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Leoparden
küsst man nicht
(In Memoriam: Katherine Hepburn
(1907-2003))
„Love has nothing to do
with what you are expecting
to get – only with what you
are expecting to give –
which is everything.“
„I often wonder whether men
and women really suit each other.
Perhaps they should live next
door and just visit now and then.“
(Katherine
Hepburn)
Sechsundneunzig
Jahre sind ein stolzes Alter. Und ich bin mir fast sicher, dass eine meiner
Lieblingsschauspielerinnen – Katherine Hepburn – all die Jahre ihres Lebens
genossen hat. Wäre sie sonst so alt geworden? Am 29.6.2003 verstarb Katherine
Hepburn in ihrer Heimat in Old Saybrook in Connecticut. Anlass für mich, ihr in
liebevoller Erinnerung diesen Bericht zu widmen – über einen Film, der zu
meinen absoluten Lieblingsfilmen gehört. Die Screwball-Komödie – gedreht vor 66
Jahren von Altmeister Howard Hawks – hat von ihrem Reiz und ihrem bezaubernden
Humor bis heute nichts verloren, auch wenn sie 1938 ein finanzieller Misserfolg
war (die Leute meinten, solche Menschen wie im Film gebe es nicht; der Film sei
unrealistisch!). Heute gehört die Komödie zu den Klassikern des Genres.
Katherine
Hepburn erhielt vier Oscars und weitere acht Nominierungen. 1932 begann ihre
Karriere. Acht Filme drehte sie allein mit Spencer Tracy, ihrem langjährigen
Gefährten bis zu dessen Tod. Zu ihren bekanntesten Filmen zählen u.a. „The
Philadelphia Story“ (1942), „Adams Rib“ (1949), „African Queen“ (1951), „Pat
and Mike“ (1952), „Summertime“ (1955), „The Rainmaker“ (1956), „Desk Set“
(1957), „Suddenly, Last Summer“ (1959), „Long Day's Journey Into Night“ (1962)
und „Guess Who's Coming To Diner“ (1967), den letzten Film mit Tracy, der kurz
darauf starb. Zuletzt konnte man
Katherine Hepburn 1994 in „Love Affair“ mit Warren Beatty und Annette Bening
sowie im Fernsehen im selben Jahr in „One Christmas“ sehen.
„I can't give you anything but love, baby;
That's the only thing I've plenty of,
baby!
Yeah, what am I supposed to do?
Dream awhile,
Yeah!
Scheme awhile,
You're wrong.
You're sure to find
here's lot's of things I'm sure to find.
Happiness,
Um-hm,
And, I guess,
All those things you're sure to pine for.“
(Jimmy
McHugh)
Katherine
Hepburn – schlank, schön, sexy und durchtrieben in einem durchaus positiven
Sinn – das ist Susan, die Nichte einer reichen Tante, Mrs. Elizabeth
Carlton-Random (May Robson). Während Tantchen eine Frau ist, die mit beiden
Beinen auf dem Boden der Realitäten steht, tritt Susan in jedes Fettnäpfchen,
das im Wege steht. Man könnte aber auch sagen: Sie nimmt das Leben locker und
leicht. Wie wichtig sind schon zerrissene Fracks oder beschädigte Autos, wenn
es darum geht, den Mann fürs Leben zu ergattern und selbiges zu genießen? Und
schließlich hat Tantchen der leicht oder mehr als leicht überkandidelten Nichte
eine satte Erbschaft in Aussicht gestellt. Der Mann muss erst noch gefunden
werden – und läuft der Schönheit, wie es so schön heißt, rein zufällig über den
Weg, sprich über den Golfplatz. Der Mann ist Paläontologe, leicht aus der Ruhe
zu bringen, denn für Dr. David Huxley (Cary Grant) muss alles seine Ordnung
haben. Schließlich bastelt er seit Jahren im Stuyvesant-Museum of Natural
History penibel an der Rekonstruktion eines Brontosaurus. Und ein solcher
korrekter Mann hat natürlich die entsprechende Verlobte, Miss Alice Swallow
(Virginia Walker), gekleidet in ein sittsames dunkles Kostüm, und hinter dem
Äußeren verbirgt sich nichts anderes: Sittsames. Alice will David heiraten, um
sich ganz seiner Arbeit zu widmen. Liebe ist da kaum angesagt.
