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Liebe
und andere Grausamkeiten
Am
Ende doch Theater
Sie
haben noch alles vor sich oder schon alles hinter sich. Sie sind Quereinsteiger
aus Frust oder Renegaten der offiziell eingespielten Lust. Weniger hysterisch
als neurotisch. Verletzt bis aufs Fleisch oder verkopft ohne Zugang zum Körper.
Harmlos oder wahnsinnig bis zum Mord. Man muss nicht viel kratzen, um zu erfahren,
wie es um sie steht. Die Fassade ist jedenfalls lässig bis cool mit mehr
als einem Anstrich Zynismus. Nach mehr als drei Sätzen verrät einen
der Zynismus, oder die Beichte kommt von ganz allein. Dass man mit dem Job nicht
zufrieden ist. Dass das ganze Leben doch nicht daraus bestehen kann. Dass man
die Schnauze voll hat von der Schauspielerei und man sich überhaupt nicht
dafür schämt, zu kellnern (es wimmelt hier vor Kellnern).
Der
30-jährige David hat mal in einer Fernsehserie mitgespielt. Als der 18-jährige
Hilfskellner Come seinem angebeten David in der Villa seiner steinreichen, aber
den Reichtum nicht zusammen genießenden Eltern eine Folge der Serie vorführen
möchte, um ihm zu zeigen, wie sehr er ihn verehrt und wie sehr er so sein
möchte wie David, bekommt man sofort eine Ahnung davon, dass diese Serie
ein ziemlicher Müll sein musste und dass David vielleicht gar nicht das
Handtuch geworfen hat, weil er ein schlechter Schauspieler ist, was ihm seine
verklemmte Mitbewohnerin Candy vorwirft, als sie mal in einer Situation steckt,
wo auch sie mal austeilen möchte. Wie auch immer, David, der Held des Films,
sieht ziemlich gut aus, auch ein halbes Jahr nach Ausstieg aus der Serie, und
letztlich kann man ihn ja nur beneiden, wie sich alles nach ihm drängt,
was für ihn natürlich auch anstrengend sein kann. Aber das Personal,
das er zu seinen Freunden und Bekannten zählen kann, ist wirklich beachtlich.
Neben der schreibenden Candy, der allerdings die Bücher nie gefallen, die
sie rezensiert (ach, wie im Leben) und die zwischen Hetero- und Lesbentum verzweifelt
pendelt und schließlich alles kaputt macht, der wahrsagenden Hexe Benita,
einer jungen Frau, die sich in Sado-Maso-Praktiken ganz gut auskennt und damit
ihr Geld verdient, wobei David ihr manchmal sehr souverän hilft, der entschiedenen
Schwuchtel Sal, ebenfalls Schauspieler, aber auch gerade auf Eis liegend und
leider mit dem Virus behaftet, was ihn jedoch nicht daran hindert, cool in Diskotheken
abzuhängen, gibt es da noch diesen etwas undurchschaubaren Bernie, der
arrivierteste der Combo, aber auch der verzweifeltste. Man weiß gar nicht,
wie David mit ihm noch zu tun hat, David weiß es selbst nicht, und das
wirft ihm Bernie auch vor. Hanebüchen ist freilich die Begründung,
dass man wegen einer etwas schleifenden Freundschaft gleich zum Serienmörder
werden muss.
Das
ist dem Film ein Anhängsel, eine Art Schmuck aus der Serie amouröser
Abartigkeiten, die sich der Regisseur oder der ursprüngliche Theaterautor
nicht entgehen lassen wollte. Der Abgang des Mörders ist zwar wirklich
„unheimlich stark“ – auf einem Hochhaus stehend und David zur Rechtschaffenheit
ziehend, lässt Bernie sich dann mit den Worten „Ich liebe dich“ von der
Dachkante in die Tiefe fallen –, aber diese Figur ist wohl die schwächste
des Films, nicht hinter jeder alltäglichen und beruflichen Kalamität
lauert ein Monster. Ansonsten hat der Film das, was man Atmosphäre nennt,
und nur, wenn man ihn schon ein paar Mal gesehen hat, scheint das Theatergerüst
durch und man spürt den Vorführeffekt im Sexuellen, den man sich Anfang
der 90er nicht entgehen lassen wollte. Und so pendelt die Betrachtung zwischen
nostalgischer Coolheit und der Sympathie mit dem eigenen abgelegten Schicksal.
Dieter
Wenk
Diese
Kritik ist zuerst erschienen in:
Liebe
und andere Grausamkeiten
LOVE
AND HUMAN REMAINS
Kanada
- 1993 - 100 min. - Literaturverfilmung, Drama, Kriminalfilm - FSK: ab 16; feiertagsfrei
- Verleih: TiMe, E.A.T. (Video) - Erstaufführung: 2.3.1995/25.4.1996 premiere/15.1.1996
Video - Fd-Nummer: 31201 - Produktionsfirma: Max Films/Atlantis - Produktion:
Roger Frappier
Regie:
Denys Arcand
Buch:
Brad Fraser
Vorlage:
nach seinem Bühnenstück
Kamera:
Paul Sarossy
Musik:
John McCarthy
Schnitt:
Alain Baril
Darsteller:
Thomas
Gibson (David)
Ruth
Marshall (Candy)
Cameron
Bancroft (Bernie)
Rick
Roberts (Robert)
Joanne
Vannicola (Jerri)
Matthew
Ferguson (Kane)
Mia
Kirshner (Benita)
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