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Master
and Commander - Bis ans Ende der Welt
Keine
Buddel voll Rum
Das
Spiel ist altbekannt: Ist ein Genre (oder ein Motiv) erst mal gut abgehangen
und lange Zeit nicht mehr beackert worden, zerrt es irgendwer wieder aus den
Kellern der Filmgeschichte empor. Legitimität verleiht man dem meist unter
Argumentierung einer Authentizität, die sich nunmehr entweder auf historisch-narrativer
oder auf ästhetischer Ebene einstelle. So nimmt es nicht viel Wunder, dass
Peter Weir sich in seiner Belebung des klassischen Seefahrerfilms - nach Pirates
of the Carribean
bereits die zweite dieses Jahr, wenn auch zu diesem sich geradezu antithetisch
verhaltend - auf Patrick O'Brians Romanreihe Master
and Commander
stützt, die sich weit weniger auf die epischen Qualitäten des Segelns
unter britischer Flagge konzentriert, sondern um eine Vermittlung des beinharten
Alltags auf hoher See bemüht ist.
In
dieser mehrere Bücher verschmelzenden Adaption geht es Weir nun vor allem
um die ökonomischen Bedingungen, unter denen die kriegerische Seefahrt
wohl stattgefunden hat, wie schon die ersten Inserts verdeutlichen: Im frühen
19. Jahrhundert ist der Ozean ein Schlachtfeld, die Surprise ist ein Schiff
mit 28 Kanonen und 197 Seelen, dann der schlichte Auftrag der britischen Krone:
Erlegt die französische Acheron. Harte Fakten, stichpunktartige Hintergrundinformationen,
keine langwierige biografische, historische oder schlicht narrative Exposition,
die einer Epik dienlich wäre. Dafür aber Detailaufnahmen im dichten
Nebel, schmieriger Schmutz und Hunderte von dicken Tauen, die das Bild vom Deck
zerschneiden und den Überblick erschweren. Kapitän Aubrey (Russell
Crowe) liegt auf der Lauer - hat man da was gesehen, da draußen im Nebel?
Als es dort zu blitzen beginnt, ist es eigentlich schon zu spät: Mit jedem
Einschlag der Kanonenkugeln zerbirst massives Holz in Myriaden kleinster Spreißel,
eine atemberaubende Soundkulisse verstärkt den Eindruck totaler Zerstörung.
Chaos bricht aus, der Bauch des Schiffs: bestenfalls ein Sarg. Die subjektive
Kameraführung erhöht die Authentizität drastisch: Jeder Blitz
am Bug des gegnerischen Schiffs zieht unweigerlich die innere Anspannung des
Zuschauers nach sich - das Gefühl der physischen Bedrohung, auch diesseits
der Leinwand, ist perfekt.
Nach
diesem Schock nimmt sich der Film viel Zeit. Zwar ist man schwer beschädigt
aus dem Gefecht hervorgegangen, aber eben nicht besiegt. Und Aubrey ist - eine
kurze Zeitlupe in der Schlacht zuvor lässt dies bereits erahnen - eine
Kämpfernatur. Mag die Acheron - im übrigen ein bis zum Ende anonym
bleibender MacGuffin - auch größer und schneller sein, mag sie mehr
und weitreichendere Kanonen besitzen, irgendein Weg findet sich immer. Und Aubrey
weiß die Mannschaft hinter sich. Nicht etwa, was sich schnell erschließt,
aus Nibelungentreue oder ähnlich romantischen Gründen, alleine schon
die Situation gebietet das: Man sitzt buchstäblich im selben Boot, das
nur die Hölle auf Erden ist. Man macht Tabula rasa, die unerbitterliche
Ökonomie auf hoher See nimmt ihren Lauf: Arme werden amputiert, Operationen
durchgeführt, eine neue Gallionsfigur geschnitzt, Segel repariert, allzu
unnütz Gewordenes über Bord geworfen oder, wie später, bei Wind
und Wetter über Bord gegangene Matrosen nicht gerettet: Dies hielte zulange
auf, wo Zeit ein unschätzbarer Vorteil, auch für das Überleben
der restlichen Mannschaft, ist. Dem schließt sich eine Litanei der Gezeiten
und des Klimas an: Es geht durch orkanartige Stürme, eisigen Schnee, lähmende
Hitze. Die Physis, auf die Master
and Commander
hin inszeniert ist und die sich in einer Lust an der Textur und dem schmutzverdreckten
Detail manifestiert, kommt hier voll zum Tragen. Das teils sehr behäbige
Erzähltempo indes lässt ein Gefühl für die Zeit und den
Leerlauf auf hoher See entstehen, wo die Verfolgung eines Schiffs mitunter Tage,
wenn nicht Wochen beansprucht. Wer dem einen Actionfilm suggerierenden Trailer
auf den Leim geht, könnte hier zugegeben eine mittelschwere Enttäuschung
erleben. Doch das wäre schade, ist doch das betont langsame Element der
Erzählung ihre eigentliche Stärke.
