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Liebe
ist kälter als der Tod
Man
hat, was man liebt ...
„Es
sind Leute, die, um leben zu können,
was
ihnen lebenswert erscheint,
sich
halt in Rollen begeben, die
eigentlich
nicht die ihren sind. Das
ist
natürlich etwas Trauriges
oder
auch etwas Schönes.“
(Rainer
Werner Fassbinder)
Weiße
Wände, kahl, doch das Licht bringt ein bisschen Wärme in den Raum,
in dem sich vier Personen aufhalten, gefangen, schweigend, wartend. „Das Syndikat
wünscht, dass Sie für uns arbeiten.” Vor einem mehr oder weniger modernen
Ölgemälde, das so gar nicht in den Verhörraum passt, befragt
ein Angestellter des Syndikats (Peter Moland), flankiert von zwei dunklen Gestalten
mit ebenso dunklen Sonnenbrillen, Georges (Les Olvides) und Raoul (Howard Gaines),
Franz the Pimp (Rainer Werner Fassbinder). Franz ist ein kleiner, erbärmlicher
Zuhälter, der seine Freundin Joanna (Hanna Schygulla) auf den Strich schickt.
Er liebt Joanna. Er will frei sein und daher nicht für das Syndikat arbeiten.
Prügel durch Raoul sind die Folgen dieser Weigerung.
Vier
Männer warten. Einer kommt dazu, ein junger smarter Bursche mit klaren
Augen, ein Gangster wie aus dem Buch, mit Mantel und Hut und Sonnenbrille. Bruno
gesellt sich zu Franz und Peter (Hans Hirschmüller). Bruno scheint dem
amerikanischen Gangsterfilm der 30er und 40er Jahre entsprungen. Er hat sich
einer Geschmacksrichtung verschrieben, einer Mentalität und dem entsprechenden
Outfit. Bruno lacht kaum. Niemand lacht hier eigentlich. Bruno geht auf Franz
zu, fragt ihn aus. Bruno ist ein Lockvogel, einer, den das Syndikat auf Franz
ansetzt, um ihn zu ködern, zu zwingen, mit denen, die Franz nicht kennt,
die unsichtbar bleiben, zu kooperieren. Fünf Männer legen sich schlafen,
auf Decken, die sie in dem karg eingerichteten Raum, den niemand verlassen darf,
ausgebreitet haben. Zum Schein haben sie Bruno verprügelt. Das schafft
Nähe zu Franz, und Franz mag Bruno, lädt ihn nach München ein,
in sein Milieu, sein merkwürdiges Zuhause zwischen Strich und kleinen Verbrechen.
„Mir
geht es darum, dass das
Publikum,
das diesen Film sieht,
die
eigenen, ganz privaten Gefühle
überprüft
[...] Das finde ich politischer
oder
politisch aggressiver und
aktiver,
als wenn ich jemandem
die
Polizei als die großen
Unterdrücker
zeige.“
(Rainer
Werner Fassbinder)
Bruno
sitzt im Zug nach München. Ihm gegenüber sitzt eine schöne Frau
(Katrin Schaake), eine blonde, die ihn ständig ansieht, ihm einen Apfel
gibt, die ihre linke Schulter frei macht, mit der Hand an ihrem Hals entlang
fährt. Wieder so eine Frau, die Zärtlichkeit will, Liebe, Zuneigung?
Bruno antwortet. Schon als Jugendlicher habe er einen Jungen tot geprügelt.
Er nimmt aus der Handtasche der Dame, die diese auf die Ablage am Fenster gelegt
hat, Geld. Bruno wird bezahlt, aber nicht für Zuneigung.
Bruno
sucht Franz. Drei Prostituierte (Gisela Otto, Ingrid Caven, Ursula Strätz)
weisen ihm den Weg. Alle wollten etwas anderes von Bruno, aber der will nur
zu Franz. Ferne, kaum merkbare Sehnsüchte machen sich in den Gesichtern
der drei Frauen breit. Sie müssten bezahlt werden, die drei Frauen, aber
sie wollen auch anderes. „Wieso Joanna, wieso nicht mich?” Prostitution ist
bei Fassbinder nie nur Geschäft. Es ist die letzte Station von Sehnsucht
und Hoffnung.
„Wie
war’s?” fragt Franz seine Joanna. Sie legt ihm die Tageseinnahmen hin. Ihren
Anteil steckt sie ein.
Franz
zu Bruno:
„Bin
aus München. Ich hab’ ‘n
Mädchen
da. Die hab’ ich lieb.“
Joanna
zu Franz:
„Wir
sollten eine Wohnung
haben,
wo wir bleiben können –
und
ein Kind – und Ruhe.“
Franz
schweigt. Auch Franz hat sich einen Habitus zugelegt. Er nennt sich frei. Er
macht, was er will, meint er. „Man hat, was man liebt, weil man liebt, was man
hat” (Pierre Bourdieu). Franz hat seinen miesen Gangsterhabitus und er hat Joanna,
die Prostituierte. Er liebt beides, weil er es hat. Warum hat er es?