Huxley
steht kurz vor der Hochzeit und kurz vor der Fertigstellung seines
Saurier-Gerippes – ein einziger Knochen – der Claviculus Intercostalus – fehlt
ihm noch. „Oh well, Alice I was sort of hoping, well, you mean children and all
that sort of thing.“ „Exactly.“ Alice
deutet auf das Skelett. „This will be our child.“ Schöne Aussichten: ein Gerippe als Kind! Also muss das Schicksal
her. Und so trifft es sich, dass David an eine äußerst großzügige Spende der
reichen Mrs. Carlton-Random herankommen will, weswegen er sich mit deren Anwalt
Mr. Peabody (George Irving) zum Golfen trifft, um zu betteln, das Geld für das
Museum zu verwenden. Nur leider bzw. Gott sei dank trifft Davids Golfball auf
Susan Vance, und die hat nichts besseres zu tun, als sich über den Besitz des
Balls mit David in ein äußerst amüsantes Gespräch zu verwickeln.
Nicht
nur das: Sie will mit Davids Auto davonfahren, und der schon jetzt aus der
Fassung gebrachte Paläontologe ist nicht fähig, der lebenslustigen jungen Dame
zu erklären, dass es sich um seinen Wagen handelt. Als David im Ritz Plaza
erneut Peabody treffen will, rutscht er auf einer Olive aus – die (wer auch
sonst?) Susan in einem kleinen Experiment, das ihr der Barkeeper gezeigt hat,
zu Boden fallen ließ.
And so on. Ein zerrissener Frack, eine Susan mit verlorener Schleppe, ein
David, der sich schützend vor die sichtbare Unterhose Susans stellt, um mit ihr
das Plaza eiligst zu verlassen, vorher noch ein Psychiater namens Dr. Lehman
(Fritz Feld), der den Erklärungen Susans über die Verwechslung zweier
Handtaschen nicht ganz folgen kann – und ein zahmer Leopard, den Susans Bruder
beider Tante zum Geschenk machen will, ketten Susan und David eng aneinander.
Ihr Schicksal scheint auf eine höchst amüsante Art schon jetzt miteinander
verknüpft. Baby – so heißt der Schmuse-Leopard – führt (mit tatkräftiger Hilfe
Susans) beide zu Tante Elizabeth. Denn schließlich hat Dr. Lehman auf die Frage
Susans, was es zu bedeuten habe, dass ein Mann, den sie gar nicht kenne, sie
ständig verfolge, klar und deutlich geantwortet: „Well, the love impulse in men
very frequently reveals itself in terms of conflict.“ „The love impulse!“ „Without my knowing
anything about it, my rough guess would be that he has a fixation on you.“ Aber eigentlich ist das nur das Stichwort für Susan, sich diesen
Mann mit Brille zu angeln, der es ihr schon längst angetan hat (und der ohne
Brille viel, viel besser aussieht).
Nun
ist weibliches Einfühlungsvermögen und vor allem Geschick gefragt. Man stehle
dem Mann, der noch gar nichts davon weiß, dass er nicht Alice heiraten wird,
sondern Susan, die Kleider, um ihn bei der Stange, sprich bei Tante Elizabeth
zu halten. David blamiert sich kräftig, als ihn die agile alte Dame im
Morgenrock trifft und er in seiner Verzweiflung über derart viele Turbulenzen
Tantchen anschreit, um sein merkwürdiges Aussehen zu erklären: „Because I just
went gay all of a sudden.“
And so on. Eine Turbulenz reiht sich an die andere. Das Geld scheint futsch,
ein wilder aus dem Zoo ausgebrochener Leopard richtet ein heilloses
Durcheinander an, das kleine Biest von Terrier namens George klaut den
Claviculus Intercostalus, den David kurz zuvor per Post erhalten hatte, und
vergräbt ihn im riesigen Garten von Tantchen, ein Großwildjäger namens Major
Applegate (Charles Ruggles) versucht beim Diner, Susan, Tantchen und David den
Unterschied zwischen dem Schrei einer Eule und dem eines Leoparden zu
demonstrieren, ein dem Alkohol zugeneigter Stallknecht (Barry Fitzgerald)
glaubt, im Delirium einen Leoparden zu sehen, der doch wirklich vorhanden ist,
ein Kleinstadt-Sheriff namens Slocum (Walter Catlett) sperrt erst einmal alle
ein, die irgend etwas von einem Leoparden erzählen – um sich später eines
besseren belehren lassen zu müssen –, der arme Mr. Peabody wird nachts mit
Steinen beworfen – und das alles bis zum bitteren Ende für den armen
Brontosaurus und zum glücklichen für Susan und David.
Puh!
