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Little
Big Man
„Because
the human beings,
my
son, they believe everything
is
alive. Not only man and animals.
But
also water, earth, stone.
And
also the things from them ...
like
that hair. The man from whom
this
hair came, he's bald on the
other
side, because I now own
his
scalp! That is the way things are.
But
the white man, they believe
everything
is dead. Stone, earth,
animals.
And people! Even their
own
people! If things keep trying
to
live, white man will rub them
out.
That is the difference.“
(Old
Lodge Skins in „Little Big Man“)
Der
gute alte Westen? Der gute alte Western? 1970 gelang Arthur Penn („Alice's Restaurant“,
1969; „Bonnie and Clyde“, 1967) eine Persiflage, eine bitterböse Satire
auf den alten Westen und den neuen Western, die sich gewaschen hat. Penn erzählt
nach dem Roman von Thomas Berger die Geschichte von Jack Crabb. Genauer: Crabb
selbst erzählt seine Geschichte im Alter von sage und schreibe 121 Jahren
einem unbedarften und ignoranten Historiker (William Hickey) – und mit seiner
Geschichte erzählt er zugleich ein gutes Stück amerikanischer Geschichte,
wie sie nicht in den Geschichtsbüchern nachzulesen ist.
•
I N H A L T •
Im
zarten Alter von vielleicht fünf Jahren verliert Jack Crabb (Ray Dimas)
bei einem Überfall der Pawnees seine Eltern. Crabb und seine Schwester
Caroline (Carole Androsky) werden von Cheyenne aufgenommen. Während Caroline
nach kurzer Zeit das Weite sucht, wird Jack zu einem „richtigen“ Cheyenne erzogen
und erhält den Namen Little Big Man (denn Jack ist von kleiner Statur).
Vor allem der alte Häuptling Old Lodge Skins (Chief Dan George, der für
seine Rolle einen Academy Award verdient gehabt hätte) nimmt Jack unter
seine Fittiche. So wächst Jack (jetzt: Dustin Hoffman) wohl behütet
auf, immer unter den etwas neidischen Augen von Younger Bear (Cal Bellini),
dem er das Leben rettet.
Bei
einem Überfall amerikanischer Soldaten müssen etliche Cheyenne ihr
Leben lassen. Jack flieht und landet in den christlichen Armen des Predigers
Reverend Pendrake (Thayer David), dessen Frau (Faye Dunaway) zwar stets fromme
Sprüche predigt und für die die Bibel das einzig existierende Buch
zu sein scheint, die Jack dann aber dabei beobachtet, wie sie im Lager mit einem
Lebensmittelhändler süße Stunden verbringt. Mrs. Pendrake ist
lüstern – durch und durch. Jack beschließt, die fromme Familie zu
verlassen.
Eine
Zeitlang verbringt Jack zusammen mit dem Quacksalber Merriweather (Martin Balsam),
der wunderwirkende Medizin verkauft – bis sich an einem Ort die Bevölkerung
gegen den Magenschmerzen verursachenden Trunk wehrt: Merriweather und Jack werden
geteert und gefedert – bis Caroline, seine Schwester, ihn wiedererkennt. Sie
bringt ihm das Schießen bei. Caroline meint, ein richtiger Mann müsse
schießen können. Und Jack kann es. So lernt er – ausstaffiert wie
ein richtiger Revolverheld – den berühmt-berüchtigten Wild Bill Hickok
(Jeff Corey) kennen, dessen Augen – egal was er gerade tut – immer Ausschau
nach einem potentiellen Gegner halten. Als Hickok einen Neider erschießt,
wendet sich Jack angesichts des Toten vom Revolverheldendasein ab.
Er
versucht sich als Kaufmann, ein ehrbarer Beruf, heiratet die üppige Olga
(Kelly Jean Peters) – und wird von seinem Partner nach Strich und Faden betrogen.
Und als er zufällig auf den berühmten General George Armstrong Custer
(Richard Mulligan) trifft und der ihm rät, in den Westen zu gehen, packt
Jack seine sieben Sachen zusammen und zieht mit Olga los, die bei einem Überfall
von Indianern gefangen genommen wird. Jack kehrt zu den Cheyenne zurück.
