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Martin
Scorseses Reise durch den amerikanischen Film
Welcher ist wohl Martin Scorseses
zurzeit (Stand: November 2006) beliebtester Film? Die Antwort der Leserschaft
der berühmten Internet Movie Database (www.imdb.de) lautet nicht: „The Aviator“, nicht „Taxi Driver“ und auch nicht „Raging Bull“. Mit einer Durchschnittsnote von 8,7 von 10 möglichen Punkten
rangiert eine bereits über zehn Jahre alte TV-Dokumentation Scorseses mit
dem langen Titel „A Personal Journey with Martin Scorsese Through American Movies“,
ein Film, der vor zehn Jahren einmal bei Arte zu sehen war, sogar noch vor seinem
bis dahin all-time-favourite „Goodfellas“.
Eine Spitzenposition in den IMDb-Charts
sollte nun nicht der einzige Grund sein, sich mit dem beinahe 4-stündigen
Film-Essay bekannt zu machen, muss es auch nicht, weil sich das Werk am besten
selbst empfiehlt. „Martin Scorseses Reise durch den amerikanischen Film“ macht
offenbar nicht nur Filmgeschichte, der Film erzählt auch von ihr (d.h.
Scorsese schwärmt, beschwört, begeistert sich, analysiert, mit unermüdlicher
Faszination), der Geschichte des US-amerikanischen Films, von Hollywood, und
das auf jene kenntnisreiche und besessene Art eines Kino-Süchtigen, dessen
einziges Entzugsmittel immer nur, wie er sagt: „noch mehr Kino“ hieß.
An den Anfang des 225-minütigen
Werks stellt Scorsese bezugsreich Minnellis „Stadt der Illusionen“, den „emblematischen
Film über die halluzinatorische Kraft des Films“, dessen Thema, die Maschinerie
Hollywood, für Scorsese immer auch vom Gegenüber „Kunst gegen Kommerzialität“
durch die Reibung zwischen Regie und Produktion geprägt ist. Im Konflikt
zwischen Regisseur und Produzent erkennt Scorsese einen „ewigen Streit“, ein
fortwährendes Kräftemessen, das basal ist für die Hollywood-Geschichte.
Von diesem roten Faden geht er in seiner „Reise“ aus, zu ihm kehrt er immer
wieder zurück, um ihn herum ist die nicht chronologische Dokumentation
gebaut, die vom „Dilemma der Regisseure“ handelt, einen Weg zwischen Experiment
und Anpassung finden zu müssen. Scorsese vollzieht verschiedene dieser
Wege und Lösungen plastisch nach:
Mit D.W. Griffiths „The
Birth of a Nation“
von 1915, so Scorsese, wurde das Kino erwachsen und etablierte sich zum Kunstwerk.
Seine Stärke ist die „Sprache der Bilder“, die „visuelle Grammatik“ und
der Film ist Initialzündung für das „Monumentalkino“, für die
„historischen Dramen, die nur dann den Zuschauer erreichen, solange sie mit
Einzelschicksalen verknüpft sind“. In dieser Tradition sieht Scorsese (bescheiden)
auch sein „Gangs of New York“.
Wie „der Regisseur als Geschichtenerzähler“
immer auch die amerikanische Geschichte miterzählt, macht Scorsese deutlich,
wenn er die Film-Genres behandelt. Die drei Hauptstränge amerikanischer
Kultur finden sich in der Genres wieder: In den Western die Konflikte der Grenzgebiete,
im Gangsterfilm die Geschichte der Städte der Ostküste, in den Musicals
der Einfluss des Broadways. Diese drei Genres, so Scorsese, seien bestimmend
für das amerikanische Kino und ihre immer wieder neu und raffiniert variierende
Vermischung machen „den Reiz Hollywoods“ aus. Das Faszinierende der mit vielen
Filmausschnitten (auch aus Scorseses kostbarem und umfangreichen privaten Filmarchiv)
illustrierten „Reise“ verstärkt sich, wenn man ein wenig bewandert ist
in Scorseses Werk, und er weist sehr erhellend darauf hin, gerade für den
filmhistorisch nicht sattelfesten Filmfreund, dass etwa „Goodfellas“ sich an
Filmen wie „Die wilden Zwanziger“ (Walsh) oder „Scarface“ (Hawks) orientiert.