„Bringing Up Baby“ – das ist wohl von Anfang bis Ende die (!) Screwball-Komödie
schlechthin. In Hawks Klassiker stimmt einfach alles: Geschichte, Figuren,
Dialoge, Wortwitz. „Bringing Up Baby“ ist eine rasante 102-Minuten-Fahrt durch
sämtliche Facetten der Komik und der menschlichen Unzulänglichkeiten. Katherine
Hepburn spielt eine Frau, die in fast jeder Hinsicht ihrem männlichen Gegenüber
überlegen ist. Susan weiß, was sie will. Sie ist intelligent, geht über
Nebensächlichkeiten mit einer Selbstverständlichkeit hinweg, die David zwar aus
der Fassung bringt, gegen die er aber machtlos ist. Er wird eingefangen wie die
Leoparden, wie George, wie der Knochen. Und Alice? Am Schluss bringt sie es auf
den Punkt: „You’re just a butterfly“, sagt sie zu David. Und dieser
Schmetterling bekommt die Flügel schlagende Susan.
Die
Besetzung ist bis in die Nebenrollen perfekt: ob Charles Ruggles als ein
bisschen großkotziger und ein bisschen wirrer Großwildjäger, May Robson als
resolute Tante, die ihre Nichte nicht in den Griff bekommt, Fritz Feld als
nervöser Psychiater, der in seiner Analyse von David und Susan völlig daneben
liegt, Walter Catlett als leicht vom Thema abzubringender Polizist, Barry
Fitzgerald als Ben Turpin ähnelnder Stallknecht – eine in jeder Hinsicht
überzeugende Besetzung, die „Bringing Up Baby“ zum Klassiker gemacht hat.
Peter
Bogdanovichs Hommage an die Screwball-Komödien der 30er Jahre „Is’ was, Doc“
(1972, mit Barbra Streisand und Ryan O’Neal) war übrigens ein gelungenes Remake
von „Leoparden küsst man nicht“, ist aber leider in Vergessenheit geraten.
•
D V D •
Das
Alter des Materials macht sich auch auf der DVD-Fassung bemerkbar. Das Bild im
4:3-formatigen Schwarz-Weiß hat besonders zu Anfang mit sog. Dropouts sowie
senkrechten Bildstörungen zu kämpfen. Auch der Ton leidet unter dem Alter des
Ausgangsmaterials. Die englische Tonspur hat ein starkes Hintergrundrauschen,
die deutsche Tonspur hingegen nicht, dafür wechselt der Ton insgesamt elfmal
ins Englische. Es handelt sich nämlich um eine ungekürzte Fassung, so dass die
unsynchronisierten Stellen nicht mehr ins Deutsche übersetzt werden konnten,
weil die Synchronsprecher der damaligen Zeit nicht mehr alle leben. Leider
fehlt auf der Verpackung der DVD jeder Hinweis darauf. Die DVD kostet bei
amazon € 19,99. Trotzdem lohnt sich die Anschaffung, der Genuss der Komödie ist
ungetrübt.
Als
Bonus enthält die DVD u.a. die etwa einstündige Dokumentation „Ein verdammt
gutes Leben – Howard Hawks“ aus dem Jahr 1978 von Hans C. Blumenberg. Die
Aufnahmen wurden wenige Wochen vor dem Tod Howard Hawks (26.12.1977) gemacht
und vermitteln einen phantastischen Einblick in eine Zeit des Kinos, die vielen
heute ansonsten verschlossen bliebe. Hinzu kommt als Pluspunkt die Ausstattung
der DVD mit Audio Deskriptions für Blinde.
• F A Z I T •
Ein
wahrer Klassiker. Meine Lieblingskomödie. Eine Katherine Hepburn, die einfach
phantastisch ist. Besetzung, Geschichte, Dialoge zum Umwerfen – was will man
mehr?
Wertung:
10 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens (01.07.2003)
Dieser
Text ist vorher, unter dem Namen POSDOLE, erschienen bei: ciao.de
Leoparden
küsst man nicht
(Bringing Up Baby)
USA
1938, 102 Minuten
Regie:
Howard Hawks
Drehbuch:
Hagar Wilde, Dudley Nichols
Musik: Roy Webb; Jimmy McHugh („I can't
Give You Anything But Love, Baby“, Max Steiner)
Director of Photography: Russell Metty
Schnitt:
George Hively
Produktionsdesign:
Van Nest Polglase
Hauptdarsteller:
Katherine Hepburn (Susan Vance), Cary Grant (Dr. David Huxley), Charles Ruggles
(Major Applegate), May Robson (Tante Elizabeth), Virginia Walker (Alice
Swallow), Walter Catlett (Constable Slocum), Barry Fitzgerald (Mr. Gogarty),
Fritz Feld (Dr. Lehman), Leona Roberts (Mrs. Gogarty), George Irving (Mr.
Peabody), Tala Birell (Mrs. Lehman), John Kelly (Elmer)
Prädikat:
Besonders wertvoll.
Internet
Movie Database: http://german.imdb.com/Title?0029947
(Platz 119 der besten Filme in der IMDb).
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