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Manche
mögen’s heiß
Wenn es in der Geschichte der Filmkomödie so
etwas wie eine ästhetische Quadratur des Kreises gibt, dann ist sie Billy
Wilder mit Some like it hot gelungen; mehr noch: er hat auf einen Schlag gleich
die Lösung mehrerer unlösbarer Probleme in Angriff genommen und ohne
Blessuren bewältigt. Des Drehbuchautors Diamond obsessive Idee, hier werde
eine „Sache auf Leben und Tod“ verhandelt, bleibt der Geschichte auch dort inhärent,
wo sie in die Wirbel der Gags und in den Sog der Situationskomik gerät.
Was für zwei arbeitslose Musiker, die nur als unfreiwillige Transvestiten
der Mordlust einer Chicagoer Gang entgehen, als Kampf ums nackte Überleben
beginnt, setzt sich auf der Ebene des Komisch-Komödiantischen als turbulentes
Tribunal um Existenzfragen, um die Definition des Ich und die Ambiguität
des Sexus fort.
Der rauhe, eindimensionale Duktus des Gangsterfilms
(des amerikanischen der 30er Jahre, dessen Gewaltrituale Billy Wilder präzis
zitiert) transzendiert nahezu bruchlos in die Equilibristik der sophisticated comedy
- Parodie und Travestie andererseits siedeln dicht am Abgrund, in den der Mensch
blickt, wenn er sich seiner selbst zu vergewissern sucht. Das sentimentalische
Klischee wendet sich unversehens ins Tragische, der dralle Spaß balanciert
am Rande zum Exzeß, und in den Orgien der Verwechslungskomik versteckt
sich das existenzielle Drama der Nicht-Identität, jener Inkonsistenz des
Geschlechtswesens Mensch, das stets in das Andere changiert und sich verlieren
muß, um sich zu gewinnen.
„Keine Komödie übersteht diese Art brutaler
Realität“, soll der Produzent David O. Selznick geurteilt haben. Meinte
er den blutigen Realismus des Gangster-Genres, den Bandenkrieg im Chicago der
Prohibitionszeit, das erbarmungslose Massaker am St. Valentins-Tag 1929, das
für das Musiker-Duo Joe (Tony Curtis) und Jerry (Jack Lemmon) zum Albtraum
wird und dem sie nur, so mag es zunächst scheinen, durch einen schrägen
Salto in die Klamotte entrinnen? Wie sollen, mag Selznick sich gedacht haben,
aus der Düsternis der Krisenjahre, der Härte des Chicagoer Winters
und dem Gemetzel in einer Tiefgarage Leichtigkeit und Lebenslust einer Komödie
entspringen? Oder meinte er womöglich jene „brutale Realität“, mit
der die hemmungslosen Spezialisten des Transvestiten-Genres à la „Charleys
Tante“ unbekümmert um Geschmacksfragen Körperlichkeit ausstellen und
denunzieren, so daß weder psychologische Nuancen noch feine Ironie, geschweige
die subtilen Übergänge zum Melancholischen eine Chance haben?
Wie dem auch sei - Billy Wilder hat die „Entgleisungen“,
die hier wie dort angelegt sind, elegant vermieden - genauer: er spielt mit
der Verlockung zur brachialen Komik, um sie in Ambivalenzen und Abgründigkeiten
aufzulösen; er stellt sich selbst lauter diabolische Fallen, um zielsicher
an allen vorbeizukurven und dumpfe Erwartungen abstürzen zu lassen. So
gelingt es ihm, „die Travestie als zentrale Idee durchzuhalten und da weiterzuentwickeln,
wo sie in anderen Händen nur schal und geschmacklos geworden wäre.“
(Neil Sinyard/Adrian Turner) Es gelingt ihm, weil er dem Zuschauer in keiner
Situation Realismus in Aussicht stellt: Some
like it hot ist reine Konstruktion,
ein Artefakt, das sich aus den Zeichensprachen unterschiedlichster Genres generiert,
um sie zu einem Essay, einem brillanten Denkspiel zu konfigurieren. Eine Konstruktion,
die eben dort, wo sie von äußeren Turbulenzen verschlungen zu werden
droht, ihre innere Balance beweist; ein Denkspiel, das gerade aus kruder Körperlichkeit,
dem materiellen Substrat der Klamotte, seine Funken schlägt.