Später heiratet er Sunshine (Aimée Eccles).
Noch
etliche Male wird Jack hin- und hergerissen zwischen dem Leben bei den Cheyenne
und den Weißen ...
•
I N S Z E N I E R U N G •
„Little
Big Men“ ist eine wahre Komposition, eine durchkomponierte Tragikomödie,
in der die Kultur der „Bleichgesichter“ und vor allem ihre ideologische Verkleisterung
der eigenen Geschichte und der Besiedlung Amerikas auf satirische und oft äußerst
amüsante Weise auseinander gepflückt wird. Das Hin und Her des Jack
Crabb zwischen den beiden Kulturen der Weißen und der menschlichen Wesen,
wie sich die Cheyenne nennen, ist der Katalysator, mit dem Penn seinen Film
über mehr als gut zwei Stunden vorantreibt, ohne dass es mir irgendwann
langweilig wurde.
Crabb
durchläuft die Stadien der weißen Kultur: das scheinheilige Christentum
der Pendrakes – Mrs. Pendrake trifft er später als Prostituierte in einem
Bordell wieder –, er wird „ehrbarer Kaufmann“ – und betrogen –, er folgt Custers
Ruf nach dem Westen (Siedlermentalität) und verliert seine Frau, er wird
Revolverheld und ekelt sich vor einem „Beruf“, in dem Wild Bill Hickok nichts
anderes tut, als darauf zu achten, dass nicht er, sondern sein jeweiliger Angreifer
getötet wird. Der alte Quacksalber Merriweather, der Zyniker der weißen
Kultur, der diese genau kennt, nutzt die Doppeldeutigkeit, die Infamie und den
Selbstbetrug der Weißen aus; er verkauft ihnen ein Allheilmittel für
all ihre tatsächlichen oder vermeintlichen Krankheiten. Merriweather betrügt
seine Landsleute mit ihren eigenen Mitteln. Auch dieses Leben ist für Little
Big Man nicht das Wahre.
Wie
soll Crabb in einer solchen Welt überleben? Indem er sich durchschlägt.
Und er schlägt sich durch. Aber auch hier bekommen die Siedler-Ideologie
und vor allem der Pseudo-Individualismus vom Tellerwäscher ordentlich ihr
Fett ab. Denn Crabbs Weg zwischen den Kulturen ist nicht so sehr von eigenen
Entscheidungen bestimmt, vielmehr von Zufällen, die allerdings ihre innere
Logik haben. Er folgt dem Ruf Custers in den Westen – und prompt wird seine
Olga von Indianern gekidnappt. Später trifft er sie wieder: als Frau von
Younger Bear, der Crabb gegenüber stets als stolzer Cheyenne aufgetreten
war und jetzt unter dem Pantoffel von Olga, der Schwedin, steht. Auch anderswo
gibt es Parallelen: Caroline, die sich nie mit ihrem Frausein abfinden konnte,
läuft in Männerklamotten herum. Bei den Cheyenne ist es Little Horse
(Robert Little Star), der sich nie als Mann gefühlt hat, und später
Crabb gar das Angebot macht, in seinem Wigwam die Frau abzugeben. Für die
Cheyenne ist Little Horse kein Problem. Der weise Old Lodge Skin weist des öfteren
darauf hin, dass ein Mann, der sich nicht zum Kämpfer berufen fühlt,
von den anderen akzeptiert wird.
Auf
seiten der Weißen sieht es da ein bisschen anders aus: Mrs. Pendrake hat
für sich einen entscheidenden Schritt gewagt. Sie hat ihren Prediger verlassen
und tobt sich im Bordell aus. Doch dort steht sie unter der Knute der Puffmutter.
