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Montag
kommen die Fenster
Wider Authentizitätsästhetik
im Kino
(eine Berlinale-Kritik)
Wohl jetzt schon einer der gehyptesten Forumsfilme
diesjahr. Aber ich glaube, ich bin größtenteils inkompatibel mit
dem Werk. Fraglos, der Film enthält einige ganz großartige Momente,
gerade auch im Kleinen, und vor allem auch in seiner ersten Hälfte, bevor
die Ehefrau zurückkehrt. Aber, ach, sehr viel ist dann doch ausdrucksfürchtendes
Intimitäts-Authentizitäts-Kino, wie ja auch sonst allerlei im Forum,
und mein leichtes Desinteresse an sowas wandelt sich so langsam echt in eine
Allergie.
Charakteristisch eine Äußerung von Regisseur
Köhler im Publikumsgespräch (nach dem Sinngehalt aus dem Gedächtnis
zitiert, wenn nicht ganz getroffen, ist’s auch nicht schlimm, es kommt mir auf
eine allgemeine Ideologie an und nicht auf Herrn Köhlers spezifische Ansicht):
Dass so vieles im Film unklar sei, in den Motivationen, in der Psychologie der
Figuren, das sei gerade so gewollt, weil es bei realen Menschen auch so sei,
da könne man nunmal nicht klar durchpsychologisieren.
Dass Durchpsychologisiererei nicht gerade der Kern
des Kinos sei, da unterschreib ich gerne. Aber eben auch, weil im Spielfilm
nur Figuren als Funktion eines künstlerischen Konzeptes zu sehen sind und
keine echten Menschen. Warum sollen diese Figuren denn authentisch wirken, außer
vielleicht, um einen Dokumentarfilm vorzutäuschen? Identifikation des Zuschauers
mit und emotionale Bezugnahme auf Figuren und damit die Einbindung des Zuschauers
in den dramaturgischen Wirkungsapparat funktionieren jedenfalls auch ohne Authentizität
prima, ja, sogar besser, denn diese Vorgänge sind gerade auf eine Verallgemeinerung,
Konventionalisierung von Figuren angewiesen. Warum also Authentizität?
Ich empfinde Authentizität eher als distanzierend, aber im Sinne einer
Distanzierung, die ich überhaupt nichts Interessantes, gar Subversives
oder wenigstens Dekonstruktives, hervorbringen sehe. Das Einzige, was sie –
in mir – erzeugt, ist Desinteresse, Gleichgültigkeit.
Im Übrigen: Was das Kino der Authentizität
macht, ist kein Abschied vom Durchpsychologisieren, sondern einfach ein Austausch
durchblickbarer Psychologie-Kausalität mit einer nicht durchblickbaren
Psychologisierung, deren haltlose Beliebigkeit mit dem Begriff der “Authentizität”
gerechtfertigt wird, während das Primat (nur halt unzugänglicher)
innerpsychologischer Vorgänge der Figuren erhalten bleibt; und das kann
doch nun auch nicht die Lösung sein, das führt doch noch weiter weg
vom expressiven Potential des Films, als es das durchblickbare Durchpsychologisieren
tut (das ja gerade noch eher als Funktion einer Filmdramaturgie fungieren kann
und insofern nicht ganz so schlimm ist).
Ganz mit Richard Sennett argumentiert, Expressivität
liegt gerade im Umgang mit dem Gekünstelten, Konventionalisierten, Verallgemeinerten,
auf das sich eben alle, in ihrer inneren Privatsprache eben verschiedenen Menschen,
zur Kommunikation geeinigt haben; Authentizitätsideologie hingegen führt
zum Gegenteil, zur zwischenmenschlichen Sprachlosigkeit, zum Verlust der Ausdrucksfähigkeit.
Genauso geht eine Intimitäts-Ästhetik einher
mit einem Verlust der Fähigkeit, über die Eigenheiten der spezifischen
Intimität zwischen den beteiligten Figuren/Schauspielern und vielleicht
noch den Leuten hinter der Kamera hinaus irgendetwas das konkret Gezeigte Transzendierende
auszudrücken (es sei denn, man möchte den Begriff der Intimität
selbst thematisieren, dann könnte man ja gerade durch eine bestimmte Ausstellung
von Intimität etwa Kritik üben, aber eine solche Metaebene gibt es
bei Köhler ganz gewiss nicht), auch wenn vielleicht der äußere
Eindruck noch entsteht, das Gesehene habe ganz große, verinnerlichte Tiefe
(die aber inhaltlich für jeden äußeren Beobachter leer bleiben
muss). Warum also sollte eine intime Ästhetik im Kino erstrebenswert sein?
Muss ich denn etwa psychotisch sein und mich derart tief in den Film versetzt
sehen, dass ich mich als in die vermittelte Intimität involviert fühlen
könne?
Wie dem auch sei, mir scheint, die Schönheiten
von “Montag kommen die Fenster” entspringen viel mehr aus dem, was offenkundig
im Drehbuch stand bzw. aus einem künstlerischen Ausdruckswillen hervorgeht,
als aus der ansonsten in ihm vorherrschenden ästhetischen und sprachlichen
und rationalen Inkommensurabilität der Figurenpsychologie oder der großen
Intimität vieler seiner Momente. Mir wäre ein Film lieber, der der
antimythischen Psychologisierung und dem in ihr befindlichen Menschenbild entgegentritt,
indem er sie ganz abschafft bzw. ignoriert, als einer, der sie einfach nur ungreifbarer
macht und damit gerade weiter verfestigt und emporhebt.
Christian Heller
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: plomlompom.de
Zu diesem Film gibt’s im archiv mehrere Texte
Zur DVD:
Versehen
mit zwei frühen Kurzfilmen des Regisseurs (die noch kaum auf die Spielfilme
hindeuten), ein paar Kinotrailern und einer „Presseshow“ mit Kritiken zum Film
(u.a. für Französisch-Könner auch, in unübersetztem Französisch,
ein gescannter Artikel aus den Cahiers de Cinema), verfügt die DVD nicht
gerade über ein enorm umfangreiches Bonusmaterial. Das Interessanteste,
neben dem Film selbst - ist ein im Booklet abgedrucktes Interview mit Köhler
und Kameramann Orth aus der Vierteljahrszeitschrift Revolver Heft 16. Aber über
das Hirn des Regisseurs kann man auch hier
was erfahren. (A.
Thomas)
Montag kommen die Fenster
Deutschland 2005 - Regie: Ulrich Köhler - Darsteller:
Isabelle Menke, Hans-Jochen Wagner, Ilie Nastase, Amber Bongard, Trystan Wyn
Puetter, Elisa Seydel, Ursula Renneke, Rudi Berger, Ingo Haeb, Hartmut Becker
- FSK: ab 12 - Länge: 88 min. - Start: 26.10.2006
DVD-Daten:
PAL, codefree, Ton 5.1, Bild 16:9
Sprachen: deutsch,
Untertitel: englisch, französisch
Extras: Original Kinotrailer, 2 Kurzfilme "Palü"
und "Feldstraße" von Ulrich Köhler, Presseshow, Booklet:
aktuelles Interview mit Ulrich Köhler und Patrick Orth
seit 22.06.2007 im Handel
empf. VK: 19,90 EUR BestNr. 45361
EAN 426003667361-6
ISBN 3-937045-61-9
Verleih: filmgalerie 451
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