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Monsieur
Verdoux – Der Frauenmörder von Paris
Monsieur Verdoux ist ein charmanter,
zärtlicher, menschenfreundlicher, naturverbundener und romantisch veranlagter
Mensch - er liebt Blumen und Kinder, er rettet eine Raupe, bevor sie seine eigene
Schuhsohle zerquetschen kann, und wenn er eine Dame umarmt, konzentriert er
seine ganze akkurat bemessene Grandezza auf das feinfingrige Nesteln im Dschungel
ihrer Federboa. Monsieur Verdoux ist ein zynischer, brutaler Mensch, der ebenso
heiratsschwindlerisch wie meuchelmörderisch die Frauen, die er so erfolgreich
umgirrt, um Geld und Leben bringt; der mit schneidender Schärfe seinem
Börsenmakler telefonische Anweisungen erteilt und sich in eine Präzisionsmaschine
verwandelt, wenn er Banknoten zählt oder im Telefonbuch nach der Adresse
seines nächsten Opfers sucht. Monsieur Verdoux ist ein Verwandlungskünstler,
ein Proteus seiner Zeit zwischen den Weltkriegen, der seinen diversen Ehefrauen
mal als weltreisender Ingenieur, mal als Schiffskapitän, mal als Forscher
im Auftrag einer Gesellschaft für Geographie erscheint - jedenfalls: stets
als Konstruktion seiner selbst und als schweifender Geist, der in einen zierlichen,
überaus eleganten Körper geschlüpft ist und vor den Damen seiner
verbrecherischen Wahl die verzücktesten Verrenkungen vollführt, während
er sie gleichzeitig mit diamantscharfem Blick durchbohrt und heimlich die chemische
Formel für das Gift memoriert.
In den grazilen Verschraubungen
dieses Körpers blitzen gelegentlich noch die Pirouetten auf, die Charlie
in seinen frühen Slapstick-Filmen drehte. Aus dem Tramp ist der dekomponierte
(Klein-)Bürger der Inflationszeit geworden, der, mit penibler Aufmerksamkeit
für die nachgerade ins Groteske getriebene Korrektheit seiner Selbstinszenierung,
die Attitüden des verspäteten Flaneurs durchdekliniert - gilt es doch
zu verdecken, daß er, ein kleiner überschuldeter Bankangestellter,
auf ungewöhnliche Einfälle kommen muß, um zu überleben.
Er überlebt, indem er den Umweg über die komplizierten Installationen
der bürgerliche Ökonomie ab- und den Kapitalismus auf seine roheste
Quintessenz verkürzt: auf Betrug und Mord. Gegen die brutale Welt setzt
Verdoux die Brutalität des Individuums - veredelt durch Intelligenz, eingehüllt
in überschwengliche Galanterie und ausgestattet mit einem beträchtlichen
Apparat an romantischen Aufwallungen, die enzyklopädisch das Maskenrepertoire
der untergegangenen bürgerlichen Epoche zitieren.
Die Idee zu diesem Film, so ist
im Vorspann zu lesen, stammt von Orson Welles, der Chaplin, wie dieser in seinen
Memoiren klarstellt, ursprünglich für einen Dokumentarfilm über
den französischen Frauenmörder Landru gewinnen wollte und schließlich
fünftausend Dollar sowie die Nennung im Vorspann verlangte, als Chaplin,
von der Blaubart-Idee angeregt, ein ganz anderes Konzept, nämlich sein
eigenes verfolgte. Der Film entstand gegen Ende des Zweitens Weltkriegs, als
das Europa des Monsieur Verdoux in Trümmer gesunken war. Die Kamera zeigt
in der ersten Einstellung seinen Grabstein und schwenkt über einen Friedhof;
Verdoux erzählt seine Geschichte als Toter: ein König Blaubart, den
sich am Ende die Henker schnappten.
Seiner blumig-unverblümten
Courtoisie, seinen Silberlöckchen, seinem Menjoubärtchen, seinem komisch-süffisant
verkräuselten Mund hat Chaplin einen Schuß gereifter Melancholie
beigegeben: Hier ist ein Wolfs-Typus, der selbst in den Reißwolf der Zeit
geriet. Seine Diktion ist präzis, maschinell und gleichzeitig fähig
zu einem Schmelz, von dessen Theatralität er sich selbst hinreißen
läßt, ohne indes die Kontrolle über die genaue Plazierung seiner
Gefühlskaskaden zu verlieren. Sein Leben ist eine komplizierte Architektur
aus Rollenspielen, die nur punktuell Präsenz zulassen; doch immerhin hat
er so, in der Rolle des vollendeten Familienvaters, „zehn glückliche Jahre“
mit Mona, seiner an den Rollstuhl gefesselten Ehefrau (Mady Correll), zugebracht.
