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Die
März Akte
Schönschön, 1985 gedreht,
Doku und Nicht-Doku zugleich, gelenkte Improvisation, Adolf-Grimme-Preisträger
1986 und 2007 immer noch nicht in der IMDB aufgetaucht, aber seit dem 4.10.2007
auf DVD. Wenn es nach Verleger Jörg Schröder geht, ein ganz nach dem
Keuschheitsgelübde von >Dogma 95< gedrehtes Werk, an dem alle gleichermaßen
beteiligt waren. Die Rahmenhandlung: Ein Betriebsprüfer mit bayrischem
Akzent (genial: Horst Tomayer) sucht im hessischen Vogelsbergkreis einen Mini-Verlag
auf, den in einem Bauernhäuslein von Familie Schröder/Kalender alleinbetriebenen
Kleinstverlag namens März, welcher sich für den naiv-interessierten
Steuerbeamten und den ungebildeten, jedoch geneigten Zuschauer offenbart als
die literarische Skandalnudel der 1968-Zeiten sowie der anschließenden
2 Jahrzehnte.
Ein „Werbefilm“ (Schröder)
für den März Verlag, „der nicht danach aussieht. Wir brauchten etwas
Raffiniertes, also etwas Einfaches.“ Und diese Rechnung ging auf: Die März Akte ist eine von Regisseur Peter
Gehrig initiierte Inszenierung eines schon per se Dauerselbstinszenierten, eines
Provokateurs und Propagandisten in eigener und der Sache der vielen widersprüchlichen
universell verknüpfbaren Wörter, eines höflichen und palavernden,
in seinem emotionalen Engagement manchmal an Fassbinder erinnernden Kettenrauchers
und Cognac-Trinkers, der bald nach Fertigstellung des Films zwei Herzinfarkte
erlitt (und sein Verlag den zweiten Zusammenbruch).
In der z.T. böse denunzierenden
Gegenüberstellung zur Selbstdarstellung des Humanisten und als Idealisten
immer wieder im großen Stil scheiternden Geschäftsmanns Schröder,
die, die ihm vorher begegnet sind, Leute, die für die Schröder-Biografie
von Belang waren: Abraham Melzer, Reinhold Neven DuMont, Klaus G. Saur, der
notorische Daniel Cohn-Bendit als ungeladener Gast-Auftritt, Karl Dietrich Wolff,
Uve Schmidt, Henryk M. Broder u.a.
Einen Glanzauftritt in einer Glanzszene
des Films aber hat Herr Horst Tomayer, der durch all die Prüferei von den
Verlags-Zahlen mitten in die Verlags-Wörter geraten ist. Inspiriert durch
die Lektüre von Schröders Skandalwerk „Siegfried“ (aufgeschrieben
von Ernst Herhaus) tritt er ans Bett des (original) mit 39 Komma 5 Fieber erkrankten
Verlagsleiters, bei dessen Anblick wir direkt in den Biedermeier versetzt werden
und Carl Spitzwegs „Der arme Poet“ vor Augen haben: Den kranken Dichter, mit
der Mütze auf dem Kopf, (nicht nur) dem (ausnahmsweise) ein Finanzbeamter
mit einem selbstverfassten, vielzeiligen Gedicht die Rühr- und Lachtränen
in die Augen treibt.
Über den Film gibt es bislang,
wie angedeutet, nur wenig Schriftliches, außer von Kalender/Schröder
selbst, deren 38. Teil aus der taz-Kolumne Schröder erzählt „Volles Rohr“ (über die Entstehung und die Folgen des Films)
im DVD-Booklet ausführlich zitiert wird. Im Bonusmaterial der DVD befindet
sich ein längeres Gespräch von 2006 mit Kalender und Schröder,
geführt von Mathias Bröckers, ehemaliger Kultur-Redakteur der taz,
und zur Zeit Gestalter des Internet-Auftritts der taz mit den Blogs freier Autoren,
u.a. auch „Schröder & Kalender“ [http://taz.de/blogs/schroederkalender], eine kleine Extra-Einlage des heutigen Horst Tomayer sowie
eine Diashow mit allen bisher bei März veröffentlichten stilvollen
Buchumschlägen.
