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Der
letzte Kaiser
160 Minuten und keine zuviel. Bertolucci (DER LETZTE TANGO
VON PARIS) hat mit dem LETZTEN KAISER
gegen alle Voraussetzungen ein kurzweiliges Epos geschaffen, sinnlich, atmend,
die Gefühle angeheizt, uns nah. Womit wir schon beim Thema wären,
denn der LETZTE KAISER ist als erstes ein Film über den Europäer Bertolucci,
der sich vom fernen China faszinieren läßt - gerade dort, wo es unseren
Verstand blockiert. Bertolucci stellt seine Zuneigung zur Schau, vorsätzlich
naiv: „Wenn ich sehe, dann sehe ich mit meinen eigenen Augen". So wenig
wie er sich dreinreden läßt, zwingt er uns seine Sicht-Weise auf.
Es geht nicht ums Resultat, um die-Dinge-in-den-Griff-kriegen, um die eurozentristische
Anmaßung. Bertolucci versprüht mit seinem Film beträchtlichen
Großer-Junge-Charme, um eine Beziehung herzustellen zum letzten Kaiser
und dem China des 20. Jahrhunderts. Er achtet auf Zeichen und Signale, die seine
Zuwendung erwidern könnten. DER LETZTE KAISER ist unterhaltsam, weil er
zuhört und hinsieht, und er ist spannend, weil das Resultat nicht gewiß
ist. Bertolucci hat nicht schon alles vorher gewußt, und gerade das bringt
die große Bewegung in den Film, der sich seinerseits der Bewegung eines
sehr ungewöhnlichen Lebens annimmt.
Dies vorausgeschickt, notieren wir, daß DER
LETZTE KAISER eine Literaturverfilmung ist - eine ungewöhnliche. Anfang
der sechziger Jahre schrieb Pu Yi, der Protagonist, seine Autobiografie im Peking
Mao Tse Tungs. 1908 war er als Dreijähriger auf den Kaiserthron gekommen.
Schon vier Jahre später wird China Republik, aber sie läßt den
Kindkaiser und seine zweitausend Eunuchen in den Palästen der Verbotenen
Stadt weiter ihr höfisches Leben treiben. Befreiung von den zeremoniellen
Zwängen verhieß der Westen - insbesondere in Gestalt des väterlichen
Freundes Reginald Johnston (Peter O'Toole), dessen sich der junge Kaiser bereits
als Dreizehnjähriger erfreuen durfte. Quickstep vor den Ahnen der Ming
Dynastie? Jawohl, aber erst 1924, in Tientsin. Ptr Yi tritt als der perfekte
Playboy auf - und, zehn Jahre später, als Marionettenkaiser der Japaner
im besetzten Mandschuko. Deshalb sitzt er 1945 als Kriegsverbrecher im Gefängnis,
erst in der Sowjetunion, dann in China. Kein Problem für den Ex-Kaiser,
sich den Riten der maoistischen Gehirnwäsche zu unterwerfen, denn mit zeremoniellen
Zwängen kennt er sich aus.
In die Freiheit entlassen, schreibt er in der Volksbibliothek
seine Biografie. Zum erstenmal in seinem Leben tritt er mannhaft auf, als das
nächste Repressionssystem seine Opfer sucht: die Kulturrevolution.
Wir dürfen sicher sein, daß die Geschichte
stimmt, daß die Fakten stimmen, daß die Dekors liebevoll ausgesucht
sind, daß jedes Detail an seinem Platz ist. Von der Jade-Preziosität
zur Oldtimer-Parade, von der Krönungschoreografie bis zur Rote-Fahnen-Performance
wird es an Schauwerten des Guten zu viel, nein: würde es zu viel, wenn
Bertolucci nicht ein Meister darin wäre, den schönen Dingen den Selbstzweck
zu nehmen. Der Blick darauf ist die Hauptsache, und der sagt häufig etwas
anderes, gar Dementierendes, häufig Frivoles und Entlarvendes. In der Mandschurei
geht die Kamera zusammen mit dem Kaiser die Pyramidenstufen hoch zum Thron:
links und rechts des goldgelben Seidenteppichs stehen huldigend die Japaner,
die mittels ihrer Marionette ihre neue Kolonie industriell auszuplündern
gedenken. Dann erringt die Kamera die Plattform: Der Blick öffnet sich
majestätisch auf die grandiose Landschaft - und auf das nicht minder gewaltige
Industriewerk im Hintergrund. Oder, ganz am Anfang: Der Blick Bertoluccis nimmt
den Blick des dreijährigen kaiserlichen Kleinkinds auf, ganz von unten
hoch in Richtung der Kaiserwitwe, grell geschminkt, mit mindestens 20 Zentimeter
langen Fingernägeln, historische Figur und Märchenhexe in einem. Die
Schranzen drum herum sind, man muß dreimal hinsehen, in der Tat schon
im Panoptikum.