Wenn Scorsese feststellt, wie „in der Nachkriegszeit die Gangsterbande ein Konzern
und die ganze Gesellschaft korrupt geworden“ ist und das Individuum gegen das
System keine Chance mehr hat, dann befinden wir uns sowohl in der Historie Amerikas
und Hollywoods als auch in der Wahrnehmungswelt des Sohnes italienischer Einwanderer
und Katholiken Scorsese.
Auch am Western interessiert Scorsese
der Wandel vom „Klischee des guten Helden hin zur Ununterscheidbarkeit von Held
und Schurken“ (Beispiel: „Der schwarze Falke", Ford), und „seine Verstrickung in die Zwänge einer
gewalttätigen Welt“; die Schuldverstrickung, natürlich ein Grundthema
des Regisseurs, der beinahe Priester geworden wäre.
Wie wir wissen hat Scorsese sich
auch - mit umstrittenem Erfolg – an das Musical gewagt. Aber wer hätte
gedacht, dass „New York, New York“ sich am Vorbild „Mein Traum bist du“ (1948)
von Michael Curtiz mit Doris Day orientierte? „Die auch im Musical sichtbaren,
dunkel gefärbten Strömungen des Nachkriegskinos, Geschichten, in denen
private Beziehungen den Karrieren geopfert werden“ empfindet Scorsese als signifkant
für ihre Zeit.
Aber Scorsese widmet sich auch
den technischen Aspekten des Kinos. Er reserviert ein Kapitel für den Neubeginn
durch den Tonfilm, er zeigt, wie die Farbe und das Cinemanscope-Format dem Historien-Film
(Initialzündung „Das Gewand“) und dem Western eine neue Entwicklungsform
bereit stellte (und so alleine die Filmtechnik neue Genres erschuf.) Er
beschäftigt sich mit der Frage, ob, im digitalen Zeitalter, mit dem Ende
des Monumentalkinos auch das Ende des epischen Kinos, gar der Filmkunst, gekommen
sei, weist aber darauf hin, dass auch Kubricks „2001“ schon mit digitalen Effekten
arbeitete und dennoch, wie Griffiths „Intolerance“ oder Murnaus „Sunrise“ alles zugleich sein konnte:
„Superproduktion, Experimentalfilm und visionäres Gedicht“.
Ob Kino also auch Kunst sein (und
bleiben) kann, ist für Scorsese immer zuerst eine Frage nach der kreativen
Intention der Regisseure, und nach ihren Fähigkeiten, ihre Kunst, ihre
Visionen oder auch – in politisch finsteren Zeiten – ihre versteckte Gesellschaftskritik
auf die Leinwände zu „schmuggeln“. Gerade Filme mit weniger Geld haben
dafür mehr Freiheiten. Als Beispiel nennt Scorsese (und zeigt er Aussschnitte
aus) Jacques Tourneurs „Katzenmenschen“, ein B-Movie, das „für die Entwicklung
eines reiferen Kinos so wichtig war, wie „Citizen Kane“.
Ein Kapitel über den Film
noir setzt Scorsese erst in den zweiten seiner drei „Reisefilm“-Abschnitte,
wohl weil seine Klassifizierung als Genre immer umstritten war. Am Film noir
interessiert Scorsese vor allem der Topos, dass darin das „Verbrechen nicht
mehr Domäne der Unterwelt ist, sondern jeder ein potentieller Verbrecher“.
Ein Beispiel für Scorseses vielfältige Recherchen ist ein prägnanter
Fritz-Lang-Interviewausschnitt (Scorsese sammelte Interviews aus Archiven und
führte selbst Interviews, so dass in seinem Film zu Worte kommen: Kathryn
Bigelow, Frank Capra, John Cassavetes, Francis Ford Coppola, Brian De Palma,
André De Toth, Clint Eastwood, John Ford, Samuel Fuller, Howard Hawks,
Elia Kazan, Fritz Lang, George Lucas, Gregory Peck, Arthur Penn, Nicholas Ray,
Douglas Sirk, King Vidor, Orson Welles, Billy Wilder) mit dem Satz: „Gewalt
ist endgültig Bestandteil von Drehbüchern geworden“ und der Feststellung:
„Die Furcht vorm Teufel ist durch die Furcht vor dem physischen Schmerz abgelöst
worden.“ Vielleicht lässt sich die Grundthematik des Film noir mit Scorseses
Worten charakterisieren: „Es gibt keinen moralischen Kompass mehr.“ Freimütig
übrigens gesteht der Verfasser dieser Zeilen, dass ihm die von Scorsese
gelieferte ursprüngliche Herkunft des Begriffs „Film noir“ „US-Filme, die
bis 1946 in Frankreich verboten waren“, bisher neu war.
