boiled-Spion,
der durch Rauchschwaden nach seinem Vorgänger sucht, Godards Liebe für
Zitate und Referenzen, sei es die Caution-Figur an sich, der Name Nosferatu
oder die Verweise an Melvilles Gangsterdramen. Wir haben einen philosophischen,
überbordenden Film, der die Genregrenzen mit einer Leichtigkeit einrennt,
als wäre 60 Jahre tradierte Kinokunst nie gewesen. Wir haben in "Alphaville"
einen unterhaltenden, zuweilen flapsigen Science-Fiction-Knüller, der aber
durch seinen Subtext nicht nur schicke "noir"-Schauwerte zu transportieren
weiß, sondern auch jenes wohlige Kribbeln in den Cineastenkörper,
wenn man merkt, dass hier mehr geleistet wird, als nur das Wiedergeben eines
Plots, einer Illustration einer Idee. Und trotz der alleinig schon schwierigen
Ambivalenz Pulp gegen Kunst, meistert es Godard auch noch, einen leicht verkitschten
Diskurs über die Liebe und ihren Stellenwert in unseren Daseinsbegrifflichkeiten
unterzubringen. Was will man mehr? Dies ist das Kino, für das jene Filmpaläste
gebaut worden sind. Und Godard ist ihr unumstößlicher Großmeister.
Björn Last
Dieser Text ist zuerst erschienen in: Mitternachtskino
Lemmy
Caution gegen Alpha 60
Alphaville,
une étrange aventure de Lemmy Caution.
Frankreich/Italien,
1965. Regie: Jean-Luc Godard. Drehbuch: Jean-Luc Godard (nach einem Gedicht
von Paul Éluard). Produktion: André Michelin. Kamera: Raoul Coutard.
Schnitt: Agnès Guillemot. Musik: Paul Misraki. Darsteller: Eddie Constantine
(Lemmy Caution), Anna Karina (Natascha von Braun), Akim Tamiroff (Henri Dickson),
Howard Vernon (Leonard Nosferatu), Jean-Pierre Léaud (Page). Schwarzweiß.
99 Min.
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