Heiratsschwindel, also die Virtualisierung der bürgerlichen Ehe, ist ein
Geschäft, das auch den Schwindler als Menschen virtualisiert. Rollenspiele
produzieren ihren eigenen Verschleiß. „Du arbeitest zu viel“, sagt die
ahnungslose Mona. Verdoux entgegnet: „Millionen Menschen sind heute arbeitslos.“
Beschwingt, doch tief pessimistisch bewegt sich dieser Gauner durch die gigantische
Gaunerei der Zeit; er stellt sich der Epo-che, indem er das große barbarische
Morden, das kommen wird, in seinen kleinen, ex-akt kalkulierten mörderischen
Spielen persifliert.
Wie Modern Times und The Great Dictator gehört Monsieur Verdoux somit zu den großen Warntafeln, die Chaplin gegen die bedrohlichen
Entwicklungen der ersten Jahrhunderthälfte, gegen Gewalt, Ausbeutung und
Faschismus aufgerichtet hat - und wie die berühmte Hitler-Parodie hat er
auch diesen Film am Ende mit einem nur rhetorisch glänzenden Bekenntnis
versehen, das sich von der Stringenz der filmischen Narration entfernt und einen
Eigenwert als politisch-moralische These reklamiert. Wenn Monsieur Verdoux dem
Gericht, das ihn zum Tod durch die Guillotine verurteilt hat, entgegenhält,
im Vergleich zu den politischen Massenmördern der Zeit sei er mit seinen
paar Frauenleichen nur ein Dilettant, überspielt er mit augenzwinkernder
Bescheidenheit, daß er den Mord, als schöne Kunst betrachtet, durchaus
als Virtuose seiner Branche praktiziert hat. Sein tödliches Geschäft
exekutiert er als Ästhet, gleichsam mit weißen Handschuhen - hier
mag man sogar eine untergründige Beziehung zum Ästhetizismus der Massenmörder,
der italienischen und deutschen Faschisten sehen, deren Führer in ihrem
Cäsarenwahn in dokumentarischen, die Fiktion sprengenden Filmaufnahmen
eingeblendet werden. Präziser, vor allem: eingearbeitet in den Ablauf der
filmischen Erzählung und verwoben mit der Figur sind eher die kleineren,
um so minutiöseren Anspielungen auf die gefährlich abschüssige
Zeit: so etwa, wenn Verdoux - noch immer auf freiem Fuß, doch gealtert
inzwischen und nach mißglückter Börsenspekulation bankrott,
ein maroder,
innerlich ausgebrannter Flaneur - in einem
Pariser Café sitzt und Zeitung liest: Die Nazis zerbomben Spanien, Dämmerung
in Europa; Verdoux ahnt nun, daß auch seine Zeit abgelaufen ist.
Monsieur Verdoux wäre vermutlich nur ein
dramaturgisch gut gebauter Durchschnittsfilm - ohne die bizarren Extravaganzen,
die Chaplin als (Selbst-) Darsteller der Figur verpaßt, und ohne die situationskomischen
Kunst- und Kabinettstücke, die, ganz in der Tradition der frühen slapstick comedy, die Gesellschaftstableaus dieses
Films zu satirischen Clownesken ver- oder vielmehr: entzerren. Akrobatische
Einlagen - wie eine Rolle rückwärts aus dem Fenster hinaus ins Blumenbeet
oder der gelungene Versuch, mit einer Kaffeetasse vom Sofa zu purzeln, ohne
einen Tropfen zu verschütten - entwickeln sich als konsequente Fortsetzung
einer gelegentlich ins Barocke geschraubten Körpersprache forcierter Dandy-Eleganz.
Eingebaut finden sich Burlesken von eigener, durchaus surrealer Qualität
- etwa wenn Verdoux als Kapitän Bonheuer eines seiner Opfer, Annabelle
(Martha Raye), beim Angeln zu erdrosseln versucht, oder wenn er seine eigene
Hochzeit, nach einem turbulenten Versteckspiel in einem Treibhaus, zur Verwirrung
der illustren Gäste platzen läßt. Die Romantizismen früherer
Filme kehren in sarkastischer Brechung wieder - am schönsten sicher in
jener Szene, in der Verdoux vor der ebenso garstigen wie geldgierigen Witwe
Lydia (Margaret Hoffmann) den Mond anschmachtet („Luna fährt mit milchweißen
Segeln über den Himmel...“); er verschwindet mit ihr im Schlafzimmer, die
Kamera blickt weiter auf das Fenster mit dem Nachthimmel - dann hellt sich das
Bild allmählich auf, es ist früher Morgen, Verdoux kommt aus dem Zimmer
und macht sich mit 70 000 Francs davon. Wir wissen nun: im Schlafzimmer liegt
wieder eine Leiche.