Zur Klamotte gehört die Verkleidung - und zur
Verkleidung die Vertauschung der Geschlechterrollen: für die beiden Jazz-Musiker
freilich wird, was wie ein biederer Ulk aussieht, zu einer Hängepartie
auf des Messers Schneide. Das weibliche Kostüm, das sie in die Damenkapelle
„Sweet Sue’s Society Syncopaters“ katapultiert, erweist ihnen in doppeltem Sinne
einen (hintergründigen) Dienst: als Tarnung, die sie einer ruinösen
Männerwelt (in der männliche Musiker keine Arbeit finden und Gefahr
laufen, im Maschinengewehrfeuer verfeindeter Gangs zersiebt zu werden) entzieht
- und als Mittel der Flucht ins andere Geschlecht, dessen Spielregeln sie freiwillig-unfreiwillig
zu akzeptieren lernen. Dabei bedingt die Notwendigkeit, die Tarnung aufrechtzuerhalten
(die Gangster haben ja ihre Spur aufgenommen), die Intensität der Camouflage,
die Joe und Jerry als Männer in Frauenkleidern in einer Schar lebens-,
auch liebeslustiger junger Mädchen auf sich nehmen.
Über die Freiheit, aus ihren Rollen nach Belieben
auszusteigen, verfügen sie nicht. Mit dem Wechsel zwischen den „Lagern“
haben sie auch die Lebenswelten vertauscht: ein Sprung aus dem „männlichen“
Realitätsprinzip und einer Welt eindimensionaler Konflikte mit meist tödlichem
Ausgang in ein Reich „weiblicher“ Möglichkeiten, in eine Sphäre verheißungsvoller
Lebensvielfalt, allerdings auch vielfältiger Komplikationen. Die Notbremse,
die während einer nächtlichen Bahnfahrt gezogen wird, und ein abrupter
Schnitt markieren den Schauplatzwechsel, der eher ein Paradigmenwechsel und
eine Grenzüberschreitung zu nennen wäre: „Chicago ist mit Nacht, Tod,
Gewalt und Gangstern verbunden; es ist überwiegend ein männlicher
Bereich. Miami wird auf der anderen Seite sofort mit Sonne, Leben und Gesang
assoziiert; es ist vorwiegend eine weibliche Welt.“ (Sinyard/Turner)
Wie das männliche Prinzip in der weiblichen
Welt beinahe verlorengeht und sich nur dadurch zu behaupten vermag, daß
es sich, als männliches, verändert: davon erzählt Some like it hot.
Joe verliebt sich in Sugar Kane (Marilyn Monroe), aber da er sich in Josephine
verwandelt hat und Josephine bleiben muß, solange die Gangster hinter
ihm her sind, werden ihm seine Gefühle zur Qual und zum existentiellen
Rätsel. So sicher ihm scheint, daß er Sugar Kane nur als Mann zu
erobern vermag, so ungewiß bleibt auch, ob ihre Sympathiebeweise den männlichen
oder den weiblichen Anteilen seiner androgynen Performance gelten.
Jerry wiederum muß sich, als Daphne, der Zudringlichkeiten
des froschmäuligen Millionärs Osgood Fielding (Joe E. Brown) erwehren,
bis er am Ende - sei es als Jerry, sei es als Daphne - erkennt, daß auch
dieses Monstrum eines senilen Charmeurs seine liebenswerten Seiten hat. „Ich
bin ein Mädchen, ein Mädchen, ein Mädchen“: Die lebensnotwendige
Selbstsuggestion, die Jerry trainieren muß, um sein Rollenspiel durchzuhalten,
erfährt ihre Umkehrung, wenn er am Ende Osgood und wohl mehr noch sich
selbst beteuert, was inzwischen unklar geworden ist: „Ich bin ein Mann, ein
Mann, ein Mann.“ Osgood akzeptiert auch diese Version: „Nobody is perfect“ -
und sorgt damit für einen der genialsten Schlußsätze in der
Geschichte des Films.
Erotik heißt jene zauberische Alchemie, die
uns anleitet, eine Rolle zu verinnerlichen, um unsere innere Substanz zu veräußern,
sie einem anderen mitzuteilen. Tony Curtis als Joe unterwirft sich dieser Prozedur
in einem doppelten Verwandlungsprozeß, der einer zwiefachen Häutung
gleicht: der mediokre Frauenheld, den er im Alltag abgibt, muß sich als
Josephine verpuppen, eine leidvolle Erfahrung, die ihm die Frauen in weite Ferne,
zugleich aber das Symbol aller sexuellen Wünsche, Marilyn Monroe als Sugar
Kane, in die nächste Nähe rückt. Nur die - konspirativ inszenierte
- Rückverwandlung und seine Maskierung als sexuell verklemmter Millionär
verhelfen ihm, diese Nähe zu genießen - wenn er sie denn genießen
könnte und nicht den Impotenten spielen müßte: eine Rolle, mit
der es ihm zwar gelingt, verführt zu werden, die ihn jedoch gleichzeitig
zwingt, von der angestammten Rolle des ewigen Verführers Abschied zu nehmen.
