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Das
Millionenspiel
Ein
bemerkenswerter Anfang
Dieter
Thomas Heck, Didi Hallervorden? – das muss der falsche Film sein. Ist er aber
nicht. Hallervorden ist wie Jack Nicholsen ohne sein Grimassenarsenal, also
ein ganz normaler Schauspieler. Natürlich wartet man immer ein bisschen,
wann er loslegt, aber man wird angenehm enttäuscht. Ebenso Dieter Thomas
Heck, der hier zwar auch eine Fernsehshow moderiert, aber halt nicht die „Hitparade“.
Das ekelhafte Kokettieren mit dem Zuschauer seiner späteren Zeit kann nachträglich
als Uminterpretation einer witzig-zynischen Haltung zu seinem Medium und den
Nutzern in diesem Film gesehen werden. Heck macht hier also alles richtig. Manche
Apartés weisen ihn als würdigen Vorläufer Harald Schmidts aus,
so, wenn er den Kandidaten der anstehenden 16. Folge des „Millionenspiels“ während
der aktuellen Show, die sich dem dramatischen Ende entgegenneigt, fragt, ob
er denn schon mal im Rampenlicht einer TV-Show gestanden habe, und dann, nachdem
der Kandidat irgendeinen Namen genannt hat, so nebenbei sagt, dass das ja wohl
im dritten Programm laufe, was ja eh kein Mensch schaut. Aber 1970 hatte man
ja nicht so die Wahl, und deshalb ist das „Millionenspiel“ auch ein so genannter
TV-Sciencefiction-Thriller.
Das
Spiel läuft also auf einem privaten Sender, produziert von einer Firma
mit dem beruhigenden Namen TE TV, es wird häufig unterbrochen, um die neuesten
Produkte des Stabilelite-Konzerns anzupreisen, wobei man sagen muss, dass der
Name des Konzerns ein schlimmer Rückfall in die 60er Jahre ist, aber man
wird, abgesehen davon, dass man den Namen halt auch ironisch verstehen kann,
von den Werbeclips schadlos gehalten, die eigentlich das Beste an dem gesamten
Film sind, der ganze sexuelle Impuls der 68er ist in die Produktlinie und Bildwelt
eingedrungen, die erste Werbeunterbrechung nach etwa 8 Minuten konfrontiert
den Zuschauer der Show und vor dem Bildschirm mit einem ausgiebig gezeigten
nackten Frauenarsch, in den dann wollüstig eine geile Spritze einfährt,
die Anti-Babyspritze, na, wenn man schon mal dabei war, mach schon mal den Brenner
klar – aber das hat der Spot dann noch nicht gezeigt.
Aber
1970 ist werbemäßig schon alles klar, das Produkt ist nichts, seine
Einbettung alles, ein Mineralwasser „Monte Carlo“ generiert einen ganz anderen
möglichen Film als ein No-Name-Produkt, das in unerwünschter Selbstbespiegelung
den Schritt raus nicht hinkriegt. Aber um was geht es in dem Spiel selbst? Halt
um eine Million D-Mark, die derjenige bekommt, der es schafft, eine Woche Verfolgung
von einer dreiköpfigen kriminellen Bande mit Waffen und scharfer Munition
lebend zu überstehen. Die Bande des Vertrauens dieser Show ist die Köhler-Bande,
mit Köhler, von Didi Hallervorden gespielt, als Chef, nebst Köhler
und Hensel, alle gescheiterte Existenzen mit krimineller Vergangenheit, die
sie hier entkulpabilisieren können mit dem schönen Zusatz, auch noch
gut Geld zu verdienen, je mehr, je später sie den Verfolgten, aber eigentlichen
Star der Show, erlegen. Umgekehrt bekommt der Held umso mehr, je später
er aufgibt oder überhaupt nicht die Flinte ins Korn wirft und sich auch
noch auf den Todestunnel mit drei sehr realen Einschusslöchern einlässt.
