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Marseille
Die
Totale einer Straßenkreuzung in Marseille, unübersichtlich. Lange
bleibt das Bild auf der Leinwand, und erst nach einer Weile entdeckt man Sophie
(Maren Eggert) - eine winzige Figur, verloren in den Häusern um sie herum.
Sie fotografiert Marseille, eine ihr fremde Stadt, und die Bilder scheinen ihre
Art der Annäherung zu sein - was auf Papier gebannt ist, hat ein Gesicht
bekommen, wirkt weniger fremd. Ihre Berliner Wohnung hat sie für eine Weile
eingetauscht gegen das beinah leere Apartment an der Küste Frankreichs.
Sie ist ihrem Leben zu Hause entflohen - warum, das realisiert man erst, wenn
Regisseurin Angela Schanelec unvermittelt zurückschneidet in Sophies Alltag
nach ihrer Rückkehr aus Marseille. Aber davor läßt sie ihre
Hauptfigur die Luft der Fremde atmen: ein Unbekannter in einer Bar, ein Gespräch,
Streifzüge durch die Straßen und eine kurzer Ausflug vor die Tore
der Stadt. Sophie verhält sich nicht wie eine Touristin, eher wie jemand,
der unvermittelt in eine neue Situation geworfen wird, der um sich tastet, sie
ist neugierig und verschüchtert zugleich.
Schanelec
kümmert sich wenig um die Sehgewohnheiten der Hollywood-verwöhnten
Zuschauer: Es gibt keine Überleitung zwischen Sophies Marseille-Aufenthalt
und ihrem Leben in Berlin. Ein einfacher Schnitt, mehr nicht, und so findet
die Regisseurin eine treffende Umschreibung dessen, wie hart der Wechsel auch
Sophie vorkommen muss. Zu Hause wartet ihr altes Leben - die heimliche Liebe
zu Ivan (Devid Striesov), dem Mann ihrer besten Freundin - und die Sehnsucht
nach einer Rückkehr nach Marseille. Und auch zu Hause in Berlin spielen
Fotografien eine große Rolle: Auch Ivan ist Fotograf, und die Szene, in
der er Fabrikarbeiterinnen in ihrer Arbeitspause fotografiert, gehört zu
den stärksten des Films: Zunächst zeigt Schanelec die Arbeiterinnen
von der Seite, beobachtet sie dabei, wie sie beobachtet werden, ihre Posen,
ihre Unsicherheit oder Gleichgültigkeit dem Fremden gegenüber, der
sie mit den Bildern ihrer Körper zu berauben scheint. Wie ein ungeheuerlicher
Eingriff in die Privatsphäre scheint in diesen Momenten das Fotografieren,
wie eine Manifestation auch von Strukturen der Macht: "Darf ich mein Haarband
abnehmen?", "Darf ich rauchen?" - der Fotograf bestimmt die Bilder
und seine Bildobjekte. Eben dieses Verhältnis der Macht war es vielleicht
auch, das Sophie anfangs die Fremde der Stadt in Bilder bannen ließ -
so konnte sie zumindest ein wenig die Oberhand gewinnen über die erdrückende
- und faszinierende - Überlegenheit Marseilles. Später rückt
Schanelecs Kamera näher an Ivans Fotoapparat und schließlich nimmt
sie zur Gänze die Position der Linse ein. Auch das Kino produziert Bilder,
sagt Schanelec, und auch die Bilder des Kinos haben immer etwas mit Machtausübung
über das Abgebildete zu tun. Vielleicht darum auch die Momente, in denen
Sophie auf der Leinwand so klein wird, verschwindet im Gewimmel der Menschen
und Autos: Auf diesem Wege gibt es keine Möglichkeit mehr, ihrer habhaft
zu werden, sie mit dem Blick des Zuschauers zu bannen - man muss sich schon
auf die Suche machen nach ihr, wenn man Teil haben will an der Welt, die Sophie
in Marseille erlebt.
Schließlich
kehrt sie auch tatsächlich zurück in die Straßen, deren nun
schon vertraute Fremdheit es wohl ist, was sie reizt. Und wenn sie dann am Ende
des Films ganz wörtlich zum Opfer wird, zum Opfer eines Überfalls,
der ihr alles nimmt, was sie bei sich hatte, dann ist das vielleicht nur die
logischste Metapher für ihren eigentlichen Wunsch nach einem Neuanfang.
Befreit sei ihre Hauptdarstellerin durch den Überfall geworden, sagt Schanelec
im Interview, befreit von ihrem "alten Selbst" in einem "schönen
Ende" - und das ist wohl das eigentliche Thema von Marseille:
Die Suche nach Freiheit, Freiheit von den erdrückenden Fesseln des eingespielten
Alltags, aber auch, auf einer anderen Ebene, Freiheit vom Bild und dem Zwang,
mit dem Abbilder immer behaftet sind: Wie so vieles andere, sieht man den Überfall
auf Sophie nicht, lediglich ihre Aussage auf der Polizei wird gezeigt. Sophie
wird nicht zum Objekt des Bildes, sie befreit sich von ihrem Leben und ihrer
Abbildhaftigkeit. Ein schönes Ende, fürwahr. Und ein schöner
Film.
Benjamin
Happel
Diese Kritik ist zuerst erschienen in:
Zu diesem
Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Marseille
Deutschland
2004 - Regie: Angela Schanelec - Darsteller: Maren Eggert, Alexis Loiret, Marie-Lou
Sellem, Alexander Simon, Devid Striesow, Louis Schanelec, Emily Atef, Sophie
Aigner - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 94 min. - Start: 23.9.2004
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