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Die merkwürdige Lebensgeschichte des Friedrich Freiherrn
von der Trenck
Hin und her gerissen
...
"Oh
König von Preussen, du großer Potentat,
wie
sind wir deiner Dienste so überdrüssig satt!
was
fangen wir nun an in diesem Jammertal,
allwo
ist nichts zu finden als Not und lauter Qual?
Und
kommt das Frühjahr an, da ist die große Hitz'.
da
heißt es Exerzieren, das ein'm der Buckel schwitzt.
da
heißt es Exerzieren von Morgen bis Mittag,
und
das verfluchte Leben das währt den ganzen Tag."
Übergänge sind oft aufschlussreicher
und vielsagender als Permanenz. Das gilt im besonderen für gesellschaftliche
Umbrüche, während derer das "Alte" in Agonie liegt und das
"Neue" im Entstehen in einem Maße von sich selbst überzeugt
ist, dass man es als zeitgenössischer Beobachter oder Teilnehmer nicht
in Frage zu stellen wagt. So genannte Revolutionen der Neuzeit sind in dieser
Hinsicht besonders aufschlussreich. Wer in solchen Zeiten mit der Masse geht,
kann beruhigt sein. Wer dem "Alten" - und sei es auch nur einem Teil
davon - nachtrauert, schwebt in Lebensgefahr. Wer aber als Individualist - gleich
welcher Art - durch solche Zeiten wandelt, der kann nicht glücklich werden.
Denn das "Alte" gilt in seiner Gänze als obsolet und moralisch
degradiert, während das Neue dem Schlachtruf folgt ... na etwa: "Tugend
durch Terror!" wie die Jakobiner während ihrer kurzen, aber vielen
Menschen todbringenden Herrschaft über ganz Frankreich, ja Europa hinaus
posaunten. Das "Neue" gilt in diesem Sinne als unangreifbar, integer,
in jeder Hinsicht ethisch vollkommen.
Für Individualisten vom Schlage
eines Friedrich von der Trenck (1726-1794), preußischen Adels, der ab
1786 seine Autobiografie in mehreren Bänden zu schreiben begonnen hatte,
war in den Wirren des ausgehenden 18. Jahrhunderts kein rechter Platz in der
Welt eines dieser großen Übergänge der Geschichte. Er selbst
formulierte dies kurz vor seinem Tod durch die Guillotine einmal treffend so:
"Beim Element, was könnt'
ich jetzt für ein Kerl sein! Aber die verdammten Geniestreiche! Da will's
groß sein und dreht und macht, da geht's nicht wie bei anderen ehrlichen
Leuten, das soll fliegen! Am Ende aber, was kommt heraus? Ein zerschmetterter
Hirnkasten ... Wenn ich so überdenke, was ich in meinem Leben alles gewesen
bin: Liebling des einzigen Königs, Soldat dreier Monarchen, jetzt von allen
Freunden umdrängt, dann nur der düstere Freund einer philosophischen
Spinne, heute von Fürsten gesucht, morgen mit Geschenken überhäuft,
dass ich nur wieder gehen möchte, jetzt ein glücklicher Landwirt,
dann ein Schriftsteller, und hier wieder Proteus - in jeder Lage ein so kauderwelsches
Quodlibet, dass ich oft selbst nicht weiß, ob ich mich lieben oder verabscheuen,
entschuldigen oder strafen soll."
Das klingt bitter und ist auch
bitter. Von Trencks anfangs viel versprechende Karriere in der preußischen
Armee als Ordonanzoffizier 1744 endete nur ein Jahr später mit seiner Verhaftung
und Inhaftierung in der Festung Glatz. Vieles von dem, was von Trenck später
in seiner Autobiografie schreiben sollte, mag in Einzelheiten umstritten sein
- so z.B. seine von ihm behauptete Affäre mit der Schwester des "Alten
Fritz" Amalie, für die es keine wirklich stichhaltigen Beweise gab.
Diese Beziehung soll nach von Trenck der Anlass für Friedrich II. gewesen
sein, ihn zu inhaftieren: aus Eifersucht, weil der Preußenkönig in
von Trenck einen Freund haben wollte - erzwingen wollte - und die intime Beziehung
zu Amalie für den egoistischen Monarchen Grund genug gewesen sei, sich
an von Trenck zu rächen, aus dem er einen furchtlosen, disziplinierten
Offizier machen wollte.
Andere sprechen davon, dass wohl
eher die Beziehung von Trencks zu seinem Vetter Franz, der als Pandurenoberst
in österreichischen Diensten bei Kaiserin Maria Theresia stand, zu Friedrich
von Trencks Verhaftung geführt hätte.
