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Mittendrin
Mittendrin seien sie gewesen, behaupten die Helden in
dem gleichnamigen Film von Marco Wilms. Doch das ist eine Illusion. Mittendrin
ist man nur, wenn man im Kern sitzt, ummantelt von einer Materie, die nach außen
hin immer weniger dicht wird. Wirklich mittendrin allerdings ist in diesem Film
niemand, das Leben von Jochen Sandig, Sasha Waltz, Mathias Ambellan, Christian
'Flake' Lorenz und all den anderen, von denen hier erzählt wird, gleicht
eher dem Leben in einer Seifenblase: Nur eine dünne, schillernde Haut trennt
das naiv-utopische Innen vom umgebenden real existierenden Kapitalismus. Die
Situation, von der Mittendrin dokumentarisch erzählt, ist der Versuch einer gelebten
Utopie: die wenigen Monate zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung, in denen
die Berliner Hausbesetzerszene versuchte, den Anarchismus zu leben. Wäre
man wirklich "Mittendrin" gewesen, dann hätte man nicht so schnell
herauskatapultiert werden können aus der chaotischen Besetzerwelt des Tacheles oder des Eimers, jenen ehemals besetzten Häusern, von denen mittlerweile
zumindest das Tacheles fester Bestandteil der (kommerziellen) Berliner Kulturszene
geworden ist. Man wäre aufgefangen worden, irgendwo im "Dazwischen",
in einer nicht mehr ganz so zentralen Mittendrin-Welt, doch dieses Dazwischen
existierte nach dem Riss der Seifenblasenhaut nicht mehr, und die Protagonisten
einer viel zu schnell vergangenen Zeit mussten sich zurecht finden in der Welt
des Westens, in der besetzte Häuser geräumt und die Ideen der Besetzer
im besten Fall belächelt wurden.
Dies gelang ihnen auch ganz gut, den idealistischen Protagonisten
von Marco Wilms: Christian Lorenz steht mittlerweile in aller Welt als Mitglied
von Rammstein auf der Bühne, wenn auch er im Film beteuert, ein
Rammstein-Auftritt in Chicago sei für ihn nicht anderes als
ein Auftritt mit einer kleinen Punk Band in Frankfurt an der Oder. Sascha Waltz
tourt mit ihren großartigen Tanzchoreografien um die Welt, Jochen Sandig
hat das besetzte Tacheles hinter sich gelassen und arbeitet mittlerweile als
Intendant der Berliner Schaubühne. Mittendrin ist wunderbar anzusehen, es macht Spaß, in die
vergangenen Ideale anarchischer Hausbesetzer einzutauchen und in den Archivaufnahmen
zu schwelgen, die das Tacheles noch als verfallene, von Künstlern besetzte Ruine
zeigen und nicht als den seelenlosen, frisch renovierten Bau mit notdürftig
erhaltener
Ruinenfassade, zu dem es heute geworden
ist. Es macht Spaß zuzusehen bei den Diskussionen, Auftritten und Performances
der beginnenden 90er Jahre. Leider jedoch sind gelebte Utopien ganz im Gegensatz
zu ihrer ursprünglichen Intention meist enorm elitäre Angelegenheiten:
wer 1989/90 nicht ausgerechnet in Berlin war, wer nicht mit den Helden dieses
Filmes Mittendrin war, der fühlt sich außen vor gelassen, ausgeschlossen
von der Teilnahme an jener besseren Welt, die in den besetzten Häusern
für einige wenige Monate entstehen konnte.
Utopien scheitern, wenn sie sich nicht abschotten vom
Rest der Welt. So ist es auch nur konsequent, wenn das Tacheles von einigen
seiner Bewohner zugemauert werden sollte, wie Jochen Sandig in einer Szene erzählt.
Er habe dies - auch als Sprecher des Hauses - verhindert, weil sich das Künstlerhaus
nach außen öffnen solle, statt sich vor der Welt zu verschließen.
Utopien jedoch, das haben wohl diejenigen verstanden, die sich einzuschließen
planten, funktionieren auf Dauer nur auf einsamen Inseln. Sie werden verwässert
und korrumpiert, sobald man sie öffnet, und auch in Berlin ist die Utopie
schnell gescheitert. Was bleibt, sind die - eingemauerten - Überreste einer
kurzen Zeit, in der man darauf hoffte, einen neuen, eigenen Staat aufbauen zu
können, eine funktionierende institutionalisierte Anarchie: Der Musiker
Andre Greiner-Pol rückt einer der Mauern im Eimer mit dem Hammer zu Leibe und gräbt aus, was vor
etwas über zehn Jahren als Insignien einer bevorstehenden Revolution eingemauert
wurde: eine leere Schallplattenhülle, ein hochprozentiges Getränk
mit Werner-Aufdruck und eine übrig gebliebene DDR-Fahne. "Bei
Beanstandungen bitte zurücksenden" steht auf einem Anhänger an
der Fahne.
Szenen wie jene, in denen Andre die Eingeweide des Eimer frei legt, sind die stärksten in Wilms' Film: Hier
werden die Talking Heads des durchschnittlichen Dokumentarfilms zu Talking Bodies. Die bewegte, mobile Kamera zeigt die Protagonisten
in ihrer ganzen Körperlichkeit, wie sie sich bewegen, wie sie leben. Wilms
zeigt die Konflikte des Sozialarbeiters Mathias Ambellan mit Jugendlichen der
Stadt in ihrer beängstigenden körperlichen Aggresivität. Insbesondere
im Zusammenschnitt aktueller Bilder mit Archivaufnahmen der gleichen Personen
werden so zeitlich versetzte Choreografien der Körper geschaffen, auf die
Sascha Waltz stolz wäre. Leider gibt es allerdings auch in Mittendrin einige jener Talking Heads-Szenen, Wilms hat sich nicht getraut, den Regeln des
Dokumentarfilms konsequenter abzuschwören und kontinuierlich Körper
statt Gesichter sprechen zu lassen. Trotz jener kleinen Rückfälle
in die Konvention gelingt es Mittendrin, die Körperlichkeit nicht nur der Menschen, sondern
auch der Stadt fühlbar zu übermitteln: Der Zuschauer bekommt ein Gefühl
für die Veränderungen der Topografie, die die Wende und insbesondere
die Wiedervereinigung mit sich brachte, man spürt, was es bedeutet, wenn
Häuser von der Stadt verschluckt werden und Grenzen plötzlich verschwinden.
Auch wenn der Film die Zeit des Umbruchs manchmal mit verklärender Romantik
darstellt, und Straßenkämpfe zwischen Besetzern und Polizei als letztes
Aufbegehren gegen eine böse Macht idealisiert werden, erhebt Mittendrin dennoch eine ernst zu nehmende Stimme. Sein Film sei
ein persönlicher Kommentar zur deutschen Einheit, betont der Regisseur.
Dieser Kommentar ist im Moment einer der sehenswertesten.
Diese Kritik
ist zuerst erschienen in:
Mittendrin
Marco
Wilms
Deutschland,
2003
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