zur
startseite
zum
archiv
Madame
Dubarry
Mit diesem sarkastischen Revolutionsstück eröffnete
die noch im Krieg gegründete Ufa (Universum-Film AG) 1919 ihr Stammkino,
den Berliner Ufa-Palast am Zoo: ein beeindruckender Auftakt, der den Konzern
aus der Depression der Nachkriegszeit in einen lukrativen Frieden führte,
von dem man sich mit Recht volle Häuser und Millionenprofite erhoffte.
„Madame Dubarry“ war auch der erste Film nach 1918, der in die USA verkauft
werden und so den Filmboykott der Siegermächte durchbrechen konnte.
Der Film ist bis heute umstritten: Die einen sehen
in ihm nichts anderes als eine Verhöhnung der Revolution - auch der deutschen
Umwälzung von 1918/19, die das monarchische System beendet hatte; die anderen
eine Ufa-Variante zum historischen Monumentalismus des italienischen Kinos,
wieder andere zynisches Krisen-Kino oder eine höhnische Abrechnung mit
allen Mächtigen dieser Welt. Lubitsch selbst schrieb dreißig Jahre
später: „Ich versuchte, meine Filme zu ‘entopern’ und meine historischen
Gestalten zu vermenschlichen. Ich nahm die intimen Einzelheiten ebenso wichtig
wie die Massenbewegungen und versuchte, beide zu verbinden.“
In der Tat geht es in der heroischen Zeit der Großen
Französischen Revolution hier sehr menschlich zu, und es gibt viele intime
Details. Pola Negri als kleine Pariser Modistin Jeanne wendet alle weiblichen
Tricks von schüchterner Verschämtheit bis zum kessen Augenklimpern
an, um nicht nur ihrem Studenten Armand, sondern auch allerhöchsten Herrschaften
den Kopf zu verdrehen und sogar den dekadenten König Louis XV. in eine
groteske Liebesraserei zu versetzen. Der schon damals beleibte Emil Jannings
brilliert in dieser Rolle als Komiker und verleiht dem Monarchen alle Wesenszüge
eines ebenso debilen wie lüsternen Despoten, der keine größeren
Freuden kennt, als seinen Mätressen mit ungeschicktem Liebesgeplänkel
auf die Nerven zu gehen. Für die Staatsgeschäfte vollkommen untauglich,
giert er zwar nach Machtfülle - jedoch nur, um sich seinen teils kindischen,
teils auf skurrile Weise perversen Neigungen hinzugeben. Selbst sein makabrer
Tod - er stirbt an der Pest, während das Volk von Paris die Bastille stürmt
- entbehrt aller Tragik: dieser Herrscher verröchelt eher an sich selbst
und seiner Hemmungslosigkeit als an den Widrigkeiten seiner Zeit.
Auch die Hofintriganten verfolgt Lubitsch mit seinem
Spott: wenn Reinhold Schünzel zum Beispiel in der Rolle des Finanzministers
Choiseul die rebellischen Pariser gegen den moralischen Verfall am Hof aufhetzt,
hat er nur seine eigenen politischen Ränke im Sinn - geht es ihm doch allein
darum, die durch eine Zweckheirat zur Madame Dubarry avancierte Hutmacherin
Jeanne zu vernichten, zumindest ihren Einfluß auf den König zu durchkreuzen.
Schünzel als glitschiger Intrigant, Jannings als verkommener Souverän
und Pola Negri als durchtriebenes „Mädchen aus dem Volk“, das die liebreizende
Naive spielt, um ihren Lebenshunger und ihre Luxussucht auszutoben - das sind
die darstellerischen Glanzleistungen dieses Films, die ihn zu einem Panoptikum
verlogener und niederträchtiger Gestalten auf einem Höhepunkt der
europäischen Geschichte gemacht haben. Ehrlichkeit gibt es nicht - oder
aber sie hat, etwa in der Gestalt Armands, keine Chance. Die menschliche Innenansicht
dieser - und wohl aller anderen „großen Epochen“ ist von ernüchternder
Banalität, und die Großen der Zeit verdienen so wenig Respekt wie
das gedemütigte und gebeutelte Volk.
In der Tat hat Lubitsch auch für die „revolutionären
Massen“ wenig Sympathie - eben dies wurde ihm von der linken Kritik, vor allem
von dem Soziologen und Filmkritiker Siegfried Kracauer in seinem Buch „Von Caligari
zu Hitler“, am meisten verübelt. Die aufrührerischen Pariser und ihre
Anführer erscheinen in diesem Film als aufgehetzte Meute, die sich von
gewissenlosen Abenteurern und kriminellen Elementen zu blindem Aktionismus verführen
läßt - eine unberechenbare Masse, die mal „Hosianna!“, mal „Kreuziget
ihn!“ schreit und jedem Schauspiel beiwohnt, das ein schaurig-schönes Blutvergießen
verspricht. In diesem eiskalten Blick auf die „plebejische“ Mehrheit ist zweifellos
ein zynischer Grundton spürbar, der erstmals mit Gustave le Bons Massenpsychologie
anklang und bald in Ortega y Gassets „Zeitalter der Massen“ ein zeitgemäßes
Echo finden wird. Auch die kleine Modistin Jeanne ist ja, in der Darstellung
Pola Negris, kaum weniger korrupt und verschlagen als die Angehörigen der
„politischen Klasse“ am Hof der Bourbonen.