Bei den Cheyenne sieht das anders aus. Nachdem Crabb Sunshine (Aimée
Eccles) geheiratet hat, verlangt sie von ihm, dass er ihre drei Schwestern in
sein Wigwam aufnimmt – und natürlich auch mit denen schläft. Nach
anfänglichem Zögen erfüllt Crabb seine Pflichten. Während
auf der einen Seite ein Zwang den anderen ablöst, folgt das Leben bei den
Cheyenne einem grenzenlosen Vertrauen in alles, was der große Manitu geschaffen
hat – bis auf die Weißen, die irgendwie sich nicht in die Ordnung der
Dinge einpassen wollen.
Old
Lodge Skins ist es, der Crabb bewusst macht, welche gravierenden Unterschiede
zwischen den Bleichgesichtern und den „menschlichen Wesen“ bestehen. Für
die Cheyenne ist Leben nicht nur in Mensch und Tier, sondern überall, im
Wasser, in den Steinen. Der Skalp eines getöteten Mannes ist der Beweis,
dass der andere jetzt kahl auf der anderen Seite, in den ewigen Jagdgründen
lebt. Der andere ist nicht tot, nicht vergessen, er wird geachtet über
den Tod hinaus. Für den weißen Mann aber ist alles tot. Und genauso
handelt General Custer, die Ausgeburt von Arroganz und anmaßender Siedlermentalität.
Und wie jämmerlich stellt sich sein eigener Tod bei der Schlacht am Little
Big Horn dar, nachdem er ein Gebiet, das den Indianern von der Regierung zugesprochen
war, überfallen hatte.
Es
ist dieser Widerspruch zwischen der grundlegenden Humanität der Cheyenne
hier und der Hybris der herrschenden weißen Kultur, der in „Little Big
Man“ auf eine bittersüße, tragikomische Weise inszeniert wird.
Old
Lodge Skins spielt sich in gewisser Weise selbst, und wie er das bewerkstelligt,
ist grandios. Dustin Hoffman scheint die Rolle des Jack Crabb auf den Leib geschnitten.
Auch der Rest der Besetzung – vor allem Jeff Corey, Faye Dunaway, Martin Balsam,
Carole Androsky, Richard Mulligan – lässt kaum etwas zu wünschen übrig.
•
F A Z I T •
„Little
Big Man“ ist ein Western, der es in sich hat, ein Anti-Western, ein enthüllender,
desavouierender Western, der einer der wichtigsten Perioden der Geschichte der
USA den Spiegel vorhält und die Geschichtsbücher Lügen straft,
die diese Zeit heroisieren. „Little Big Man“ ist aktueller denn je angesichts
der bis in die Gegenwart fortwirkenden Ideologie der absoluten Sicherheit, die
größtenteils ihren Ursprung in der Siedlermentalität des 18.
und 19. Jahrhunderts hat, mit den bekannten Folgen einer Politik der Arroganz
im Weltmaßstab.
Wertung:
10 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Dieser
Text ist zuerst erschienen – unter dem Usernamen Posdole – bei ciao.de
Little
Big Man
(Little
Big Man)
USA
1970, 147 Minuten
Regie:
Arthur Penn
Drehbuch:
Calder Willingham, nach dem Roman von Thomas Berger
Musik:
John Hammond
Director
of Photography: Harry Stradling Jr.
Schnitt:
Dede Allen, Richard Marks
Produktionsdesign:
Dean Tavoularis, Angelo P. Graham, George R. Nelson
Hauptdarsteller:
Dustin Hoffman (Jack Crabb), Faye Dunaway (Mrs. Pendrake), Chief Dan George
(Old Lodge Skins), Martin Balsam (Mr. Merriweather), Richard Mulligan (General
George Armstrong Custer), Jeff Corey (Wild Bill Hickok), Aimée Eccles
(Sunshine), Kelly Jean Peters (Olga Crabb), Carole Androsky (Caroline Crabb),
Robert Little Star (Little Horse), Cal Bellini (Younger Bear), Ruben Moreno
(Shadow That Comes In Sight), Steve Shemayne (Burns Red In The Sun), William
Hickey (Historiker), Ray Dimas (der junge Jack Crabb), Alan Howard (der heranwachsende
Jack Crabb), Thayer David (Reverend Silas Pendrake)
Internet
Movie Database: http://german.imdb.com/Title?0065988
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