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L’enfant
Amphibienkino
Amphibienwesen bevölkern
diesen Film. Junge Menschen, die auf dem Festland, in den festgefügten
Gesellschaften nicht heimisch werden. Die Kinder Boudus und der Fille de l'eau,
inspiriert vom Donauwalzer. Sie leben am Wasser, finden Unterschlupf auf der
Böschung, wenn sie bei ihren Kumpels nicht mehr bleiben können für
eine weitere Nacht, in dunklen Baracken und Betonlöchern. Dort handelt
Bruno seine Deals aus, plant seine Einbrüche und Überfälle. Im
Fluss selbst sucht er mit seinem kleinen Freund Schutz vor den Verfolgern, wie
es die Indianer und Trapper taten in den Pionierwestern.
Es ist nützlich, die Filme
der Brüder Dardenne im Kontext des amerikanischen Kinos zu sehen. Weil
das Genrekino einem hilft, einen Blick zu finden unabhängig von den dominanten
Kategorien von Moral, Schuld, Erlösung. Das Skandalon des Kindsverkaufs,
von dem aus Cannes mit allen Zeichen des Schauders und des Schreckens berichtet
wurde, behandelt der Film ganz ungerührt, wie eine eher normale Transaktion.
Steckt uns bloß nicht in die Schublade der Sozialengagierten, haben die
Brüder Dardenne immer wieder ihre Kritiker angefleht. "Obwohl wir
aus bürgerlichen Verhältnissen stammen, lieben wir Menschen, die sich
ohne Netz am Abgrund entlang bewegen. Wir bewundern diese Figuren, auch wenn
sie sich nicht an unseren Moralkodex halten. Sie sind unkontrollierter und in
gewisser Weise auch freier, haben mehr Zukunft."
Amphibienfilme. Das Kino von
Jean-Pierre und Luc Dardenne ist hochartifiziell. Diese Eleganz der Bewegungen,
diese Selbstverständlichkeit, mit der Bruno ganz spontan die Seite wechselt,
wenn er neben Sonja herläuft. Die Brüder haben jede Szene selbst durchgespielt,
nur so bekommt man die Freiheit, für die spontanen Erfindungen der Akteure
bereit zu sein. Es gilt, die Resistenz der Materie zu beachten, den Widerstand
zu bewahren, der sich dem Blick bietet.
Die ganze Diskussion über
die Mise en scène wird am Ende das Gute gehabt haben, daß sie den
Begriff aufgelöst hat. Nichts anderes ist die Aufgabe des Kinos, seine
innere Bestimmung, in der Kunstgeschichte. Rivette hat es energisch formuliert
in seinen Texten, in den 50ern in den Cahiers - man könnte für das
Kino der Dardennes die zu Preminger wieder lesen oder den zu Splendour in the
Grass. We will grieve not, rather find strength in what remains behind
...
Fritz Göttler
Dieser Text ist zuerst erschienen im: Schnitt
Zu diesem Film gibt’s im archiv mehrere Texte
L'enfant
Frankreich / Belgien 2005 - Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc
Dardenne - Darsteller: Jérémie Renier, Déborah François,
Jérémie Segard, Olivier Gourmet, Fabrizio Rongione - Prädikat:
besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 95 min. - Start: 17.11.2005
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