Bruno
kommt. Franz mag Bruno, weil er Bruno „hat”. Er erzählt Bruno, man beschuldige
ihn zu Unrecht, einen Türken getötet zu haben, und nun seien dessen
Freunde hinter ihm her. Bruno verführt Franz. Aber eigentlich ist das keine
Verführung. Denn dass Franz nun Bruno folgt, ergibt sich logisch aus seinem
Habitus. Man kauft eine Waffe bei einem Schumacher (Peter Berling). Bruno tötet
ihn. Er tötet den Freund des Türken, auch ein Türke (Anastassios
Karalas), und auch die Zeugin im Lokal des Türken (Monika Nüchtern).
Später schlägt Franz noch einen Kunden (Hannes Gromball) von Joanna
zusammen, den Bruno auf eine Müllkippe bringt und erschießt. Immer
enger zieht Bruno Franz in seine Nähe durch Mord. Bruno erschießt
einen Polizisten (Rudolf Waldemar Brem) während eines Spaziergangs, weil
der nach den Papieren von Franz, Bruno und Joanna fragt. Die gemeinsame Gewalt
ist für Bruno Mittel zum Zweck, für Franz Ausdruck einer Gangsterfreundschaft.
Er bietet Joanna Bruno an. Er merkt nicht, dass er sie ihm zum Fraß vorwirft.
Joanna mag Bruno nicht. Sie lacht ihn aus, als er vor Franz Augen ihre Bluse
öffnet. Franz haut ihr eine runter. „Warum hast Du das getan?” „Weil Du
Bruno ausgelacht hast. Und Bruno ist mein Freund.” „Und ich?” „Du? Du liebst
mich sowieso.”
Die
Polizei vernimmt Franz wegen der Morde an dem Türken und der Kellnerin,
aber am nächsten Tag müssen sie ihn wieder freilassen. Nur Joanna
erkennt, wie weit sie und Franz sich in die Abhängigkeit von Bruno begeben
haben. Als Franz durch den Kommissar (Yaak Karsunke) vernommen wird, schläft
sie mit Bruno, geht mit ihm einkaufen. Wie ein Ehepaar gehen sie durch den Supermarkt
– begleitet von einer verfremdet gespielten Arie aus Strauß’ „Rosenkavalier”.
Eine
Scheinehe, ein Schein-Ehepaar, ein Schein von Ehepaar, denn sie sind keines
und werden nie eines sein. Bruno schleicht sich in das Vertrauen von Joanna,
aber er begreift nicht, dass Joanna ihn längst durchschaut hat und durch
ihre scheinbare Nähe zu ihm Bruno austricksen will. Sie verrät den
von Franz und Bruno geplanten Bankraub an den Kommissar.
Was
bleibt? Bruno wird erschossen. Der Killer, den Bruno auf Joanna angesetzt hatte,
sucht das Weite, als er die Polizei bemerkt. Franz und Joanna flüchten
im Auto mit dem toten Bruno, den sie irgendwo unterwegs den Verfolgern, der
Polizei, vor das Auto werfen. „Ich habe die Polizei angerufen”, gesteht Joanna.
Franz Antwort: „Nutte.” Beide fahren durch die triste Landschaft, die sich langsam
in einem blendenden Weiß auflöst – ins Ungewisse? Oder ins Gewisse?
„Was
übrig bleibt, wenn man
diesen
Film gesehen hat, das ist
nicht,
dass hier jemand sechs Leute
ermordet
hat, dass es hier ein paar
Tote
gegeben hat, sondern dass hier
arme
Leute waren, die nichts mit
sich
anfangen konnten, die einfach
so
hingesetzt wurden wie sie sind,
und
denen keine Möglichkeit gegeben
wurde
– so weit wollen wir da gar
nicht
gehen – die einfach keine haben,
die
schlichtweg keine Möglichkeit haben.