Doch diese Ungereimtheiten sind
untergeordneter Natur bezüglich der Frage, welches Leben Friedrich von
der Trenck nach seiner (ersten) Verhaftung einzuschlagen gedachte: das eines
Abenteurers zwischen den Welten - sowohl den alten Welten der absolutistischen
Monarchie wie der neuen der Revolution.
"Vom
Exerzieren weg geht's wieder auf die Wacht,
kein
Teufel tut nicht fragen, ob man gefressen hat.
kein
Branntwein in der Flasche, kein weißes Brot dabei;
ein
schlechtes Tabakrauchen, das ist der Zeitvertreib."
Es gab eine Zeit - die 70er Jahre
-, in der es nicht nur einfach modern war, sich solcher historischer Gestalten
auch medial zu vergewissern wie der des Trenck. Die Gründe liegen wohl
tiefer. Denn in der Lebensgeschichte Trencks ist auch so etwas zu spüren
- trotz aller Ungereimtheiten diesbezüglich in der Person selbst - wie
Freiheitsdrang und ein gewisser Lernprozess in einem sagen wir urdemokratischen
Sinn. Zu dieser medialen Vergewisserung in einem sozusagen "blanken"
demokratischen Sinne gehören zwei ZDF-Produktionen der Jahre 1973 und 1975, beide
geschrieben von Leopold Ahlsen und von Fritz Umgelter als Regisseur in Szene
gesetzt. Das eine ist "Des Christoffel von Grimmelshausen abenteuerlicher
Simplicissimus" (1975), das andere "Die merkwürdige Lebensgeschichte
des Friedrich Freiherrn von der Trenck" (1973). In beiden Mehrteilern spielt
Matthias Habich, vielleicht einer der am meisten unterschätzten Schauspieler
aus hiesigen Landen, die Hauptrollen des Simplex bzw. Trenck.
Der ursprünglich in sechs
Teilen 1973 ausgestrahlte Film wurde für die Wiederaufführung 2007
im ZDF-Theaterkanal zu fünf Folgen geschnitten. Der Sender strahlte den
Film gleich mehrfach erneut aus. (Zu warnen ist an dieser Stelle übrigens
vor einem sog. Remake aus dem Jahr 2003 unter dem Titel "Trenck - Zwei
Herzen gegen die Krone", das in keiner Weise an die Erstverfilmung der
Trenckschen Biografie heranreicht.)
"Dann kommt ein' frisch' Parad'; tut man ,nen falschen
Tritt,
so fängt man an zu rufen: ,der Kerl muss
aus dem Glied!'
Patronentasche runter, den Säbel abgelegt,
und tapfer drauf' geschmissen, bis er sich nicht mehr regt."
Trenck (Matthias Habich) tritt
in den Dienst Friedrich II. (Rolf Becker), der an dem jungen, stürmischen
und ab und an auch in verbotene Duelle verwickelten Mann Gefallen findet. Friedrich
will aus Trenck einen "richtigen Mann" machen - und einen Freund,
soweit ihm dies sein "fürstlicher Egoismus" erlaubt. Trenck aber,
der sich oft nicht beherrschen kann und sich ebenso oft über Regeln hinwegsetzt,
die ihm unsinnig erscheinen, verliebt sich in die Schwester des Königs,
Amalie (Nicoletta Machiavelli). Beide verbringen jedoch nur kurze Zeit miteinander
- denn der König duldet diese Beziehung nicht, weniger aus Standesdünkel,
denn aus Eifersucht. Unter dem Vorwand, Trenck pflege verräterische Beziehungen
zu seinem Vetter, Franz (Glauco Onorato), der in den Diensten der österreichischen
Kaiserin Maria Theresia (Elfriede Ramhapp) steht - einer "Erbfeindin"
des Preußenkönigs -, wird Trenck ohne Anklage in der Festung Glatz
eingesperrt. Friedrich II. verbietet Amalie jeglichen Kontakt zu Trenck; er
zwingt sie, als Äbtissin in ein Kloster zu gehen.