Da aber ein Text von Andreas Thomas über den Film Die März Akte nur näherungsweise so Erleuchtendes über die komplette Geschichte und Tragweite des März Verlags an sich auszusagen vermag, wie ein 1984 von Diedrich Diederichsen für den „Spiegel“ geschriebener, dort aber niemals veröffentlichter, Text über den März Verlag und die seiner Zeit veröffentlichte Anthologie MÄRZ MAMMUT, danke ich hiermit Barbara Kalender und Jörg Schröder persönlich für die dampfpostmäßige Zusendung einer Kopie des besagten Textes auf Papier, der hier in der filmzentrale nun in gescanntem Zustand offenbar erstmalig in elektronischer Form im weltweiten Netz abrufbar sein wird und, wiederum selbst über 20 Jahre alt, eine zeitgenössische Rezeption des postmodernen März-Mikrokosmos darstellt, durch den zukünftigen Pop-Papst persönlich. Dass diese Unterstützung durch Herrn Schröder und Frau Kalender eine weitere heimliche Eigen-Kampagne des März-Verlages darstellt, liegt somit offen. Aber ich kampagniere da jetzt mal ganz gezielt mit. Der Diederichsen-Text also nach den Credits ...
Andreas Thomas
Die
März Akte
BRD
1985
90
Minuten
Regie:
Peter Gehrig
Mit
Jörg Schröder, Barbara Kalender und Horst Tomayer sowie Mathias Bröckers,
Henryk M. Broder, Daniel Cohn-Bendit, Gerd Haffmans, Kristian Klippel, Winfried
Kumetat, Abraham Melzer, Reinhold Neven DuMont, Klaus G. Saur, Uve Schmidt,
Christian Schultz-Gerstein, Matthias Wegner, Karl Dietrich Wolff.
Adolf-Grimme-Preis
1986
DVD-Ausstattung:
DVD
5 PAL codefree, Bild: 16:9, Ton: Stereo
Kapiteleinteilung,
Links, Booklet
Bonus:
1)
Nachmärz - Ein Gespräch mit Mathias Bröckers
2)
Horst Tomayer erzählt
3)
DIE MÄRZ-ROLLE mit sämtlichen Umschlägen der März-Erstausgaben.
Die
DVD ist am 4.10.2007 erschienen bei absolut MEDIEN [www.absolutmedien.de]
Diedrich
Diederichsen über MÄRZ MAMMUT
(1984 für den SPIEGEL geschrieben, dort nicht
erschienen)
„Ich erzähle diesen Muff, weil sich kein Mensch vorstellt, was für eine Scheiße das ist, die man in den Feuilletons Kultur nennt.“
Jörg Schröder.
Als die Literatur starb, irgendwann
zwischen 1956 und 1968, bäumte sie sich im Todeskampf noch einmal auf und
schleuderte, im Aufsitzen, aus ihrem zersetzten, angefressenen, kranken und
verwilderten Gedächtnis einen heftigen Sturzbach von aufregenden, billigen,
prallen, monomanen, revolutionären, bigotten, lächerlichen und gleichzeitig
luziden Wort- und Ideenverknüpfungen. In von den Beteiligten als glückhaft
empfundener Regellosigkeit kotzte es: alte Beatniks, neue Acid-Heads, Strandgut
eines gottlosen Kleinbürgertums, voreilige Weltverbesserer, Künstler
und vor allem, ein letztes Mal: Dichter.
