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Masculin
– féminin oder:
Die
Kinder von Marx und Coca Cola
Schreiben
und singen
Vermutlich
werden in keinem anderen Film nicht nur Godards so viele Fragen gestellt wie
in diesem, dabei ist „Masculin – féminin“ gar kein Polizeifilm (Wo waren
Sie gestern Abend um 22 Uhr). Wie um sich dafür zu entschuldigen, baut
Godard ganz zum Schluss noch eine Szene auf der Polizeistube ein, wo dann allerdings
nur noch ganz lapidar der rein zufällige Tod des Helden Paul (Jean-Pierre
Léaud) festzustellen ist.
Paul
ist ein junger Journalist – er kommt gerade aus der Armee – und geht mit seinem
kompakten Frageblock von Person zu Person, quer durch die Pariser Gesellschaft.
Irgendwann kommt ihm ein furchtbarer Verdacht. Wie ehrlich waren die Leute,
denen ich diese Fragen stellte. Waren sie manipuliert, habe ich sie durch mein
Fragen manipuliert? Dann gibt es noch Madelaine, eine erfolgreiche Schlagersängerin,
die zwar noch am Anfang steht, aber schon mehrere Schallplattenaufnahmen hinter
sich hat und in die sich Paul verliebt. Sie mag ihn, aber viel mehr auch nicht.
Grund genug, den finalen Fenstersturz, den man nicht gezeigt bekommt, als Selbstmord
zu interpretieren?
„Masculin
– féminin“ ist natürlich weder ein Polizeifilm noch ein psychologischer
Liebesfilm. Wenn das Personal mal – und dann gleich zu dritt – nach diesen Marathon-Fragesitzungen
ins Bett geht, wird schnell das Licht gelöscht und alle sind sehr brav.
Übrigens ist es ziemlich egal, ob die Jungs (Paul und sein politisch, natürlich
links, ambitionierter, nicht so richtig gut aussehender Freund Robert) und die
Mädels (Madelaine, die immer so gefährlich schauende Elisabeth und
die ein bisschen harmlose Cathrine oder auch dieses fantastische Geschöpf,
die Miss „19“, die in einer dieser den Film unterbrechenden Tafeln als „Konsumprodukt“
angekündigt wird) sich privat oder beruflich begegnen, die verschiedenen,
ineinander gespiegelten Frage-Sessions werden eine wie die andere nach demselben
Prinzip heruntergespielt. Meistens fragen die Jungens. Das scheint kein Unterscheidungsprinzip
zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu sein.
Und
das Lächeln der Mädels? Gibt es einen Unterschied zwischen dem wirklich
unglaublich charmanten Lächeln und Lachen der Sängerin und der relativen
Starrheit bei Miss 19? Aber nein. Das ist ja nur noch toller. Mona Lisa, hier
steckt sie wieder. Man wird aus ihr nicht schlau, weil sie nämlich überhaupt
nicht dumm ist. Und sie ist auch deshalb nicht dumm, weil sie oft nicht antworten
möchte, weil sie nicht weiß, was das soll. Wobei das junge Model
also viel schneller bei der Sache ist als der anfangs noch so gläubige
Paul. Sie die Sache also im Grunde sofort verabschiedet. Das alles nicht ernst
nimmt.
1965,
den Eindruck bekommt man, ist näher dran an der Nachkriegszeit als an 1968.
Die Fronten, welche auch immer, die zwischen Männern und Frauen und die
zwischen links und rechts (konservativ), sind noch nicht verhärtet. Es
gibt zwar schon politischen Aktionen (Vietnam), aber die sind doch noch sehr
überschaubar und haben mehr was von Schülerstreichen. Sehr schön
immer noch die fünfzehnmaligen Unterbrechungen der „Handlung“ durch Brecht’sche
Tafeln, begleitet von Pistolenschüssen, die dann vielleicht doch schon
etwas ankündigen, wovon allerdings kein Polizeifilm später berichten
wird.
Je
mehr man ihn sieht, desto mehr gewinnt man den Eindruck, dass Jean-Pierre Léaud
bereits als intrauterines Geschöpf seine Vorgeburt zu ausgiebigem Schauspielen
benutzte. Und weil er zu seinem eigenen Meister heranreifte, begann er, das
Schwerste zu lernen, die Leere, die souveräne Darstellung der eigenen Nichtigkeit.
