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Die
letzten Glühwürmchen
Inhalt:
Der
Junge Seita und seine kleine Schwester Setsuko irren durch die Grauen des zerbombten
Japans während des 2. Weltkriegs. Nach dem Verlust ihrer Mutter im Bombenhagel
über Kobe, suchen sie zunächst Unterschlupf bei einer Tante, die sie
aber bald nicht mehr bei sich sehen will. Sie flüchten daraufhin in eine
Höhle auf dem Land und versuchen, über Betteln, kleine Geschäfte
und schließlich auch durch Diebstahl zu überleben. Am Ende jedoch
haben sie nur noch einander und es beginnt ihr unausweichliches, langsames Sterben.
Kritik:
Wenn
uns diese Begrifflichkeit in Zusammenhang mit ausgerechnet diesem Film nicht
zu unangebracht erscheinen würde, so könnte man fast sagen, dass es
ein seltsamer "Kult" ist, der Hotaru
No Haka
seit Jahren umweht. Eine erhebliche Anzahl von Cineasten auf der ganzen Welt
betrachtet ihn als den wohl traurigsten und herzergreifendsten Film aller Zeiten
und dieser Ruf hat ihn deutlich über die Grenzen Japans hinaus berühmt
gemacht. Wenn man mit Filmliebhabern, die Hotaru
No Haka
einmal gesehen haben, über Takahatas Film spricht, so verfallen sie ins
Schwärmen und weisen regelmäßig darauf hin, dass man sich dieses
Werk nun unter gar keinen Umständen dann ansehen sollte, wenn man sich
in einem "Stimmungshoch" befindet, und dieses noch eine zeitlang genießen
möchte. In der Tat ist Hotaru
No Haka
ein Film, dessen Erfahren nur die wenigsten Zuschauer schnell abschütteln
dürften - und dennoch erntet man immer wieder fragende Blicke, wenn man
in einem Gespräch erwähnt, dass der traurigste Film, den man kennt,
nun ausgerechnet dem Genre zuzuordnen sei, dem eine ernsthafte und eben nicht
bloß bitter-süße Traurigkeit doch eigentlich schon in der Anlage
fern sein sollte: Zeichentrick.
Zu
sagen jedoch, dass Hotaru
No Haka
ein "trauriger" Film sei, trifft Isao Takahatas Meisterwerk nicht
vollständig: Er ist Horror und das im Sinne von Fürchterlichkeit,
von Unertragbarkeit und größter Angst. Er behandelt dabei das Thema,
das am schonungslosesten Grausames, Widerliches und Abstoßendes zutage
fördert: Den Krieg; den Krieg und die drei ihn stets begleitenden anderen
Reiter der Apokalypse - Tod, Hunger und Krankheit. Takahatas Film kennt dabei
keine Kompromisse und ist nur konsequent in seiner tiefen Hoffnungslosigkeit
und Depression. Das Überleben im Krieg ist Glück, Ausnahme und Seltenheit;
das Sterben ist die Normalität. Wenn, wie jetzt, Krieg herrscht auf unserer
Welt, so erleben wir nüchterne, analytische Berichterstattungen an den
Fernsehschirmen und sehen darin allenfalls sekundenlange Clips, die winzige
Ausschnitte des unvorstellbaren Leids andeuten, durch das Menschen in der Absurdität
des Krieges gehen müssen. Dass man überhaupt mit Reportagen zu Geschehnissen
versorgt wird, ist dann in der Regel auch nur dem Umstand zu "verdanken",
dass eine Weltmacht diesen Krieg führt, dass er umstritten, diskutiert,
boykottiert und beworben wurde, und dass das makabere "Präludium"
Monate einnahm. Hotaru
No Haka
ist nichts dergleichen: Keine Zahlen, keine Analysen, keine Szenen von Truppenaufmärschen
- kein Kampf. Nur Gesichter voller Schmerz, Kinderaugen voller panischer Furcht;
Feuer, Dreck und Zerstörung. Wenige Filme sind so endlos qualvoll, so beklemmend.
Sieht man Hotaru
No Haka,
so hat man das Gefühl, als schnüre die Ungerechtigkeit des Dargestellten
einem die Kehle zu, als wolle man nach Luft schnappen und könne es nicht:
Aufatmen ist nur möglich, wenn wir "abschütteln" können,
wenn wir den "Das-ist-nur-ein-Film"-Gedanken aufzubauen verstehen.