Das
ist meiner Ansicht nach das,
was
übrig bleibt. Denn die anderen,
die
Szenen ohne Gewalttätigkeit, sind
ungeheuer
viel länger. Das sind etwa
70
Minuten gegen nur 10 Minuten Totschlag.“
(Rainer
Werner Fassbinder)
„Liebe
ist kälter als der Tod”, sein erster Spielfilm, gehört zu einer Reihe
von Gangsterfilmen (u.a. „Götter
der Pest”,
1970, und „Der
amerikanische Soldat”,
1970), in denen Fassbinder aus seiner Sympathie für den alten amerikanischen
Gangsterfilm, aber vor allem für Godard und Melville („Der eiskalte Engel”,
1967) kein Hehl macht. Der Film ist Chabrol, Rohmer, Straub und zwei Gangsterfiguren
in einem Western von Damiani („Töte Amigo”) von 1966 gewidmet. Aber Fassbinder
lässt schon hier spüren, dass es ihm nicht um Selbstverliebtheit in
das Kino geht. Das Zitieren des Genres ist bei ihm kein Selbstzweck. Er schildert
diejenigen, die ihm am Herzen liegen, die er arme Leute nennt, die keine Wahl
haben, weil sie sich anscheinend freiwillig eine Attitüde zugelegt haben,
in der sie voll aufgehen, hier der Gangstermentalität, im Innern wie im
Äußeren.
Obwohl
die Inszenierung manchmal etwas unbeholfen und steif wirkt, tut dies der Wirkung
des Films keinen Abbruch. Fassbinder stellt die Frage nach Freiheit und Notwendigkeit,
nach Selbstbestimmung und Zwang nicht als Frage der individuellen Wahl, denn
dann würde er sie als Frage der Freiheit stellen und die Frage selbst ad
absurdum führen. Schon dieser Erstlingsfilm vermittelt die in späteren
Filmen noch präziser visualisierte Frage nach unserer Kultur und dem individuellen
Empfinden dieser Kultur, auch in bezug auf das Publikum. Freiheit und Zwang
sind bei Fassbinder eher Ausdruck einer kulturell tradierten und vermittelten
Verbundenheit, denn „Gegenpositionen”, zwei Seiten einer Medaille. Der Habitus
des Gangsters, noch dazu des (durch das Kino) inszenierten Gangsters „verkommt”
in den Gestalten des Franz und des Bruno zu einer Attitüde aus „zweiter
Hand” (Hans Günther Pflaum). Was man wählt, ist schon vorhanden und
täuscht Freiheit vor. Das kulturelle „Angebot” ist schon da und die Alternativen
sind kein Ausdruck von Freiheit, sondern von Freiheit als Zwang.
Die
Kommunikationsdefizite der Personen, ihre Sprachlosigkeit angesichts dessen,
was sie an Emotion und Bedürfnis formulieren „müssten”, aber nicht
können, deutet auf den Zwang einer Kultur, die in ihrer grenzenlos liberalen
oder auch libertinären Ausrichtung nur einen Schein produziert, an dem
so einige zugrunde gehen. „Man hat, was man liebt, weil man liebt, was man hat.”
Das, was man „hat”, simuliert den Schein von Besitz. Das, was man liebt, erzeugt
den Schein von Freiheit. Wenn Franz am Schluss auf den Verrat von Joanna, der
nur Ausdruck des Bedürfnisses nach Liebe war, antwortet: „Nutte”, so zeugt
dies davon, dass Franz nichts wirklich erkannt hat. Schon in diesem ersten Film
Fassbinders sind es die Frauen, Joanna, aber auch die drei Prostituierten, die
für die Sehnsucht und die Liebe jenseits kultureller Schranken stehen.
In der Figur der Joanna drückt sich aus, was nicht nur in „Lili Marleen”
wieder aufgenommen wird.
Wertung:
10 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Dieser
Text ist zuerst erschienen bei: www.ciao.de
(1)
Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft,
Frankfurt am Main, 1982, S. 195
Liebe
ist kälter als der Tod
Deutschland
1969, 85 Minuten
Regie:
Rainer Werner Fassbinder
Drehbuch:
Rainer Werner Fassbinder
Musik:
Peer Raaben, Holger Münzer
Director
of Photography: Dietrich Lohmann
Schnitt:
Franz Walsch (Rainer Werner Fassbinder)
Produktionsdesign:
Rainer Werner Fassbinder, Ulli Lommel
Darsteller:
Rainer Werner Fassbinder (Franz), Ulli Lommel (Bruno), Hanna Schygulla (Joanna),
Katrin Schaake (Dame im Zug), Gisela Otto, Ingrid Caven, Ursula Strätz
(drei Prostituierte), Monika Nüchtern (Erika, Kellnerin beim Türken),
Hans Hirschmüller (Peter), Les Olvides (Georges), Peer Raaben (Jürgen),
Howard Gaines (Raoul), Irm Hermann (Verkäuferin), Peter Moland (Syndikatsvertreter),
Kurt Raab (Aufsichtsperson im Kaufhaus), Peter Berling (Schuhmacher und Waffenhändler),
Anastassios Karalas (Türke), Rudolf Waldemar Brem (Polizist auf Motorrad),
Yaak Karsunke (Kommissar), Hannes Gromball (Kunde von Joanna)
Internet
Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0064588
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