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Menschen
am Sonntag
Ein Spielfilm, der wie ein Dokumentarfilm aussieht
und die Kinematographie in den letzten Jahren der Weimarer Republik sehr unerwartet
um eine realistische Komponente bereicherte - mit einer Einfühlsamkeit,
einer Menschlichkeit und einer Neugier für die alltäglichen Dinge,
die bis zu diesem Zeitpunkt im deutschen Film unbekannt gewesen waren. Einer
der letzten Stummfilme wurde zum Glücksfall, an dem vier junge, bis dahin
namenlose Cinéasten beteiligt waren - Jahre später werden sie in
Hollywood internationales Ansehen erlangen: der Schauspieler, Cutter und Regieassistent
Robert Siodmak, der hier erstmals eine Filmregie übernahm, der Wiener Bühnenbildner
Edgar G.Ulmer, der österreichische Journalist und Drehbuchautor Billie
(später Billy) Wilder sowie, als Assistent, Fred Zinnemann. Ihre Idee,
am Kneipentisch ausgeheckt, war einfach: Man wollte mit vier jungen Laiendarstellern
an realen Schauplätzen einen Berliner Sommer-Sonntag im Grünen drehen.
Im Geflirr von Wasser, Wald und Sonnenlicht: kleine Geschichten über Liebeslust
und Liebesleid; darüber, wie man sich versteht und mißversteht, sich
streitet und wieder zusammenkommt; Geschichten vom Glück der arbeitsfreien
Zeit - und vom Abschied, wenn der Sonntag zu Ende geht und nur die Vorfreude
auf das nächste Wochenende bleibt.
„Kleine Fluchten“ und kleine Lebenswirklichkeiten
- eingebettet in die große Wirklichkeit einer Stadt mit vier Millionen
Menschen, von denen sonntags hunderttausende ins Grüne strömen und
kaum anders denken und leben als die Protagonisten dieses Films. Man spielt
Skat, trinkt Bier und ärgert sich über einen tropfenden Wasserhahn.
Wer Ärger vermeiden will, entschließt sich, im Bett zu bleiben und
den ganzen Sonntag zu verschlafen - auf die Gefahr freilich, daß er auch
eine unerwartete Begegnung, das Glück des Augenblicks oder gar die Liebe
verschläft. Anders herum: wer sich auf einen Menschen einläßt,
übersieht schnell, daß er einen anderen verletzt; die Gefühle
der Menschen sind flüchtig und ihre Beziehungen von fragwürdiger Haltbarkeit.
Im neugierigen Spiel der Blicke flattern Erwartungen und Sehnsüchte: fünf
Menschen „testen“ sich selbst und das Glück - und wissen doch, daß
schon morgen, am Montag, die graue Stadt und das graue Leben sie wieder verschlingen
werden.
„Ein Film von Amateuren für Amateure“, sagten
die Autoren selbst - aber alle vier verstanden genug vom Film, um ein kleines
visuelles Meisterwerk zu schaffen, voller Stimmung und Atmosphäre, dem
Licht der Stunde hingegeben und angesiedelt zwischen kalkulierter Kamera-Regie
und ingeniöser Spontaneität. Eines der „von uns meistgeliebten Hauptwerke
des Kinos“, meinten sogar Raymond Borde, Freddy Buache und Francis Courtade
in ihrem Buch „Le cinéma réaliste allemand“. Über die Umstände
der Produktion gibt es unterschiedliche Darstellungen - die Dreharbeiten verliefen
nicht ohne Reibungen, das Team bröckelte im Lauf der Zeit ab. Der erfahrene
Kameramann Eugen Schüfftan - einige Jahre zuvor Trick-Spezialist und Erfinder
des Spiegelverfahrens in Fritz Langs „Metropolis“ - sorgte für stilistische
Kontinuität; ihm ist die sensible Bildführung, der lyrisch-dokumentarische
„touch“ des Films zu danken. Die Kameraposition wechselt, jeweils mit viel Gespür
für die jeweilige Situation, zwischen scheuer Distanz, vertrauter Nähe,
Neugier für das Detail und verspielter Liebe zum mimischen oder gestischen
Zufallsereignis. Schüfftans Kamera schmeichelt den jungen Gesichtern, spielt
mit dem Sonnenlicht - und zieht sich dezent zurück, wenn die Liebe ihr
Recht verlangt - und die Liebenden allein sein wollen.