Nach einem misslungenen Fluchtversuch
gelingt Trenck nach elf Monaten Haft dennoch die Flucht, zunächst nach
Böhmen, dann nach Wien, wo er seinen Vetter Franz trifft - einen gefürchteten
Pandur, der sich durch Mord, Brandschatzung und andere Scheußlichkeiten
einen Namen gemacht hat. Die beiden so unterschiedlichen Männer mögen
sich nicht. Und es ist Franz, dem ein Strafverfahren bevorsteht, der Friedrich
von zwei seiner Leute überfallen lässt. Die Wiener Behörden allerdings
glauben, dass Trenck zwei angesehene Offiziere überfallen hat und wollen
ihn festsetzen. In letzter Minute gelingt Trenck die Flucht nach Russland, wo
man ihn in die militärischen Dienste als Rittmeister nimmt. Doch seine
Beziehungen zur Frau des russischen Kanzlers und einer anderen Frau bringen
ihm mehr Feinde als Freunde ein. Man inszeniert ein Verfahren gegen ihn wegen
Münzfälschung, und nur weil Trenck sich bereit erklärt, das Land
zu verlassen, entkommt er abermals dem Tod.
Zurück in Österreich
hat sein Vetter Franz in der lebenslangen Haft Selbstmord begangen. Sein Vermögen
wird von etlichen Betrügern und Beamten verwaltet - und die wehren sich
mit Händen und Füßen dagegen, dass Friedrich von der Trenck
auch nur einen geringen Teil dieser Erbschaft bekommt - darunter immerhin auch
riesige Ländereien. 63 Vermögensprozesse laufen zudem, weil der Vetter
das meiste Geld geraubt hatte. Als Trenck wegen des Todes seiner Mutter nach
Danzig reist, wird er Opfer eines Komplotts seiner österreichischen Feinde
und den Abgesandten des Preußenkönigs ausgeliefert.
Jahrelang - bis zum Ende des Siebenjährigen
Krieges - muss Trenck in einer dunklen, engen Zelle, an Händen, Hals und
Füßen gekettet, in der Festung Magdeburg verbringen - vor sich eine
Grabplatte mit einem Totenkopf. Friedrich II. selbst hatte diese unmenschlichen
Haftbedingungen angeordnet. Erst kurz vor dem Tod Amalies und auf Bitten der
österreichischen Kaiserin lässt der Preußenkönig Trenck
entlassen und nach Österreich abschieben, wo ihm wiederum kein Glück
beschert ist.
Trenck schreibt seine Memoiren
und geht nach Paris. Doch auch hier findet der Abenteurer keine Ruhe ...
"Ihr
Herren nehmt's nicht wunder, wenn einer desertiert,
wir
werden wie die Hunde mit Schlägen malträtiert.
und
bringen sie uns wieder; sie henken uns nicht auf,
das
Kriegsrecht wird gesprochen: der Kerl muss Gassen lauf!"
Die Fernsehfassung der Memoiren
Trencks hält sich weitgehend an die Vorlage, ohne sich allerdings die Freiheit
nehmen zu lassen, vor allem die zeitgeschichtlichen Aspekte der Umbruchzeit
zwischen 1740 und 1794 zu betonen - einer Umbruchzeit zwischen dem langsamen,
aber unaufhaltsamen Untergang der absolutistischen Monarchien und den ebenso
langsam beginnenden brüchigen Anfängen der Demokratie in Europa. Trenck
wird als Wanderer zwischen diesen Welten gezeigt, als einer, der aber auch aufgrund
seiner charakterlichen Eigenheiten von einer Falle in die andere tappt, von
einer Intrige nach der anderen gepeinigt und vor allem durch die Hassliebe des
Preußenkönigs durch halb Europa gejagt wird.
Matthias Habich spielt einen Abenteurer,
der immer wieder versucht, sich an eigene Regeln zu halten, statt die überkommenen
oder entstehenden neuen Regeln zu befolgen. Trenck wird als Individualist gezeigt,
als einer, der weder käuflich ist, noch sich zum Intriganten machen lässt.
Doch sein Individualismus hat auch eine Kehrseite: seinen Egoismus, geboren
aus seiner Herkunft als preußischer Adliger. Nicht selten übersieht
er, wie die Ränke zwischen den Königshäusern und Kaiserpalästen
in Europa noch immer funktionieren. Nicht selten will er nicht wahr haben, dass
Freunde in Wirklichkeit Feinde sind. Und nicht zuletzt ist er lange Zeit - bis
zu seiner Einkerkerung in Magdeburg - davon überzeugt, dass Friedrich II.
ihm irgendwann doch noch Gerechtigkeit widerfahren lässt. Ein teuflischer
Irrtum.
Auch die Beziehungen zu verschiedenen
Frauen, nicht nur zu Amalie, bringen ihm etliche einflussreiche Feinde ein -
ein Umstand, den Trenck nicht beachtet oder berücksichtigt. So wird er
letztlich zu einem Flüchtling par excellence - einer displaced person jener
Zeit, zu einem Mann, der nicht selten zum Spielball von Machtinteressen und
Intrigen avanciert.