Alles war lächerlich und
doch wichtig. Wenn etwas so Großes passiert wie die Geburt des Pop aus
dem Geiste der sterbenden Literatur, dann ist jedes Zeugnis dieses Vorgangs
von Bedeutung, und ich möchte nichts von dem missen, was ich über,
sagen wir, den Lyriker Ted Berrigan weiß. Weder seine Beiträge zu
'Silver Screen' noch seinen Gedichtband 'Guillaume Apollinaire ist tot', noch
seine drei Beiträge zu 'März Texte 1', noch die Nachricht von seinem
Tod letztes Jahr im East Village, wo er sein ganzes Bohème-Leben lang
saß und dichtete.
Es war auch eine Zeit, die vorbildlich
zeigte, wie man Spinnkram richtig aufblasen muß, damit er groß und
bedeutsam wird. Wie groß die harmlosen Schnurren eines weltfremden Professors
werden, wenn sie auf den fruchtbaren Boden von Pop fallen, wenn sie richtig
gedüngt und effizient geerntet werden. Nehmen wir Marshall McLuhan, den
heute keiner mehr ernst nimmt. Wie haben sie es gefressen, das ganze Zeug: Medium
ist Message/Massage. Wir alle leben im Yellow Submarine des globalen Dorfs.
Wie wurde das Zeug verlängert. Bis hin zu Jazz-meets-India und Malcolm
McLarens 'Buffalo Gals' im Jahre 1982.
Nehmen wir dagegen Jean Baudrillard,
der für die 80er das ist, was McLuhan für die 60er war: der definitive
Spinner, aber dabei viel gebildeter, tiefsinniger, fundierter, verzwickter und
dialektischer. Ihn nimmt heute, außer ein paar Esoterikern, kein Mensch
wahr geschweige denn wichtig. Baudrillard war niemals auch nur in der Nähe
von Prophet. McLuhan war Gott.
Die Dokumentation der Leben dieser
kurzlebigen Instant-Gottheiten verdanken wir Leuten wie Jörg Schröder
und seinem März Verlag, in Deutschland ausschließlich Schröder.
Schröder, dessen Leben als Abenteurer in der Welt der Verlage und Agenturen
ihn 1969 Gründer des März Verlages (aus der Asche des Melzer Verlages)
werden ließ, war der einzige in der deutschen Verleger-Szene, der das
Gebot der Stunde beherzigt und einfach alles veröffentlicht hat, was damals
neu und aufsehenerregend war: also Werke der radikalen Linken ebenso wie verstiegenes
Mysto-Zeug, Beatnik-Lyriker und Science-fiction-New-Wave, Sex und Aktionskunst
ohne Ansehen konventioneller Kriterien von Qualität und ohne Zusammenhang.
Also Dinge wie Verlagsprogramm, Buchreihen. Wir machen nur Lyrik. Hardcover/
Weichcover. Er hielt einfach den Eimer hin und nahm alles, was auffiel. Denn
er wußte wohl damals schon, daß alles mit allem zusammenhängt.
Am Beginn der ersten Lebensphase des März Verlages steht der Reader 'März
Texte 1'. Der Reprint dieses Readers bildet die ersten 316 Seiten von 'Mammut'.
Es folgen bis Seite 1274 'März Texte 2', herausgegeben von Jörg Schröder,
1984.
Als ich 'März 1' Anfang der
70er für 'n Appel und 'n Ei in einem Müsli-Drogen-Laden als Mängelexemplar
erstand, faßte das Buch all die Versprechen für ein erfülltes
Leben in Bohemia zusammen, die einen jungen Menschen Haus, Hof und Oberschule
verlassen machen: Was es nicht alles gab! Man konnte Panzer zerstören (genaue
Anweisung! verwundbare Stellen! Don't read it! Do it!), Schwul werden (in 'Trocchi's
Bude'), mit Herrmann Nitsch in Innereien von Schweinen wühlen, sich im
Blut suhlen, Drogen nehmen (Stoßt die Pforten der Wahrnehmung auf! Turn
On! Tune In! Drop Out!), die Welt verwüsten und neu aufbauen und vor allem
die Literatur metzeln. Nieder mit der Narration! Suspension des Sinns! Konventionen
knacken! Warum müssen eigentlich alle Buchstaben von links nach rechts
aufgereiht stehen wie ein Haufen Wehrpflichtiger? O Paradies der Avantgarde!