Ende der zwanziger Jahre waren die Freuden der Freizeit,
die Sonntagsvergnügungen der Arbeiter und Angestellten auch international
ein populäres Kino-Sujet. Sie gehörten zu den peripheren, aber beziehungsreichen
Realitäten des Industriealltags - unter Bedingungen wirtschaftlicher Depression
und im Zeichen einer immer stärkeren politischen Formierung der Massen
artikulierten sie den Anspruch des Individuums auf persönliche Freiräume
und jenes oft belächelte „stille Glück“. Schon 1928 hatte Jean Gourguet
„Un rayon de soleil sur Paris“ gedreht, ein Jahr später Marcel Carné
seinen Film „Nogent, eldorado du dimanche“. Alle diese Filme - „Menschen am
Sonntag“ eingeschlossen - sind ein sehr früher Vorgriff auf veristische
und neo-realistische Entwicklungen, die erst in den vierziger Jahren in mehreren
europäischen Ländern, vor allem in Italien, zur Geltung kommen werden.
Gemeinsam ist ihnen eine realistische Konzeption, die von der Kulissenwelt der
Filmstudios Abschied genommen hat und sich der Außenwelt mit ihren Unwägbarkeiten
zuwendet, die auf professionelle Darsteller, Komparsen, Schminke, Drehbuch -
und weitgehend auch auf die ausgefeilte Dramaturgie einer vorgegebenen Spielhandlung
- verzichtet und lieber die komplexe Wirklichkeit dokumentarisch einfängt,
sie indirekt „mitspielen“ läßt.
„Menschen am Sonntag“ ist ein Film mit einer einfachen
Handlung, die sich aus alltäglichen Situationen und Konstellationen entwickelt
und vom Leben „kleiner Leute“ erzählt. Aber das beobachtende Kamera-Auge
ist hochprofessionell, die Autoren sind filmbewußt und reflektieren mit
vielen Anspielungen über ihr Metier und über die Industrie, für
die sie arbeiten. Der Taxifahrer Erwin und seine Freundin Annie, der Weinvertreter
Wolf, das Mannequin Christel und die Grammophon-Verkäuferin Brigitte sind
ganz normale Großstadtmenschen - keine Vorlagen für Kinostars, aber
dafür selbst Kinoliebhaber, Kinder der Medienindustrie um 1930. Wenn sich
Erwin und Annie darüber streiten, ob sie in einen Willy Fritsch- oder einen
Garbo-Film gehen sollen, wenn Erwin schließlich ein Foto von Fritsch mit
Seifenschaum, Annie ein Foto von Erwins Lieblingsstar Lilian Harvey mit ihrer
Brennschere zerstört - dann ironisiert der Film auf sehr witzige Weise
den Starrummel der Zeit und das Kino selbst, das für viele Menschen in
den Jahren der großen Wirtschaftskrise zur Droge geworden ist. „Menschen
am Sonntag“ ist nicht zuletzt „ein Film gegen die Industrie, die Fritsch- und
Harvey-Filme macht“, hat ein deutscher Kritiker mit Recht geschrieben. Doch
auch das Grammophon, das Brigitte mit ins Grüne schleppt, und die Kamera
eines Strandfotografen, der Sonntags-Ausflügler fotografiert und nun selbst
zum Objekt einer Filmkamera wird - all dies gehört zum Inventar einer urbanen,
bereits „medial“ funktionierenden Alltagskultur mit ihren Konsumappellen, die
der Film, selbstreflexiv und mit leisem Spott, in seine Handlung einbezieht.