Doch Hotaru
No Haka
gestattet uns das nicht; er ist "echt". Nicht "echt" im
Sinne von "authentisch", sondern "echt" im Sinne einer Kulmination
der "Perversion Krieg". Er meditiert nicht über Geschehnisse,
sondern über die abartige Idee des massenhaften Tötens und zeigt,
wie sich "Krieg", dieses kleine, unscheinbare Wort, durchbuchstabiert.
Hotaru
No Haka
erzählt die Geschichte jener Kriegsopfer, die immer zu den ersten, weil
wehrlosesten gehören: Kinder. Die erste Einstellung zeigt uns Seita, eine
der zwei Hauptfiguren des Films. Ein Junge im Alter von vielleicht 14 Jahren,
der, wie auf einer Bühne vor einem schwarzen Hintergrund abgebildet, davon
spricht, dass er bereits gestorben ist - 1945, im letzten Jahr des 2. Weltkriegs.
Die Geschichte wird fortan in Rückblenden erzählt, jedoch unter weitgehendem
Verzicht auf Off-Kommentare, was die für eine Rückblendenerzählung
doch eigentlich typische Distanz des Zuschauers egalisiert. Seitas Geschichte
beginnt im amerikanischen Bombenhagel auf die japanische Großstadt Kobe.
Hier sehen wir ihn, wie er sich mit seiner etwa vier oder fünf Jahre alten
Schwester Setsuko auf das Schutzsuchen in einem der Bunker der Stadt vorbereitet.
Sie verabschieden sich von ihrer Mutter, die woanders unterkommen will, und
eilen durch die Stadt, die alsbald von Unmenge kleiner Brandbomben übersäht
wird. Bloß so groß wie eine Flasche scheinen sie und die aus ihnen
nach der Detonation heraussprudelnden Flammen sind nicht so gewaltig, dass sie
- allein für sich gesehen - als außergewöhnlich bedrohlich erscheinen
würden. Doch es ist die Zahl, die diese Waffe verheerend macht. Die Zahl
und die Tatsache, dass nicht diese Bomben oder ihre Detonation selbst, sondern
viel mehr ihre Konsequenzen töten sollen. Das Viertel, in dem Seita und
Setsuko wohnen, besteht größtenteils aus Holzhäusern mit einfachen
Dächern aus Reisig oder Stroh - Feuer verbreitet sich schnell und es zu
löschen, scheint vergeblich. Seine schreiende Schwester auf den Rücken
gebunden eilt Seita durch die Straßen und beide finden schließlich
Zuflucht in einem höhlenartigen Unterstand, bevor sie sich zu einer in
ein Lazarett umfunktionierten Schule begeben, in der sie auch ihre Mutter vermuten.
Als Seita sich allein hineinbegibt, findet er seine Mutter vor - am ganzen Körper
einbandagiert, mit großen Blutflecken auf ihren Verbänden und den
Anzeichen furchtbarer Verbrennungen. Sie liegt reglos da, nicht im Stande zu
sprechen. Der Junge weiß, dass sie sterben wird, und als er sie zurücklässt,
beschließt er, Setsuko draußen nichts davon zu berichten. Doch der
Tod ihrer Mutter wird für die beiden Kinder zu einer Odyssee durch den
Krieg. Nach der Begegnung mit mehreren Menschen, die selbst zu wenig haben,
oder zu geizig sind, um ihnen zu helfen, sind sie am Ende allein. Die Tage ihrer
Einsamkeit, ihrer Verlorenheit in einer pervertierten Welt und ihr verzweifelter
Versuch, in der Hölle ein winziges Paradies zu errichten, zählen zum
furchtbarsten, alptraumhaftesten und schmerzvollsten, was jemals seinen Weg
auf eine Leinwand gefunden hat. Sie haben nur noch sich und bestreiten eine
Schlacht gegen eine Welt, die zwei auf sich gestellten Kindern nichts zu geben
hat.