Warum nicht einfach so schreiben:
"Wilde
Schreie auf der Blauspur - Picklige Jungs & Chano P. holen sich einen runter
in Madrid - STILLE - Guardia Civil mit Kunstlederdekkeln fliegen durch die Gossen
der Dummheit - Gerassel hilfloser Arme, totaler Krieg & verstärkteAnstrengung
in runtergekommenem Zustand. Nacht wurde ermordet am Tag als ich Ort & Zeit
killte."
Oder warum nicht nach einem großkotzigen,
anstregenden Avantgarde-Gedicht-Foto-Schock-Fick-Mischmasch Erklärungen
von sich geben wie diese hier: "Man kann soviel Besseres machen als beispielsweise lange an
einem Gedicht herumbosseln - in der Stadt herumgehen, Zeitung lesen, ins Kino
gehen, ficken, in der Nase bohren, Schallplatten hören, mit Leuten dumm
herumreden."
Wie wahr und wie kokett!
Warum also nicht endlich anfangen
und kämpfen für China, Afrika, Schüler, Sex, Schwule, Astralleiber.
Die Welt der 'März Texte 1': Unterkiefer vorschieben und die Worte rauslaufen
lassen. Reden, reden, reden. Und überall MÖGLICHKEITEN, überall
Versprechungen, Befreiung, Pop. Und keine Literatur.
Denn hier sprachen keine modernen
Literaten, keine Erben von Pound oder Joyce, das waren Verursacher von Instant-Ergüssen,
Enkel von Burroughs allenfalls. Dementsprechend ist heute zu bewerten, was sie
damals von sich gaben. Solche Texte, die allzusehr gezeichnet sind von der verkrampften
Bemühung, Konventionen, Regeln und Charaktermasken zu knacken, gehen mir
auf die Nerven. Da, wo erkennbar wird, wie das Rauslaufenlassen in Großes
umschlägt, nistet das Wertvolle dieser Anthologie, kann man lernen. Also
nicht an Brinkmanns Suada 'Vanille' (nur
mühsam!), sondern an seiner "Übersetzung" von Apollinaires
'La jolie rousse': 'Der joviale Russe', die so funktioniert: "Ayant éprouvé
les douleurs et les joies de l'amour/Ayant su quelquefois imposer ses idées".
Deutsch: "Ahja ein Pulver ohne
Geruch und wenig Freude als Liebe / Ahja so kelchweiß in Pose deiner Idee."
"Conaissant plusieurs langages" - "Kenne Blusen länger."
Die literarische Avantgarde dagegen,
zwar immer auf dem Sprung zum Pop, bleibt so oft im verquält Bürgerlichen
hängen, und die eigentlichen Gewinner sind, von heute aus gesehen, die
Essayisten, Theoretiker und Reporter: Wie Edgar Snow und Augustin Souchy. Und
das im Namen der Republik (Österreich) ergangene Urteil gegen den Blut-Künstler
Herrmann Nitsch (der inzwischen auch noch keine neue Idee hatte) sagt mehr als
das Interview mit dem Künstler selber über die Aktionen, die so ein
Urteil provozierten.
