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Lost
Children
Kinder als Soldaten
und Mörder
Was kann das Kino heutzutage noch
bewirken? Kann es noch mehr als aufklären oder immerhin notwendige Gegeninformation
in Umlauf bringen? Kann ein Film vielleicht sogar ein Handeln in der Realität
außerhalb des Kinosaals provozieren, das über ein Verkleiden als
Jedi-Ritter oder Zauberlehrling hinausgeht? "Lost Children" ist zumindest
ein derart erschütternder Dokumentarfilm, dass man über solche Fragen
wieder einmal diskutieren möchte. Dabei ist dieser Film von Ali Samadi
Ahadi und Oliver Stoltz kein lauter oder aufgeregt wirkender Film, er berichtet
vielmehr zurückhaltend und sachlich von Grausamkeiten, die man kaum zeigen
kann, ohne sofort Probleme mit der Staatsanwaltschaft zu bekommen.
Die Protagonisten von "Lost
Children" heißen Francis, Jennifer, Kilama und Opio; es sind Kinder
im Alter zwischen acht und vierzehn Jahren, die in der Siedlung Pajule im Grenzgebiet
von Uganda und dem Sudan leben. In dieser Region tobt seit zwanzig Jahren der
längste Krieg Afrikas, in dem die religiösen Fanatiker der "Lord"s
Resistence Army" (LRA) gegen die Regierungstruppen kämpfen. Dieser
Krieg findet unter den Augen der Weltöffentlichkeit, aber von ihr nahezu
unbemerkt statt. Es geht dabei auch um Ölreserven, erfahren wir kurz und knapp.
Die LRA überfällt und
terrorisiert systematisch die Dörfer der Gegend, terrorisiert die Bevölkerung
und entführt Kinder, um sie als billige Kindersoldaten einzusetzen. Francis,
Jennifer, Kilama und Opio sind solche Kindersoldaten gewesen, haben Unvorstellbares
erlebt und auch getan, wurden missbraucht und haben getötet. Sie konnten
aber fliehen und kamen irgendwann in der Caritas-Sozialstation in Pajule an,
wo man sie medizinisch versorgt und psychologisch betreut, um sie anschließend
an ihre Familien zu überstellen.
Der Film beobachtet die Sozialarbeiter
bei der Arbeit, zeigt, wie Wunden versorgt und Hunger und Durst gestillt werden,
wie die Kinder mit Geduld und Verständnis zum Sprechen über ihre Erlebnisse
gebracht werden. Nur ein paar Kriegsbilder braucht der Film, um die Erzählungen
der Kinder in einen Kontext einzuordnen und zu verifizieren. So erzählt
ein Kind, dass die Kindersoldaten von ihren Rebellenanführern den Befehl
bekamen, Gefangene in so kleine Stücke zu hacken, "dass Fliegen die
Stücke davontragen können". Und sie taten es. Der Junge, der
dies erzählt und auch noch andere Kinder zwang, das noch warme Gehirn eines
Getöteten zu essen, ist gerade einmal acht Jahre alt und zu klein, um Fahrrad
fahren zu können.
Wir begegnen auch einem Jungen,
an dem die Rebellen wegen eines Fluchtversuchs ein Exempel statuierten, indem
sie ihm Nase, Ohren, Lippen und Hände abschnitten. Er erzählt davon,
dass er seine Peiniger angefleht habe, zumindest eine Hand behalten zu dürfen.
Vergebens - doch der Junge lebt und in "Lost Children" ist bereits
die Tatsache, dass er überhaupt ins Lager gefunden hat, schon ein ebenso
optimistischer Lichtblick wie das Mädchen, das lernt, nicht immer nur Gewaltszenen
zu zeichnen oder im Schlaf zu schreien.
So erzählt der Film von der
bewundernswerten Arbeit der Caritas-Mitarbeiter, die Kinder zu resozialisieren.
Aber wenn sie anschließend zu ihren Familien zurückgebracht werden,
funktioniert das oft nicht. Weil die Eltern einerseits Angst vor dem Terror
der Rebellen haben, weil die Verwandten andererseits Angst vor den Kindern haben,
die gemordet haben. Einmal Mörder, immer Mörder: eine Frau erzählt,
dass sie irgendwo aufgeschnappt habe, dass ein Kind aus dem Busch seine Eltern
getötet habe, und man ahnt, während sie erzählt, dass es sich
um eine böse Legende handelt. Man erlebt kaputte Familien, von Alkoholmissbrauch
gezeichnet, denen der Krieg jeden Anflug von Solidarität ausgetrieben hat.
Dem Stigma, ein "Kind aus
dem Busch" zu sein, begegnen manche Kinder dadurch, dass sie zu den Rebellen
zurückkehren, weil sie dort nicht ausgegrenzt werden, sondern ihre Macht
ausleben dürfen. Voller Schrecken ist "Lost Children", der keinen Hehl
daraus macht, dass man ihn ebenso gut an mehreren anderen Orten in Afrika hätte
drehen können. Aber dennoch ist die Beschränkung auf die Einzelschicksale
ein strategisch gelungener Zug der Filmemacher, um zumindest einen Funken Hoffnung
zu lassen.
Es ist eine schöne Szene,
wenn Jennifer plötzlich in die Kamera lächelt, weil sie eine Arbeit
als Näherin gefunden hat. Und es ist auch vergleichsweise beruhigend, dass
sie es später nur mit dem Problem einer Schwangerschaft zu tun bekommt
und kein Aids hat. Wenn man "Lost Children" gesehen hat, ahnt man
die Verzweiflung, welche die Menschen in den Nato-Draht von Ceuta und Mellila
treibt. Man wünscht dem Film so viele (auch jugendliche) Zuschauer wie
der "Reise der Pinguine", und man wünschte sich, er fände
in den nächsten Wochen ins Familienprogramm, irgendwo zwischen "Wallace
& Gromit"
und dem neuen "Harry Potter".
Ulrich Kriest
Dieser Text ist zuerst erschienen
in der: Stuttgarter Zeitung
Lost
Children
Deutschland
2005 - Regie: Ali Samadi Ahadi, Oliver Stoltz - Darsteller: Richard Kilama,
Jennnifer Akelo, Francis Ochaya, Vincent Opio, Grace Arach, John Bosco Komakech
Aludi - FSK: ab 12 - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 96 min. - Start: 3.11.2005
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