„Flach auf dem Rücken liegend, kommt er dadurch
zum Erfolg, daß er quasi die weibliche Rolle spielt“ - so beschreiben
Sinyard/Turner jene Szene auf der Yacht, die alle Rollenklischees zum Einsturz
bringt und Joe einem Purgatorium unterwirft, aus dem er, vielleicht, als ein
anderer, weicherer, empfindsamerer Mann hervorgehen wird. Auf dem Höhepunkt
des Films, als Sugar Kane in hingebungsvollem Schmerz ihr „I’m through with
Love“ gesungen hat, geht Joe, nun wieder als Josephine, auf sie zu - und der
Kuß, der nun folgt, ist vermutlich der gefühlvollste, sicher aber
der vertrackteste in der Geschichte Hollywoods: ein Kuß, der sich (skandalträchtig
genug) als Kuß zwischen zwei Frauen tarnt - und: ein Kuß, den ein
Liebender der Geliebten gibt und dabei unversehens erkennt, daß er selbst
ein anderer geworden ist: Kein Kerl, sagt Joe zu Sugar, sei ihre Tränen
wert.
Richard Corliss schrieb, die „Überzeugungskraft,
Technik, Sicherheit und Kühnheit“ dieses Kusses habe alle diejenigen (in
Hollywood) widerlegt, die Wilder für einen „Schmalspur-Zyniker“ gehalten
haben, der mit „Berliner Weltschmerz“ hausieren gehe. Der halbversteckte Hinweis
auf die Rezeptionsgeschichte von Wilders Filmen in den USA will ein Mißverständnis
korrigieren (der Zynismus-Vorbehalt motiviert ja noch 1977 Maurice Zolotow zu
seinem Buch „Billy Wilder in Hollywood“), aber auch Corliss wird Wilders Komplexität
nicht ganz gerecht.
So richtig es ist, daß der Regisseur in keinem
seiner Filme eine zynische Sicht seiner Figuren und ihres Handelns offenbart,
so wahr ist auch, daß er sich stets eine „europäische“ Distanz zum
„american way of life“ und vor allem zu Hollywood bewahrt hat - mag man diese
Distanz nun im „Berliner Weltschmerz“ (?) oder in einer ironisch-selbstironischen
Melancholie verwurzelt sehen, die sich, in der Tat, europäischer Urbanität
verdankt: Berlin und Paris seien die beiden einzigen Städte, die ihn immer
wieder erregen, sagte Wilder noch 1979. Nur in Hollywood hat er seine Filme
machen können - aber auch nur mit jener von europäischer Kultur inspirierten
Distanz zu allem, was Hollywood zu einem technizistisch-kommerziellen System,
zu einer reinen Produktionsmaschine werden ließ.
Gerade weil Billy Wilder nie ein Genre-Regisseur
war, konnte er in Some like it hot so souverän das Inventar des Gangsterfilms
und der Verwechslungskomödie ausbeuten und ihre Ingredienzien zu einem
neuen, höchst kunstvollen Gebilde zusammenfügen. Wie in einer surrealistischen
Collage begegnet hier antithetisches Material der gewagtesten Spielart: ein
Zusammentreffen extremer Szenen wie der ausgelassenen Körper-Orgie im Eisenbahnabteil
und des gnadenlosen Gangster-Showdowns am Schluß des Films - pubertäre
Kissenschlacht und blutiger Mafiakrieg, hier wie dort ein durchkomponiertes,
auf die Spitze des Absurden getriebenes Ballett.
Daß der Film im selben Jahr wie Hitchcocks
North
by Northwest entstand, ist zweifellos
ein Zufall, doch ist kaum zu übersehen, daß die beiden so gegensätzlichen
Stoffe strukturelle Gemeinsamkeiten aufweisen: das Motiv der Flucht vor einer
übermächtigen Bedrohung und die labyrinthischen Verknotungen aus Identitätsverlust
und Rollentausch - subtextuelle Konnotationen, die von amerikanischen Exegeten
schnell „kafkaesk“ genannt, d.h. einer vagen Vorstellung von europäischer
Moderne zugeordnet werden. Selbst die Briten Sinyard/Turner sehen in Some like it hot
das Grundmuster von Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ durchscheinen. Der
Witz ist allerdings, daß der europäisch geprägte Wilder mit
solchen Subtexten seinerseits ganz unbekümmert, mithin „amerikanisch“ umgeht
- und sich wohl den Teufel um alle Exegesen schert.
