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Lust
– Luster
Ein
No-Budget-Film über die alternative queer
community
von L.A.
Seine
verwuschelten Haare leuchten blau, und die dunkle Sonnenbrille trägt er
auch in geschlossenen Räumen. Wenn Jackson (Justin Herwick) nicht gerade
Songtexte schreibt, jobbt er im Plattenladen seines Freundes Sam und verteidigt
den Geist der Alternativkultur: Wer nach Madonna-CDs fragt, fliegt raus. Ansonsten
ist Jackson eher erfolglos damit beschäftigt, Lust und Liebe unter einen
Hut zu bringen. Verknallt ist er in Billy, den er auf einer Orgie getroffen
hat. Billy aber nicht in ihn. Derek wiederum liebt Jackson, aber der hält
ihn für einen „viel zu normalen“ Langweiler. Und als unerwartet bisexuelle
Verwandtschaft vom Lande auftaucht, quält Jackson noch ein weiteres Problem:
„Wäre es eigentlich Inzest meinen Cousin zu ficken?“
Sex
und Romantik in Einklang zu bringen, war ja schon immer ein zentrales Thema
des schwulen Kinos. Obwohl die Hauptfigur dabei zuerst kalt und unnahbar wirkt
und im multisexuellen Beziehungsgeflecht des Films schon mal zu verschwinden
droht, hat man Jackson doch schnell lieb gewonnen. Denn hinter der coolen Schale
steckt natürlich ein weicher Kern. Das Abgebrühte und das Intime –
das sind auch die beiden Pole, um die LUST seine locker verknüpften Anekdoten
gruppiert. Es beginnt noch recht böse, mit Heroinspritze und Cowboyhut
in der Badewanne. Schnell löst sich der Tonfall aber von der zornig-zynischen
Attitüde eines Larry Clark (KEN PARK) oder von den sexuellen Provokationen
eines Bruce LaBruce. Verblüffend und schön ist vor allem der Optimismus,
der letztlich alle Härten des Lebens zu überstrahlen vermag. Es kann
ja vorkommen, dass der Boyfriend im Drogenrausch durchdreht und man sich eine
blutige Nase einfängt. Aber, hey, weder für den Film noch für
die Figuren ist das ein Grund, gleich eine nihilistische Lebensphilosophie daraus
zu machen.
Mit
Schauspielern, die frei wie Laiendarsteller agieren und öfters ihrem Hang
zur burlesken Übertreibung nachgeben, gerät manche Nebenfigur zur
Karikatur. Trotzdem wird hier niemand vorgeführt. Teils gallig, teils komisch,
beschwört LUST eine fast schon nostalgische Ästhetik des Punk. Kommerz
und Anpassung sind dabei das klare Feindbild. „Germans got a word for it: Konsumterror,
with a K“, heißt es im Plattenladen. So versucht sich auch der Regisseur
Everett Lewis von zwei Filmgenres (und damit ideologischen „Lösungen“)
abzugrenzen, auf die sein kleiner, auf 16mm gedrehter Film doch stets bezogen
bleibt: die Promiskuität des schwulen Pornofilms und die dramaturgisch
aufgeschobene Ehe-Anbahnung der romantischen Komödie. Nicht von ungefähr
spielt sein Gegenentwurf in Los Angeles, der Stadt der offiziellen wie der „verbotenen“
Bilderproduktion. Da will man es schon anders machen. Und das mit Erfolg. Statt
glattrasiert-hochgezüchteter Luxuskörper gibt’s echte Menschen mit
echten Problemen zu sehen (und über full-frontal male nudity geht der Voyeurismus
nicht hinaus). Andererseits wird die große Liebe, die es am Ende (vielleicht)
auch bzw. doch noch gibt, nicht gleich als Endlösung aller Probleme gepriesen.
LUST
wirft einen treffenden, manchmal bissigen, aber immer sympathischen Blick auf
die multisexuelle Punkszene von L.A. – und beweist nebenbei, dass der unabhängige
Film ein wichtiger Gegenentwurf zu den durchgestylten Träumen der kommerziellen
Bilderindustrie ist
André
Götz
Diese
Kritik ist zuerst erschienen in: epd film
Lust
Luster
USA 2002. R und B: Everett Lewis. P:
Robert Shulevitz. K:
Humberto DeLuna. Sch:
Everett Lewis. M:
Michael Leon, Garret Scullin. T: Richard Evans. A: Alex Brewer. Ko: Mimi Maxman.
Pg: Research Unit/From A/2042 Films. V: GMfilms. L: 90 Min. Da: Justin Herwick
(Jackson), Shane Powers (Sam), Barry Wyatt (Jed), Pamela Gidley (Alyssa), Susanna
Melvoin (Sandra), Jonah Blechman (Billy),
Sean Thibodeau (Derek).
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