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Manderlay
Wir sind das (dumme) Volk
Demokratietheorie
lebt, wie jede andere Anschauung vom Menschen auch, von einem Menschenbild:
Die anthropologischen Prämissen bestimmen die theoretischen Konklusionen.
Bedenkt man diese einfache logische Beziehung, so verliert Lars von Triers neuester
Film an politischer Brisanz, die ihm von amerikanischen Kritikern angedichtet
wird.
In Manderlay wird in
gewohnt sarakastischer Manier die Geschichte von Grace (dieses Mal: Bryce Dallas
Howard) nach den Ereignissen von Dogville weitererzählt. In einem Geleitzug ihres Gangstervaters kommt
sie nach Alabama, wo sie 80 Jahre nach Verbot der Sklaverei voller Entsetzen
und Empörung eine Sklavenplantage vorfindet. Von pädagogischem Eros
entflammt entschließt sie sich, mit den freigelassenen Sklaven das große
Experiment der Demokratie zu wagen.
Nachdem von
Trier in Dogville brutalst die Bigotterie eines amerikanischen Städtchens
aufgedeckt hat, versucht er sich in Manderlay an einer weiteren großen Erzählung aus den USA, der
demokratischen Freiheit. Wieder bedient er sich eines formal strengen Verfremdungseffekts
– die Szene besteht fast auschließlich aus Bühne, Schwarz und einigen
Requisiten – um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das ist Graces verzweifelter
Versuch, den in ihrer Freiheit unsicheren Ex-Sklaven die Wunder der Demokratie
zu lehren, ein Versuch, der nach von Trier fehlschlagen muss. Denn um freien
Willen und demokratische Rechte zu garantieren, bedient Grace sich bewaffneter
Gangster. Der mit Waffenhilfe geschlossene Gesellschaftsvertrag ist überaus
brüchig und auch die Demokratisierung der im Grundriß an ein KZ erinnernden,
totalitär beherrschten Plantage will nur peu á peu gelingen. Sobald
diese sich durchgesetzt hat, wählt das Volk aber souverän und wider
Graces Ambitionen funktionale Unfreiheit. Diese Kette nun soll in Verbindung
mit den schwarzen Sklaven ein partielles Scheitern der Demokratie in Amerika
anzeigen?
Nicht ganz.
Denn so, wie die Plantage zwecks Einteilung der Sklaven in Menschentypen die
Herrschaft sichert, so garantiert von Trier mit seinem tiefpessimistischen Menschenbild
das Scheitern jeder Demokratie, ganz gleich welcher Färbung. Folglich inszeniert
er Graces Idealismus als naiv, mehr noch als Brutstätte für gefährliche
Weltverbesserungsraserei. Die überlebenswichtige Arbeit auf der Plantage
gehen die ehemaligen Sklaven ohne die harte Knute eines Meisters, und
sei es auch der Natur selbst, nicht an. Und das Streben nach Unterdrückung
und Macht bildet ohnehin einen der Gesellschaft über Generationen hinweg
inhärenten Wesenszug. Die Aussage ist eindeutig: Der Mensch, zu dumm, zu
träge, zu schlecht zur Freiheit. Entsprechend flach und verkommen müssen
sämtliche Charaktere in Manderlay geraten. Von Trier schreckt, wie im Falle von Graces lüsternem Verlangen nach einem schwarzen Sklaven,
nicht einmal vor grobschlächtigsten Klischees zurück.
Manderlay ist also
die politisierte Menschheitskritik eines Mannes, der offen zugesteht, dass sein
Amerika-Bild sich aus Micky Mouse und Donald Duck speist. Daher sollte man den Amerikabezug dieses Mal nicht überbewerten
und sich stattdessen über eine gelungene, wenn auch aufgrund der übertrieben
polemischen Züge nicht kongeniale Fortsetzung von Dogville freuen.
Thomas Hajduk
Zu diesem
Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Manderlay
Dänemark
2005 - Regie: Lars von Trier - Darsteller: Bryce Dallas Howard, Isaach De Bankolé,
Danny Glover, Willem Dafoe, Lauren Bacall, Michaël Abiteboul, Jean-Marc
Barr, Virgile Bramly, Ruben Brinkmann, Udo Kier - FSK: ab 12 - Länge: 139
min. - Start: 10.11.2005
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