Andere, eher zufällige Analogien zu Hitchcocks
Film (Curtis’ Vollbad im Abendanzug; in North
by Northwest steht Cary Grant im
vollen Anzug unter der Dusche) verweisen darauf, daß sich Wilder immer
wieder um die Mitarbeit von Grant bemüht hat, bis er schließlich
Curtis engagierte, um Grant darzustellen, wie Sinyard/Turner bemerken. Freilich
gerät die Figur des linkischen, neurotisch verschüchterten Millionenerben
allenfalls zu einer schrägen Karikatur des Vorbilds - ebenso wie die Hornbrille
allein aus dieser improvisierten Figur eines schwerreichen Sonderlings noch
keinen Arthur Miller macht.
An der Schnittstelle von Filmwirklichkeit und Hollywood-Realität
indessen ist diesen heimlichen (auch etwas unheimlichen) Anspielungen Raffinement
und Ironie, eine Wilder-spezifische Neigung zum charmant-hinterhältigen
Kommentar nicht abzusprechen. Tony Curtis als unvollkommener Schatten von Cary
Grant - das ist eine Art Fußnote zum Starsystem der factory, jener Retorte, aus der Rollenbilder, Klischees
und massenwirksame Verhaltensmuster entstehen. Und Curtis als eine schemenhafte
Skizze Arthur Millers - in einer Szene, in der Marilyn Monroe als Sugar Kane
ihre grenzenlose Liebesfähigkeit aufbietet, um einen Mann aus seiner Impotenz
zu erlösen: das mutet, im Nachhinein, wie eine Geistererscheinung an.
Spielt Marilyn Monroe Sugar Kane - oder ist in dieser
betörend schönen, vom Leben und den Männern enttäuschten
Sugar Kane nicht der Stoff zu jener Biographie angelegt, die Marilyn Monroe
gelebt und bis zur bitteren Neige ausgekostet hat? Läßt Wilder hier
die Monroe eine Filmfigur „nach ihrem Bilde“ formen - oder hat er eine Filmfigur
ersonnen, die sich gleichsam vorstellt, sie könnte die Monroe sein? Wilder
riskiert einen Balanceakt zwischen Schein und Sein, von dem er, 1959, noch nicht
wissen, allenfalls ahnen konnte, daß er über einem Abgrund stattfand.
Das Ende des Films ist offen - und so „unmöglich“
wie die Liebesbeziehungen, die sich angebahnt haben. Der leicht marode, doch
noch immer hochaktive Millionär Osgood - an seiner Seite Jerry, der nicht
mehr so genau weiß, ob er ein Mädchen oder ein Mann ist. Und Joe,
der das sehr genau weiß, aber eine Frau liebt, die ihn eindringlich vor
sich selbst warnt, die ihn fernzuhalten sucht von ihrem zerstörten, aussichtslosen,
hoffnungslosen Leben. Sugar Kane hat ihr Leben satt, wie drei Jahre später
Marilyn Monroe ihr Leben satt haben wird. „Nobody is perfect“ - diese Weisheit,
mit der sich Osgood damit abfindet, daß seine Geliebte vermutlich ein
Mann ist, hilft uns allenfalls über die Schwächen des anderen hinweg.
Für das unaufhebbare Leid am eigenen Ich ist sie kein Trost.
Klaus Kreimeier
Dieser Text ist zuerst erschienen in: Filmgenres – Komödie; Herausgeber: Heinz-B. Heller, Matthias Steinle; im Reclam-Verlag, Stuttgart 2005
Zu diesem Film gibt es im archiv mehrere Texte
Manche
mögen's heiß
SOME LIKE
IT HOT
USA
- 1959 - 120 min. – schwarzweiß - FSK: ab 18; nicht feiertagsfrei - Verleih:
United Artists - Erstaufführung: 17.9.1959/12.4.1968 Kino DDR/25.12.1972
ZDF/19.3.1977 DFF - Produktionsfirma: The Mirisch
Produktion:
Billy Wilder
Regie:
Billy Wilder
Buch:
Billy Wilder, I.A.L. Diamond
Vorlage:
nach einer Erzählung von R. Thoeren und M. Logan
Kamera:
Charles Lang jr.
Musik:
Adolph Deutsch
Schnitt:
Arthur Schmidt
Darsteller:
Jack
Lemmon (Jerry/Daphne)
Tony Curtis
(Joe/Josephine)
Marilyn Monroe
("Sugar Kane")
George Raft
("Spats"
Pat O'Brien
(Mulligan)
Joe E. Brown
(Osgood E. Fielding III.)
Nehemiah
Persoff (Little Bonaparte)
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