Doch der wichtigste Autor des
März Verlages ist in dieser ersten Anthologie nur mit einem fahrig-angetüterten
'Gespräch mit einem Verleger' vertreten. Jörg Schröders erste
autobiographische Erzählung 'Siegfried' erschien erst kurz vor der Pleite
des ersten März Verlages. Schröder hat 'Siegfried' wie alle seine damals späteren
Texte nicht selber geschrieben, sondern einem Partner (Ernst Herhaus) erzählt,
diktiert. 'Siegfried’ wurde mit Prozessen und Verleumdungsklagen überzogen
wie wohl kaum ein zweites Buch der Nachkriegsliteratur. Der Grund: Es handelte
von echten Menschen und gab deren Namen preis. Typen aus der Welt der Überbauproduktion,
aber auch Banker, Mädchen, Schnösel, Christen, Faschisten, Künstler
und Verleger. Sie alle sind nur in zweiter Linie Opfer von Schröders einmaliger
Erzähltechnik. Sie sind zunächst Opfer von Schröders Lebenslauf,
den zu kreuzen sie das Pech oder Glück hatten und der sie verfolgte mit
seinem bohrenden Interesse für Menschen und deren Geschäfte.
Der sich selber immer wieder aufs
ruinöseste verstrickte, weil ihn etwas interessierte: "Ich habe die Korrespondenz
angesehen. So eine Monomanenkorrespondenz hast du noch nicht gesehen. Und dann
die Antworten. Von Horkheimer bis weiß der Kuckuck!
Melzer hatte etwas verwechselt:
Gute Bücher machen kann nicht jeder. Aber alle Welt dafür anklagen,
daß keiner die Bücher kaufen will, das ist leider beknackt. Ich bin
nach Hause gegangen. Es war aussichtsloser, als ich gedacht hatte. Aber dann
sagte ich mir: 'Weil das so aussichtslos ist, geradezu qrotesk aussichtslos,
und weil das so ein unbekannter Verlag ist, deswegen reizt mich das.' "
Später machte Schröder
März zum zweiten Mal mit 'Zweitausendeins'. Von dem Laden trennte er sich
bald, noch mehr Feinde zurücklassend, und machte sein zweites Buch mit
Uwe Nettelbeck: 'Cosmic'. Über NATO-Geheimnisse in der hessischen Provinz,
alternative Schläfrigkeit bei der TAZ, Verschlagen- und Dummheit beim STERN,
Arschlöchrigkeit bei TRANSATLANTIK, bizarren Schwachsinn bei grünen
Dichtern und anderen Grünen, die heute im Bundestag sitzen. Und liberale
Lebenslügen überall. Ausgehend von dem Leitmotiv aller Schröder-Produktionen,
daß eben irgendwie alles mit allem zusammenhängt und es der Literatur,
oder besser, dem was an ihre Stelle getreten ist, obliegt, den Schleier dieses
Irgendwie zu lüften.
Und das geht über den Menschen.
Der große Verknüpfer,
der Mittelpunkt in Schröders Texten ist der Mensch. Und prinzipiell liebt
er ihn, den Menschen, prinzipiell ist er Humanist. Menschenfeindlichkeit ist
eines der schlimmsten unter seinen vielen Verdikten. Also der Mensch. Nicht
die Menschheit, für die der Mensch immer wieder geopfert wird, und erst
recht nicht das blöde Individuum, in deren Namen Klagen gegen 'Sieg
fried' und 'Cosmic' oder 'Mammut'
angestrengt worden sind, und, noch schlimmer, in deren Namen der Mensch zugrunde
geht und der Kapitalismus wütet.
Wenn Schröder Peter Handke
beobachtet, nach der posthumen Verleihung des 'Petrarca-Preises' an Brinkmann,
und ihn mit der Veröffentlichung dieser Beobachtung eigentlich tötet,
dann schafft er es dennoch klarzustellen, daß hier eben nicht aus Machtherrlichkeit
gehenkt wird, sondern im Interesse der Wahrheit, und einfach, damit so was nicht
wieder vorkommt, eine Anekdote wie diese erzählt werden muß. Muß.
"Und
endlich draußen auf dieser Lavendelwiese, alles verteilte sich, seh ich
doch diesen unglücklichen Handke, wie der tatsächlich auf einem leichten
Hang Kobolz schießt. Im Turnsport nennt man das wohl: Rolle vorwärts.