Zum erstenmal drehte ein Filmteam in der Verbotenen
Stadt, dem nationalen Museum und der großen Touristenattraktion. In Bertoluccis
Film gibts davon keine repräsentative Aufnahme. Es scheint, als habe man
absichtlich bedeckten Himmel abgewartet, um das Ansichtskartenblau zu vermeiden.
Stattdessen gucken wir ganz von unten hoch zum gelben Vorhang, der das Tageslicht
abschirmt. Er scheint alles zu versprechen, das die Zukunft noch verbirgt. Der
kleine Kaiser hebt ein paarmal die Arme, flatternd, einen frühen Flug versuchend.
Choreografisches Gepränge im Hof: der kleine
Kaiser sucht sich ein Spielzeug. Die Kamera huscht mit. Später steht sie
neben dem großen Kaiser hoch auf den Zinnen; unten tragen die Eunuchen
während einer zeremoniellen Demonstration in einem Weckglas die abgeschnittenen
Hoden vor sich her. Schließlich folgt die Kamera, in Augenhöhe, dem
ehemaligen Kaiser und neuen Bürger Pu Yi mitten hinein in eine Straßentheateraufführung
im Stil des Roten Frauenbataillions, wieder eine Zeremonie, aber jetzt ist die
Distanz aufgehoben. Und die Touristen haben nichts zu lachen. Wer die Blicke
aufnimmt, wird beteiligt - mitschuldig und mitbelohnt. Im Gefängnis fährt
die Kamera unter dem Eisenrostgang längs, sie blickt hoch auf die Füße,
die dort längsgehen. „Den Kopf senken!", befiehlt der Kommentar. Jähes
Ducken im Zuschauerraum. Es ist kein anderes Gefängnisbild nötig.
Es braucht nichts behauptet, nichts bewiesen zu werden,
wenn die Bilder sinnlich, ihre Inhalte erfahrbar werden. Bertoluccis emotionale
Sturz- und Steilflüge binden den Zuschauer: kein Aussteigen während
der Fahrt. Jubelmandschus tun ihre Pflicht: 10.000 Jahre für den Kaiser!
Die Kamera zieht sich zurück in ein Boudoir, eine Großaufnahme, ein
Handschuh, die Lederfrau zieht der vernachlässigten Kaisergemahlin den
Seidenstrumpf von der Wade, ein Ring auf den bloßen Zeh, „Jetzt sind wir
verlobt". - Es ist kein anderer Satz nötig.
Pu Yi erhoffte sich von Musik Befreiung, vom Quickstep
der zwanziger Jahre. Bertolucci nimmt diese Bewegung auf - in der Gegenrichtung.
Der Kaiser, ganz Dandy, darf sehr leise, sehr geschmackvoll, sehr sicher vortragen:
„Am I blue? My eyes are telling you“, und die Musik, die vor der Inthronisierung
durch die Japaner erklingt, ist der Straußsche Kaiser-Walzer. Andererseits
hat Bertolucci den gegenwärtig hochberühmten, jedoch im Westgeschmack
komponierenden Musiker Su Zong mit Erfolg animiert, traditionelle chinesische
Musikstrukturen wiederaufzunehrnen. Und schließlich erweist unsere aktuelle
Rock- und Pop-Kultur dem Chinafilm Reverenz: Ryuichi Sakamoto, Star des Yellow
Magic Orchestra, und David Byrne, Star der Talking Heads, bringen zum Ausdruck,
was an dem fremden Schicksal des Pu Yi befremdlich nah und aktuell erscheint,
Sakamoto gar persönlich in der besonders fiesen Rolle des Geheimpolizisten
Amakasu. - Von allen attraktiven Ambivalenzen befreit sich Pu Yi, der letzte
Kaiser, indem er auf das Repräsentative verzichtet. Bertolucci macht diesen
Akt zur Attraktion, 160 Minuten lang.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: epd Film 12/87
Der
letzte Kaiser
THE
LAST EMPEROR
Großbritannien 1986/87. R: Bernardo Bertolucci. B: Bernardo Bertolucci, Mare Peploe. K: Vittorio Storaro. Sch: Gabriella Christiani. M: David Byrne, Su Zong, Ryuichi Sakamoto. Ba: Ferdinando Scarfiotti. Ko: James Acheson. Sp: Gino de Rossi, Fabrizio Martinelli. Pg: Recorded Picture Company. Gl: Franco Giovale, Joyce Herlihy. V: Jugendfilm. L: 162 Min. FSK: 12, ffr. FBW.- Besonders wertvoll. St: 29.11.1987. D: John Lone (Pu Yi), Joan Chen (Wan Yung), Peter O'Toole (Reginald Johnson), Ying Ruocheng (Gefängnisdirektor), Victor Wong (Chen Pao Shen), Dennis Dun (Big Li), Ryuichi Sakamoto (Amakasu).
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