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Meshes
of the Afternoon
Schleier der
Maya
Während des Zweiten Weltkrieges flüchtet
sich der Experimentalfilm in den Traum. Von oben herab fährt ein unwirklicher,
weil langer, ellenbogenloser Arm mit einer Blüte nach unten und setzt sie
auf einem Weg ab. Stop-Motion-Technik lässt die Blume verschwinden, ein
Trick, der noch öfter Anwendung finden wird. Die spätere Vertonung
des Stummfilms durch Teiji Ito gibt dazu einen surrealen Voodoo-Takt vor, fördert
Geräusche zu Tage, die gesehen werden; wie etwa Schatten, schwankende Kameraobjektive,
schwindelnde Kameraobjektive, sich im Raum drehende Kameraobjektive, sich verdunkelnde
Kameraobjektive, weil das Lid sich schließt und das Bewusstsein zu ruhen
gedenkt, wenn es das denn kann und wenn es selbst im Schlafe nicht fortwährend
in Bewegung sich befindet. Machen wir aus dem Bewusstsein zumindest den Geist,
so kann keine Rede von Ruhe sein. Lässt es sich ohne Geist träumen?
Die namenlose, von Maya Deren selbst gespielte Frau
aus "Meshes of the Afternoon" jedenfalls träumt. Neben der Verdunklung
des Bildes fließt das Auge der Kamera auch rückwärts gewandt
in einen Tunnel einer Twilight Zone. Und wie sie dies tut, erinnert unnachahmlich
an den Traummeister Lynch. Die Regisseure Maya Deren und Alexander Hammid haben
David Lynch sowohl inhaltlich als auch visuell mehr als drei Jahrzehnte vorweggenommen.
Am Ende des Tunnels wartet die Sicht auf eine Gestalt in schwarzer Kutte, ohne
Gesicht, nein doch, mit einer Spiegelscheibe an jenem Ort, wo gemeinhin das
Gesicht sitzt. Wie würde in einem Alptraum sich das Unheil kleiden? Als
in Schwarz gehülltes, gesichtsloses Nichts? Oder käme anstelle dessen
nicht der Blick auf das in Schwarz gehüllte, gespiegelte Ich einer Begegnung
mit dem personifizierten Tod sehr, sehr nahe?
Maya Deren läuft dem Wesen nach. Sie eilt ins
Haus, ihre Füße laufen, besser: schweben in Zeitlupe die Treppe hinauf
wie tanzende Astronauten auf dem Mond. Die Schwerkraftgesetze scheinen ausgehebelt.
Nebulöse Vorhänge, Wanken im verwinkelten Treppenflur. Beständig
zart wehende Haare deuten eine Windquelle an aus dem Nirgendwo, Deren flottiert
sichtlich im Raum, hängt schier wie eine Spinne an der Decke und erblickt
sich selbst als Schlafende im Sessel! Vielleicht ist ein Traum ein Schlafwandeln
im eigenen Kopf. Vielleicht ist er Transzendenz. Vielleicht ist er beides und
"Meshes of the Afternoon" visualisiert es. "Tanz der toten Seelen"
beschrieb Ekkehard Knörer einst als einen Film, der seine Heldin einer
Nicht-Zeit und einem Nicht-Raum ausliefere. Im "Niemandsraum", in
der "Niemandszeit", dort spielt auch dieses Werk. In dieser Traummaterie
fliegt Maya Deren nun auf sich selbst zu und schaut aus dem Fenster, sieht die
mysteriöse Gestalt und sich, ihr hinterher eilend. Die Dopplung hat sich
also in eine Verdreifachung gemehrt. Jetzt fehlt auch der letzte Halt. Jetzt
ist es eine Schleife, ein Déjà-Vu, ein Irrgarten in diesem Nicht-Raum,
in dieser Nicht-Zeit, die sich ebenso potenziert haben zu Nicht-Räumen
und Nicht-Zeiten und eben verschwimmen zu einer noch unerklärlicheren Nicht-Raumzeit-Substanz.
Nach Vervierfachung der Dimension, nach Jump Cuts
und abermaligem Schwindel auf der Treppe sitzt Maya Deren in einer späteren
Szene verdreifacht an einem Tisch, die vierte weiterhin schlafend. Ein Schlüssel
wird zum Küchenmesser und wieder zum Schlüssel. Jede der drei setzt
einen solchen, der sich immer reproduziert, auf ihre Hand. Aber die dritte,
schwarz gefärbte Innenfläche antizipiert bereits die folgende Verwandlung
des Schlüssels in die Stichwaffe. Ein Schock durchfährt die anderen
Mayas, während die auserwählte sich mit einer bizarren Brille wie
vom anderen Stern und dem Messer in der Hand auf den Weg zum zwei Meter entfernten
schlafenden Selbst macht. Ein Gang entlang am Strand, durchs Gras, übers
Pflaster. Am Sessel angekommen, kurz vorm Zustechen der spacigen Maya scheint
der Alptraum beendet: Ihr Mann ist es nur. Doch er hält die Blume in der
Hand, er vollführt dieselben Bewegungen wie zuvor die rätselhafte
Gestalt in schwarzer Kutte, in einem Spiegel reflektiert sich sein Gesicht.
Das führt zur Überlegung, dass der Traum die Wirklichkeit vorweggenommen
haben könnte oder, da dies eigentlich nicht möglich ist, man sich
bei all der markanten Symbolik folglich immer noch im Traum befinden müsse.
Und noch im Begriff dieser Überlegung wird der Traum schließlich
ein Klartraum, ein Traum, bei dem der Träumende sich bewusst wird, dass
er träumt.
Maya Deren, geboren als Eleanora Derenkovskaya, gab
sich im Entstehungsjahr von "Meshes of the Afternoon" ihren Namen.
Maya - mitunter eine indische Göttin, stehend für Zauber, Illusion
und Verblendung. Maya Deren greift zur jetzt zum Messer transformierten Blume
und fährt es in Richtung des Mannes. Der Kopf bricht zusammen, zerfällt
in viele Scherben, alles nur Spiegelung, hinter der das Meer wartet. Anders
als am Surrealismus des "Andalusischen Hundes" von Buñuel und
Dalí kann sich die Deutung an diesem Film nicht so leicht zerreiben,
indem sie sich irgendwann vor einer Wand der Spekulationen festfährt. "Meshes
of the Afternoon" besitzt hingegen Ankerpunkte, bleibt unerklärlich,
wohl aber interpretierbar. Als bloße Traumver- und aufarbeitung. Als purer
Horror. Als metaphysisches Problem, als Frage nach der Wirklichkeit des Wirklichen.
Als Trancezustand, als außerkörperliche Erfahrung in Sphären
der Schwerelosigkeit. Als Verbildlichung geistiger Umnachtung. Als unendliches
Irren. Als nicht zerstörbares Trauma. Als Offenbarung ehelicher Krisen,
als Angstallegorie eines als Gespenst assoziierten Mannes. Gewiss als Todesvorahnung.
Als Selbstmord.
Daniel Szczotkowski
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: www.ofdb.com
Zu diesem Film gibt’s im archiv
der filmzentrale mehrere
Texte
Meshes
of the Afternoon
USA,
1944. Regie: Maya Deren, Alexander Hammid. Drehbuch: Maya Deren. Kamera:
Alexander Hammid. Musik: Teiji Ito. Darsteller:
Maya Deren, Alexander Hammid. Schwarzweiß. 18 Min.
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