Immer
wieder wird gesagt, Hotaru
No Haka
sei eine Geschichte vom Überleben - nein, er ist eine vom Sterben. Es ist
ein langer, den ganzen Film durchziehender "Kreuzweg", den Seita und
Setsuko begehen müssen; ein bis ins letzte Detail durchkomponierter Sterbeprozess
um Abschied, Schuld, Opferungen, die Suche nach Halt im Nächsten und um
innige Liebe. Es gibt nur eine sehr begrenzte Anzahl von Filmen, die es bei
jedem Anschauen schaffen, mich zu Tränen zu rühren, aber seitdem ich
ihn vor drei Jahren etwa zum ersten Mal gesehen habe, gelingt dies Hotaru
No Haka
immer wieder - auch bei der inzwischen wohl sechsten oder siebten Sichtung des
Films. Mehr als früher habe ich mich nun beim erneuten Ansehen des Films
vor einigen Tagen gefragt, wie dieser unglaubliche Effekt immer wieder zustande
kommt. Eine Frage, die mich immer mehr interessiert, da ich weiß, dass
ich bei weitem nicht der einzige Zuschauer des Films bin, den er regelmäßig
mit Tränen in den Augen zurücklässt. Ich bin zu dem Schluss gekommen,
dass die immense Kraft von Hotaru
No Haka
zuallererst wohl das Resultat einer meisterhaften visuellen Gestaltung ist;
gar das eines sich auf absolutem Realfilmniveau befindlichen "framings"
- also der Anordnung der einzelnen Elemente in einem ganz bewusst gewählten
Bildentwurf.
Der
vor allem für seine herausragenden Dokumentationen bekannte Filmemacher
Chris Marker stellte in seiner brillanten Videoanalyse über das Schaffen
von Andrei Tarkovsky, Une Journée D'Andrei Arsenevitch (2000), etwas
Faszinierendes fest, was sich gut in einen Kontext mit der visuellen Gestaltung
von Hotaru
No Haka
bringen lässt: Marker sagt, dass amerikanische Filme besonders aus Hollywood
dazu tendierten, ihre Figuren mit einer einer ganz leicht nach unten verlagerten,
also heraufblickenden Kameraposition abzufilmen. Dies führt zu einer "Erhöhung"
der Darsteller, da ihre Köpfe und Oberkörper quasi gegen den Himmel
kontrastiert werden. Tarkovsky hingegen filmte mit einer leicht nach oben und
damit herabblickenden Kameraposition, was seine Figuren in Assoziationen mit
der Erde setzte, was Marker mit der traditionellen Erd- und Naturverbundenheit
russisch-orthodoxer Christen zu erklären suchte. Ich entdeckte etwas ganz
Ähnliches in Hotaru
No Haka:
Takahata kontrastiert seine Figuren ebenfalls gerne entweder gegen den Himmel,
oder gegen den Erdboden, lässt aber oftmals beide gleichermaßen "flach"
und beinahe konturenfrei erscheinen, was ihre Unterschiede aufhebt. Zudem bedient
er sich an den tragischsten Eckpunkten seiner Erzählung häufig einer
aus leichter Distanz aufnehmenden Kamera, die, in der Verbindung mit den schroffen
Darstellungen von Himmel und Erde, sofort Leere, Verlorenheit und Hilflosigkeit
suggeriert. Besonders evident wird dies in jener grandiosen Szene, in der Seita
versucht, seine weinende Schwester aufzumuntern, indem er ihr einige Kunststücke
an einem Reck vorführt. Die gesamte Sequenz ist eine geniale Komposition
aus Nähe und Distanz, retardierenden Momenten, Stille und dem absolut visualisierten
Gefühl des "Nichtweiterwissens".