Im letzten und dritten Teil seiner
Dokumentation, die sich zunächst mit der McCarthy-Ära beschäftigt,
erläutert Scorsese genauer, wie er den „Regisseur als Schmuggler“ verstanden
haben will; und er illustriert mit Filmausschnitten von Douglas Sirk, Nicholas
Ray oder Samuel Fuller, wie gerade in Zeiten gesellschaftlicher Repression eine
faszinierende Ära des amerikanischen Kinos anbrechen konnte, weil es unter
dem Druck der Zensur neue und subtilere Wege gehen musste, um Kritik an den
herrschenden Verhältnissen zu üben. Ray („... denn sie wissen nicht, was sie tun“) und Sirk („Was der Himmel erlaubt“) spezialisierten sich auf
auf den Einsatz des Melodrams, um die „Americana“ zur entlarven, die beengte
Kleinstadtatmosphäre stand dabei für die Stimmung im ganzen Land.
Und Samuel Fullers Themen Scheinheiligkeit und Patriotismus fanden ihren filmischen
Höhepunkt in „Schock-Korridor“, der kaum verklausuliert den Kalten Krieg
und den amerikanischen Rassismus anprangerte, so der überzeugende Tenor
Scorseses.
Den „Schmugglern“ gegenüber
stellt er die offenen Anklagen der „Bilderstürmer“, die es - bei Griffith
(„Gebrochene Blüten“) angefangen - schon immer in Hollywood gab. Dazu zählt
er Stroheim, von Sternberg, Chaplins „Der große Diktator“ oder Kazans „Endstation Sehnsucht“. Als „vermutlich größten
Bilderstürmer Hollywoods“ bezeichnet er den 25-jährigen Orson Welles
mit dessen „Citizen Kane“.
Je weiter sich Scorsese mit den
Bilderstürmern beschäftigt, desto begeisterter wirkt er. Er berichtet,
wie er mit zwölf Jahren zum ersten Mal Kazans „Die Faust im Nacken“ sah und Brandos „neue Art zu spielen“ für ihn eine „Offenbarung“
war. Kazans Stil scheint ihm maßgeblicher Wegbereiter für die „Bilderstürmer
der 50er und 60 Jahre“: Robert Aldrich, Richard Brooks, Robert Rossen, Billy
Wilder, Arthur Penn, Sam Peckinpah. Er hebt hervor: Premingers „Der Mann mit
dem goldenen Arm“ mit dem gewagten Thema Heroinsucht, Wilders „Eins
zwei drei“
mit seinem verschärften Humor und Penns „Bonnie und Clyde“ der zusammen mit Peckinpahs „The Wild Bunch“ der letzte „Sargnagel“ des „Production Code“, der offenen Zensur
in Hollywood, bedeutete. Eine Sonderbezeichnung erhält John Cassavetes
von Scorsese. Seine Filme seien „Epen der Seele“ und ihr Regisseur der „Guerillero
der Filmemacher“. Respektvoll schwärmt er von Kubricks Filmen und besonders
seinem „Barry Lyndon”. „Oberflächlich kühl und abweisend ist er doch einer
der gefühlvollsten Filme, die ich je gesehen habe!“
Bereits 25 Jahre vor der Produktion
dieses seines Film-Essays, beim Jahr 1970, schließlich stoppt Scorsese
seine Analyse - mit der Begründung, dass er ab hier „selber mitspielt“
und nicht berechtigt sei, über sich und seinen eigenen Einfluss zu sprechen.