Die Geschichte der jungen Frau
(Marilyn Nash) wiederum, die Verdoux auf der Straße aufliest, um an ihr
ein neues Gift zu erproben, und mit einem großzügigen Geldgeschenk
entläßt, weil ihn ihr Schicksal zu Tränen rührt, erinnert
an die ungetrübte Sentimentalität so vieler Geschichten, die schon
der Tramp Charlie mit den ätherischen, transsexuellen Wesen des anderen
Geschlechts - sei’s Edna Purviance, sei’s Paulette Goddard - erlebt hat. So
verwundert es nicht, daß Verdoux, wenn er in der letzten Einstellung durch
einen düsteren Gefängnishof zur Guillotine geführt wird, in den
Knien fast unmerklich einknickt und in den berühmten Watschelgang verfällt:
Der Horizont, auf den er diesmal zuläuft, ist ganz nah, und es ist definitiv
der Tod. (Nur in diesem Punkt sollte jener Film-Produzent und Chaplin-Feind
rechtbehalten, der, wie Georges Sadoul berichtet, nach der Premiere telegrafierte,
er habe einem historischen Ereignis beigewohnt und Chaplins letzten Film gesehen.)
Die amerikanische Zensur - genauer:
das den reaktionären Einflüsterungen der „League of Decency“ ausgelieferte
„Breen Office“ - überzieht Chaplins Drehbuch mit lächerlichen Auflagen,
Kürzungsvorschriften und Änderungsvorschlägen; auch an der politischen
Botschaft, Verdoux’ Polemik gegen die Massenmörder der imperialistischen
Kriege, nimmt sie Anstoß. Mit Recht weist Sadoul darauf hin, daß
Chaplin mit den ziemlich unsympathischen Witwen in seinem Film - einer „Galerie
egoistischer Weiber, fünfzigjähriger Scarletts, die zum großen
Teil die Banken und die Sittlichkeitsvereine lenken“ - zielsicher die aggressive
Prüderie der amerikanischen Frauenligen ins Visier genommen habe. Erst
zwei Jahre nach dem Krieg, im Frühjahr 1947, wird Monsieur Verdoux in New York uraufgeführt; zuvor lädt Chaplin zu einer
Pressekonferenz, auf der ihm der offene Haß der Zeitungsvertreter, vor
allem des konservativen Hearst-Konzerns, entgegenschlägt. Die Ereignisse
fallen mit dem heimtückischen Vaterschaftsprozeß zusammen, den ihm
Joan Barry angehängt hat; gleichzeitig läuft bereits die Kampagne
hysterischer kalter Krieger gegen den „vaterlandslosen Kommunistenfreund“ Chaplin,
der sich im Krieg für die Eröffnung einer „Zweiten Front“ gegen Hitler
eingesetzt hat.
Monsieur Verdoux sei „der klügste und brillanteste
Film“, den er bisher gemacht habe, meinte sein Regisseur. Der große Erfolg
in Europa bestätigt ihn, während die amerikanischen Kinounternehmer,
nach anfänglich vollen Kassen, sich von den Demonstrationen und militanten
Drohungen der „Catholic League“ und anderer einflußreicher Organisationen
auf der äußersten Rechten einschüchtern lassen und den Film
bald aus dem Programm nehmen. Insgesamt spielt Monsieur Verdoux gerade seine Produktionskosten ein. Die United Artists, Chaplins
Produktionsfirma, gerät in Bedrängnis - und Chaplin selbst, nun auch
im Visier des „House Committee on Un-American Activities“ (HUAC), notiert ahnungsvoll:
„Vielleicht werde ich in nicht allzu langer Zeit die Vereinigten Staaten verlassen.
Und in dem Land, in dem ich meine Tage beschließen werde, will ich versuchen,
daran zu erinnern, daß ich ein Mensch bin wie andere Menschen und daß
ich deshalb ein Recht auf die gleiche Achtung habe, die man auch anderen Menschen
entgegenbringt.“
Klaus Kreimeier
Dieser Text ist zuerst erschienen in: Filmgenres – Komödie; Herausgeber: Heinz-B. Heller, Matthias Steinle; im Reclam-Verlag, Stuttgart 2005
Monsieur
Verdoux - Der Frauenmörder von Paris
MONSIEUR
VERDOUX
Der
Heiratsschwindler von Paris
USA
- 1947 - 110 min. – schwarzweiß - Erstaufführung: 6.6.1952/6.10.1980
DFF 1 - Produktionsfirma: Chaplin/United Artists - Produktion: Charles Chaplin
Regie: Charles
Chaplin
Buch: Charles
Chaplin
Vorlage:
nach einer Idee von Orson Welles
Kamera: Roland
H. Totheroh, Curt Courant, Wallace Chewing
Musik:
Charles Chaplin
Schnitt:
Willard Nico
Darsteller:
Charles Chaplin
(Monsieur Henri Verdoux)
Isobel Elsom
(Marie Grosnary)
Mady Correll
(Madame Verdoux)
Robert Lewis
(Monsieur Bottello)
Martha Raye
(Annabella Bonheur)
Allison Roddan
(Peter Verdoux, Henris Sohn)
Audrey
Betz (Martha Bottello)
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