TE
TV lässt sich nicht lumpen, 24 Kamerateams verfolgen die Verfolger und
den Verfolgten, manchmal verlieren sie ihn, das ist dann schlecht für den
Sender, aber auch Gelegenheit, wieder Werbung zu spielen oder verschiedene Inserts
zur Geschichte des Helden, Zuschauerreaktionen und O-Ton-Betrachtungen der Köhler-Bande
zu bieten. Und das ist vielleicht der spannendste Moment des ganzen Thrillers,
der heute natürlich nur noch komisch ist, wenn man sich nämlich, mit
Big-Brother-Aufnahmearrangements im medialen Bewusstsein, fragt, wer das jetzt
gerade filmt, wenn da Bernhard Lotz, gespielt von Jörg Pleva, ängstlich
in einem leerstehenden Haus Zuflucht gefunden hat, eben ohne vorinstallierte
Kamera, und genau in diesem Moment tatsächlich genau diese Situation thematisiert
wird, indem das Headquarter der Firma über Funk Kontakt mit Lotz aufnimmt,
weil es die desolate Psyche wahrgenommen hat, in der der Verfolgte verständlicherweise
steckt, die Köhler-Bande ist ihm dicht auf den Fersen, und TE TV Lotz mitteilt,
dass es ihn gerade, vom Dach eines gegenüberliegenden Hauses, geortet hat
und - aus massivem Eigeninteresse heraus, der Held darf nicht zu früh aufgeben
oder sterben, deshalb auch die vielen erlaubten Hilfemaßnahmen engagierter
Dritter aus dem Osnabrücker Massenpublikum - ihn anstachelt, weiterzumachen
und ihm einen wertvollen Tipp bezüglich seiner weiteren Flucht mitteilen
kann.
Und
hier liegt der Unterschied zu dem 30 Jahre später entwickelten Format:
Big Brother kennt keine Unterbrechungspausen, es verliert seine Helden nicht,
und es muss seine ganze Spannung aus seiner eigenen Inszenierung gewinnen, da
es kein von außen auferlegtes Ziel hat, zu dessen Erreichung man sein
Leben verlieren kann, maximal seine Privatheit. Im „Millionenspiel“ kann der
Held sich nur selbst abwählen oder aufgeben, was dasselbe ist, oder sterben
oder eben groß gewinnen. Sehr lustig in diesem Film auch das Qualifikationsverfahren
für das eigentliche Spiel, bei dem man auch schon gut das Leben verlieren
kann, entweder in dem noch fast harmlosen „Bahn frei“ (zum Beispiel mit den
schnellsten Autos der Welt gegen 50 Konkurrenten fahren) oder dem sehr raffinierten
„Ernstfall“, bei dem der Kandidat in künstliche Narkose versetzt wird und,
wenn er aufwacht, sich einer Situation gegenübersieht, die er so bestimmt
noch nicht in seinem Leben meistern musste. Lotz zum Beispiel wacht in einem
Sportflugzeug auf, der Kapitän hat mittels Fallschirm das Flugzeug verlassen,
Lotz muss also ganz allein landen, immerhin hat er auch einen Sender im Ohr,
sodass er die Aufmunterungen der Bodenstation hören kann, die ihm den nötigen
heldischen Zuspruch liefert. Heute müsste das „Millionenspiel“ als Reality-Show
ablaufen, als die sie ja damals fiktiv gezeigt wurde. Ansätze dazu gab
es zwar, aber natürlich ohne den zwingenden Todesthrill, ohne den doch
alles Schall und Rauch ist. Noch also ist eine ganze Menge Entwicklung drin,
im Fernsehgeschäft. Dieter Thomas Heck und Didi Hallervorden dürfen
dann aber natürlich nicht mehr mitspielen. Von seiner Fernsehvergangenheit
kann sich niemand befreien. Es sei denn, er wird zum ersten Todeskandidaten.
Dieter
Wenk
Diese Kritik ist zuerst erschienen bei: textem
Zu diesem Film gibt es im archiv mehrere Texte
Das Millionenspiel
Deutschland 1970 (TV), 96 Minuten
Regie: Tom Toelle
Drehbuch: Wolfgang Menge, Tom Toelle, nach dem Roman von Robert Sheckley „Der Tod spielt mit“ („The Prize of Peril“)
Musik: Irmin Schmidt (von der Musikgruppe „Can“)
Kamera:
Rudolf Holan, Jan Kalis
Schnitt: Marie Anne Gerhardt
Produktionsdesign: Günther Naumann
Darsteller: Jörg Pleva (Bernhard Lotz), Dieter Thomas Heck (Thilo Uhlenhorst, Showmaster), Dieter Hallervorden (Köhler, Chef der „Köhlerbande“), Theo Fink (Hänsel, Mitglieder „Köhlerbande“), Josef Fröhlich (Witte, Mitglied der „Köhlerbande“), Friedrich Schütter (Moulian, Chef von TETV), Peter Schulze-Rohr (Ziegler, TETV), Annemarie Schradiek (Mutter Lotz), Elisabeth Wiedemann (Frau Steinfurth), Andrea Grosske (Frau Grote), Suzanne Roquette (Claudia von Hohenheim), Arnim Basche (Reporter TETV), Heribert Fassbender (Reporter TETV), Gisela Marx (Reporterin TETV), Joachim Richert (Kellner), Ralf Gregan (Sanitäter)
Internet Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0066079
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