Tatsächlich machte doch dieser Fitti drei unbeholfene Rollen auf dieser
Lavendelwiese. Das mußt du dir einmal vorstellen, einer, der es nicht
kann, jemand, der nicht fröhlich ist, der ein Erwachsener ist, der Schriftsteller
ist und erstens einer, der Handke heißt, im Lavendel, drei, vier mißratene
Rollen nach vorne!"
Dies stammt aus einem der neuen
Schröder-Texte, aus 'Mammut', aus dem neuen Teil, dem 'März Texte
2'-Teil. Er hat sie diesmal nicht einem Nettelbeck erzählt, und deswegen
ist auch nicht so eine schöne Kunstprosa herausgekommen, sondern mehr O-Ton
Schröder ("dit und dat"), mehr Wörterauslaufenlassen. The right stuff. 'Maggi pur', SO-JA-Bohnen', 'Hallo
Sandra! Hi Wolf!' und 'Gewissensbisse' sind kleine Stücke aus dem Kulturbetrieb.
Über Reemtsma und den toten Voyeur Arno Schmidt und den Zusammenhang zwischen
Schmidt-Boom, Schmidt-Jüngermentalität und das Verhältnis der
SPIEGEL-Kulturredaktion zum Fußball ("Da ist mir so ein Typ wie der alte Stalinist und Ghetto-Kämpfer
Reich-Ranicki doch-noch lieber als so ein Gerstein, der
mit langen Fingern sagt: 'Jetzt
ist Sportschau.' Und dann ist das nämlich die Sportschau so wie der Reichsparteitag.
Bei denen ist das nämlich noch bescheuerter als bei der Geburtstagsfeier
der Frau des Liberos aus Hosenfeld, die wegen der Sportschau keinen Mucks sagen
darf, nur Salzstangen servieren und leise Bierflaschen öffnen, während
die Elf um den Fernseher sitzt. Ach was Salzstangen. Fischlis, zentnerweise
Fischlis muß die für diese Typen kaufen.")
Lauter großartige Texte:
Klatsch. Und zwar Klatsch als die letzte verbliebene materialistische Waffe
gegen die Meinung. Wenn Wissen zur Meinung wird und sich von innen nur noch
anfühlt wie der auf die Theke gelehnte Unterarm. Wenn Meinung in ihrer
unangreifbaren Beliebigkeit zum Terror wird, dann müssen eben Schröders
Klatsch, seine Alles-hängt-mit-allem-zusammen-Assoziationen ran. Dann macht
der eben auch weiter, wo das allerkritischste Feuilleton oder Anti-Feuilleton
aufhört. Die schaffen sich nämlich so einen Popanz, irgendeine oberlächerliche
Type wie Fritz J. Raddatz, und kommen sich erschöpfend schlau vor, wenn
sie jede neue Stilblüte des Mannes einer wiehernden Gegenöffentlichkeit
präsentieren. Schröder schafft zwei, drei, viele Raddatz. Und keiner
ist vor ihm sicher, der einmal sein Interesse erregt hat.
Man könnte nun sagen, ich
hätte so lange gut reden und Beifall zollen, wie ich nicht selber Opfer
geworden bin. Aber mit den Fußballintellektuellen des SPIEGEL bin ich eben auch
getroffen. Auch ich hielt Intellektuelle, die sich für Fußball interessieren,
zunächst mal für einen historischen Fortschritt gegenüber den
Intellektuellen der Vätergeneration, die sich darüber mokieren, wie
denn ein Spiel Interesse zu erregen vermöchte, bei dem 22 Männer -
höhö - 22 erwachsene Männer hinter einem Ball herrennen. Auch
ich hab gerne meine Ruhe bei der Sportschau und hab manchmal ganz gerne Arno
Schmidt gelesen. Sicher, der Wollschläger ist bescheuert, wie das von Schröder
willkürlich redigierte und mit "Ich bin selber Psychoanalytiker (durchgeknallt)"
humorig betitelte Wollschläger-O-Ton-Exzerpt rechtskräftig beweist.