Ich traue diesem Schauspieler nicht über den Weg, seine Überperfektion
langweilt mich. Wenn man dagegen, gerade in diesem Film, seine Partner sieht,
diese wunderbare, noch wahrnehmbare Amateurhaftigkeit, die sich da zeigt, das
absolut sympathische und einnehmende Lächeln von Madelaine, die er gleich
heiraten will, oder sein politisch aktiver und sexuell inkorrekter Freund Robert,
dieses fleischige Gesicht, das das Fleisch trotz der revolutionär sich
gebenden Fassade in keinem Moment vergisst. Oder seine Interviewpartner, etwa
die Miss-19-Jahre, das so genannte Konsumprodukt, das in diesem Film keinen
Namen trägt, weil es heute noch genauso antworten könnte und würde
wie in diesem Winter 1965 in Paris. Das Mädchen, das in keiner Sekunde
des Frage-Antwort-Spiels vorgeführt oder sarkastisch dargestellt wird –
oder glaubte Godard, dass alleine das, was sie sagt, sie entlarven würde?
Dass ihr zum Beispiel kein Land einfällt, wo gerade Krieg herrscht. Oder
die Art, wie sie auf alle Fragen mit dem gleichen Lächeln auf den Lippen
antwortet? Verfremdung hoch zwei oder hoch minus zwei, die Brechtkarte wird
auch in diesem Film ausgespielt. 15 Bilder. Das erste, und auch spätere,
anmoderiert von Pistolenschüssen, die später tatsächlich abgegeben
werden, aber hier werden keine singulären Mörder gesucht, keine Frauen,
die ihre Gatten erschießen, weil sie das Kind mitnehmen wollen, das mag
keine Mutter. Später geht selbige Mutter, die noch gar nicht im Knast war,
anschaffen, trifft auf einen Deutschen, dem sie sagt, dass auch sie keine Französin
sei, und dass ihre Eltern von den Deutschen umgebracht worden wären, der
Deutsche kapiert immer noch nicht, dann bekommt er ein paar Namen genannt, ah,
ja, das kennt der Deutsche, und das findet er gar nicht toll, damit ständig
konfrontiert zu werden, er sei schließlich nicht sein Vater. Der Streit
ist da, eher fraglich, ob er da noch mit ihr geht. Auch Paul, also Jean-Pierre,
wird hin und wieder von Madelaine und ihren Freundinnen sitzen gelassen, dann
sitzt der Hundeblick an der Bar, könnte dann ewig so weitergehen, aber
dann macht ihn eine fremde Frau an, ob er Bilder von ihr machen wolle, klar,
an der Ecke steht auch gleich ein Automat für Passfotos, dort will sie
aber natürlich doch anderes, sie will sein Geld, sie würde ihm dafür
ihre Brüste zeigen. Das ist ja wirklich zu blöd. Gleich darauf stört
Paul einen Typen beim Billardspielen. Der zückt gleich sein Messer, bedroht
ihn ritualesk, und weiter geht es. Ein Film wie Schlücke aus der Colaflasche,
und in den Momenten, wo man aufstößt, blättert man weiter im
Polit-Comic. Roberts haarsträubender Abstract über die genau vorhersehbaren
revolutionären Situationen. Und das Schlimme (aber Unvermeidliche), dass
das alles dann auch so ausprobiert wurde, dass diese ganze symbolische Kacke
in den Großstädten in den unterschiedlichsten Aggregatzuständen
zirkulierte. Darin Godard.
Dieter
Wenk
Dieser
Text ist zuerst erschienen in:
Masculin - féminin oder: Die Kinder von Marx
und Coca Cola
MASCULIN - FÉMININ
Frankreich / Schweden - 1965 - 104 min. - FSK: ab 18; feiertagsfrei - Prädikat: wertvoll - Verleih: Die
Lupe - Erstaufführung: 9.6.1967/28.12.1967 BR III - Fd-Nummer: 15869 -
Produktionsfirma: Anouchka/Argos/AB Sandrew/AB Svensk
Regie: Jean-Luc Godard
Buch: Jean-Luc Godard
Kamera: Willy Kurant
Musik: Jean-Jacques Debout
Schnitt: Agnès Guillemot
Darsteller:
Jean-Pierre Léaud (Paul)
Chantal Goya (Madeleine)
Marlène Jobert (Elisabeth)
Michel Debord (Robert)
Catherine-Isabelle Duport (Catherine-Isabelle)
Eva Britt Strandberg (Sie)
Birger Malmsten (Er)
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