Aber
Isao Takahatas Gefühl für die Optik und deren Wirkung in seinem Werk
geht noch ein erhebliches Stück über ein meisterliches Talent in der
Anordnung der Bildelemente hinaus. In Hotaru
No Haka
bedient er sich einer fast unscheinbaren, aber unterschwellig doch immer vorhandenen
Ikonographie des Grauens. Immer wieder sind es winzige Szenen, kurze Einwürfe,
die Takahatas Film seine Kraft und seinen ungemeinen emotionalen Druck verleihen:
Die Mutter, an deren Leiche die Maden sitzen, die widerlich-schönen, hellen
Kugeln der Bombenhagel am Horizont, die eine so seltsame Ähnlichkeit mit
den Glühwürmchen haben, die die Kinder sammeln, und die zu einem Symbol
ihres Zusammenseins und ihres kurzen Glücks werden, das brennende Laub,
das Seita und Setsuko in einer Szene zu Beginn des Films umweht, die kurzen
Impressionen von verkohlten, gesichtslosen Leichen in den Straßen. Ebenso
jedoch gibt es neben den Kriegssymbolik auch eine fast ebenso vielfältig
und beeindruckend vorhandene Symbolik der reinsten Schönheit und Zärtlichkeit:
Setsukos große Augen, wenn ihr Bruder ihr einen Fruchtbonbon in den Mund
schiebt, das Einfangen von Glühwürmchen, um die Höhle zu erhellen,
in der sich die beiden Kinder am Ende aufhalten, das Spielen am Strand und im
Meereswasser. Es sind denn auch die finstersten und depressivsten Momente des
Films, wenn Schönheit und Horror eine schockierende Symbiose eingehen;
eine Verbindung von Extremen, wie sie vielleicht nur ebenso extreme Situationen
wie der Krieg zulassen: Etwa dann, wenn Seita nach Setsukos Hungersterben voller
Zärtlichkeit neben dem reglosen Körper des kleinen Mädchens liegt,
oder dann, wenn Setsuko in einer der vorherigen Szenen die toten Glühwürmchen
aus der Höhle in der Erde verschart, dies für Seita die Erinnerungen
an das Verbrennen des Leichnams seiner Mutter zurückruft, und Setsuko unter
Tränen und in ihrer so liebenswerten, kindlich-naiven Stimme die quintessentielle
Frage des Films stellt: "Seita, warum sterben die Glühwürmchen
nur so früh?" Natürlich überhöht Hotaru
No Haka
ganz bewusst seine Tragik - aber ist "Überhöhung" im Angesicht
des Krieges nicht schon ein Paradoxon?
Hotaru
No Haka
ist so reich an Menschlichkeit und humanistischen Gedanken, dass für eines
der so oft zentralen Motive anderer (Anti)Kriegsfilme kein Platz mehr ist: Hass.
Isao Takahatas Anime-Meisterwerk drückt keine Wut über die amerikanischen
Bombardements aus, ist in keiner Sekunde antiamerikanisch - das einzig Amerikanische,
was man überhaupt zu sehen bekommt, sind die praktisch namen- und staatenlos
wirkenden Bomber am Himmel, die mehr wie ein Symbol für den Krieg als solchen,
als denn wie eines für die Zerstörung Japans durch die Amerikaner
wirkt. In einer wunderschönen Szene des Films wird dies besonders deutlich:
Seita und Setsuko übernachten unter freiem Himmel und Seita imitiert -
in Gedanken an seinen für Japan auf See kämpfenden Vater - ein Maschinengewehr,
das ein feindliches Flugzeug abschießt. Doch als er aus seinem Tagtraum
wieder erwacht, stellen er und wir mit einer kurzen Kameraeinstellung fest,
dass dort kein feindliches Flugzeug ist - nur die Nacht, die Sterne und die
Glühwürmchen, die sie umkreisen. Krieg ist nirgends und überall,
jedoch praktisch niemals in der Propaganda, die uns sämtliche Kriegsparteien
zu vermitteln versuchen. Nein, dieser Film ist nicht contra-amerikanisch oder
pro-japanisch, oder auf sonst irgendeiner Seite stehend, sondern er formuliert
ein schlichtes, aber unglaublich einnehmendes und unvergessliches "No war!".
Hotaru
No Haka
ist wichtig. Heute vielleicht mehr denn je.
Janis
El-Bira
Dieser
Text ist zuerst erschienen bei:
Die
letzten Glühwürmchen
(Hotaru
no haka, 1988)
Regie:
Isao Takahata
Premiere:
16. April 1988 (Japan)
Drehbuch:
Akiyuki Nosaka & Isao Takahata
Genre:
Animation, War, Drama FSK:
ab 16
Land:
Japan
Länge:
93 min
Sprecher
(Japan):
Tsutomu
Tatsumi (Seita), Ayano Shiraishi (Setsuko), Yoshiko Shinohara (Mutter), Akemi
Yamaguchi (Tante)
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