Aber mit dem Für und Wider kommen wir genausowenig weiter wie mit dem Wahr/Unwahr.
Hier erzählt ein Mann sein Leben. In Texten und in fremden Texten. Und,
Bruder, er macht seine Sache eben verdammt gut.
Schröders Erzählungen
sind meist strukturiert wie lange verschlungene Witze. In dem Moment, wo man
die befreiende Pointe erhofft, kommt statt dessen ein triumphal eingeführtes
Verzögerungselement à la "Und das Beste kommt erst ...". Ein
neuer Faden, eine neue Ungeheuerlichkeit. Hat der Mann nun auch noch als Zuhälter
gewirkt. Oder so was. Und wenn dann wirklich die Pointe kommt, wird sie nicht,
wie erwartet, mit dem eben genossenen Erzählteil C verknüpft, auch
nicht mit B, sondern mit A, der freilich mit B und C zusammenhängt. Wie
eben alles mit allem.
Derselben Struktur folgt die 'Mammut'-Anthologie.
Als erstes lernt der Mensch: Was von mir ist, ist von mir (Autoreffekt), was
von anderen ist, habe ich geklaut (Plagiat). Dann lernt er, daß er mit
Zitaten beweisen kann, darf (Gymnasium, Oberstufe, Universität), sogar
muß (Zwischenprüfung). Später lernt er die Kunst des Zitates
schätzen, und irgendwann liest er Karl Kraus und ist ungeheuer beeindruckt
von der Möglichkeit, einem Idioten seine Idiotie einfach durch vollständige
Wiedergabe seines Textes zu beweisen. Am Ende dieser Kette steht Jörg Schröder,
der sein Leben als Anthologie erzählt. Kriterium für die Auswahl der
Texte ist der Zusammenhang untereinander, der Zusammenhang mit März und
der Zusammenhang mit Schröder, seiner Vita und seinen Geschäften.
Was für Geschäfte? Ja,
Schröder, besonders der frühe, hat einen Riesenspaß an Geschäften,
an kapitalistischen Drahtseilakten, an Kreditpronlongationen, am Klitschen-aus-dem-Nichts-Hochziehen.
Neuerdings bringt er sogar teure Subskriptionsausgaben heraus. Besieht man diese
Geschäfte aber näher, stellt man fest, daß sie selten lukrativ
sind und daß es nicht allein um den schnöden kapitalistischen Erfolg
um des Erfolges willen geht. Statt
dessen geht es um die Literarizität seiner
Geschäfte.
So wie er in seinen Erzählungen
immer wieder das Geschäftliche an der Kultur hervorkehrt, so betreibt er
selber bizarre literarische Geschäfte. In verschiedenen literarischen Genres.
Einmal hatte er eine Agentur gegründet, die 'Bismarc Media', deren Aufgabe
es war, nichts zu produzieren. Der Geschäftsführer sollte bloß
hochtrabend daherschwafeln, aber nie konkret werden. Leider hielt keiner der
angestellten Geschäftsführer dies lange durch. Früher oder später
fingen sie an sich Projekte auszudenken. Auf jedem Fall ein klarer Fall von
Konzept-Kunst, von konkreter Poesie in Finanzen. Und das Jahre bevor Baudrillard
überall seinen philosophischen Horror vor dem Produzieren verbreitete.
'Business Art' war eine alte Forderung
von Andy Warhol, und noch etwas verbindet Schröder mit Warhol. Warhol erzählt
seine ganzen Meisterwerke einem gewissen Pat Hackett, der sie dann niederschreibt.