Dennoch ist „Madame Dubarry“
alles andere als ein antidemokratisches Pamphlet - als dieser Film in Deutschland
uraufgeführt wurde, nahm man ihn wohl eher als vernichtenden Abgesang auf
die untergegangene Dynastie der Hohenzollern wahr, und Lubitsch ist zugute zu
halten, daß zu diesem Zeitpunkt auch die in den Straßen Berlins
demonstrierenden proletarischen Parteien kaum Hoffnung auf eine bessere Zukunft
vermitteln konnten. Lubitsch selbst betrachtet die Szene - die historische in
Frankreich wie die zeitgenössische in Deutschland - mit seinem gnadenlosen,
urban geprägten jüdischen Witz. Er, der als Abkömmling galizischer
Einwanderer im Osten Berlins aufgewachsen war, kannte die „kleinen Leute“ und
ihre Schwächen zu gut, um sie pathetisch oder sentimentalisch zu idealisieren.
Und in die Weimarer Demokratie hatte er wahrscheinlich wenig Vertrauen; bereits
1922 verließ er Deutschland mit einigen seiner wichtigsten Mitarbeiter,
um in Hollywood als Schöpfer der „sophisticated comedy“ mit dem berühmten
„Lubitsch-touch“ Karriere zu machen. Wahrscheinlich jedoch ist, daß er
das Sujet der „Madame Dubarry“ gar nicht als einen hochpolitischen Stoff verstanden,
sondern wirklich zum Anlaß genommen hat, dem Blick auf die tragischen
Themen der Weltgeschichte das Opernhafte zu nehmen.
Gleichwohl bleibt die Parallelität der filmischen
Ereignisse - Frankreich 1789 - und der deutschen Aktualität von 1919 bis
heute ein Faszinosum von „Madame Dubarry“ - auch darum, weil Lubitsch mit seinen
Darstellern, mit seinem Kameramann Theodor Sparkuhl und dank seiner Fähigkeiten
für die Massenregie der revolutionären Dynamik ein Denkmal gesetzt
hat. Wie in seinen anderen historischen oder märchenhaften Monumentalfilmen
dieser Zeit - „Anna Boleyn“, „Sumurun“, „Das Weib des Pharao“ - bewährt
sich Lubitsch auch hier als Meister der großen Szene, als Dompteur von
Statisten-Armeen und Kompositeur filmischer Bewegung. Sehr genau beschreibt
die Ufa in ihrem Programmheft das berühmte Tableau am Ende des Films, wenn
Pola Negri unter dem Beil des Henkers ihr Leben lassen muß: „Die Schlußbilder
zeigen sie auf dem Schafott, wo sich ihr zahllose drohend erhobene Fäuste
aus einer Volksmenge entgegenstrecken, deren fanatische Rachsucht sich an dem
Schauspiel weidet, wie ein schönes Haupt unterm Beil der Guillotine fällt.“
Pola Negri, die Hauptdarstellerin, wird wenig später als Star in Hollywood
mit Gloria Swanson konkurrieren - und auch Lubitsch wird erst in Amerika sein
Talent für ein ganz anderes Genre, für die Ironie und die Doppeldeutigkeit
des Intimen entfalten können.
Klaus Kreimeier
Dieser Text ist in der deutschen
Fassung zuerst in der filmzentrale erschienen - ursprünglich in französischer
Übersetzung veröffentlicht vom Goethe-Institut Lille, 1996
Madame
Dubarry (1919)
Deutschland
- 1919 - 85 min. – schwarzweiß - Verleih: offen - Erstaufführung:
18.9.1919/23.1.1977 ZDF - Produktionsfirma:
Projektions-AG.
Union/PAGU
Regie:
Ernst Lubitsch
Buch:
Fred Orbing, Hanns Kräly
Kamera:
Theodor Sparkuhl
Musik:
Hans Jönsson (Neukomposition für das ZDF), Alexander Schirmann (Originalmusik)
Darsteller:
Pola
Negri (Jeanne Vaubemier/Mme Dubarry)
Emil
Jannings (Louis XV.)
Reinhold
Schünzel (Herzog von Choiseul)
Eduard
von Winterstein (Graf Jean Dubarry)
Harry
Liedtke (Armand de Foix)
zur
startseite
zum
archiv