Zugleich spielt Habich diesen
Mann aber eben auch als einen, der trotz seiner stoisch adligen Haltung ein
Gespür für Freiheit und Unabhängigkeit entwickelt - eben jenseits
der eingefahrenen und obsolet gewordenen Regeln der absolutistischen Herrschaft
und Tyrannei, die in dem Fünfteiler plastisch geschildert wird. Zu Schwachen
und Verfolgten ist Trenck gerecht, und wenn auch so manche Überheblichkeit
und Übertreibung und so manches Weglassen an anderer Stelle nachgewiesener
historischer Ereignisse in Trencks Biografie einem Makel gleichkommen, bleibt
Trenck in Memoiren wie Film doch das, was er vor allem war: ein freiheitsliebender
Mann, dessen Freiheitsdrang nicht auf Kosten anderer gehen sollte.
Dass sein Ende auf der Guillotine
fast einer Ironie des Schicksals gleichkommt, ergibt sich fast wie von selbst.
Als Verräter und Anhänger der alten Mächte gebrandmarkt ruft
er den Henkern der Jakobiner in der "Gerichtsverhandlung" gegen ihn
entgegen: "Friedrich war groß und erbärmlich, ihr seid nur erbärmlich."
Und recht hatte er: Denn diese Prozesse waren nicht besser als die der "heiligen
römischen Inquisition". Auch hier macht der Film deutlich, um was
es letztlich geht. Die Jakobinerherrschaft rekapituliert in terroristischer
Manier, was die Revolutionäre doch vorgaben abschaffen zu wollen: die Unterdrückung
des Menschen durch den Menschen. Trenck wird wie Hunderttausende andere ihr
Opfer - drei Tage bevor Robespierre selbst das Schafott besteigen muss und seine
Herrschaft zu Ende geht.
"Und
wann wir Gassen laufen, so spielet man uns auf
mit
Waldhorn und Trompeten, da geht es wacker drauf;
da
werden wir gehauen von einem Musketier.
der
eine hat's Bedauern, der andre gönnt es mir.
Und
werden wir dann alt, wo wenden wir uns hin?
die
G'sundheit ist verloren, die Kräfte sind dahin!
und
endlich wird es heißen: ein Vogel und kein Nest!
geh'
Alter, nimm den Bettelsack, bist auch Soldat gewest!"
"Die merkwürdige Lebensgeschichte
des Friedrich Freiherrn von der Trenck" gehört für mich in die
Reihe jener Fernsehproduktionen, die einen Individualismus zu Recht "feiern",
der durch Freiheitsdrang und Unerschrockenheit und die Anfänge von Zivilcourage
charakterisiert werden kann - trotz aller Einschränkungen und Vorbehalte,
die man gegen die historische Gestalt des Freiherrn von der Trenck haben kann
(und muss). Dabei handelt es sich eben nicht um jenen "modernen" "Individualismus",
der eher einem ausgeprägten Egozentrismus auf Kosten anderer gleichkommt.
Trenck wird in einer Weise als "unerschrocken" gezeigt, die sich eben
nicht nur auf seine eigene Person bezieht. Und der Film zeigt zahlreiche "Gegenbeispiele"
in den Charakteren anderer Figuren - sei es seinen räuberischen Vetter,
seien es Friedrich II. und die anderen gekrönten Häupter Europas,
seien es die Beamten - und seien es nicht zuletzt die mordenden Banden Robespierres,
die mehr Leute töteten als das absolutistische Regime vor der Revolution.
Ulrich Behrens
Das Lied "Oh
König von Preußen" ist eines der defätistischen Lieder
jener Zeit gegen die Unterdrückung und Gängelung in den absolutistischen
Staaten des ausgehenden 18. Jahrhunderts.
Dieser Text ist
zuerst erschienen in:
Die merkwürdige Lebensgeschichte des Friedrich Freiherrn
von der Trenck
Deutschland 1973, ca. 411 Minuten
Regie: Fritz Umgelter
Drehbuch: Leopold Ahlsen, nach der Biografie Friedrich von der
Trencks
Regie: Gernot Roll, Joseph Vilsmaier
Ausstattung: Wolfgang Hundhammer
Darsteller: Matthias Habich (Friedrich von der Trenck), Rolf Becker
(König Friedrich II.), Nicoletta Machiavelli (Amalie), Alf Marholm (Generaladjutant
von Bork), Teresa Ricci (Henriette), Elfriede Ramhapp (Kaiserin Maria Theresia),
Glauco Onorato (Franz von der Trenck), Kurt Mejstrik (Marschall von Daun), Helmut
Janatsch (Weber), George Claisse (Leutnant Sonntag), Franz Stoss (General von
Löwenwalde)
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