Die Filmkamera nimmt den Platz des Strandfotografen ein, und plötzlich
friert das Treiben der Badegäste zum stehenden Bild ein: „Es bleibt der
Eindruck einer seltsamen, bedrohlichen Starre, in die diese Menschen eingezwängt
sind, deren Lächeln sich sichtbar verkrampft“, schrieb der Filmkritiker
Rudolf Freund.
So ist dieser Film, der so oft als Musterbeispiel
der „neuen Sachlichkeit“ genannt wird, von leiser Bitterkeit und verhaltener
Trauer keineswegs frei. Die jungen Menschen, die er uns zeigt, sind zweifellos
für den Genuß des Augenblicks begabt - ob sie ein glückliches
Leben führen werden, steht dahin. Die freie Natur, in der sie sich bewegen,
ist immer auch Vorstadt: die urbane Peripherie, in die sich der Menschenstrom
aus dem Zentrum ergießt. In der Woche in die Fabriken und Büros -
am Sonntag in den Grunewald und an den Wannsee: dieser stereotype Rhythmus ist
den Gesichtern der Menschen eingeschrieben. Berlin ist überall - mehrfach
springt die Montage aus dem naturfrohen Sonntagnachmittag zurück in die
Monotonie und Anonymität der Millionenstadt. Daß sich in dieser Stadt
bereits eine große politische und gesellschaftliche Krise, letztlich der
Untergang einer ganzen Epoche zusammenbraut, ist aus den Bildern dieses kleinen
„unpolitischen“ Films nicht herauszulesen. Doch dem Zuschauer von heute drängt
sich unwillkürlich dieser Gedanke auf.
Treffend ist das Fazit, das der Filmhistoriker Karl
Prümm gezogen hat: „ ‘Menschen am Sonntag’ wirkt wie ein Gegenfilm zu Walter
Ruttmanns ‘Berlin
- Die Sinfonie der Großstadt’
von 1927. Dort wurde die Stadt als Megamaschine definiert, alles Sichtbare einer
mechanischen Bewegung unterworfen. Dagegen widmet sich dieser Film den ‘Menschen’,
interessiert sich für die lebendigen Details, zeigt die andere Seite der
hektischen Stadt, die Ruhe eines sommerlichen Sonntages. ‘Menschen’ werden aus
dem alltäglichen Getriebe herausgenommen, agieren in ihrer Freizeit im
Raum der Natur vor der Stadt. Erkennbar ist, wie eins sich die Produzenten dieses
Films mit ihren Protagonisten fühlen. (...) ‘Menschen am Sonntag’ entfaltet
noch einmal den ganzen Reichtum des Stummfilms, während der Tonfilm gerade
seine ersten Triumphe feiert. Das Sprechen mit den Dingen und die Evidenz der
sichtbaren Rede bedürfen kaum noch der Zwischentitel.“
Klaus Kreimeier
Dieser Text ist
in der deutschen Fassung zuerst in der filmzentrale erschienen - ursprünglich
in französischer Übersetzung veröffentlicht vom Goethe-Institut
Lille, 1996
Menschen
am Sonntag
Deutschland
- 1928/29 - 74 (Video 58) min. – schwarzweiß - Verleih: Die Lupe (Erstverleih:
Stein-Film), Universum (Video) - Erstaufführung: 4.2.1930/23.9.1961 ARD/3.11.1988
DFF 2/1998 Neustart - Produktionsfirma: Filmstudio Berlin
Regie:
Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer
Buch:
Billy Wilder
Vorlage:
nach einer Reportage von Kurt Siodmak
Kamera:
Eugen Schüfftan
Darsteller:
Brigitte
Borchert (Brigitte, Verkäuferin)
Christl
Ehlers (Christl, Mannequin)
Erwin
Splettstößer (Erwin, Taxifahrer)
Wolfgang
von Waltershausen (Wolfgang, Weinvertreter)
Annie
Schreyer (Annie, Daheimgebliebene)
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