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Media
Magica
Nach
der Ausstrahlung in arte im Sommer 98 stehen die fünf Kassetten Media Magica
jetzt dem Videohandel zur Verfügung. Medienkünstler Werner Nekes führt
durch seine einzigartige Sammlung von Texten und Geräten, die über
die Geschichte des bewegten Bildes Auskunft geben. Wir folgen dabei dem Blick
des Sammlers, der hier ein optisches Exzerpt aus dem ersten Buch zur Augenchirurgie
in Deutschland präsentiert (Georg Bartisch, Dresden 1583) und dort einen
Satz erotischer Spielkarten aus viktorianischer Zeit vor die Kamera hält.
Im Off weist Nekes den Exponaten Verdienst und Platz für die Entwicklung
des modernen Bildermediums zu. Der Sprachduktus ist ein wenig staatstragend
gehalten. Das fordert zur Frage heraus, wie das Eigenleben dessen, was jetzt
Sammlerstück geworden ist, ausgesehen haben mag und wie die zeitgenössische
Rezeption. Gab es eventuell doch etwas zu lachen oder zu fürchten oder
sonstwie sinnlich zu erleben, wenn man den Wendekopf, das Memento Mori aus dem
Italien von 1700, drehte?
Ausnahmsweise
folgt Nekes einmal dem eigenen Gang der Bild-Beweger, hier: dem Schattentheater,
anstatt es zu vereinnahmen. Ganz unabhängig vom digitalen Fernsehen ist
dieses Bild-Licht-Theater heute in Indien, Thailand, China, Bali, Ägypten,
der Türkei und in Griechenland lebendig. "Durchsehekunst" heißt
das in der ersten Kassette der Serie Media Magica.
"Mitgenommen
auf eine faszinierende Entdeckungsreise in das Zauberreich der Bilder"
(Nekes) findet sich der Bildungstourist im 4. Jh. v. Christus wieder, um sich
über das Prinzip der Camera obscura belehren zu lassen.
In
der Folge "Belebte Bilder" setzt Nekes eine Laterna Magica in Betrieb,
zieht, hebelt, dreht und schiebt animierbare papierne Ansichtskarten, Kalender
und Bilderbücher. Diese demonstrierende Tätigkeit ist die Stärke
der Media-Magica-Folgen. Die Experimente sind perfekt, exzellent und brillant
fotografiert (Kamera: Bernd Upnmoor, Serge Roman). Die liebevolle Durchleuchtung
der Guckkastenbilder erstaunt und begeistert.
Unter
dem Titel "Vieltausendschau" instruiert Nekes über das Montagespiel
des Myriorama und damit, so lernen wir, über die Basistechniken von Computer
und Film. Bilder, die im 16. Jahrhundert geklappt und verwandelt werden, geben
neue, geheime Informationen preis.
Nach
Perspektive, Animation und Montage unterrichtet die 4. Folge über "Bild-Raum"
und Stereo-Bilder, somit also über die Archäologie der Holographie.
Im 5. Teil schließlich ("Wundertrommel"), der als einziger von
arte nicht gesendet worden ist, wendet sich Nekes dem Nachbild und dem stroboskopischen
Effekt zu. Nach einer kleinen Durststrecke durchs didaktische Ödland zwirbelt
Nekes gewaltig die auf beiden Seiten bebilderte Scheibe (Thaumatrop) und verschmilzt
das, was jetzt als halbe Wahrheiten kenntlich wurde, zu einem einzigen, dem
richtigen und bisher verborgenen Bild. Und das alles nur für das Auge des
Zuschauers. Der sich jetzt ein, und zwar sein Bild macht. Die Experimente des
Prä-Kinematographen haben etwas Nicht-Staatstragendes, etwas Aufsässiges
und Demokratisches an sich. Nekes schweigt im Off dazu. Und doch sollte man
sich überlegen, an dieser Stelle aus der Museumssammlung herauszugehen
und den Weg zur späteren Kino-Rezeption einzuschlagen. Nekes medienmagische
Serie lädt zur Weiterarbeit ein. Heide Schlüpmann etwa, die soeben
"Eine Ästhetik des Kinos" vorgelegt hat und eh von Kant und Nietzsche
ausgeht, könnte ohne zu zögern das latent subversive Vor-Kino-Erlebnis
mit zeitgenössischen Zuschauer-Betätigungen beginnen: mit dem Drehen
von Abblättergeräten, mit dem Daumenkino, dessen Rhythmus und dessen
Erkenntnisprozeß der Zuschauer selbst bestimmt. Die Magie des Kinos (wieder)
in die Hände der Zuschauer zu legen, das wäre nicht der schlechteste
Impuls, die Media-Magica-Kassetten in den Recorder zu schieben.
Dietrich
Kuhlbrodt
Dieser
Text ist zuerst erschienen in epd Film
Media
Magica
BRD
1995-97. R,B,P: Werner Nekes. K: Bernd Upnmoor, Serge Roman, Ertan Erdogan,
Joe Wentrup. T:
Gerd Nicklaus, Dirk Brauner. Sch: Astrid Nicklaus. M: Dietrich Hahne, Helge
Schneider. Animation: Katrin Köster, Norbert Schliewe, Lutz Garmsen, Michel
Köfkorn. Vertrieb: Werner Nekes Filmproduktion, Kassenberg 34, 45479 Mülheim/Ruhr.
L: jeweils 55 Min. 5 Folgen: "Durchsehekunst", "Belebte Bilder",
"Vieltausendschau", "Bild - Raum", "Wundertrommel".
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