An
Bord entwickelt sich nämlich ein Konflikt zwischen dem Kapitän und
dem Schiffsarzt Maturin (Paul Bettany), der einzige an Bord, zu dem ein offen
freundschaftliches Verhältnis zu bestehen scheint. Und dieser Konflikt
ist nicht ohne Reiz: Wo Aubrey treu dem Befehl der Krone Folge leisten will,
drängt es Maturin ganz in der Tradition Darwins nach Forschungsarbeiten
an der exotischen Fauna dieser Breiten. Man hätte diesem Konflikt wohl
mit Leichtigkeit bestimmenden Charakter für die Erzählung verleihen
können, hat sich aber, zum Glück, anders entschieden: Vielmehr entwachsen
diesem Konflikt letztendlich nur die entscheidenden Denkanstöße für
die eigentliche Mission, die erst durch die Überwindung der Unabrückbarkeit
des jeweiligen Standpunkts überhaupt angegangen werden kann. Obwohl dieser
königliche Auftrag stellenweise komplett in den Hintergrund tritt, verbindet
das brillante Drehbuch am Ende doch alle Episoden, Details und Charakterentwicklungen
zu einem schlüssigen und mitreißend inszenierten Finale.
Weir
ist ein echter Glücksgriff gelungen: Ohne sich in Retrogefilde zu verirren,
verbindet er alte Traditionen des großen Erzählkinos mit modernster
Ausstattungskunst und Inszenierungstechnik und beweist dergestalt, dass Krisen
wie die derzeitige des Mainstreamkinos ohne weiteres auch als Chance begriffen
werden dürfen. Ein Sequel wird nicht nur durch den finalen Kniff in der
Spielhandlung bereits angedeutet, auch der Titel selbst stellt schon ein solche
zumindest als Option in den Raum. Selten wohl hat man sich während eines
Abspanns stärker gewünscht, bereits in einem entsprechenden Double
Feature zu sitzen.
Thomas
Groh
Diese
Kritik ist zuerst erschienen auf der Website der Zeitschrift "F.LM - Texte
zum Film": http://www.f-lm.de
und
in T. Grohs privatem Filmjournal:
http://filmtagebuch.blogger.de
Master
and Commander - Bis ans Ende der Welt
(Master
and Commander: The Far Side of the World, USA 2003)
Regie:
Peter Weir
Drehbuch:
Peter Weir, John Collee
Kamera:
Russell Boyd
Schnitt:
Lee Smith
Darsteller:
Russell Crowe, Paul Bettany, James D?Arcy,
Edward
Woodall, Chris Larkin, Max Pirkis, u.a.
Verleih:
20th Century Fox
Laufzeit:
138 Minuten
Internet
Moviedatabase:
http://imdb.com/title/tt0311113/
Offizielle
Website
http://www.foxfilm.de/masterandcommander/home.html
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