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Leo
& Claire
Joseph
Vilsmaier versucht sich erneut am „Dritten Reich"
Vilsmaier,
Deutschland-Banalisierer & -Trivialisierer, hat es wieder geschafft. Die
wahre Geschichte vom Juden Katzenberger, der 1941 wegen Rassenschande durchs
Fallbeil hingerichtet wird, ist in Leo
& Claire
entkernt und mit schickem Design neu möbliert worden. Das vilsmaiereigene
Verfahren nennt sich „Bildgestaltung".
Bildgestalter
Vilsmaier also gewährt uns einen Blick durch die kreisrunde Öffnung
der Guillotine frontal auf den Kopf Michael Degens – er steht weit entfernt
im Hintergrund an einer Mauer. Eine kunstgewerbliche Pseudokreisblende. Ehe
Degen noch einen Schritt getan hat, hievt ein Kran die Kamera in schwindelnde
Distanz. Eine Großaufnahme zeigt uns die frisch geputzte Auslösemechanik.
Soll unser technisches Interesse geweckt werden? Wir werden abgelenkt und auf
Distanz gebracht. Eine sanft einsetzende Musik beruhigt ihrerseits. Und dann?
Ein Schwarzbild.
Im
Film wandeln und posieren menschliche Hülsen, aliengleich, denen die eigene
Geschichte, die sie doch gehabt haben, geraubt worden ist. Dabei war Vilsmaier
extra nach Jerusalem gereist, um den Schuhladen von Katzenbergers Nachfahren
in der Jaffa Road zu besichtigen; das Geschäft war grade von einem Selbstmordattentäter
ruiniert worden. – Authentisches findet sich jedoch im Film nicht wieder. Vilsmaier
hatte in Israel die Frage gereizt, ob Katzenberger es mit der Arierin getrieben
hatte oder nicht. „Wir haben uns dabei eine Meinung gebildet und sind überzeugt,
dass Katzenberger und die Fotografin im Prozess die Wahrheit sagten" (Vilsmaier
in einem Interview).
Also
haben sie nicht. Wir dürfen daher das Urteil schelten. Aber wir müssen
uns nicht entrüsten, denn es geht in Leo
& Claire
um anderes, etwa darum, nachts durch die sich bauschenden Spitzengardinen die
schöne Fotografin im hell erleuchteten Boudoir zu erspähen, wie sie
ausgiebig in einer ellenlangen Einstellung zu tollem Jazz ganz allein und splitternackt
umhertanzt.
Eine
Hochglanzeinlage, vergleichbar dem Ganzkörperposter, das man den einschlägigen
Printmagazinen entnimmt, entfaltet und – gell, hat sie nicht einen schönen
Körper? Aber, unter uns Voyeuren, ist das wirklich Franziska Petri, Absolventin
der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und Star von Vergiss
Amerika?
In Vilsmaiers Bildgestaltung spielt sie nicht, sie hat bis zum Schluss den immer
gleichen Gesichtsausdruck, auch bewegen kann sie sich nicht, sie posiert.
Offenbar
sorgen sich auch die Dialoge, dass der Zuschauer die Charaktere nicht recht
wahrzunehmen vermag. Sie geben daher eine Hilfestellung, wie wir sie aus Billigromanen
kennen („Der Soundso, der, wie Du weißt, Dein Vater ist."). „Ah,
Sie, als Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde", wird aufkommender
Zweifel an Degens Status ausgeräumt. Ja, „ich bin Leo Katzenberger",
setzt der Hauptdarsteller eins drauf.
In
der Filmverunstaltung Vilsmaiers wird die wahre Geschichte zum Boulevardstück.
Inszeniert und gespielt wird auf die Stars hin. Nebendarsteller und Komparsen
verharren regungslos im Bild. Jede Bewegung würde die Konzentration auf
die Topschauspieler stören. Und die sind, wie es sich fürs Boulevardtheater
gehört, überschminkt, überkostümiert und überbeleuchtet,
auch sprechen sie überakzentuiert. Sie feiern sich auf der Bühne selbst.
Bloß, sind wir denn nicht im Kino? Merkwürdig. Was wir sehen, ist
kein Film.
Eben
darauf möchte ich hinaus. Es muss doch einmal einer sagen, dass das, was
Vilsmaier macht, rationale und emotionale Depravation ist. Mit der wahren Geschichte
ist auch das Naziunrecht auf Null gebracht. Die Filmbilder sind ohne Aura, seelenlos,
leer. Ich rate, sich lieber die Fotos zwischen den Seiten 192 und 193 im Buch
von Christiane Kohl anzuschauen: „Der Jude und das Mädchen. Eine verbotene
Freundschaft in Nazideutschland" (Goldmann). Aus den paar Buchbildern spricht
mehr, als Vilsmaier mit großem Aufwand in 100 Filmminuten zu Stande bringt.
Er berichtet in einem Interview, dass er mit der Buchautorin, die den Fall Katzenberger
akribisch recherchiert hat, „lange diskutiert" habe. Offenbar nicht lange
genug.
Ich
bleibe dabei, dass Vilsmaier der große Bildentleerer ist. Wir sollen gar
nicht glauben, dass wir auf der Leinwand etwas finden, eine Geschichte beispielsweise.
Greifen wir zum Schluss zwei Sequenzen heraus, die uns nahe gehen könnten.
Juden werden von Nazis in der Stadt eingesammelt und auf der grünen Wiese
zusammengeknüppelt. Hier ist ausnahmsweise Montagekunst zu bewundern, aber,
damit es nicht wahr ist, wird der Ton abgedreht, und wir werden auf versöhnliche
Konzertmusik verwiesen. – Ein Gegenbild, die heile jüdische Welt: in Jerusalem
feiert die Katzenbergersippe, es wird tadellos Jitterbug getanzt. Etwas merkwürdig,
aber dann kommt doch der Folkloreauftritt. Bloß können wir wieder
dem Bild nicht trauen, weil die angeblichen Katzenbergers doch nur professionelle
Tänzer vom Fernsehballett sind, aufdringlich posierend. Ja, so scheint
es. So ist es. Ach, Vilsmaier.
Dietrich
Kuhlbrodt
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: epd film 4/2002
Leo
& Claire
BRD
2001. R:
Joseph Vilsmaier. B: Reinhard Klooss, Klaus Richter. P: Reinhard Klooss, Joseph
Vilsmaier. K: Joseph Vilsmaier, Mike Bartlett. Sch:
Hans Funck. M:
Gert Wilden jr. T: Roland Winke. A: Uwe Szielasko, Katja Schmidt. Ko: Ute Hofinger.
Pg:
Odeon/Perathon/Bavaria. V:
Odeon. L: 100 Min. FBW: besonders wertvoll. Da: Michael Degen (Leo Katzenberger),
Suzanne von Borsody (Claire Katzenberger), Frnziska Petri (Irene Scheffler),
Dietmar Schönherr (Rechtsanwalt Herz), Alexandra Maria Lara (Käthe),
Jasmin Schwiers (Lilo), George Lenz (Bernhard), Nina Hoger (Lisveth Häberlein),
Kai Wiesinger (Gestapo-Mann).
Start:
18.4.2002 (D).
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