Aber nicht deswegen ist der heutzutage unterschätzt wichtigste Künstler
der Gegenwart in 'Mammut' vertreten. Seine erstmals ins Deutsche überübertragene
Schilderung des Attentats auf ihn aus seinen Memoiren 'POPISM - The Warhol Sixties'
mußte rein, weil die ehemalige März-Autorin und Warhol-Attentäterin
Valerie Solanas Schröder eines Tages zu ihrem 'Contact Man Of The Mob'
ernannte. Und der Brief dazu ist abgedruckt. Und da mußte natürlich
der Warhol dazu. Warum ist der Songtext 'New York New York', Schrott allererster
Kategorie, von Nina Hagen, zudem noch in Faksimile, abgedruckt worden in 'Mammut'?
Nicht weil "Klar, wenn gar nichts mehr geht, dann März, März
druckt alles. Stimmt ja auch irgendwie.", sondern weil Nina Hagen mit März-Autor
Florian Havemann im-Sandkasten gespielt hat. Wegen des Zusammenhangs. Er macht
jetzt das. Also mal zeigen, was aus ihr geworden ist.
Herausragend in 'Mammut' sind
dennoch nicht nur die Schröder-Texte. Der Komplex Terrorismus mit Vespers
und Gudrun Ensslins Reisefotoalbum und Wolfgang Pohrts Amnestie-Kampagne und
einem Brief über Vesper von Jugendfreund Henner Voss, Gunnar Heinsohns
erste materialistische Beschreibung der Hexenverfolgung, der Komplex Psychoanalyse/Otto
Groß, Franz Jung etc., der Komplex Upton Sinclair/ Henry Ford/U.S.-Anti-Semitismus
der 30er Jahre. Man könnte noch viel mehr saugute Texte aufzählen,
fast ebensoviel Mystik-Unsinn und moderne Literatur - die den Kampf gegen die
Post-Literatur von Schröder, Warhol, Schröders Halbwelt-Spezi Hamlet
Kuper, Tom Wolfe etc. so niederschmetternd verliert. Je neuer sie ist, desto
schrecklicher ihre Niederlage. Wie peinlich so ein Essay, der fordert, die Literatur
möge sich doch überall bedienen und ihre Scheu vor der Trivialität
verlieren - ganz neu, hab ich noch nie gehört -, gegen das wirkliche Leben,
egal ob es in 'Mammut' von einem Aufsatz Charles Darwins oder einer Dummheit
Hubert Burdas, aber von der Gestalt wie ein eigener Beitrag behandelt, vertreten
wird.
Da Schröder Lebensgeschichte
betreibt, betreibt er automatisch auch Wirkungsgeschichte. Gegen Ende von 'Mammut'
dokumentiert er ein paar Reaktionen auf 'Cosmic'. In diesem Zusammenhang bringt
er, ebenfalls erstmals in Deutsch, einen Ausschnitt aus Tom Wolfes 'The Electric
Kool-Aid Acid Test', ein Buch, das auch schon fast 20 Jahre alt ist, 'Die gefrorene
Friedensversammlung'. Wolfe erzählt darin, wie Ken Kesey und seine Merry
Pranksters in den 60er Jahren absolut punkmäßig eine Friedensversammlung
sprengen, absolut aktuell, absolut richtig. Die, die in den 60ern wirklich weit
vorn waren, sind es bedauerlicherweise immer noch. Eine Alternative zur liberalen
Dummheit hat sich nicht durchsetzen können. Am Ende von 'Mammut' steht
eine alte Utopie (aus den 60er Jahren) '1994', die die Hippies als Agenten des
Establishments ausweist. Auch das ist leider wahr geworden/geblieben. Der Weg
dahin, dadurch und daran vorbei, die Geschichte der letzten 20 Jahre als Geschichte
des Scheiterns steht in 'Mammut'. Schröder, Warhol und Wolfe haben ihren
Humor nicht verloren.
Diedrich Diederichsen
Dieser
Text wurde 1984 geschrieben für den SPIEGEL, ist dort aber nie veröffentlicht
worden, sondern erstmals 2007 in der filmzentrale
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