Dafür haben wir ungeahnt
viel über die Regisseure und die Filme erfahren, die Einfluss auf Scorsese
hatten - um festzustellen, dass der profunde Kenner Scorsese das komplette amerikanische
Kino in sich aufgesogen hat. Überall in seinem Werk finden sich Merkmale,
Elemente, Ideale und Mythen der amerikanischen Filmgeschichte wieder – was zu
beweisen war und vom Regisseur selbst bewiesen wurde. „Scorseses Reise...“ lebt
von der Faszination des Kinos für den Filmfanatiker, dessen Fanatismus
ihn nicht nur zum Regisseur, sondern auch zum Film-Historiker aus Leidenschaft
hat werden lassen. Deswegen ist die persönliche Dokumentation aber auch
ein Vermächtnis des amerikanischen Films per se geworden. Nicht nur die
zu den einzelnen Kapiteln erklingende schöne Titelmusik von Elmer Bernstein
gibt einem das Gefühl, in einem schweren, roten Kinosessel einen dieser
Filme zu sehen, von denen dieser Film handelt. Denn der Plauderer und der Spurensucher
Scorsese, mit seinen irritierend zusammengewachsenen Augenbrauen (die sich auch
in der Titelgrafik keines Geringeren als Saul Bass wiederfinden), verwandelt
einen eloquenten Monolog in ein Schatzkästlein, geöffnet wie von einem
Freund, der einen in die Mysterien des Kinos einweiht. Wenn dann Scorseses Schlusswort
vom Kino als dem „Bedürfnis des Menschen, eine gemeinsame Erinnerung teilen
zu können“ und von der „Suche nach dem kollektiven Unbewussten und nach
Spiritualität“ handelt, dann erweist sich, wie viel Katholizismus in seiner
Begeisterung steckt. Weil Scorseses Liebe zum Kino religiöser Natur ist,
ist seine „Reise“ zugleich Gottesdienst, cineastisches Glaubensbekenntnis, nebenbei
die Beichte einer Suchtkarriere, aber vor allem die Dokumentation der amerikanischen Filmgeschichte, welche - wie
sagt man so schön? - jeder Filminteressierte unbedingt gesehen haben sollte.
Andreas
Thomas
Dieser Text ist auch erschienen beim: schnitt
Martin
Scorseses Reise durch den amerikanischen Film
A
CENTURY OF CINEMA - A PERSONAL JOURNEY WITH MARTIN SCORSESE THROUGH AMERICAN
MOVIES
Martin
Scorsese: Eine Reise durch den amerikanischen Film
USA/GB
- 1995 - 73/80/74 min. - Verleih: offen - absolut MEDIEN (VIDEO/DVD) - Erstaufführung:
28./29.5.1995
arte/Oktober 1999 Video - Produktionsfirma: British Film Institute TV
Regie:
Martin Scorsese, Michael Henry Wilson
Buch:
Martin Scorsese, Michael Henry Wilson
Kamera:
Jean-Yves Escoffier
Musik:
Elmer Bernstein
Schnitt:
Thelma Schoonmaker
Titelgrafik:
Saul Bass
Eine
Kauf-DVD der Originalfassung (mit deutscher Voice over und deutschen Untertiteln)
ist als erste DVD der 7-teiligen (aus Anlass des 100jährigen Kinojubiläums
entstandenen) Reihe: „Filmgeschichte Weltweit“ beim Label arte
Edition / absolut Medien / Zweitausendeins erschienen.
Weitere
Ausgaben dieser Edition sind:
DVD2
- Asien:
1)
Yang and Yin: Das Spiel der Geschlechter im chinesischen Kino - von Stanley
Kwan
2)
100 Jahre japanisches Kino - von Nagisa Oshima
3)
Korea – Kino im Aufbruch - von Jang Sun-Woo
DVD3
- Westeuropa:
1)
Typisch Britisch - von Stephen Frears
2)
Irland: Sind wir allein? - von Donald Tylor Black
3)
2x50
ans de cinéma français
- von Jean-Luc Godard und Anne-Marie Miéville
DVD4
- Mittel- und Osteuropa:
1)
Die Nacht der Regisseure - von Edgar Reitz
2)
Polen – 100 Years of Polish Cinema - von Pawel Lozinski
DVD5
- Russland, Indien, Lateinamerika:
1)
Russland – The Russian Idea - von Sergej Selyanov
2)
Indien – and the show must go on - von Mrinal Sen
3)
Lateinamerika – Kino der Tränen - von Nelson Pereira dos Santos
DVD6
- Skandinavien, Australien, Neuseeland:
1)
Skandinavien – Kino der Neugier - von Stig Björkman
2)
Australien - 40.000 Years of Dreaming - von George Miller
3)
Neuseeland - Kino der Unruhe - von Sam Neill
DVD7
- Italien:
1)
Meine
italienische Reise
- von Martin Scorsese
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